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Parschat "Wajeze" (1. Buch Moscheh "Genesis" 28,10 - 32,3) S.368
Romantische Liebe und ewige Liebe
"Und es geschah, als Jakov sah die Rachel, Tochter Lawans, des Bruders
seiner Mutter ... und Jakov küßte Rachel.." (Gen.29,10-11).
Seltsam, wie ein Mann, so groß und so heilig, ein Mädchen küßt,
das weder seine Frau ist noch das er jemals in seinem Leben gesehen hat?
Dazu übermitteln uns die talmudischen Weisen im Midrasch, daß
die dort Anwesenden erschüttert waren - und Jakov weinte, weil sie
ihn nicht verstanden. "Warum weinte er? Weil er die Leute sich wegen seines
Kusses einander zuraunen sah: Was kommt jener daher, uns Unzucht zu lehren?!"
(Bereschit rabba 70,12). In Wirklichkeit gab es gar Liebes-Kuß, vielmehr
begegnete Jakov hier dieser großen Seele, die so sehr zu ihm paßte,
die so sehr für ihn ihm bestimmt war und er auf eine Stufe höchster
gefühlsmäßiger Begeisterung gelangte, daß er sie
sogar küßte. Nach dem oben erwähnten Midrasch war es denn
auch ein "Kuß der Familiarität". Vielleicht erscheint es aber
doch jemandem fraglich, ob es wirklich ein rein seelischer Kuß war,
frei von den Beschränkungen des Körpers? Die simple Antwort lautet:
Jemand, der die ganze Nacht mit Leah in der Annahme verbringen kann, es
sei Rachel, und erst bei Tagesanbruch bemerkt: "siehe, da war es Leah!"
(29,25), kann nur von hochrangiger Heiligkeit sein und frei von sinnlichen
Gelüsten. Dies ähnelt der im Talmud erwähnten Geschichte
von dem Mann, der wegen seiner großen Sittsamkeit erst beim Tode
seiner Frau bemerkte, daß sie einarmig war (Schabbat 53b).
Trotzdem stellt diese Liebe in all ihrer Erhabenheit noch nicht das
letzte Wort dar. Die Liebe zu Leah ist eine verborgenere und steht auf
noch höherer Stufe. Sie beruht nicht auf gegenseitiger Zuneigung,
noch nicht einmal in spiritueller Hinsicht, sondern nur auf dem Verlangen
nach Kindern. "Und sie nannte seinen Namen Re'uwen, denn sie sprach:
Ja, der Ewige hat mein Elend angesehen, denn nun wird mich mein Mann
liebgewinnen" (Gen. 29,32). Dieser Liebe geht es um die Weiterführung
der Generationen des jüdischen Volkes, und durch ihre Nähe
zum Kern des jüdischen Wesens bleibt sie dem Betrachter verborgen.
Darum zeigt sich anfangs nach außen hin, "daß Leah mißfällig
war" (Gen. 29,31), was nicht als grobe Antipathie auszulegen ist, sondern
als geringere Liebe verglichen mit der zu Rachel: "er liebte Rachel noch
mehr als Leah" (Gen. 29,30). Also wurde auch Lea geliebt, aber Rachel noch
mehr. Denn im Zentrum romantischer Liebe ruht unsichtbar die Liebe zur
Ewigkeit. Um dieses Thema geht es im Buche des Philosophen Platon über
die Liebe, das den Wegen des Glaubens als sehr nahe gilt, wie es im "Sohar"
(Buch der Kabbala) bezüglich Teilen der Weisheit Griechenlands heißt.
Damit sind besonders seine "Ideen" gemeint. Menschen wollen ewig bestehen,
und Heirat und das Zeugen von Nachwuchs bieten ihnen direkten Zugriff auf
die Ewigkeit, soweit sie sich in der diesseitigen Welt verwirklichen läßt.
Das ist der wahre Grund der gegenseitigen Liebe. - Dieser Gedanke spiegelt
sich in wunderbarer Klarheit wider im Stil der Formulierung von Geboten
der Tora: Es gibt in der Tora kein Gebot zu Heiraten, vielmehr heißt
es "seid fruchtbar und mehret euch" [=das erste der 613 Ge- und Verbote
der Tora]; das Eheleben rankt sich organisatorisch um die Generationenfolge,
und der Geschlechtstrieb drängt nach der Zukunft.
Unser Stammvater Jakov muß vom Zustand der romantischen Liebe
zur
verantwortungsbewußten, von der Ewigkeit genährten Liebe
überwechseln. Die erstere versperrt jedoch den Weg zur letzteren.
Daher bleibt die Verbindung zwischen Jakov und Rachel zunächst kinderlos,
bis sich die Verhältnisse weiter klären, als Rachel sagt: "Schaffe
mir Kinder, wenn nicht, so sterbe ich" (Gen. 30,1). Sie kämpft "göttliche
Wettkämpfe" (Gen. 30,8), bis G~tt ihren Schoß öffnet (Gen.
30,22). Und doch gibt es noch immer gewisse Schwierigkeiten: "Als ihr [Rachel]
die Geburt so schwer wurde...als ihr die Seele ausging.." (Gen. 35,17-18).
Die zeitweilige Vorherrschaft Rachels muß der beständigen
Herrschaft Leahs weichen. Die romantische Liebe führt als als notwendige
Etappe zur Vorbereitung des höherrangigen Zustandes "und sie werden
zu einem Leibe" (Gen.2,24) - "das Kind wird durch beide erzeugt,
darin werden ihre Leiber zu einem" (Raschikommentar). So wird das
vollkommene Haus von beiden gemeinsam erbaut - auch das Haus Israel. |
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