Parschat "Bo" (2.Buch Moscheh "Exodus", Kap.10,1 - 13,16) S.382
Erziehung 

Zwei Gedanken zum Thema Erziehung: 

1.) In unserem Wochenabschnitt erscheint die Antwort an "den Sohn, der nicht zu fragen weiß" (Ex. 13,8: "Und an jenem Tage sollst du deinem Sohne erzählen: Das ist um dessentwillen, was der Ewige an mir getan, als ich aus Ägypten zog"). In der Pessachhagada jedoch erhält der "böse Sohn" diese Antwort! Warum? Die Erklärung lautet, daß "wer nicht zu fragen weiß" schnell auf die schiefe Bahn gerät. Er ist ein potentieller Übeltäter. Es gibt keine "neutrale Erziehung" - nicht zu erziehen heißt zum Gegenteil zu erziehen. Geistige Leere führt auf Abwege und ins Verderben. "Die Grube war leer, kein Wasser darin" (Gen. 37,24); eine Grube, die kein Wasser [symbolisch für Tora] enthält, ist nicht gänzlich leer; es finden sich darin "Schlangen und Skorpione" (siehe Raschikommentar). Demgegenüber ist "der einfältige Sohn" rechtschaffen und geradlinig. Er ist nicht unbedingt ein Gelehrter, der aus den Tiefen der Weisheit schöpft, aber er geht seinen geraden Weg; wer aber "nicht zu fragen weiß", dem ist alles egal, er ist indifferent und seicht. 

2.) Was hilft dann schon "du aber mache ihn aufmerksam" (Hagada)? Ihn interessiert doch das alles nicht. Woher wissen wir überhaupt, daß in dem genannten Schriftvers von dem die Rede ist, "der nicht zu fragen weiß"? Wir folgern dies aus den Worten "sollst du deinem Sohne erzählen" (s.o.), d.h. ohne daß er vorher fragte. Darum erklärt Raschi: Bezüglich dieses Sohnes steht nicht "Sprich zu ihm" oder "Sage ihm" usw., denn er zeigt ja gar kein Interesse dafür, und selbst wenn man es ihm sagen würde, nützte es auch nichts. Deshalb heißt es: "du aber mache ihn aufmerksam". Sei du sein fragender Mund, sprich nicht im Namen deines Mundes, sondern im Namen seines Mundes. "Mache ihm eine Öffnung, daß er verstehe und frage, wie es heißt: Öffne deinen Mund dem Stummen" (siehe Sprüche 31,8). Zu den Fundamenten der Erziehung gehört, Wißbegierde und Interesse zu wecken. Der Zahlenwert von "Adam" [alef-dalet-mem, 1+4+40] - Mensch - gleicht "ma?" [mem-he, 40+5]- was? - jemand, der fragt. Darum ist es gar nicht verwunderlich, wenn manche Kinder selbst nach durchstandener Erziehung nichts als geistige Leere vorzuweisen haben, es fehlte einfach eine ausreichende "Öffnung". Darum heißt es: "Du aber mache ihn aufmerksam".