Parschat "Kedoschim" (Lev. 19,1 - 20,27) S.402
"Liebe deinen Nächsten wie dich selbst"

Im Mittelpunkt unseres Wochenabschnittes stehen jene Worte, die alle
zwischenmenschlichen Gebote in sich bergen: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Lev. 19,18). Rabbi Akiva sagte dazu: "Dies ist ein Grundgesetz der Tora" (Talmud Jeruschalmi, Nedarim 9,4), d.h., alle anderen Gebote leiten sich von diesem großen Grundsatz ab. Auf den ersten Blick scheint dieser Vers nur die Liebe des Nächsten, des Freundes, der den rechten Weg geht, zu gebieten, wie auch aus dem Gesetzeswerk des Maimonides ("Mischne Tora") hervorzugehen scheint: "..liebe deinen Nächsten wie dich selbst, alle Dinge, die du möchtest, daß Andere sie dir
zufügen, tue diese an deinem Bruder in Tora und Mitzwot" (Gesetze der Trauer, 13,1). Offensichtlich beschränkt Maimonides diese Pflicht auf denjenigen, der Tora und Gebote einhält. Dies steht in krassem Gegensatz zu einer eindeutigen Talmudstelle im Traktat Sanhedrin (52b): "Bereite ihm einen leichten Tod, wie es heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Wir sind verpflichtet, dem durch das Sanhedrin zum Tode durch eine der vier vorgeschriebenen Tötungsarten Verurteilten die Leiden so gering wie möglich zu halten; als Quelle für diese Lehre werden dort vier Beispiele von
möglichen Erleichterungen aufgeführt. Da haben wir den eindeutigen Beweis, daß man auch den größten Sünder lieben muß. Und nicht nur das - Maimonides widerspricht sich offenbar selber, da er an anderer Stelle schreibt: "Jeder Einzelne hat die Pflicht, einen jeden Juden wie seinen eigenen Körper zu lieben, wie es heißt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" (Gesetze der Erkenntnisse, 6,3), also ohne jede Einschränkung.

Daher erklärte Rabbiner Bar-Scha'ul die Stelle "deinen Bruder in Tora und Mitzwot" nicht mit jemandem, der die Gesetze hält, sondern jemand, der genau wie du zur Einhaltung der Gebote verpflichtet ist. Diese Verpflichtung zur Einhaltung von Tora und Mitzwot macht ihn der Gemeinschaft Israels zugehörig und daher das Gebot, ihn zu lieben. Es stellt sich also die große Frage: Warum sollen wir jemanden lieben, der vom rechten Weg abweicht?! Heißt es doch in Psalm 139 (21+22): "Sollte ich deine Hasser, Ewiger, nicht hassen? Des äußersten Hasses hasse ich sie, Feinde gelten sie mir". Wie ist es überhaupt möglich, so einen zu lieben ?! Überdies steht im Talmud ausrücklich, den Übeltäter zu hassen (Pessachim 113b), und auch dies übernahm Maimonides in sein Gesetzeswerk aufgrund des Verses "Wenn du den Esel des dir Verhaßten siehst" (Ex. 23,5): "Und wie kann ein Jude einen anderen als Hasser haben, heißt es nicht 'hasse nicht deinen Bruder in deinem Herzen'? Die Weisen sagten: Wie einer alleine jemanden bei einer Übertretung ertappte [d.h. ohne einen
weiteren Zeugen, so daß er den Übeltäter nicht vor Gericht bringen kann] und ihn erfolglos ermahnte - dann ist es ein Gebot, ihn zu hassen, bis er bußfertig umkehrt und von seiner Bosheit abläßt" (Gesetze vom Mörder und dem Schutz des Lebens, 13,14). Daraus entnehmen wir das Gebot, Übeltäter nach erfolgter Ermahnung zu hassen. Aber sagten wir nicht vorher, daß wir sie lieben müssen?! Diesen Widerspruch löste der Autor des "Tanja" (Gründer der Lubawitscher Richtung des Chassidismus) mit
folgenden wunderbaren Worten: "Diejenigen, die wir geboten sind zu hassen, sind wir auch geboten zu lieben, und beides ist Wahrheit, der Haß von seiten des in ihnen steckenden Bösen, und die Liebe von seiten des Aspektes des in ihnen verborgenen Guten, das ist der in ihnen verborgene göttliche Funke, der ihrer göttlichen Seele Leben gibt". Und er fügte hinzu, daß "wir uns ihrer göttlichen Seele erbarmen müssen, die sich wie im Exil des sie erdrückenden Bösen befindet..., und das Erbarmen löscht den Haß aus und erweckt die Liebe". Demnach müssen wir sie gleichzeitig sowohl
lieben als auch hassen, denn sie sind gut von seiten der Seele und schlecht im Hinblick auf ihre Taten, die Seele aber ist auf jeden Fall die Hauptsache, und entsprechend auch die Liebe.

