König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß

von Dr. Steven Plaut

Es gehört zu den unumstrittenen Grundsätzen der US-amerikanischen "Zivilreligion",
dass jede menschliche Gruppe oder Vereinigung auf dieser Erde "zur überwältigenden,
überwiegenden Mehrheit anständiger, hart arbeitender, ehrlicher Leute gehört, die
Frieden wollen, tolerant sind und Freiheit und Gewaltlosigkeit befürworten".

Eine der unanfechtbaren Annahmen dieser "Theologie" besagt, dass "überwiegende
Mehrheiten" nicht nur jedweder rassischen, religiösen oder ethnischen Gruppierung so
bezeichnet werden dürfen, sondern sogar überwältigende Mehrheiten von allen
Untergruppierungen innerhalb der Gesellschaft. Entsprechend hören wir ab und zu
Aussagen, wonach auch die überwiegende Mehrheit der Gefängnisinsassen, der
Prostituierten, der Drogensüchtigen und der Mafiamitglieder anständige, friedliebende
und ehrbare Menschen seien.

Die einzige Ungewissheit in dieser amerikanischen Ziviltheologie beschleicht einen nur
in dem Gedanken, dass irgendwo da draußen, an irgendeinem Ort vielleicht eine Gruppe
von Leuten existieren könnte, die mehrheitlich weder friedliebend noch ehrlich oder
tolerant ist. In dem Glauben an eine universale Friedensliebe in den Köpfen der
Amerikaner liegt das Haupthindernis für sie, jemals den Nahen Osten verstehen zu
können: die simple Tatsache, dass sowohl die überwältigende, überwiegende Mehrheit
der Araber als auch die überwältigende, überwiegende Mehrheit der Moslems weder
friedliebend noch gegen Gewaltanwendung eingestellt sind.

Gerade jetzt sollte man sich dies zu Herzen nehmen. Ein Kommentator westlicher
Massenmedien nach dem anderen diskutiert die Reaktion der islamischen Staaten auf
die US-Bombardements von Terroranlagen im Sudan und in Afghanistan mit der
selbstgerechten, schmeichelnden Beobachtung, dass der Islam eine Religion des
Friedens sei und die Terroristen den wahren Islam etwa so repräsentieren wie IRA-
Bomber oder der Ku-Klux-Klan das Christentum. Jeder Kommentator überschlägt sich
fast in der Betonung, wie sehr wir doch alle wissen, dass die überwiegende Mehrheit der
Moslems gegen Terror und Gewalt ist.

Das einzige Problem damit ist nur, dass dies einfach nicht stimmt und auch empirisch
widerlegt werden kann. Vielmehr handelt sich hier um Wunschdenken. Die
überwiegende Mehrheit der Deutschen unterstützte Hitler, unterstützte
Aggressionskriege und unterstützte Völkermord. Die überwiegende Mehrheit der Hutus
und der Tutsis unterstützte Massaker der jeweils anderen Seite. Gleichfalls unterstützt
die überwiegende Mehrheit der Araber Terror, Gewaltanwendung und Krieg. Sie sehen
überhaupt nichts Schlimmes am Hochjagen von hunderten Zivilisten in einer
amerikanischen Botschaft oder in einem Bürogebäude einer jüdischen Gemeinde in
Argentinien. Sie sehen in jedem Gebrauch von Gewalt gegen die Ausführenden
solcher Aktionen ein Verbrechen. (Damit soll nicht behauptet werden, dass die
überwiegende Mehrheit einer jeden Untergruppe von Moslems solche Barbarei
unterstützt; man denke nur an die Türken oder indonesische Malayer als mögliche
Ausnahmen).

Wohl ist der Islam eine Religion des Friedens und bezieht sogar seinen Namen vom
Worte "salaam" - Frieden. Doch gilt dieser Frieden nur in Bezug auf andere Moslems
bzw. Nicht-Moslems, die unter islamischer Oberhoheit leben. Es stimmt auch, dass sich
die überwiegende Mehrheit der Moslems in ihrem täglichen Leben nicht mit
Gewaltakten und Terror beschäftigen, wie die überwiegende Mehrheit der Deutschen
nicht persönlich am Holocaust teilnahm. Ich würde sogar ganz generell von den meisten
Arabern in Israel behaupten, dass sie sich in ihrem täglichen Umgang weit höflicher
aufführen als Juden und viel bessere Manieren und mehr Rücksichtnahme als jüdische
Israelis an den Tag legen. Doch darum geht es hier natürlich nicht.

