| Parschat "Toldot" (1. Buch
Moscheh "Genesis" 25,19 - 28,9) S.364
Jakov, ein aufrichtiger Mann "Und Jakov ein aufrichtiger Mann" (Gen. 25,27). Und wir wundern uns: scheint er nicht vielmehr ein Schlitzohr zu sein, wie es im folgenden heißt: "Darum also nennt er sich Jakov, weil er mich [Eßaw] schon zweimal überlistet hat ?!" (Gen. 27,36)? Und weiter steigert sich unsere Verwunderung, wenn wir im Raschikommentar lesen: "ein aufrichtiger Mann - in all diesem nicht erfahren [gemeint ist die Scheinheiligkeit Eßaws gegenüber seinem Vater Jizchak]; wie sein Herz, so war sein Mund; wer nicht scharfsinnig zum Betrügen ist, wird "tam" genannt". Hatte denn unser weiser Lehrer Raschi etwa nicht den Rest der Parscha gelesen ?! Zunächst muß man wissen, daß die Tora uns im allgemeinen keine exakten Definitionen von Charaktereigenschaften der genannten Personen übermittelt; diese ergeben sich vielmehr aus dem Zusammenhang. Wenn die Tora nun eine Ausnahme macht und ausdrücklich bestimmt: XYZ ist so und so, dann handelt es sich um eine Warnung: obwohl aus dem Verlauf der Geschichte scheinbar genau das Gegenteil hervorgeht, so sei der Leser im voraus gewarnt und schreibe es nur seiner einseitigen Betrachtungsweise zu. Unser Lehrer Moscheh war trotz offensichtlicher Größe und Macht der bescheidenste Mensch der Welt. Ebenso unser Vorvater Jakov - er war so aufrichtig, wie man nur aufrichtig sein kann. Die talmudischen Weisen gaben uns eine genaue Beschreibung der "Listigkeit" unseres Vorvaters Jakov. Jakov sprach zu Rachel: "Möchtest du mich heiraten?", worauf sie erwiderte: "Ja, aber mein Vater [Lawan] ist ein Betrüger, und du bist ihm sicher nicht gewachsen". "Wenn er ein Betrüger ist, so bin ich ihm ein Bruder im Betrug". Sagt sie: "Darf sich denn ein Gerechter des Betruges bedienen?" - "Ja, wie es heißt: 'Mit den Lauteren erweisest du dich lauter, und mit den Krummen windest du dich'" (siehe Psalm 18,27). Und worin bestand sein Betrug? "Ich habe eine ältere Schwester [Leah], und er wird mich nicht vor ihr verheiraten". Aus diesem Grunde vereinbarte Jakov mit Rachel Erkennungszeichen, die sie dann aber ihrer Schwester übergab, weil sie Mitleid mit ihr hatte (Megilla 13b, Baba batra 123a). So wird denn alles verständlich.
Unser Vorvater Jakov war innerlich ein vollkommen aufrichtiger Mensch.
Gleichzeitig erkannte er an, daß diese Welt voller List und Tücke
ist. Wer dies abstreiten wollte, muß schon sehr naiv sein. Man muß
der Realität ins Auge sehen und mutig seinen Mann stehen. "Ein Bruder
bin ich ihm im Betrug". Jakov nahm nichts, was ihm nicht zustand. Rachel
war ihm vorbestimmt. Er mußte also gewitzt und nützlich vorgehen,
damit sich die Dinge im Sinne der Wahrheit entwickelten. Es heißt
von unserem Vorvater Jakov, er ginge "mit dem Kopf durch die Wand". Darin
lag seine Stärke: die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit trotz
ihrer Tücken. Die Welt ist voller Falschheit. Rabbi Jeschajahu Halevi
*Horowitz schrieb, weil die Welt immer unter der Listigkeit der Urschlange
litt, werde sie deshalb durch Listigkeit ihre Heilung finden - die Listigkeit
Jakovs, des Mannes der Wahrheit, "du wirst Jakov Wahrheit erweisen" (Micha
7,20), der die Wahrheit verfolgt, der der Realität auf den Fersen
ist (Akev = Ferse, Spur; gleicher Wortstamm wie Jakov), um
den darin enthaltenen Segen zu fassen und sich vom Fluch zu befreien.
