| Parschat "Wajera" (1. Buch
Moscheh "Genesis" 18,1 - 22,24) S.360
Liebe zu den Geschöpfen Die Mitzwot (Gebote) lernen wir nicht von den Vorvätern. Die Gebote erhielten wir nur bei der Übergabe der Tora am Sinai durch unseren Lehrer Moscheh. Von den Vorvätern lernen wir allerdings die erstrebenswerten Charaktereigenschaften. In Wirklichkeit brauchen wir diese nämlich als Voraussetzung für den Erhalt der Tora. So heißt es im Midrasch (Wajikra rabba 9,3): "Gute Sitten gingen der Tora voran". Das heißt, natürliche Sittlichkeit und menschliche Geradheit gehen der Tora voran, die selber eine höhere Stufe darstellt, die auf diesen Fundamenten ruht. Moralisch einwandfreies Verhalten bildet die Voraussetzung für die Erfüllung der ganzen Tora. So erklärt sich die 'Entweihung des heiligen Namens' durch einen Toragelehrten, der durch schlechte Eigenschaften auffällt, und die 'Heiligung des göttlichen Namens' durch gute Eigenschaften, wie am Ende des Talmudtraktates "Joma" erwähnt wird (Blatt 86a). Von unserem Vorvater Awraham lernen wir die Liebe zu den Geschöpfen, nicht nur einfache Liebe, sondern enorme Liebe. Jedoch gehört keine besondere Größe dazu, die Frommen zu lieben, damit verdient man sich noch lange kein "Sche'koach". Die wahre Größe liegt in der Liebe zu Bösewichten, und nicht nur durch oberflächliche, verklärte Liebe, sondern bis hin zu einer Art Selbstaufopferung für sie, die nicht beim Körper halt macht, sondern auch die Seele umfaßt. Und so begegnen wir der unsagbaren Tragödie der Leute von Sdom, die so verrucht und verdorben sind, daß der Herr der Welt ihre Vernichtung beschließt. Wie Awraham davon erfährt, und wendet sich erschüttert sofort mit Gebeten zu ihren Gunsten an G~tt. Er feilscht um sie wie um eine Ware auf dem Markt. Er vertritt seine Ansicht gegenüber G~tt mit Mut und Nachdruck: "Fern sei es von dir, dergleichen zu tun, daß du tötest den Unschuldigen mit dem Schuldigen, daß der Unschuldige wäre wie der Schuldige; das sei fern von dir! Der Richter der ganzen Erde, sollte der nicht Gerechtigkeit üben?" (Gen. 18,25). Sicher hatte Awraham das Verhalten der Leute von Sdom keine Ruhe gelassen; trotzdem betete er unter Todesverachtung für ihr Bestehen, denn seine Liebe umfaßte wirklich alles. An dieser Eigenschaft erkennt
man die Schüler unseres Stammvaters Awraham: am "Blick fürs Gute"
(siehe Mischna "Sprüche der Väter" 2,9 und 5,19).
* * * S.49-50
Das göttliche Gebot,
Jizchak zu binden [und zu opfern], wirft Awrahams gesamte Lebensweisheit
und alles, was er Andere lehrte, über den Haufen. Er, der große
Kämpfer gegen Götzendienst und Menschenopfer, Vertreter von Moral
und grenzenloser Mildtätigkeit, schreitet nunmehr zur Tat, seinen
Sohn zu morden, das fundamentalste aller moralischen Gebote zu übertreten,
das logischste, das keines Beweises von irgendeiner Quelle bedarf, das
jedem Menschen als selbstverständlich gilt. Für die drei in unseren
Augen schwersten Sünden, Götzendienst, Unzucht und Blutvergießen
gilt die Regel: "sich töten lassen und sie nicht begehen" [wohingegen
alle anderen Verbote der Tora bei Todesdrohung übertreten werden dürfen;
Einzelheiten siehe Maimonides, Mischne Tora, Gesetze von den Grundlagen
der Tora, 5.Kap.]. Die beiden erstgenannten Sünden werden Versen der
Tora entnommen,
Natürlich endete die "Opferung" Jizchaks nicht mit dessen Tode: "Lege nicht Hand an den Knaben und tue ihm nicht das Geringste!" (Gen. 22,12). Nur so kann die Geschichte ausgehen, denn morden ist doch verboten! Zwar starb das von menschlicher Moralvorstellung bedingte Gebot "du sollst nicht morden", ersteht allerdings zu neuem Leben als göttliches Gebot, das seine Gültigkeit und Wahrhaftigkeit nicht vom Verständnis und der wechselhaften Gefühlswelt des Menschen ableitet, sondern von der übermenschlichen, der absoluten und der ewiglichen Göttlichkeit. Von dieser Basis aus ist der Mensch zu seiner Weiterentwicklung aufgerufen, und den Anmut G~ttes in seine alltägliche Gedanken- und Gefühlswelt aufzunehmen. * * * S.362
"Und der Ewige erschien ihm [Awraham] in dem Eichenhain des Mamre" (Gen. 18,1), Raschikommentar zur Stelle: "Er [Mamre] hatte ihm zugeraten, die Beschneidung auszuführen; darum erschien er ihm in dessen Anteil". Unser Vorvater Awraham überlegte, ob er seinen Sohn beschneiden sollte, und beratschlagte sich mit seinen Bekannten. Aner und Eschkol rieten, nicht zu beschneiden, und Mamre riet zur Beschneidung (Midrasch Bereschit rabba 42,8). Und wir wundern uns, wie Awraham überhaupt Zweifel über die Erfüllung des göttlichen Gebotes hegen konnte. Zu dieser Frage gab Rabbiner
Elijahu ("Gaon") von Wilna folgende Erklärung:
Der Wilna'er Gaon fügte hinzu, daß von dieser Art auch die Verleitung des Satan war, der ihn auf dem Wege zur Opferung seines Sohnes Jizchak von seinem Vorhaben abbringen wollte. Dieser brachte die Überlegungen Awrahams zum Ausdruck, mit dieser Tat vielleicht den ganzen Einfluß auf die Völker zu verlieren, sie dem G~tt der Wahrheit näherzubringen. Da erwiderte unser Vorvater Awraham, daß er sich nicht fürchte, denn "ich gehe in Reinherzigkeit" (Midrasch). |