Die überwiegende Mehrheit der Moslems befürwortet blinden und wahllosen Terror
sowie Gewaltanwendung gegen Juden und gegen Amerikaner. Das wurde nach den
Bombardements im Sudan und Afghanistan deutlich. Die Reaktionen der Moslems, wo
auch immer, konnten auf allen Bildschirmen verfolgt werden. Die überwiegende
Mehrheit der Moslems billigt offen oder insgeheim Bin Ladens Terrorkampagne gegen
Amerikaner, billigt den Anschlag auf das World Trade Center und die afrikanischen
US-Botschaften. Arabisches politisches Denken trägt deutlich orwellianische Züge:
Mord ist Frieden, Verhinderung von Mord oder Vergeltung für Mord ist Terror. Die
Moslems empören sich über die Ereignisse auf dem Balkan, weil dort Moslems
massakriert werden; wenn stattdessen Bosnier und Albaner die Serben massakrierten,
hätten sie Mühe, ihre Zustimmung zu verbergen.

Wir wissen seit Jahrzehnten, dass die überwiegende Mehrheit der Moslems auch den
palästinensischen Greueltaten und Bomben gegen Juden zustimmt. Es gibt keine
Barbarei gegen Israelis oder Juden, die sie nicht mit enormen Mehrheiten begrüßen
würden, und keine Verteidigungstat der Israelis, die sie für legitim hielten.

In den meisten moslemischen Staaten werden keine öffentlichen Meinungsumfragen
durchgeführt, doch wenn es welche gäbe, würden sie zweifellos diese volkstümliche
Zustimmung widerspiegeln. Unter den Palästinensern werden Meinungsumfragen
durchgeführt, und sie zeigen ohne Ausnahme, dass die Palästinenser mit enormer
Mehrheit Bombenanschlägen, Selbstmordbombern und Greueltaten gegen Juden
zustimmen. Ihre Zustimmungsrate erhöhte sich im allgemeinen mit jedem weiteren
israelischen Zugeständnis bei den Oslo-Verhandlungen. Die überwiegende Mehrheit der
Palästinenser unterstützt Saddam Hussein. Die überwiegende Mehrheit unterstützt Bin
Laden und die Bombenanschläge gegen die Amerikaner. Die überwiegende Mehrheit
würde zustimmen, wenn Iran chemische Kampfstoffe oder Nervengas auf Tel-Aviv
abwürfe. Die Mehrheit hält Hitler für einen Helden. Und mit diesen Leuten soll der
Oslo-Prozess Frieden bewirken.

Nun mögen Sie einwenden, aber nein, Arafat verurteilte Bin Laden und befürwortete
die US-Bombardements im Sudan und in Afghanistan. Ja, das tat er wohl, und glaubte
damit sicher, die USA dazu zu bringen, als Gegenleistung Israel zu weiteren
Zugeständnissen zu zwingen, und er meinte es bestimmt so ernst wie die IRA-Leute bei
derer Verurteilung des Omagh-Anschlages. Doch die palästinensischen faschistischen
Horden, die ihre Befehle von der PLO erhalten, wissen, dass er nur so tut und ihnen mit
einem Auge zuzwinkert, und diese Leute unterstützen Bin Laden mit überwältigender
Mehrheit.

Die ganze Woche lang gab es massive antiamerikanische Aufmärsche der
palästinensischen Braunhemden. In allen palästinensischen Gebieten wurden US-
Flaggen verbrannt. Palästinensische Zeitungen unterstützen Bin Laden mit
überwältigender Mehrheit. Vor der US-Botschaft in Tel-Aviv demonstrierte ein großes
Kontingent der Islamischen Bewegung Israelischer Araber Solidarität mit Bin Laden.

Der "Kommentator für palästinensische Angelegenheiten" der israelischen Tageszeitung
"Ha'arez", Danny Rubinstein, ist so pro-palästinensisch eingestellt, dass ich die Leser
schon mehrfach gedrängt habe, ihm eine Kaffija zu schenken. Er ist der Letzte, der
etwas Nachteiliges über Palästinenser schreiben würde. In seiner Kolumne vom
24.August dokumentiert er, wie allumfassend die Unterstützung für Bin Ladens Terror und
die Verurteilung der US-Reaktion gegen ihn unter den Bewohnern der palästinensischen
"Autonomiegebiete" ist.

