Parschat "Mezora" (Lev. 14,1 - 15,33) S.400
Die üble Nachrede

Der größte aller Schäden, die dem Menschen anhaften können, ist die
Sprachschädigung, denn im Sprechen unterscheidet sich der Mensch von allen anderen Kreaturen; darum wird er auch der "sprechende Mensch" genannt.

Das Wesen des Menschen definiert folgender Vers: "so ward der Mensch zu einem lebenden Wesen" (Gen. 2,7), in der aramäischen Übersetzung (Targum Onkelos) "sprechender Geist". Das Sprachvermögen vermag seiner inneren Welt, seinen Gedanken zum Ausdruck zu verhelfen. Der gesunde, normale Mensch, "dem G~tt Erkenntnis gewährt" (Schmone Esre), verfügt über einen Körper, dem die Seele eingehaucht wurde, und aus gutem Grund sollte sich diese spezifische seelische Kraft offenbaren und Ausdruck finden. Das ist mit dem "sprechenden Menschen" gemeint.
Es versteht sich von selbst, daß er nur da spricht, wo es nötig ist. Daneben ist der gesellschaftliche Aspekt zu berücksichtigen, denn der Mensch spricht in der Regel mit einem anderen. Er übermittelt seinem Nächsten durch die Rede einen Teil seiner Verstandes- und Gefühlswelt. Er drückt der menschlichen Gesellschaft gegenüber das aus, was in ihm steckt. Kurzum: Der ganze Mensch offenbart sich im Inhalt seiner Rede. Und daher die enorme Bedeutung des anständigen und richtigen Redens.

Umgekehrt versteht sich aus dem Vorgenannten der schwerwiegende Makel eines Menschen, der nicht "richtig" zu sprechen versteht. Deshalb beginnt die Tora ihre Untersuchungen über die in spiritueller und auch in physischer Hinsicht krankhaften Zustände des Menschen mit dem Aussätzigen (Mezore'a), dem Übles Nachredenden (Hamozi [schem] ra, siehe Traktat Arachin 15b). Die üble Nachrede ist eine Beschädigung des menschlichen Sprachvermögens. Bei den talmudischen Weisen finden sich erschütternde Vergleiche in Bezug auf die üble Nachrede (ebda.), wie
etwa mit Götzendienst, Inzest und Blutvergießen, und daß jeder, der der üblen Nachrede frönt, einem G~ttesleugner gleicht.

Beim "Chafetz Chajim" (Rabbiner Israel Me'ir Hakohen), dem göttlichen Sendboten zur Heilung der Sprache, der zu diesem Thema mehrere Bücher verfaßte, finden wir einen besonderen Ausdruck - daß der Übles Nachredende nicht nur seine eigene Sprachkraft spirituell verunreinigt, sondern auch die der gesamten jüdischen Gemeinschaft.

Dem steht die Reinheit der Sprache gegenüber, die Gesundheit der Sprache, die Macht der Heiligkeit der Sprache.