| Parschat "Emor" (Lev. 21,1 - 24,23) S.404
Auge um Auge "Auge um Auge" bedeutet Geldentschädigung. Unsere talmudischen
Weisen bringen viele verschiedene Beweise dafür: Wenn zum Beispiel
der Schädiger bereits auf einem Auge blind ist, würde es ja enorm
ungerecht sein, ihm zur Strafe auch noch das gesunde Auge zu entfernen.
Überhaupt könnte das Herausnehmen eines Auges zum Tode führen,
Nun stellt sich allerdings die Frage, warum die Tora nicht einfach ausdrücklich vorschreibt, daß für die Blendung eine Geldentschädigung zu zahlen sei, etwa: "so bezahle er ihm für seine Hand oder für seine Verletzung"?! Dazu antwortete der "hohe Rabbi Löw" aus Prag (MaHaRaL), dies sei nicht [mit den üblichen Arten der Geldentschädigung] zu vergleichen; hat jemand das Haustier seines Nächsten getötet, befreit ihn die Zahlung der angemessenen Entschädigung von jeder Schuld. Hat er jedoch seinen Nächsten verletzt, so kommt er nicht mit einer Geldzahlung allein davon, sondern verdient eigentlich denselben Schaden; weil dies aber unmöglich ist, wird er nicht eher frei von Schuld, als bis er seinen Nächsten auch um Vergebung gebeten hat und dieser sie gewährt ("Gur Arje"). Der gleiche Gedanke wird uns im Namen des Rabbi Elijahu, "Gaon von Wilna" überliefert. In Wahrheit müßte der Schädiger dasgleiche Körperteil verlieren, das er seinem Nächsten zerstört hatte, um zu zeigen, daß die Teile des menschlichen Körpers nicht nur nach Geldwert zu bemessen seien. Allerdings läßt die Tora hier Gnade walten. Nach dieser Erklärung wird ein bestimmter Abschnitt der oben erwähnten Talmudstelle verständlich. Dort heißt es: "Rabbi Elieser sagte: Auge um Auge - wörtlich!" Wundern sich die Weisen und fragen: "Wörtlich, wie ist dies denn möglich?!" Rav Aschi gibt die Antwort: "Vielmehr besagt dies, daß man nicht den Beschädigten, sondern den Schädiger schätze". Manchmal gibt es Unterschiede zwischen dem Wert des Auges des Schädigers und dem Wert des Auges des Beschädigten, und hier hat der Schädiger nach dem Wert seines Auges zu zahlen. Eigentlich hätte er dieses hergeben müssen, und die Zahlung dient sozusagen als Ablösesumme. Eine weitere Erklärung erhalten wir von unserem Lehrer Rabbiner
Zwi Jehuda Kuk: Die absolute göttliche Wahrheit der schriftlichen
Tora offenbart sich in der mündlichen Überlieferung in milderer
Form. Ein gutes Beispiel dafür finden wir im heiligen Sohar [Hauptwerk
der Kabbala]: der Vater holt zur Strafung des Nachwuchses mit dem
So verhält es sich auch bei unserem Thema. Unsere Weisen erklärten: "Vater - das ist der Heilige, gepriesen sei er, und Mutter - das ist die Gemeinschaft Israel" (Berachot 35b). In der schriftlichen Tora erscheint das Gesetz in seiner vollen Strenge, das durch die Gemeinschaft Israel in der mündlich überlieferten Lehre gemildert wird. Genau dadurch kommt der Wille des Vaters zur Ausführung, denn es war sein Wille, Furcht einzuflößen - und dann läßt er Gnade über alle seine Werke walten. |