Parschat "Nezawim-Wajelech"
(5. Buch Moscheh "Deuteronomium" 29,9 - 31,30) S.331
[aus einem längeren Artikel]

Die Erlösung
Wie erfolgt die Erlösung (Ge'ula) aus dem Exil, aus der Diaspora?

In den letzten Generationen teilten sich darüber die Meinungen der Weisen: Die einen sagten, G~tt selbst wird uns ohne unser Zutun erlösen. An uns ist es, ihn zu preisen - und abzuwarten, auf daß er uns errette, und sonst gar nichts. Im Gegenteil, jedes Eingreifen unsererseits würde als Auflehnung ausgelegt werden, als Ausdruck von Glaubensmangel und Ketzerei, und jeder eventuelle Erfolg sei als "Teufelswerk" zu verstehen (Rabbi von Satmar).

Bei "Chabad"/Lubawitsch drückt man sich weniger radikal aus: 'Wir sind nicht aus freien Stücken ins Exil gegangen, und wir werden es auch nicht aus freien Stücken verlassen'. Es ist zwar nicht verboten, aus eigenem privaten Antrieb nach Israel einzuwandern, aber auch kein allgemeines Gebot. Andere Rabbiner wiederum sagen, daß G~tt uns aus unserer Mitte heraus und durch uns erlöst, daß G~tt uns als seine Boten zur Erlösung seines Volkes benutzt.

In engem Zusammenhang mit dem obigen Streit steht die Frage, ob die Erlösung von religiöser Umkehr (Tschuwa) abhänge oder nicht. Alle sind sich darüber einig, daß das ganze jüdische Volk bei der endgültigen Erlösung zur Tora zurückkehren wird; die Frage ist bloß, ob die Erlösung von der vorherigen, vollständigen Umkehr des ganzen Volkes abhängt oder auch schon vorher stattfinden kann [siehe dazu den Streit zwischen Rabbi Elieser und Rabbi Jehoschua im Talmudtraktat Sanhedrin 97b-98a].

Werfen wir nun einen Blick in unseren Wochenabschnitt. Das 30. Kapitel beschreibt den Ablauf von Erlösung und religiöser Umkehr:

Vers 1-2: "..es dir zu Herzen nimmst..und du zu dem Ewigen ("ad haschem") deinem G~tte, zurückkehrst und auf seine Stimme hörst..." - Umkehr.
3-4: "So wird der Ewige dein G~tt deine Gefangenen zurückführen...und dich einsammeln...wenn deine Verbannten am Ende des Himmels weilen werden.." - Erlösung.
5: "Und der Ewige dein G~tt wird dich in das Land bringen..und du wirst es wieder in Besitz nehmen, und er wird dir wohltun und dich zahlreicher werden lassen.." - Erlösung.
6: "Und der Ewige dein G~tt wird dein Herz ausrichten..den Ewigen deinen G~tt zu lieben..." - Umkehr.
7: "Und der Ewige dein G~tt wird alle diese [im vorigen Kapitel erwähnten] Flüche auf deine Feinde legen.." - Erlösung.
8: "Du aber wirst zurückkehren und der Stimme des Ewigen gehorchen, und alle seine Gebote ausüben..." - Umkehr.
9: "Und der Ewige dein G~tt wird dich in Überfluß erhalten in allem Werke deiner Hände..zum Heile.." - Erlösung.
10: "So du gehorchen wirst..wenn du zurückkehren wirst zu dem Ewigen ("el haschem") deinem G~tte mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele" - Umkehr.

Auf den ersten Blick gibt es hier ein Durcheinander von Erlösung und Umkehr. In Wirklichkeit aber lassen sich drei Dinge erkennen: 1.) stufenweise religiöse Umkehr, 2.) stufenweise Erlösung und 3.) Umkehr und Erlösung als ineinander verflochtene Abläufe.

Die Erlösung besteht aus den Stufen: Einsammlung der Verstreuten und Rückkehr nach Zion (Verse 3-4), Besitznahme und Aufbau des Landes (Vers 5), militärisch-politischer Erfolg (Vers 7) und wirtschaftliche Blüte (Vers 9).

