| Parschat "Dewarim" (Chason)
(5. Buch Moscheh "Deuteronomium" 1,1 - 3,22) S.429 Der Welten erschafft - und sie zerstört Unsere talmudischen Weisen teilen uns mit, daß am 9. Aw ("Tischa b'Aw") der Maschiach geboren wird ["Messias", der Gesalbte; der König, der in Zukunft die Herrschaft über Israel wieder nach den Gesetzen der Tora ausüben wird; siehe Maimonides "Mischne Tora" Gesetze von Königen und Kriegen, 11. Abschnitt; leider ist der Ausdruck "Messias" mit Assoziationen beladen, die mit Judentum nichts zu tun haben]. Das heißt, aus diesem Tag ersprießt das messianische Zeitalter. Doch wie kann das angehen - gedenken wir nicht an diesem Tag der größten Zerstörung [der Tempelzerstörung]? Wir wissen, daß "G~tt Welten erbaut und wieder zerstört" (Midrasch Bereschit Rabba 3,7 und 9,2). G~tt baut eine Welt auf den Ruinen der vorherigen, wobei gerade deren Zerstörung das Gedeihen der neuen Welt ermöglicht. Entsprechend muß zum Beispiel ein eingepflanztes Samenkorn erst einmal verrotten, bevor es neues Wachstum hervorbringt. Wenn jemand heiratet, zerstört er ebenfalls damit seine vorige Welt, um sich eine neue Welt auf höherem Niveau aufzubauen. Unserem Vorvater Awraham brach dessen Welt zusammen, als er seine Hand ausstreckte, seinen Sohn zu schlachten, und ausgerechnet auf dieses Ereignis gründete sich die erhabene Welt der G~ttesfurcht Awrahams (siehe Gen.22,12). Oder wie zum Beispiel in unserem Zeitalter, das eine furchtbare Katastrophe sah, woraus dann ein wunderbarer Neubeginn entstand. Unsere Weisen sagten, die Welt bestehe zweitausend Jahre in Nichtigkeit, dann folgen zweitausend Jahre der Tora und danach zweitausend Jahre der messianischen Zeit. Mit den "zweitausend Jahren der Nichtigkeit" sind "die Generationen, die fortwährend sündigten" (Sprüche der Väter 5,2) gemeint, bis kurz vor deren Ablauf unser Vorvater Awraham erschien, der Eckpfeiler der Welt, und das Zeitalter der Tora eröffnete. Damit offenbarten sich die göttliche Oberlenkung, die Tora durch deren Übergabe am Sinai, Prophetie und göttliche Inspiration. Auch seine Welt baute auf Zerstörung der Welt seines Elternhauses, deren Götzen er zerschlug. Und kurz vor dem Ende des vierten Jahrtausends wurde der Tempel zerstört, verschwanden die Überreste der Prophetie, "wurde Maschiach geboren", d.h. fingen zweitausend Jahre des messianischen Zeitalters an, zweitausend Jahre mühsamer spiritueller Weiterentwicklung. Das Wesen des Messianismus ist die uns innewohnende göttliche Dynamik, die Treibkraft für unsere Zusammenarbeit mit G~tt, um die Welt zu ihrem mit der Pracht des Heiligen gekrönten Abschluß zu bringen. Wie der Meister, der seinen Lehrling Schritt um Schritt ausbildet und ihm dann freie Hand läßt. Doch führte dies nicht zur Katastrophe? Jawohl, doch wurde sie zum Fundament der Selbständigkeit des "Lehrlings" und Grundlage seines zukünftigen Erfolges. Über den Schriftvers "An diesem Tage wird der Herr einzig sein und sein Name einzig" (Secharja 14,9) heißt es bei unseren talmudischen Weisen: "Ist er denn jetzt nicht einzig? [Der Unterschied ist:] In dieser Welt spricht man über gute Nachrichten 'gepriesen sei der Gute und Gütige', und über schlechte Nachrichten 'gepriesen sei der Richter der Wahrheit'" (Pessachim 50a). In der zukünftigen Welt werden wir auch über schlechte Nachrichten 'gepriesen sei der Gute und Gütige' sprechen. Heute noch fühlen wir, daß das Schlechte schlecht ist. In der Zukunft werden wir verstehen und fühlen, wie auch das Schlechte Gutes hervorbringt. Darum wird Tischa b'Aw auch "Festtag" genannt und das Tachanun-Bittgebet ausgelassen [wie an regulären Feiertagen], weil er in Zukunft durch das ihm innewohnende Potential zu einem echten Feiertag werden wird. Darum lachte Rabbi Akiva beim Anblick eines Fuchses, der aus dem Allerheiligsten
des zerstörten Tempels sprang. Dadurch wurde nämlich der Bau
eines dritten Tempels von weitaus größerer Erhabenheit ermöglicht.
Die anderen Weisen aber weinten angesichts der Zerstörung. Wußten
sie etwa nicht, daß ein dritter Tempel gebaut werden würde?!
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