Parschat "Noach" (1. Buch Moscheh "Genesis" 6,9 - 11,32) S.358
Technologie und Ethik am Beispiel des Turmbaus zu Babel

Wir haben gar nichts dagegen, "eine Stadt zu bauen und einen Turm, dessen Spitze an den Himmel reicht" (Gen. 11,4). Auch nicht gegen "laßt uns Ziegel formen und sie brennen. Und die Ziegel dienten ihnen als Bausteine und das Erdharz als Mörtel" (ebda.,3). Im Gegenteil, die Tora verpflichtet uns zur technologischen Weiterentwicklung, nach der Auslegung Rabbiner Moscheh ben Nachmans ("Nachmanides") zum Schriftvers (Gen. 1,28) "Füllet die Erde und bezwinget sie": "Er gab ihnen die Kraft und die Herrschaft über die Erde, mit den Tieren und allem, was da kreucht und fleucht, nach Belieben zu verfahren, aufzubauen und zu entwurzeln, einzupflanzen und aus den Bergen Kupfer zu hauen und ähnliches mehr". Die talmudischen Weisen kommentierten bekanntlich den Vers (Gen. 2,3): "..denn an ihm [Schabbat] ruhte G~tt von allem Werke, das er erschaffen hatte zu machen" - "alles, was in den ersten sechs Tagen geschaffen wurde, benötigt des Machens [durch den 
Menschen]" (Midrasch Bereschit Rabba, 11,6); in diesem Sinne bedeutet Brot einen Fortschritt gegenüber dem Weizen, und Kleidung zählt mehr als bloßer Flachs. 

Das Problem kommt allerdings zum Vorschein, wenn die Sache zum Selbstzweck wird und die Menschen das höhere Ziel aus den Augen verlieren, nämlich ihre moralische Erhebung. Unsere talmudischen Weisen berichten uns über den Turmbau zu Babel, daß ein Absturz vom Gerüst mit Todesfolge wenig Aufmerksamkeit fand, wenn aber ein 
Quaderstein herunterfiel, alle dasaßen, weinten und stöhnten: "Oweh, wann wird bloß Ersatz dafür heraufkommen?!". 

Einst sagte ein Denker: "Weder Eisenbahn noch Dampfschiff können mich beeindrucken, nicht diese bestimmen das Wesen menschlicher Zivilisation". Der wahre Fortschritt der Menschheit besteht in ihrer Fortentwicklung auf den Gebieten der Ethik und der Spiritualität. Die wahrhaftige Ethik ist die göttliche Ethik. Ohne die Einbeziehung des Herrn der Welt hat die ganze Geschichte keinen Sinn. Darin bestand die Sünde der Generation der Zerstreuung [nach der Verwirrung der Sprachen]: sie hielten sich an die Nebensache und lehnten sich auf gegen die Hauptsache (siehe Raschi zu Gen.11,9). 

Wie unsere Weisen sagten, machte die Höhenluft des Turmes zu Babel vergeßlich - sie ließ den Herrn der Welt in Vergessenheit geraten. Im Gegensatz dazu heißen wir "das Volk, das seinen G~tt kennt" (Daniel 11,32).

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 S.356
Der Mann Noach

Die Welt verstrickt sich immer tiefer in spirituellen und physischen Widerwärtigkeiten, und jeder Optimismus hinsichtlich ihrer Rettung strebt dem Nullpunkt entgegen - da erscheint diese wundersame Persönlichkeit, Noach, auf der Bildfläche, der Ausgangspunkt für die Tröstung der Welt: "Dieser wird uns trösten wegen unserer Taten" (Gen. 5,29) - es gibt noch Hoffnung auf den Fortbestand der Menschheit. Aus diesem Grunde wollte ihn sein Großvater Metuschelach nicht Noach benannt wissen, da er befürchtete, seine Zeitgenossen, die nur auf Zerstörung auswaren, würden die Absicht durchschauen und ihn töten (Midrasch). 

Zwar gilt unser Vorvater Awraham als auf einem höheren spirituellem Niveau als Noach (siehe Raschi zu Gen. 6,9), allerdings sollte man berücksichtigen, daß es unterhalb der Rangstufe von Awraham noch genug Spielraum für jede Art Geistesgrößen gibt. 

Noachs Wert ist ein zweifacher: "Noach war ein gerechter Mann, tadellos in seiner Zeit, und wandelte mit G~tt" (Gen. 6,9) - und gleichzeitig erdverbunden (Gen. 9,2): Ein Gerechter und ein Mann der Erde in einem, die Verbindung dieser beiden Begabungen ist wundersam" (Rabbiner A.J.Kuk, Orot Hakodesch). 