Zum gleichen Ergebnis kam der heilige und geniale Rabbi Schmelke aus Nikolsburg, und zwar erbrachte er den Beweis von folgendem Segensspruch, der den Priestersegen einleitet: "...der uns geboten hat, sein Volk Israel in Liebe zu segnen", das ganze Volk, einschließlich der Sünder, denn nach dem Sohar (Hauptwerk der Kabbala) darf ein Kohen nicht segnen, wenn er das Volk nicht liebt. Dies ist ein weiterer deutlicher Beweis, daß der Haß nicht auf das Wesen, sondern nur auf das Schlechte in ihm gerichtet ist.

Auch der Talmud bestätigt dies: "Ein Israelit hat sich versündigt - ..wenn er auch gesündigt hat, so ist er dennoch ein Israelit" (Sanhedrin 44a) und fährt fort: "Das ist es, was die Leute sagen: auch die Myrte zwischen den Brennesseln ist eine Myrte, und man nennt sie Myrte". Die Myrte - eine Metapher für die reine jüdische Seele, und die sie umgebenden Brennesseln bedeuten äußerliche Schlechtheit.

Wie gesagt bezieht sich das Gebot, den Sünder zu hassen, nur auf den Fall, wenn die vorgeschriebene Verwarnung erfolgte und er diese zurückwies, wenn man ihn aber überhaupt nicht erst ermahnte, gilt nur das Gebot, ihn zu lieben. Im Midrasch wird uns berichtet: "Rabbi Tarfon sagte: In dieser Generation gibt es niemanden, der regelrecht ermahnen kann. Rabbi Akiba erwiderte: In dieser Generation gibt es niemanden der weiß, wie man regelrecht ermahnt". Und erst recht nicht in unserer Generation; wenn wir wirklich wüßten, wie man richtig ermahnt, würde sich jeder Sünder sofort bessern. Daher verfügten sowohl der "Chafez Chajim" (s.o.) als auch
Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels), und der "Chason Isch" (Rabbiner Awraham Jeschaja Karelitz), daß es in unserer Generation verboten sei, irgendeinen Juden zu hassen, vielmehr müsse man alle Juden lieben.

Nach diesen klärenden Worten können wir nun die ursprünglichen Frage beantworten, warum ein Sünder zu lieben und wie das überhaupt möglich sei. Das Schlechte ist bei ihm nämlich nur eine Äußerlichkeit, doch in seinem Innersten steckt eine reine und heilige Seele, die viel Licht und gute Eigenschaften auf den Charakter ihres Trägers ausstrahlt. Das Gute in jedem Einzelnen aufzuspüren ist eine schwere Aufgabe, die unendliche Weisheit erfordert. In diesem Sinne schrieb Rabbiner Kuk: "Die jüdische
Nächstenliebe ...ist nicht nur eine gefühlsmäßige Aufgabe, sondern eine echte Berufung der Tora, eine tiefe und umfassende Wissenschaft" (Orot, S.148).