Parschat "Chukkat" (4. Buch Moscheh 19,1 - 22,1) S.420
Der Trübselige und der Entschlossene

In diesem Wochenabschnitt begegnen wir zwei Anzeichen von Schwäche und Verwicklung in Sünde, die sehr ähnlich scheinen, die göttliche Reaktion darauf jedoch radikal verschieden ausfällt: Die Bitte um Wasser beim "Hader-Wasser", und die Bitte um Wasser in der Episode der Giftschlangen.

"Und es war kein Wasser da für die Gemeinde" (Num. 20,2), und so fällt das Volk über Moscheh und Aharon her: "...und sie rotteten sich zusammen wider Moscheh und Aharon, und das Volk haderte mit Moscheh" (ebda.). Man ist nicht gerade zimperlich bei der Wahl der Ausdrücke: "Wären wir doch umgekommen, wie unsere Brüder vor dem Ewigen umkamen! Und wozu habt ihr die Versammlung des Ewigen in diese Wüste geführt? Dort zu sterben, wir und unser Vieh? Und wozu habt ihr uns heraufgeführt aus Ägypten, uns zu bringen an diesen bösen Ort? An einen Ort, an dem es keine Aussaat gibt, keine Feigen, keinen Wein, keine Granatäpfel und nicht mal Wasser zum Trinken?" (ebda.). Diese Unverschämtheiten sind einer Rüge würdig, aber dennoch zürnt G~tt nicht besonders und weist Moscheh an, Wasser aus dem Felsen hervorzubringen: "..da kam viel Wasser heraus, und die Gemeinde und ihr
Vieh tranken" (ebda.,11).

Als demgegenüber im Verlaufe "das Volk wider G~tt und Moscheh redete: Wozu habt ihr uns heraufgeführt aus Ägypten, in der Wüste zu sterben? Denn es ist weder Brot noch Wasser da, und uns ekelt vor dem elenden Brote [dem Manna]", folgt sofort: "Da ließ der Ewige gegen das Volk die giftigen Schlangen los" (Num. 21,5-6). Rabbiner Levi ben Gerschon ["Gersonides", RaLbaG, hervorragender Bibelerklärer, Philosoph, Mathematiker und Astronom, lebte vor ca. 700 Jahren in Südfrankreich]
erklärte den Unterschied wie folgt: Im ersten Vorfall heißt es "Und es war kein Wasser da für die Gemeinde", beim zweiten steht überhaupt nichts von Wassermangel und auch nicht, daß sie welches erhielten. Auch wenn es ganz objektiv an etwas Wichtigem mangelt, darf man nicht gleich mit Vorwürfen und Groll reagieren. Allerdings kann man rein menschlich verstehen, wenn in der Stunde des Leidens Worte geäußert werden, die besser ungesagt blieben. Wir rechtfertigen dies nicht, aber wir verstehen es.

Wenn man sich aber künstlich aufregt, so ist dies eine sehr bittere Angelegenheit. Auch damals war die Lage schwer: "Unterwegs aber wurde das Volk ungeduldig" (Num. 21,4). Hätte sich das Volk nur über die Beschwerlichkeit des Weges beklagt, lägen die Dinge ganz anders. Sich aber über das Vorhandene undankbar zeigen, nur weil man lieber etwas anderes gehabt hätte, ist eine Frechheit. Wie kann man sagen: Es ist kein Brot da, wenn welches da ist ?! Zwar folgt sogleich die "Richtigstellung":
"Uns ekelt vor dem elenden Brote"... Es ist also nicht wahr, daß kein Brot da ist; es gibt wohl welches, es ist bloß "elend". Plötzlich wandelte sich das Manna, von dem sie vierzig Jahre aßen "und es schmeckte wie Kuchen mit Honig" zu etwas Elendem.

In einem politischen Aufsatz las ich Folgendes: "Der Staat Israel - ein Staat unter Druck", worin ausgeführt wird, daß trotz der schwierigen Lage heute, im Vergleich zu früheren, noch viel schwierigeren Jahren überhaupt kein Grund besteht, sich unter Druck zu fühlen. Wir stehen also in Wirklichkeit nicht unter Druck, wir fühlen uns nur so. Soweit dieser Artikel. Natürlich bringt uns dieses Gefühl dann tatsächlich unter Druck. Manchmal schadet die Einbildung, unter Druck zu stehen, mehr als der Druck selber, wie es im Talmud heißt: "Gedankliche Sünde wiegt schwerer als ihre tätliche Ausführung" (Joma 29a).

Daher erfolgt die Strafung umgehend in Gestalt der Giftschlangen. "Es sollte jene Schlange kommen, die einst wegen böser Rede geschlagen worden, und diejenigen strafen, die böse Rede ausgesprochen" (Raschikommentar zu 21,6, nach einem Midrasch). Die Stärke der Schlange liegt genau darin, an jedem Orte gerade das Schlechte ausfindig zu machen. War es doch so schön im Garten Eden, "allerlei Bäume, lieblich anzusehen und gut zum Essen, und der Baum des Lebens mitten im Garten" (Gen. 2,9). Doch das Verbot, von einem bestimmten Baum zu essen, liest sich bei der Schlange schon so: "Nicht von allen Bäumen des Gartens sollt ihr essen" (3,1). Nein, sagte die Frau, wir dürfen von allen Bäumen des Gartens essen, außer vom Baum des Wissens um Gut und Böse. - Das ist alles gar nichts wert, erwiderte die Schlange, dies ist der einzige, der zählt. Die anderen sind im Verhältnis zu ihm nebensächlich. In den Augen der Schlange ist alles nichts wert, wie der Staub der Erde. "Es sollte die Schlange kommen, für die alle Speisen denselben (Erd-)Geschmack haben, und die Undankbaren bestrafen, denen sich dieselbe Sache in jeden Wohlgeschmack verwandelte" (Raschi, ebda.), die Undankbaren, die das so wohlschmeckende Manna "elendes Brot" nannten. Es gibt schon mal Probleme im Leben, das ist aber noch lange kein Grund, Trübsal zu blasen und alles Gute mies zu machen. Im Gegenteil, man soll mit seinem Anteil zufrieden sein und daraus Kraft zur Überwindung aller Schwierigkeiten schöpfen.