Parschat "Ekew" (5. Buch Moscheh 7,12 - 11,25) S.436/459
Stolz

Rabbiner Moscheh ben Jakov aus Coucy (französischer Talmudgelehrter vor etwa 700 Jahren) erzählte in seinem "Großen Buch der Gebote" (Sefer Mitzwot Gadol), wie er das Volk regelmäßig zur Bescheidenheit anhielt, wußte jedoch nie eine exakte Quelle aus der Tora anzugeben, die ausdrücklich den Hochmut verbietet. "Auch unser großer Lehrer [Maimonides] führte dies nicht unter den Ge- und Verboten auf". Als er aber das Ende der Liste der Verbote erreichte, "wurde ihm nachts im Traume klar, daß er die Hauptsache übersehen hatte, nämlich 'hüte dich aber, den Ewigen, deinen G~tt, nicht zu vergessen' (Deut. 8,11) - hier haben wir ein wichtiges Prinzip der Gottesfurcht vor uns".

Obwohl Maimonides bei den Charaktereigenschaften stets die Ausgewogenheit, den "goldenen Mittelweg" vorschrieb, bestimmte er jedoch einige Ausnahmen von der Regel, wie z.B. in der Bescheidenheit, wo "Radikalität" angebracht sei. Über Moscheh heißt es, daß er ganz außerordentlich bescheiden war, nicht nur einfach bescheiden. Ebenso warnten unsere Weisen: "Der Mensch sei sehr, sehr bescheiden" - unter doppelter Betonung (Gesetze von der richtigen Führung von Seele und Körper, 2,3).

Im Talmud (Sota 5a) wird dazu die Frage aufgeworfen, ob für einen gelehrten Menschen nicht ein Fünkchen Eitelkeit angebracht wäre, damit ihm die ihm gebührende Ehre auch erwiesen werde. "Ein Achtel eines Achtels sollte es bei ihm sein", ein kleines bißchen, oder, wie Raschi erklärt: "Er muß einen gewissen Stolz zeigen, damit die Spötter nicht über ihn herfallen, sondern seine Worte zwangsläufig akzeptiert werden". Auf manche Leute muß man eben Eindruck machen - aber in reiner Absicht, denn sonst "werden die Bürger ihn nicht respektieren und seine
Ermahnungen ungehört verhallen lassen".

Viele religionsgesetzliche Autoritäten entschieden jedoch anders: nicht einmal "ein kleines bißchen". Und warum? "Nicht gering ist das, was geschrieben steht (Sprüche 16,5): 'ein Greuel ist dem Herrn ein stolzes Herz'" (Sota ebda.). Ein Greuel hat bei uns keinen Platz, auch nicht ein kleines. Entsprechen schrieb Maimonides weiter, daß jemand in den Bann gehöre, in dem auch nur ein kleines Maß an Hochmut zu finden sei.

Das Greuel kann man sogar am Geruch zu erkennen; selbst eine Kleinstmenge stinkt schon: "Rabbi Akiva sagte: Jeder, der die Worte der Tora zu seiner persönlichen Erhöhung benutzt, gleicht einem auf den Weg geworfenen Kadaver - ein jeder Passant hält sich die Nase zu und entfernt sich von ihm", und daher "jeder, der sich danach sehnt, daß das Licht G~ttes seiner Seele leuchte, verabscheue den Stolz, bis daß dieser ihm sogar physisch als übler Geruch vorkommt" (Rabbiner Awraham Jizchak Kuk sel.).

Der frühere Oberrabbiner von Jerusalem und Schwiegervater von Rabbiner Kuk, der weise Rabbiner Elijahu David Rabinowitsch-Teomim, war für seine Bescheidenheit bekannt; in seinem Testament schrieb er: "Ganz besonders hasse ich die Verehrung, und mein Herz verkrampft sich, wenn man mir Ehre erweist, insbesondere, wenn man mich Größeren und Besseren vorzieht, und ich weiß, daß man mich überschätzt, ob meiner vielen Sünden. Ich erhalte mehr, als mir zusteht...es nützt auch nichts, dagegen zu protestieren, sie hören doch nicht auf mich, im Gegenteil, man würde es mir als um so größere Bescheidenheit auslegen - was kann ich machen?" Und er fügte hinzu, daß er in Wirklichkeit gar nicht bescheiden sei, verglichen mit seinem Vater, der diesen Titel zu Recht verdiente: "Ihm steht diese Bezeichnung wirklich zu, denn die Bescheidenheit gehörte zu seinen Charaktereigenschaften, wobei er sich wirklich vieler Dinge hätte rühmen können - nicht so meine Wenigkeit, wer bin ich denn, was habe ich denn schon vollbracht, ich kenne meinen minimalen Wert und das bißchen
Tora, das ich lernte - und das ist überhaupt nicht rühmenswert, und bescheiden bin ich schon gar nicht, sondern im wahrsten Sinne des Wortes ein Nichts und Niemand".