Die Stufen der Umkehr - fangen wir mit der zweiten an: "Und der Ewige dein G~tt wird dein Herz ausrichten..", d.h. Entfernung der Hindernisse und Irrtümer aus den Herzen, oder wie es in der aramäischen Übersetzung der Tora (Targum Onkelos) heißt, der "Dummheit des Herzens". Dabei muß man wissen, daß dieses göttliche Werk von Menschen vollbracht werden wird. Genauso, wie uns vollkommen klar ist, daß kein Widerspruch zwischen dem oben erwähnten wirtschaftlichen Erfolg und unserer eigenhändigen Feldarbeit besteht, durch die sich das göttliche Versprechen
erfüllt, erfolgt die spirituelle Umkehr. Diese stützt sich auf die unermüdliche Arbeit von Leuten die erziehen, ermahnen, überzeugen, diskutieren und mit jedem im Einklang mit seiner Mentalität reden. Man kann mit dem charedischen Juden aus Ungarn nicht so reden wie mit einem sogenannten säkularen Juden. Sowohl die Väter als auch die Söhne haben ihren jeweils ureigenen Stil: "Und er wird zurückführen das Herz der Väter zu den Kindern, und das Herz der Kinder zu ihren Vätern" (Maleachi 3,24). Die Väter müssen die göttliche Wesenseigenschaft der Kinder verstehen lernen,
nicht weniger wie die Kinder den Wert der Eltern erkennen müssen. Einst besuchte ein Rabbiner aus Israel eine Gemeinde in der Diaspora, wo in der Synagoge groß geschrieben stand: 'Der das Herz der Kinder zu ihren Vätern zurückführt'. Da fragte er: "Wo ist denn der erste Teil des Verses abgeblieben?", und erhielt zur Antwort: "Wozu? Die Väter sind ja in Ordnung, das Problem sind nur die Kinder!" Aber der Prophet Maleachi dachte anscheinend anders. Im Gegenteil, er setzte die Rückführung der Herzen der Eltern zu den Kindern an die erste Stelle - das würde dann auch die Umkehr der Kinder auslösen. Wie dem auch sei, mit der auf dieser Stufe geschilderten Umkehr ist gar nicht die der Rückkehr zur praktischen Ausführung der Gebote gemeint, sondern eine Annäherung an den Glauben an G~tt im Allgemeinen. Erst der nächste Schritt (Vers 8) behandelt die Ausführung der Gebote - erst nach dem Erlangen von Respekt und der Sympathie des Herzens sind das Lernen und die
Gebotserfüllung an der Reihe. Die letzte Stufe bilden die Liebe zu G~tt und die Rückkehr zu G~tt "mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele", die höchste Form der Hingabe. Und wo bleibt die erste Stufe? Widerspricht sie nicht ganz und gar dem eben Angeführten? Ist doch schon dort, ganz am Anfang, von vollkommener Umkehr die Rede: "..und du zu dem Ewigen.... ..zurückkehrst..und auf seine Stimme hörst...mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele" (Verse 1-2). Der Unterschied besteht vielmehr darin, daß es hier Umkehr "ad haschem" (hin zu G~tt)
heißt, in der letzten Stufe aber "el haschem" (zu G~tt). Mit der Umkehr "hin zu G~tt" wird die Umkehr aus Furcht bezeichnet, wie die aramäische Übersetzung bezeugt. Das Exil wird von Sorgen begleitet, das jüdische Volk lernt durch die Flüche und Segnungen (siehe Kap.29) und zieht seine Schlüsse. Diese Umkehr drückt sich in Taten aus und wird von bestimmten Verhaltensnormen geprägt, die nicht von innen, vom Herzen kommen, sondern auf äußerliche Ursachen zurückgehen. Der Talmud im Traktat Sanhedrin (97b) beschreibt so die Rückkehr zum Lande Israel und zum Volk Israel "wegen eines Herrschers, dessen Dekrete so furchtbar sind wie die des Haman". Diese Umkehr erfolgt ohne bewußte Erkenntnis, vielleicht sogar ohne Glauben. "Hin zu G~tt" - in die Richtung, nicht aber ihn erreichend. In diesem Prozeß wirkt die jüdische Nation. Sie kehrt zu ihrer Sprache und ihrem Land zurück, ohne sich der wahren Bedeutung ihrer Taten bewußt zu sein. "Das Erwachen des Verlangens der Nation in ihrer Allgemeinheit nach Rückkehr in ihr Land, zu ihrem Wesen, zu ihrem
Geistesleben und ihrer spezifischen Eigenschaft - enthält wahrhaftig das Licht der Umkehr, diese Sache kommt wirklich in äußerster Klarheit in den Worten der Tora zum Ausdruck: 'veschawta ad haschem'" (aus Orot HaTschuwa 17,2, Rabbiner A.J.Kuk, erster Oberrabbiner Israels).

Erst am Ende des historischen Entwicklungsprozesses von Erlösung und Umkehr gelangt das jüdische Volk zu vollkommener Umkehr, Rückkehr zu G~tt im Sinne von "el haschem", zur Rückkehr aus Liebe und Hingabe.