Parschat "Mezora" (Lev. 14,1 - 15,33) S.401
Vom Reden und Schweigen 

Der Mensch unterscheidet sich von der übrigen Schöpfung durch die Rede, der "redende Mensch". Diesem Lebewesen wurde vom Herrn der Welt die besondere Befähigung verliehen, seine Gedanken in Form von Worten auszudrücken. Einerseits gibt es Gedanken, deren sprachlicher Ausdruck die Welt wie mit Wohlgeruch erfüllt, und andere, die zum Himmel stinken. Diesbezüglich heißt es im Buche Kohelet (Prediger 
3,7): "eine Zeit des Schweigens", um solche Gedanken zu korrigieren oder wenigstens abzumildern. In den Worten unserer talmudischen Weisen (Chulin 89a): "Was sei die Beschäftigung des Menschen in dieser Welt? Er stelle sich stumm". Es gibt Situationen, in denen man sich stummstellen muß, wenn es auch manchmal außerordentlich schwerfällt; doch nicht immer: "Man könnte glauben, auch inbezug auf Worte der Tora, so heißt es [Psalm 58,2] 'Gerechtigkeit zu sprechen'" (ebda.). Wenn es um Gerechtigkeit, Tora, Heiligkeit, Sittlichkeit, Mildtätigkeit und Menschenwürde geht, gibt es nichts zu schweigen. Darin besteht die Kunst des Menschen - zu wissen, wann zu reden und wann zu schweigen. Wenn ein Mensch dummes Zeug redet, kann sich dieses Zeichen geistiger Verrottung sogar an seinem Körper bemerkbar machen. Ein bestimmter psychsomatischer Vorgang bringt diese Verrottung durch Hautaussatz zum Ausdruck. Und in schlimmeren Fällen macht sich diese Erscheinung auf der Kleidung und sogar auf den Hauswänden bemerkbar. 

Üble Rede verbreitet ihren Pesthauch in der ganzen Umgebung und legt ihn auf die ganze Gesellschaft. Dieser niedere Trieb sucht sich gerne ein gesetzliches Schlupfloch, auf das er sich dann scheinheilig beruft. So können auch diejenigen, die aus uneigennützigen Gründen über einen Mitmenschen reden, zerstörend wirken. Gibt es denn ein deutlicheres 
Beispiel dafür als die Zerstörung des zweiten Tempels? Trotz der vielen Gerechten, die sich mit Torastudium, Gebotserfüllung und Mildtätigkeit beschäftigten - doch leider bedienten sie sich der üblen Nachrede (Joma 9a, Einleitung des Buches "Chafetz Chaim"). Es gibt daher keinerlei Rechtfertigung für die Vergiftung von Nation und Gesellschaft mit übler Rede, selbst für sogenannte "höhere Ziele", da meist ein unvorstellbar größerer Schaden angerichtet wird als irgendein denkbarer Nutzen. 

Wer natürlich nicht das Buch "Chafetz Chaim" - von der üblen (Nach-)Rede - einige Male gründlich durchstudiert hat, muß sich sehr zurückhalten und zugeben, daß er viele Dinge nicht kennt, und sichere Zuflucht beim Schweigen suchen. Er braucht auch nicht zu befürchten, daß er damit seine Aktionsmöglichkeit einschränkt oder Verrat an seiner Verantwortlichkeit übt. Es gibt nämlich Reden, das zerstört, und Schweigen, das aufbaut. Wer sich ernsthaft im Schweigen übt, wird mehr und mehr wahrer Weisheit teilhaftig werden, denn "ihr Schutzzaun ist Schweigen" (Mischna "Sprüche der Väter" 3,17). "Darum verstummt der Einsichtige in selbiger Zeit" (Amos 5,13). Durch die Kunst des Schweigens erwirbt der Mensch hohe Verantwortlichkeit in seinen Äußerungen, und so bringt sein Wort der Welt Segen und Heilung.