Parschat "Mischpatim" 
(2.Buch Moscheh "Exodus", Kap.21,1 - 24,18) S.386
Von den zwischenmenschlichen Beziehungen 

Diese Woche lernen wir eine ganze Reihe von Ge- und Verboten über 
zwischenmenschliche Beziehungen, mit besonderem Schwerpunkt auf der Mahnung, den Nächsten nicht zu schädigen. Der Talmud gibt drei Definitionen von Frömmigkeit: "Wer ein Frommer sein will, halte die Gesetze von den Schädigungen. Rawa sagte: Die Vorschriften [des Traktates Sprüche] der Väter. Manche sagen, die Vorschriften [des Traktates] von den Segenssprüchen (=Brachot)" (Baba Kama 30a). 

Der MaHaRaL (Der "hohe Rabbi Löw" aus Prag) spricht in seinen Werken von drei Dimensionen der Frömmigkeit: 
1. Die Vollkommenheit der Beziehung zum Nächsten - durch die Verhinderung von Schädigungen, 
2. die Vollkommenheit der Beziehung zum Herrn der Welt, wie im Traktat Brachot geschildert, und 
3. die Vollkommenheit der charakterlichen Eigenschaften des Menschen, wie sie durch die moralische Anleitung der "Sprüche der Väter" entwickelt wird. 

Wie dem auch sei, auf jeden Fall werden hier negative Aspekte, nämlich die Notwendigkeit der Verhinderung von Schädigungen erwähnt. Entsprechend erwiderte Hillel der Ältere dem Fragesteller, der die ganze Tora auf einem Bein stehend erklärt haben wollte: Was du nicht willst, das man dir tu - das füg' auch keinem andern zu! (Schabbat 31a; dort reimt es sich allerdings nicht). Schon häufig wurde dazu die Frage aufgeworfen, warum diese Weisheit nicht auf positive Art gelehrt werde ['Tue deinem Nächsten so, wie du von ihm behandelt werden willst']. Wäre das nicht von wesentlich höherem spirituellen Rang? 

Dazu erklärte Rabbiner Avigdor Ami'el, es sei leichter, "Gutes zu tun", als das "Böse zu meiden", wie die Realität zeigt. Es gibt Leute, die zwar Mildtätigkeit üben, gleichzeitig aber den Anderen verletzen sowie Zank und Streit säen. Das hat mehrere Ursachen: 
1. Die Mildtätigkeit erscheint bei ihnen spontan und impulsiv, wohingegen die Stufe des "Meide Böses" konstante Vorsicht und Aufmerksamkeit verlangt. 
2. Der Mensch ist gern aktiv und empfindet viel größere Befriedigung bei der Ausübung von guten Taten als beim Vermeiden der Schädigung seines Nächsten. 
3. Für jede gute Tat macht man dem Menschen ein Mischeberach in höchsten Tönen und in aller Öffentlichkeit, wohingegen das Meiden des Bösen seinen Anhängern keinen besonderen "Segen" bringt, und wir haben noch nie ein Mischeberach über jemanden gehört, nur weil er nicht stiehlt und andere übers Ohr haut... 

Wer also ein wirklich Frommer sein will, erfülle die Gesetze von der Vermeidung von Schädigungen.