Nun stützt sich aber der gesamte Oslo-"Friedensprozess" auf das naive amerikanische
Zivildogma - das von den israelischen Politikern geteilt wird - wonach die
überwiegende Mehrheit der Palästinenser Frieden mit Israel will. Sie wollen nicht.
Außer natürlich, wenn damit der Frieden gemeint ist, wie er in der traditionell
islamischen Gesellschaft vorherrschte und noch vorherrscht, mit den Nicht-Moslems als
stiller Minderheit ohne politische Souveränität. (Die überwiegende Mehrheit der
Deutschen hätte im Jahre 1940 wohl auch dem Frieden zugestimmt, wenn sie ihn zu
Hitlers Bedingungen erhalten hätte, könnte man annehmen).

Die überwiegende Mehrheit der Palästinenser will Israel zerstört sehen und befürwortet
jegliche Gewalt gegen Juden. Wenn Israel erst zerstört und große Teile seiner
Bevölkerung getötet oder in alle Winde verstreut sind, wird dem verbleibenden Rest
zweifelsohne unter Bedingungen zu leben gestattet werden, die denen der Kopten in
Ägypten oder denen der Armenier und Bahais im Iran ähneln. Das ist der einzige
Frieden, den die Araber mehrheitlich wollen.

Sweeney war der Name eines irischen Königs, der sich für einen Vogel hielt und sein
Leben in Baumwipfeln verbrachte. (Wirklich). Der Oslo-"Friedensprozess" ist das
direkte Resultat der Sweeneyisierung des israelischen politischen Establishments. Peres
Sweeney und Beilin Sweeney übernahmen das Wunschdenken der amerikanischen
"Zivilreligion", indem sie unterstellten, dass die überwiegende Mehrheit der
Palästinenser Frieden und Wohlstand fortgesetztem Krieg und Gewalt vorzöge. Sie
nahmen als unumstößlichen Grundsatz an, die Palästinenser würden bezüglich Gebieten
und Souveränität Kompromisse eingehen, weil sie selber schließlich dazu bereit waren.
Ihr Beweis, dass Palästinenser den Frieden dem Lande vorzögen, entnahmen sie der
Tatsache, dass die Juden dies tun. Ihr Glauben, wirtschaftlicher Wohlstand würde die
Palästinenser eher interessieren als irredentistische Aggression und Terror beruht
darauf, dass anständige und ehrbare Leute auf der ganzen Welt so fühlen sollten. Kurz
gesagt, "Oslo" ist König Sweeneys Patenkind, das die israelische Arbeiterpartei, Merez
und selbst Teile des Likud vereinnahmt hat.

Diese Sweeneys sind diegleichen Leute, die sich strikt weigern, auch nur für einen
Moment der Möglichkeit eine gewisse Wahrscheinlichkeit einzuräumen, die
überwiegenden Mehrheiten der Palästinenser, anderer Araber und Moslems seien nicht
im geringsten auf der Suche nach Frieden (jedenfalls was Israel und die USA angeht),
sind nicht gegen Gewalt und nicht gegen Terror. Mit anderen Worten, "Oslo" beruht auf
dem grundsätzlichen Bestreiten empirischer Realität. Wie der alte Peter-and-Gordon-
Song aus den sechziger Jahren, der mit Sweeneyischkeit versicherte: "I don't care what
they say I won't stay in a world without love." Und was passiert mit Sweeneys, die
ohne Liebe in einer dunklen Ecke des Erdballs hausen? Sie stellen sich vor, sie seien
Vögel und könnten sich über so gemeine Dinge wie die Realität erheben, um dann in
den Baumwipfeln ihrer utopischen Träume zu leben - und überlassen uns dem Terror,
den Morden, der Gewalt, dem arabischem Faschismus und den Drohungen von
genozidischer Auslöschung.

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Dr. Steven Plaut (Sept. 98)

Link zum Thema (per Zufall ausgewählt, nicht als Werbung gedacht)

Dr. Steven Plaut lehrt Geschäftsführung und Wirtschaftslehre an der
Universität Haifa, Israel.
Übersetzung: Rafael Plaut, Jerusalem 5761

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