Parschat "Beschallach" 
(2.Buch Moscheh "Exodus", Kap.13,17 - 17,16) S.384
Was die Magd am Schilfmeer sah 

Unsere talmudischen Weisen sagten: "Selbst eine Magd sah am [Schilf-]Meer, was [der Prophet] Jecheskel ben Busi HaKohen in seinen Visionen nicht schaute" (Mechilta, Beschallach). Wie kann das angehen? Um zur Prophetie zu gelangen, sind doch moralische Erhabenheit und größte Weisheit erforderlich! (siehe Maimonides, "Mischne Tora", Gesetze von den Grundlagen der Tora, Kapitel 7). Wie konnte also ein einfaches Dienstmädchen auf eine höhere Stufe der Prophetie gelangen als der Prophet Jecheskel in allen seinen Visionen?! 

Dazu muß man verstehen, daß sich das Volk Israel bei der Teilung des Schilfmeeres auf die höchstmögliche seelische Stufe erhob, wie unsere Weisen weiter ausführten: "Sie sahen ihn am Sinai und wurden aufrichtig, als er ihnen die Tora gab...sie sahen ihn ins Stiftszelt gehen, da wurden sie zu lauter Gerechten... und wie sie ihn am Meer sahen, wurden sie zu Rosen" (Midrasch Tehillim). Wenn uns also die Tora auf die Stufe von "Aufrichtigen" erhebt, das Heiligtum auf die Stufe von "Gerechten", ebenso auch die Teilung des Schilfmeeres - auf die Stufe von "Rosen". Was bedeutet es, eine "Rose" zu sein? 

Bekanntlich wird Israel mit der Rose verglichen: "Wie eine Rose zwischen den Dornen" (Hohelied,2,2). Die Rose versinnbildlicht die Seele der Allgemeinheit Israels, der Gemeinschaft Israels, die Israel innewohnende göttliche Präsenz, die innerste Essenz der israelitischen Nation. Diese spezifische Eigenschaft ist in uns enthalten, auch wenn sie nicht offen zutagetritt, auch wenn sie von Dornen umgeben ist. Und es gibt Situationen, in denen sich unsere innerste spezifische Eigenschaft offenbart, und wir dann wirklich "zu Rosen" werden. 

Dies ereignete sich bei der Teilung des Schilfmeeres; aufgrund der bis zur Selbstaufopferung reichenden Hingabe der ganzen Gemeinschaft erlangten sie höhere Stufen göttlicher Nähe als sämtliche Propheten. Dies rührt nicht von der individuellen Persönlichkeit eines jeden einzelnen Juden her, sondern vielmehr erfuhr die Gemeinschaft Israels eine höchste prophetische Erhebung, die dann die Erhebung des Einzelnen nach sich zog. 

"...wurden sie zu Rosen, und dies aus der Erscheinung des innersten Wesens der Gemeinschaft in Verbindung zum Höchsten und der Aufopferungsbereitschaft der israelitischen Seele, bis daß selbst die Magd am Meer sah, was Jecheskel und alle anderen Propheten nicht schauten" (HaRaw Zwi Jehuda HaKohen Kuk).