Parschat "Wajischlach" (1. Buch Moscheh "Genesis" 32,4 - 36,43) S.369
"Ich bin zu gering" 

Wie kam es zu der großen Kehrtwendung Eßaws, daß er weinte und Jakov sogar umarmte? "Da lief ihm Eßaw entgegen und umarmte ihn und fiel ihm um den Hals und küßte ihn" (Gen. 33,4), "sein Erbarmen wurde rege" (Raschikommentar).

Bekanntlich ist das Wort "vajischakehu" ("und küßte ihn") mit einer besonderen Punktierung über den einzelnen Buchstaben versehen, was uns andeuten soll, daß dieser Bruderkuß nicht so ganz von Herzen kam. "Rabbi Schimon bar Jochai sagte, es ist eine Überlieferung, man weiß, daß Eßaw Jakov haßt; nur in jener Stunde wurde sein Erbarmen rege, und er küßte ihn mit ganzem Herzen" (Raschi gem. Midrasch Bereschit 
rabba 78,9). Sicher kann man das noch nicht vollkommene Zuneigung nennen, denn so eine Wesensänderung kommt nicht von einem Tag zum anderen, aber immerhin war es doch ganz beachtlich. 

Besonders, wenn man berücksichtigt, daß unser Vorvater Jakov bereits mit dem Schlimmsten rechnete: "Wenn Eßaw über das eine Lager kommt und es schlägt, so kann das übriggebliebene Lager entrinnen" (Gen. 32,9). Wie also geschah die wundersame Wandlung? Vielleicht läßt sie sich über den Vers "milde Antwort wendet ab den Grimm" (Sprüche 15,1) verstehen. Jakov verhielt sich Eßaw gegenüber brüderlich, wie es heißt: "bis er nahe kam seinem Bruder" (33,3). Und weil er sich brüderlich verhielt, so tat dies auch Eßaw. "Wie Wasser Angesicht dem Angesicht, so [widerspiegelt] ein Herz dem anderen" (Sprüche 27,19) [Wie man in den Wald hineinruft...]. Die Erfahrung zeigt, wenn man selbst den größten Widersacher in irgendeiner Angelegenheit positiv beurteilt, verfliegt sein Haß von selbst, und daher konnte auch bei Eßaw in gewissem Maße brüderliche Liebe erwachen. 

Es besteht auch überhaupt kein Anlaß, Jakov dies als bloße Schmeichelei auszulegen. Jakov verhielt sich wirklich, wie es sich für einen Bruder gehört: "bis er nahe kam seinem Bruder" - er suchte seine guten Seiten hervorzuheben und in ihm nicht [den bösen] Eßaw, sondern seinen Bruder zu sehen, so erwachte in ihm die Brüderlichkeit, und so erwachte diese auch bei Eßaw. Gleichzeitig betete unser Stammvater Jakov: "Rette mich doch aus der Hand meines Bruders" (Gen. 32,12). Er wandte sich an Eßaw mit großem Fingerspitzengefühl: "Dort erwarb ich Rind und Esel" (Gen. 32,6) - als hätte er nur ein Rind und einen Esel - um nicht mit seinen Besitztümern anzugeben. So handeln die Gerechten, sie wollen sich selbst und ihr Eigentum als weniger erscheinen lassen, als sie es wirklich sind (Rabenu Bechaje). 

Diese Bescheidenheit Jakovs im Verhältnis zu seinen Mitmenschen hat ihren Ursprung in fast vollständiger Selbstverneinung vor dem Herrn der Welt: "Ich bin zu gering für all die Gnaden und all die Treue, die du deinem Knechte erwiesen hast" (Gen. 32,11). "Jede Gnade, die G~tt dem Menschen erweist, ist mit äußerster Demut aufzunehmen...es ist die Wesensart Jakovs nachzuahmen, nicht hochherzig gegenüber seinen Brüdern aufzutreten,... sondern demütig vor jedem Menschen zu erscheinen entsprechend der die Wahrheit versinnbildlichenden Wesensart Jakovs, denn 'milde Antwort wendet ab den Grimm' [G~ttes; s.o.]" (Tanja).