Parschat "Schemini" (Lev. 9,1 - 11,47) S.395
Der Rat des Anderen

Von der Sünde der Söhne Ahrons, Nadaw und Awihu (Anf.10.Kap.) überliefern uns unsere Weisen mehrere Einzelheiten, z.B. "...daß der Eine den Anderen nicht um Rat fragte, wie es heißt: 'ein jeder seine Rauchpfanne' (10,1) - ein jeder tat es von sich aus" (Midrasch Wajikra rabba 20,8). Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen - beide 
waren von unvorstellbarer spiritueller Größe und Heiligkeit, "an den mir Nahen will ich geheiligt werden" (Lev. 10,3), doch selbst der Allergrößte muß anerkennen, daß er den Rat Anderer nicht außer acht lassen kann. Der Herr der Welt ging mit gutem Beispiel voran, indem er sozusagen mit den Engeln zu Rate saß: "Laßt uns einen Menschen machen..." (Gen. 1,26). "Von hier lernen wir die Selbstbescheidung des Heiligen, gelobt sei er,...darum beriet er sich mit den Engeln. Auch wenn er die Könige richtet, berät er sich mit seiner Umgebung" (Raschikommentar ebda.). Wer Wahrheit, Gerechtigkeit und Ehrlichkeit für sich gepachtet zu haben glaubt, ist ein gefährlicher Mensch. "..ein Schwert über die (*Feinde der) Schriftgelehrten, die einzeln sitzen und sich mit der Tora befassen. Und noch mehr, sie werden auch töricht...und noch mehr, sie sündigen auch" (Berachot 63b, *:euphemistisch). Andererseits heißt es: "Dereinst bereden sich, die den Ewigen fürchten, miteinander, und der Ewige vernimmt und hört es" (Maleachi 3,16). 

Und wie stellt man es an, daß sich niemand in seine Ecke verkriecht, sondern "Einer vom Anderen erhält und Einer dem Anderen gibt"? Man muß wissen, daß es ein höheres, allgemeineres Niveau gibt, das alle Beteiligten umfaßt und in dem sie aufgehen. Wie unsere talmudischen Weisen lehrten, bestand die Sünde Nadaws und Awihus darin, daß 
sie "eine Halacha in Anwesenheit ihres Lehrers Moscheh entschieden" (Eruwin 63a), d.h., sie sahen ihre Weisheit nicht als nur einen Ableger des göttlichen, allumfassenden Ursprungs der Lehre. 

Weil sich nun "beide auf ihre jeweils erreichten Erkenntnisstufen zurückzogen, ohne erhabenen Verbund mit dem Erbe der Lehre Moschehs, nicht miteinander berieten und überdies Halacha in Anwesenheit ihres Meisters lehrten, abgestützt nur auf Erkenntnis eigener innerer Größe" - so "verblaßt doch diese tiefe Heiligkeit gegenüber dem Ursprung der Lehre. 'An den mir Nahen will ich geheiligt werden'" (Rabbiner A.I.Kuk, Mussar Hakodesch, S.300).