Parschat "Zaw" (3. Buch Moscheh "Leviticus") Kap.6,1 - 8,36 S.161
Das erwünschte und das abscheuliche Opfer

[aus einem längeren Artikel] ...
9.) Das Gebot des Opferdienstes stellt demnach den höchsten Ausdruck des menschlichen Willens nach vollständiger Erhebung und Aufgehens im Ursprung allen Lebens dar. Und trotz der Opfergebote und ihres erhabenen Wertes finden wir bei den Propheten Worte erbitterten Widerstandes gegen das Darbringen von Opfern, wie zum Beispiel in unserer Haftara (Jirmijahu 7,21): "Eure Ganzopfer tut zu euren Mahlopfern und esset [davon] Fleisch" - als ob er sagen wollte: Ich brauche eure Opfer nicht; ihr wollt Fleisch essen? Bitte sehr, aber das ist eure Privatangelegenheit. Und weiter: "...denn euren Vätern... gebot ich nicht in Betreff der Ganzopfer und Mahlopfer" (7,22). Was, es gibt kein Gebot des Opferdienstes?! Ist doch die Tora voll von Einzelheiten über die Opfergesetze! Die sogenannten "Bibelkritiker" gelangten hier vorschnell zu der Annahme, daß die Propheten (die bekanntlich wesentlich "humaner" und "moralischer" waren als die Tora...) den Opferdienst ablehnten, wohingegen die Tora zu ihm verpflichtete. Doch wie ist demnach die Tatsache zu erklären, daß die talmudischen Weisen unserem Wochenabschnitt - der uns zum Opferdienst verpflichtet - ausgerechnet eine die Opfer ablehnende Haftara anhängten?! War ihnen dieser "Widerspruch" entgangen? 

Es versteht sich natürlich von selbst, daß zwischen den Worten der Tora und denen der Propheten kein Widerspruch besteht. Vielmehr stellt sich die Frage: Welche Absicht und tiefere Bedeutung verbergen sich hinter den Technikalien des Opferdienstes? Es gibt Leute mit einem dicken "Konto" von Sünden und Lastern, die ernstlich glauben, durch die religiös-formale Ausübung des Opferns Vergebung erlangen zu können, ohne ihren Lebensstil im Geringsten ändern zu müssen. Für sie stellt die Religion ein bequemes und leichtes Mittel dar, das moralische Joch der Besserung abzuwerfen. So ein Opfer ist natürlich abscheulich, widerlich, und sicher sind uns solche Opfer nicht geboten worden.

Das wünschenswerte Opfer entspringt dem Prozeß einer ständigen spirituellen Anhebung der Lebensumstände, vorbildlichen zwischenmenschlichen Beziehungen und dergleichen. Die ethische Verbesserung seines Charakters treibt den Menschen stärker zu G~tt, und dieses Hinstreben verlangt seinen Ausdruck in der Darbringung von Opfern. Die Rückführung der lebendigen Seele zu ihrem Ursprung bei der Opferung verkörpert dieses Hinstreben nach dem Ursprung des Lebens. Das ist das wünschenswerte Opfer, zu dem wir verpflichtet wurden. Es fußt auf moralischer Besserung und nicht auf Verdrängung moralischer Verdorbenheit.