| PESSACH
"Das Peßachopfer - was sollte das bedeuten?" S.451 "Raban Gamliel sagte: Wer am Peßachfest über folgende drei Dinge nicht spricht, genügt nicht seiner Pflicht, und zwar: das Peßachopfer, das Ungesäuerte und das Bitterkraut" (Mischna Pessachim 10,5). Diese Dinge scheinen also von grundlegender Bedeutung zu sein, und es genügt sicher nicht, sie rein mechanisch aufzusagen; sie müssen auch verstanden werden. Vor allem das Peßachopfer: "Das Peßachopfer, das unsere Väter zur Zeit, als der heilige Tempel noch gestanden, gegessen haben, was sollte das bedeuten? Es sollte darauf deuten, daß der Heilige, gelobt sei er, über die Häuser unserer Väter in Ägypten hinweggeschritten; denn so sagt die Schrift: So sprecht, es ist ein Überschreitungsopfer dem Ewigen zu Ehren, weil er in Ägypten über die Häuser der Kinder Israels hinweggeschritten, da er Ägypten geschlagen und unsere Häuser errettet hat" (aus der Hagada). Demnach symbolisiert das Peßachopfer die Überschreitung der Häuser. Es ist jedoch gar nicht so leicht, den Sinn dieses Wunders zu verstehen. Wer käme denn überhaupt auf den Gedanken, daß auch die jüdischen Erstgeborenen getötet würden?! Der ganze Sinn und Zweck der zehn Plagen war doch die Rettung des Volkes Israel! Es besteht allerdings Grund zu der Annahme, daß man gar nicht so leicht zwischen den Ägyptern und den Kindern Israels unterscheiden konnte; nach 210 Jahren Aufenthalt in Ägypten waren sie auf die unterste der 49 Stufen spiritueller Unreinheit abgesunken, und wären sie dort auch nur einen Augenblick länger verblieben, hätten sie, wie die Kabbalisten sagen, nicht mehr gerettet werden können. Genau dies war die Argumentation des Genius' der Ägypter, des Engels Usa, bei der Teilung des Schilfmeeres: 'Diese wie jene sind Götzendiener etc., warum werden diese herübergelassen und jene nicht?' Ebenso schildert der Prophet Jecheskel den katastrophalen spirituellen Niedergang des jüdischen Volkes in jenen Tagen: "Und sie waren widerspenstig gegen mich und wollten nicht auf mich hören; keiner warf hinweg, was den Augen ein Greuel ist, und von den Götzen Ägyptens ließen sie nicht; da gedachte ich auszuschütten meinen Grimm über sie, meinen Zorn auszulassen an ihnen mitten im Lande Ägypten" (20,8). Das Wunder des Überschreitens der Häuser stellte also ein für allemal klar, daß der Herr der Welt uns nicht wegen unserer Rechtschaffenheit erwählte, denn hinsichtlich unserer Taten waren wir verdorben, vielmehr "erwählte uns der Herr der Welt in Liebe", d.h., er schuf sein Volk Israel in Liebe mit einer besonderen seelischen Eigenschaft, die ihm ewigen Bestand sichert und selbst durch verdorbene Taten nicht beinflußbar ist. Die Überschreitung der Häuser und die Unterscheidung zwischen den jüdischen und den ägyptischen Erstgeborenen, die sich doch ihrem äußeren Erscheinungsbild nach und in ihren Verhaltensweisen so ähnelten, war das größte Wunder und Grundlage aller weiteren Wunder, die G~tt in seiner Gnade an uns verübte. Deshalb bestimmte Raban Gamliel in seiner göttlichen Weisheit, daß wer das Peßachopfer nicht erwähnt, seiner Pflicht nicht genügt, denn er hat das Wesentliche des Auszugs aus Ägypten nicht verstanden. |