Parschat "Mass'ej" (4. Buch Moscheh 33,1 - 36,13) S.427/450
Das Land Israel und seine heiligen Früchte

In der Haftara heißt es: "Und ich brachte euch in das Land der Fruchtgefilde, daß ihr esset seine Frucht und seinen Segen" (Jirmijahu 2,7). Entsprechend sagen wir nach dem Verzehr von Kuchen, Wein und den Früchten, für die das Land Israel bekannt ist [Weintraube, Feige, Granatapfel, Olive, Dattel], den Segensspruch ("kurzes Tischgebet"): "...daß wir von seiner Frucht essen und uns an seiner Güte sättigen"
(siehe z.B. Sidur Sefat Emet, S.289).

Einige der großen Rabbiner aus der Periode der "Rischonim" (vor etwa 1000 Jahren) lehrten einen anderen Gebetstext. Im "Tur" (Vorläufer des "Schulchan Aruch"), dem religionsgesetzlichen Kompendium des Rabbiners Jakov ben Ascher, heißt es im Namen des "Sefer Mitzwot Gadol": "dies ist nicht zu sagen, denn es ist nicht angebracht, das Land [Israel] wegen seiner Früchte und seiner Fülle zu begehren, sondern um die daran gebundenen Gebote zu erfüllen" (Tur, Orach Chajim §208). Auch das Gesetzbuch "Mischna Brura" erwähnt diese Ansicht: "...und es gibt jene, die den Passus 'daß wir von seiner Frucht essen und uns an seiner Güte sättigen' weglassen" (§208, 10,50).

Dieser Version kann man kaum widersprechen, schließlich befinden wir uns hier im Lande Israel doch wegen seiner spirituellen Vorzüge und nicht zu irgendeinem materiellen Nutzen?!

Zu diesen Einwand schrieb der Autor des "Bejt Chadasch" [Kommentar zum "Tur"], Rabbiner Joel Sirkis folgende Anmerkung: "Ich wundere mich über diese Auffassung - erhält doch die Heiligkeit des Landes einen direkten Einfluß von der Heiligkeit seines Gegenstückes in den höheren Sphären - wie auch die Heiligkeit seiner Früchte, die nämlich so vom Einfluß der göttlichen Präsenz erhalten, die das ganze Land Israel
durchsetzt. Darum geht es in der Warnung am Ende von Parscha Mass'ej (Num.35,34): 'Verunreinigt nicht das Land, in dem ihr weilt, in dessen Mitte ich wohne; denn ich der Ewige, wohne inmitten der Kinder Israels' - damit sagte er, wenn ihr das Land verunreinigt, gelangt diese Unreinheit auch in seine Früchte, die von ihm Nahrung erhalten, und schon hat sich die göttliche Präsenz vom Lande entfernt, indem Ich residiere, tatsächlich aus dem Erdboden des Landes entfernte sie sich wegen der Unreinheit, die ihr dort verursachtet, und daraus folgt, daß auch Ich meine Präsenz aus den Kindern Israels abziehe, die bisher Palast des Ewigen waren, weil die
göttliche Präsenz unter ihnen weilte, und jetzt, durch Essen der von Unreinheit des Landes genährten Früchte, entfernte sich die göttliche Präsenz, denn wenn die Unreinheit durch das Essen der Früchte Eingang bei den Kindern Israels findet, entfernt sich in gleichem Maße die Heiligkeit aus den Kindern Israels; darum ist es logisch, wenn wir in diesem Segensspruch 'daß wir von seiner Frucht essen und an seiner Güte uns sättigen' einbringen, denn durch das Essen seiner Früchte nähren
wir uns von der Heiligkeit der göttlichen Präsenz und ihrer Reinheit, und sättigen uns an seiner Güte".