| Parschat "Ki Tissa"
(2.Buch Moscheh "Exodus", Kap.30,11 - 34,35) S. 392 Die Kriterien von Gut und Böse Wie im Buche "Kusari" (Rabbi Jehuda Halevi) erklärt, gilt die Sünde vom goldenen Kalb nicht als aktiver Götzendienst, weil selbst die Verfertiger des Kalbes nur vorhatten, damit dem Herrn der Welt zu dienen. Sie sündigten jedoch durch die Anfertigung eines Abbildes (I,97). Wenn allerdings beim G~ttesdienst jedes Abbild verboten ist, was sollen wir demnach von den Cherubim im Allerheiligsten halten ?! Der grundlegende Unterschied zwischen dem goldenen Kalb und dem goldenen Cherub besteht darin, daß G~tt das eine zu fertigen befohlen hat, das andere aber nicht. Der Unterschied liegt nicht in der Quantität, sondern in der Qualität, im Unterschied zwischen Allem oder Nichts. In diesem Sinne können wir das goldene Kalb als Wiederholung der Sünde des ersten Menschen auffassen. Adam wollte sicher nur Gutes tun und nicht sündigen. Zwar war er von gewaltiger spiritueller Größe, doch wollte er auch noch der Herr über Gut und Böse sein. Er "stahl" das Bestimmungsrecht über die Kriterien von Gut und Böse. "Von sich aus erkennend Gut und Böse" (Gen.3,22) [entsprechend u.a. der Übersetzung des Onkelos und dem Kommentar von Rav Sa'adia Gaon] - Adam glaubte von sich aus zu wissen, was gut und was böse sei. Diese Art Sünde heißt, modern ausgedrückt, "Humanismus": der Mensch bestimmt die moralische Wertordnung, nicht der Herr der Welt. So brachte der erste Mensch Gut und Böse durcheinander (siehe Rabbiner Chajim aus Woloschin "Nefesch HaChajim", 1. Abschnitt, 6. Kapitel, Anmerkung). Auf diese Weise drang in den ersten Menschen die "Unreinheit der Urschlange" ein. Er unterlag damit der furchtbaren gedanklichen Verwirrung der moralischen Grundwerte. Bei der Übergabe der Tora am Sinai "retournierten" wir dem Herrn der Welt durch unseren Ausspruch "Wir wollen tun und wir wollen hören" (Ex. 24,7) [erst "tun", und dann "hören", nicht umgekehrt] das Bestimmungsrecht über Gut und Böse, wodurch die Verunreinigung der Urschlange von uns wich. Wir verlangten nicht mehr kleinliche Rechnungslegung von G~tt und kehrten zu unserer ursprünglichen Eigenschaft der Geradheit zurück, so wie uns G~tt geschaffen hatte. Die Sünde des goldenen Kalbes aber brachte die Unreinheit der Urschlange wiederum über uns. Ein weiteres Mal stahlen wir uns das Definitionsrecht von Gut und Böse. Diese Sünde wurde der Gemeinschaft im nationalen Sinne angerechnet. "Aber am Tage, da ich ahnde, werde ich an ihnen ihre Sünde ahnden" (Ex. 32,34). Sie hatte sich über alle Generationen ausgebreitet (siehe Sanhedrin 102a). Und wir? Wir arbeiten an der Begriffsbereinigung von Gut und Böse, an ihrer Befreiung von jener Unreinheit. Bis wir den Tag erreichen, von dem es heißt: "Und den Geist der Unreinheit werde ich wegschaffen aus dem Lande" (Secharja 13,2). |