Purim  S.473
"Ich aber verberge mein Angesicht"

An Purim ist es üblich, sich zu verkleiden, der größte Verkleidungskünstler von allen aber ist der Herr der Welt selber. Bekanntlich erscheint der Name G~ttes nicht ein einziges Mal im ganzen Buche Esther. "Ich aber verberge mein Angesicht" (Traktat Chulin 139b/Deut. 31,18). Doch wirkt er hinter den Kulissen, er hält alle Fäden in der Hand. Er bedient sich auch Königs Achaschwerosch und Hamans: "Es komme der König und Haman heute" (Esther 5, 4; jawo hamelech vehaman hajom) - die Anfangsbuchstaben jud-heh-vav-heh bilden den G~ttesnamen.

Die ganze Geschichte sieht doch aus wie eine Aneinanderreihung von wundersamen Zufällen. Zufällig betrinkt sich Achaschwerosch am letzten Tag seines Festes und kommt auf dumme Gedanken. Zufällig verlangt er ganz unsinnigerweise Königin Waschtis Auftritt. Zufällig verweigert sie diesen. Zufällig hört er auf den Rat Memuchans, Waschti zu töten, und zufällig tritt ausgerechnet Esther an ihre Stelle. Und so geht es munter weiter: Mordechai lauscht zufällig den Attentatsplänen von Bigtan und Teresch. Zufällig kann Achaschwerosch in der entscheidenden Nacht nicht einschlafen. Zufällig bringt man ihm sein Tagebuch, und zufällig wird gerade die Seite mit Mordechais Verdiensten aufgeschlagen. Zufällig erscheint dann Haman, der gerade einen Galgen zur Beseitigung Mordechais errichtet hat. Zufällig wird dies dem König hinterbracht, und so weiter und so fort. 

Schwer vorstellbar, daß es sich hier wirklich nur um lauter Zufälle handelt. Eine folgenschwere Anhäufung von Zufällen nennt man Wunder. Es gibt gar keinen Zufall. Zufall heißt "G~tt inkognito", anonym. Amalek möchte alles dem Zufall zuschreiben. "..der dich traf auf dem Wege" (Dt. 25,18). Auch Bil'am behauptete, alles sei Zufall: "Und der Ewige begegnete Bile'am.." (Num. 23,4+16). Wir hingegen sagen, im Zufall wirke die verborgene Hand G~ttes, "der Ewige, der G~tt der Hebräer, hat sich uns offenbart" (Ex. 3,18). [Die Verben der genannten Verse werden vom selben hebräischen Wortstamm abgeleitet, zu dem auch Zufall gehört].

Wenn wir das Wunder als das sich frei über die Gesetze der Natur Erhebende definieren, so ist auch die Anhäufung, die Synchronisation von Zufällen ein Wunder, da sie sich über die ehernen Gesetze der Wahrscheinlichkeit und der Statistik hinwegsetzt. (Ähnlich wie nach der Heisenbergschen Unschärferelation die Gesetze der Physik auf sub-
atomarer Ebene nur noch den Regeln der Statistik gehorchen).

Dem äußeren Anschein nach toben sich in der Welt die Kräfte des Bösen, des "Achaschwerischem" und des "Hamanischem" aus. In Wahrheit aber unterliegt auch das Böse der Kontrolle durch den Herrn der Welt. Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto erläuterte in seinem Werk "Da'at Twunot" ausführlich, daß das Böse nie der Herrschaft G~ttes entgleitet. G~ttes Pläne gelangen auch über diesen Umweg zu ihrer Verwirklichung, nur daß es länger dauert und Geduld des Glaubens bis ans Ende der Tage erfordert, bis sich G~ttes Einheit und die Einheit seines Namens endgültig offenbaren. An Purim jedoch können wir ein weinig von dem Licht dieser göttlichen Lenkung erspähen, die doch gegen den göttlichen Willen zu arbeiten scheint. 

Dieses ist auch das Thema des "Talmud Jeruschalmi" (Kiduschin 4,1) in seinem Ausspruch: "Größer ist die Heiligung des göttlichen Namens als die Entweihung des göttlichen Namens". Für diese Einsicht brauchen wir den Talmud?! Das ist doch selbstverständlich; vielmehr läßt sich dieser Satz auch folgendermaßen verstehen [durch eine Doppeldeutigkeit]: "Groß ist die Heiligung des göttlichen Namens, die aus einer Entweihung des göttlichen Namens entsteht". Wenn der göttliche Name entweiht wird und die Würde G~ttes und die Würde der jüdischen Nation mit Füßen getreten werden, und sich plötzlich alles zum Guten wendet, "da ereignete sich das Gegenteil" (Esther 9,1), dann offenbart sich dadurch die höchste Heiligung des göttlichen Namens, und die Welt erkennt: "Denn des Ewigen ist das Königtum, und er ist Herrscher der Völker" (Psalm 22,29). Wir hatten die unterste Stufe der Demütigung erreicht, "und er gedachte unserer Erniedrigung" (Psalm 136,23). So wurde rückwirkend klar, wie alles der Hand G~ttes entstammte - Er hatte sich nur verkleidet. "Aber du bist ein G~tt, der sich verhüllt" (Jeschajahu 45,15).