Noachs Neigung zur Erdverbundenheit, sein Streben zur Besiedlung der Welt, 
unterscheidet sich wesentlich von der Persönlichkeit Kains, dem Ackerbauer (Gen. 4,2), "der ein Knecht der Erde und der viehischen Erwerbungen wurde, statt über sie zu herrschen" (Abarbanell-Kommentar), Noach hingegen ist ein Mann der Scholle, "ein Herr der Erde, wie der Mann von Naomi [aus dem Buche Ruth]" (Raschi zu Gen. 9,20), eine Pesönlichkeit (nach der aramäischen Übersetzung des Onkelos "Herr der Bodenbearbeitung", nicht wie Kain nur "Boden bearbeitend"), die bei der Besiedlung der Welt eine zentrale Rolle spielt. 

Der Mensch wurde aus Erde geschaffen [Mensch = "Adam", Erde = "Adama"], doch als Folge seiner Abweichung vom rechten Wege: "sei die Erde um deinetwillen verflucht" (Gen. 3,17). Auch Kains Sünde war mit der Erde verbunden: "So komme denn Fluch über dich vom Erdboden.." (Gen. 4,11). Noach brachte der Welt Trost für ihre Traurigkeit, indem er ihr Pflug und andere Arbeitsgeräte schuf und so begann, die Erde von ihrem Fluch zu befreien (Raschi zu Gen. 5,29), "die Kuh und die Furche gehorchen dem Pflüger" (Midrasch), und die Erde kehrte durch Hervorbringen von Frucht (und 
nicht von Dornen und Disteln) zu ihrem Normalzustand zurück. Er ist der "Mann der Erde" (s.o.), mit Herz und Seele sucht er sie von ihrem Fluch zu befreien, er betreibt die Landwirtschaft um ihrer selbst willen. 

Seine Fürsorge galt auch den Tieren, ohne Ausnahme. Verläßlich kümmerte er sich um alle Passagiere der Arche, opferte sich auf für Elefant und Schildkröte, Panther und Chamäleon, Löwe und Maus (siehe Sanhedrin 108b). 

Zwar hatte er nicht die Kraft, vor G~tt zu wandeln wie unser Stammvater Awraham, d.h. Mut zu fassen und den Weg des Gerechten aus eigenem Antrieb zu gehen, die ganze Welt durch seine Verdienste zu schützen und die Menschheit von ihren geistigen Bedrängnissen zu befreien. Daher verweilte er längere Zeit in der Arche auf hoher See. 

Er sah, daß es seine Kräfte übersteigen würde, seinen segensreichen Einfluß der ganzen Welt zukommen lassen zu wollen, die Menschen waren einfach zu verstockt und ihre Taten zu verdorben; so zog er sich in die Arche zurück, um dort all seine Kräfte zu sammeln und zu mehren, bis er stark genug war - nicht wie Awraham, der durchaus die ganze Menschheit in Schutz nehmen konnte, der über genügend Willenskraft und Tatendrang verfügte, in die Welt hinauszugehen. Hieraus lernen wir, daß die wahre menschliche Natur die Begabung und Neigung ist, sich mit der Zivilisation der Erde zu beschäftigen - und dabei mit G~tt zu wandeln. 

"Die Neigung zur Scholle stellt aber letztendlich eine gewisse Bürde dar, welche die Vorväter abzuschütteln vermochten" (Orot Hakodesch), und Noach versagte wegen der Pflanzung des Weinberges. Die Vorväter hingegen, die G~tt durch tiefere Anhänglichkeit verbunden waren, scheiterten nicht an solchen Ausschweifungen. 

Auf jeden Fall wird durch Noach deutlich, wie das Bestehen der Welt und die 
Sittlichkeit der Menschheit voneinander abhängen, was im Regenbogen seinen Ausdruck findet, welcher den Bund und die Verbindung G~ttes mit der Welt bezeugt. 

"Durch Noachs fundamentale Seele offenbarten sich alle Geschöpfe der Welt, alles Leben, sie alle kamen zu ihm in die Arche" (Orot Hakodesch), er umfaßte alles Lebende, wohingegen Awraham die Menschheit umfaßte, "Vater vieler Völker", und er hielt den Schlüssel zu ihrem Segen; "..und durch dich sollen alle Geschlechter der Erde gesegnet werden" (Gen. 12,3).