Der Kauf des Erstgeburtsrechtes war kein Diebstahl, denn es stand ihm wirklich zu [Jakov und Eßaw waren Zwillinge; siehe Gen.25,24]. Ebenso erfolgte die Erteilung des väterlichen Segens der Wahrheit gemäß. Jakovs Liebe zur Wahrheit war so groß, daß er nach ihrer Offenbarung in Welt und Wirklichkeit strebte. Dazu gehörte viel Planung. Er lauerte auf Schwächen, die im Verlauf der Dinge hervortreten, er war ihnen "auf der Spur" (s.o.), um die wahre Ordnung aufzudecken, und nutzte dazu jede sich bietende Gelegenheit. Er suchte nach Methoden, den Segen auf sich zu ziehen, der sich zwischen den Flüchen verbirgt. Sicher kommt man nicht mit Listigkeit allein in der Welt zurecht. Doch unser Vorvater Jakov war ein Mann der Wahrheit, durchsetzt von der Macht der Wahrheit, und seine Wahrhaftigkeit begegnete der Realität auf den Wegen der List. Er "wohnt in Zelten" (25,27), verinnerlicht, doch reichte das nicht aus. Er mußte heraustreten ans Licht der Wirklichkeit, wo ihm keine andere Wahl blieb, als sich auf die krummen Verhältnisse einzustellen und zu den zur "Begradigung" der Welt strategisch angezeigten Mitteln zu greifen. Unser Vorvater Jakov fährt fort, die Welt zu "begradigen": "..und es werde die Krümmung zur Ebene" (Jeschajahu 40,4). Dann wird er Jeschurun genannt werden, und Israel Jeschar-el [jud-schin-resch, jaschar=gerade]. * * * Die Flucht vor Streitereien Bekanntlich ist in der Halacha das Verbot der Streiterei nicht nur auf den beschränkt, der damit anfängt, sondern betrifft jeden, der sich daran anschließt. Auf dieser Ebene, erklärte der MaHaRal ["Der Hohe Rabbi Löw" von Prag, Löwe Jehuda ben Bezalel, lebte vor etwa 400 Jahren], ist es nicht damit getan, nur "Frieden zu lieben", man muß vielmehr aktiv "den Frieden suchen", um von vornherein Situationen abzublocken, in denen Streit gedeihen kann (Kommentar zur Mischna "Sprüche der Väter", 1,12). In unserem Wochenabschnitt zeigt sich unser Vorvater Jizchak als "Streitflüchter" ersten Ranges. Genau so, wie es unmöglich war, Hillel zu einem Zornausbruch zu provozieren, war es unmöglich, Jizchak in einen Streit zu verwickeln. "Es hatten aber die Philister alle Brunnen, welche die Knechte seines Vaters in den Tagen seines Vaters Awraham gegraben hatten, zugeschüttet und mit Erde gefüllt" (Gen. 26, 15). Nirgendwo wird erwähnt, daß er dies zum Anlaß für einen Streit genommen hätte. Auch als ihn Awimelech vertrieb: "Ziehe von uns weg, denn du bist uns viel zu mächtig geworden" (ebda. 16), schwieg er. Er ging an einen anderen Ort, wo seine Knechte neue Brunnen gruben: "... und fanden daselbst einen Brunnen lebendigen Wassers" (19). Und wiederum "stritten die Hirten von Gerar mit den Hirten Jizchaks und sprachen: Unser ist das Wasser!" (20). Und wie reagierte Jizchak? "Darum nannte er den Brunnen Eßek [Zank], weil sie mit ihm gezankt hatten" (20). Es lohnt nicht, darum zu streiten, die Kraft ist besser zum Graben eines anderen Brunnens eingesetzt. "Dann gruben sie einen anderen Brunnen" (21), aber "auch um diesen stritten sie" (21). Auch diesmal läßt sich Jizchak nicht provozieren, sondern vermerkt die Angelegenheit wie folgt: "... daher nannte er ihn Sitna [Verfeindung]" (21). Es ist also besser, es an einem anderen Orte zu versuchen: "Hierauf zog er von da weg und grub einen anderen Brunnen" (22). Was wird wohl diesmal geschehen? "Über den stritten sie nicht" (22) - na G~tt sei dank. "Darum nannte er ihn Rechowot [Freiheit], denn er sprach: Nun hat uns der Ewige freien Raum geschafft" (22). Es fragt sich jedoch, ob nicht jemand, der vor jedem Streit davonläuft, am Ende alles verliert? Vielleicht ist es besser, die Angelegenheit auszufechten, und sich auf diese Weise freien Raum zu schaffen? Darum erhält Jizchak die göttliche Bestätigung für sein Vorgehen: "Und der Ewige erschien ihm in derselben Nacht und sprach: ... fürchte nichts, denn ich bin mit dir und will dich segnen ..." (24). Nach all diesen Begebenheiten erscheint ein interessanter Gast: "Und Awimelech kam von Gerar zu ihm [mit Achusat, seinem Gefährten, und seinem Heerführer Pichol]" (26). Plötzlich taucht dieser Oberbrunnenverstopfer und Erzstreitaufwiegler bei ihm auf. - Schalom Alejchem! "Warum kommt ihr zu mir?" (27). Ich, meinerseits, respektiere euch sehr, aber "ihr hasset mich doch" (27), und zwar so sehr, daß ihr mich vertrieben habt: "und mich von euch verstoßen habt?" (27). Da sie sich anscheinend etwas annähern wollen, hält er es für angemessen, sie etwas zu ermahnen. Und was antworten sie darauf? "Wir haben gesehen, daß der Ewige mit dir war, da sagten wir uns, möge doch ein Eid sein zwischen uns beiden, zwischen uns und dir. Wir wollen ein Bündnis mit dir schließen" (28). Nun, das ist in der Tat eine ehrenwerte Begründung. In Ordnung, ich bin einverstanden. Ich trage euch nichts nach. - Das ist aber noch nicht alles. Awimelech stellt noch Bedingungen: "Daß du mit uns nicht böse verfährst, wie wir dich nicht angetastet, und wie wir dir nur Gutes erwiesen und dich haben ziehen lassen in Frieden" (29). Das ist ja wohl nicht zu fassen! Nachdem sie ihm vollkommen unprovoziert übel mitspielten, besitzen sie auch noch die Frechheit, mit verletzendem Stil anzudeuten, daß er selber die Verantwortung für etwaige Spannungen trage und er selber durch seine üble Verhaltensweise an den schlechten Beziehungen schuld sei! Vielleicht ist nun die Zeit für eine etwas kraftvollere Ausdrucksweise reif? Doch was erwidert Jizchak? "Und er bereitete ihnen ein Mahl und sie aßen" (30). Bittesehr, ihr seid bei mir zum Essen und auch zum Übernachten eingeladen: "Sie aßen und tranken, standen dann früh am Morgen auf und leisteten einander den Eid. Jizchak geleitete sie und sie schieden von ihm in Frieden" (30-31). |