Parschat "Chaje Sara" (1. Buch Moscheh "Genesis" 23,1 - 25,18) S.362
Die Höhle Machpelah

Unser Vorvater Awraham verlangte nicht irgendeinen Begräbnisplatz für Sara, wie er noch am Anfang sagte (Gen. 23,4); selbst ein Ehrengrab war ihm nicht gut genug (23,6) - sondern gerade die Höhle Machpela mußte es sein (23,9), diese und keine andere. Und warum? Weil dort Adam und Chawa ("Eva") begraben liegen, und Awraham und Sara führten als deren Erben den mit jenen begonnenen historischen Entwicklungsprozeß weiter. 

Zwanzig Generationen vergingen von Adam über Noach bis Awraham (siehe "Sprüche der Väter",5.Kap.,2-3). All ihr Verdienst fiel ihm zu, denn nur durch sein Erscheinen am Ende dieser Generationenkette ließ sich deren Existenz moralisch rechtfertigen. Awraham trat in die Fußstapfen des ersten Menschen, er ist der wahre Mensch (Adam
hebräisch für "Mensch"): "Ihr heißt Menschen [Adam], die Völker der Welt aber heißen nicht Menschen [Adam]" (Jewamot 61a). Darum brauchte gerade er die Höhle Machpela. 

So war es zuallererst nötig, einen ausführlichen Nachruf auf Sara zu halten, um den Söhnen Chets ihre wahre Bedeutung vor Augen zu führen und zu zeigen, wie sehr sie würdig ist, ebendort begraben zu werden. Darüberhinaus war ihnen Sara sicher bekannt, da sie schon lange in der Gegend wohnte (siehe Nachmanides-Kommentar). 

Der Talmud (Sanhedrin 46b) lehrt uns, daß ein öffentlicher Nachruf zur Ehrung des Verstorbenen und nicht zur Ehrung der Hinterbliebenen abgehalten wird; so diente auch hier der Nachruf auf Sara ihrer Würdigung vor den Chittitern (Sfornokommentar zu 23,2). 

Bekanntlich waren die Söhne Chets nicht irgendein kleiner Stamm, sondern eine ausgewachsene Zivilisation, der Gipfel kanaanitischer Kultur, und Kanaan wiederum der Erbe Chams und somit direkter Nachkomme Noachs. Die Kanaaniter beherrschten damals das Land Israel, den Dreh- und Angelpunkt der Welt. Durch das unheilige 
Verhalten und die Sittenlosigkeit ihres Vorvaters Cham waren auch sie verdorben, und nach vier Generationen sollte ihr Sündenmaß voll werden (Gen.15,16). Gegenüber unserem Vorvater Awraham, dem "göttlichen Fürsten", befanden sie sich im Niedergang. Efron ben Zochar [Awrahams Kontrahent beim Höhlenkauf] befand sich auf dem Niveau des Staubes (Efron, von Afar = Staub), im Gegensatz zu seinen Vorvätern, die Licht und Glanz glichen (Zochar - weiß, Glanz): "du wirst wieder zu Staub werden" (Gen. 3,19). Demgegenüber nannte sich Awraham "Staub (Afar) und Asche (Efer)" (Gen. 18,27), erst nur "Staub", dann "Asche", die durchs Feuer ging, von Afar mit dem Anfangsbuchstaben Ajin (Zahlenwert 70), der auf Vielfalt deutet, hin zu Efer mit dem Anfangsbuchstaben Alef (Zahlenwert 1), der die allumfassende Einheit symbolisiert. 

Unsere talmudischen Weisen sagten, daß Efron die Höhle widerlich fand, für ihn war sie nur ein dunkles, finsteres Loch - und so verkaufte er sie. Sie paßte nicht zu ihm. Entsprechend dem oben Erwähnten kam das auch in den Worten Awrahams zum Ausdruck: "Höret mich an", "Möchtest du mich nur anhören!" (23,8+13) - waren sie denn alle taub ?! Vielmehr wollte er andeuten: Verstehet, was ich euch wirklich sagen will, warum ich gerade die Höhle Machpela brauche, usw.

Darum heißt es bei unseren Weisen über den Vers: "So wurde bestätigt das Feld Efrons" (Gen. 23,17), daß es seine wahre Bestimmung fand, seine wahre Zugehörigkeit in Beständigkeit und Dauerhaftigkeit. 

Und hier beginnt die wirkliche Inbesitznahme des Bodens Erez Israels durch unseren Vorvater Awraham.