Noch vor gar nicht so langer Zeit hätte die gesamte Welt die Behauptung
als absurden
Scherz abgetan, den Ursprung des arabisch-israelischen Konfliktes bilde
die
Notwendigkeit palästinensischer "Selbstbestimmung". Tatsächlich
behaupteten selbst die
Araber nie so etwas bis weit nach 1967.
Vor 1967 erklärten die Araber mit erfrischender Aufrichtigkeit
als ihr Ziel, das
zionistische Gebilde zu vernichten und alle Juden ins Meer zu werfen.
Palästinenser
hatten mit alledem herzlich wenig zu tun. In diesem Konflikt ging es
nicht im Geringsten
um palästinensische "Selbstbestimmung". Die Palästinenser
wurden weder von den
Arabern noch irgend jemand anderem als jemand angesehen, der besonders
der
"Selbstbestimmung" bedürfe oder gar ein Recht darauf habe. Wäre
so ein Bedürfnis
erkannt worden, hätte nichts die arabische Welt davon abgehalten,
einseitig solche
"Selbstbestimmung" zu gewähren und den Palästinensern in
den weiten Teilen Palästinas
einzurichten, die bereits von arabischen Ländern kontrolliert
wurden: auf dem Jordan-
Westufer ("Westbank"), im Gasastreifen, im gesamten Gebiet von Transjordanien
und
den Teilen von Syrien und Libanon, die legitim als "palästinensisch"
bezeichnet werden
können.
Wenn die Palästinenser wirklich eine "Nation" und ihres eigenen
Staates bedürftig
gewesen wären, hätte weder die arabische Welt noch die Vereinten
Nationen etwas davon
abgehalten, so einen Staat zu schaffen. Israel hätte mit der ganzen
Sache nichts zu tun
gehabt. Aus anderen Teilen der Welt war keine einzige Stimme zu hören,
die solche
"Selbstbestimmung" für die Palästinenser gefordert hätte,
und das zwei Generationen,
nachdem der amerikanische Präsident Woodrow Wilson den Begriff
der
"Selbstbestimmung" zu einem Grundsatz internationaler Beziehungen gemacht
hatte.
Allen war klar, dass der arabisch-israelische Konflikt absolut überhaupt
nichts mit
palästinensischer "Selbstbestimmung" zu tun hatte, sehr wohl allerdings
mit jüdischer
Selbstbestimmung. In diesem Konflikt ging es um die arabische
Absicht, jede Spur von
jüdischer Selbstbestimmung im Lande Israel durch militärische
Aggression zu eliminieren.
Die Araber weigerten sich, irgendwelche jüdische Selbstbestimmung
zu akzeptieren,
innerhalb welcher Grenzen auch immer.
Bis 1967 hielt es die arabische Welt nicht für nötig, für
Propaganda und Public-Relations-
Kampagnen in der nicht-arabischen Welt besondere Mühe aufzuwenden.
So wie
Ben Gurion UNO und Weltmeinung geringschätzte ("Es kommt nicht
darauf an, was die
Gojim sagen, sondern was die Juden tun"), zeigten die Araber
wenig Interesse daran, was
die Ungläubigen jenseits des Hauses des Islam über sie dächten,
und verwandten kaum
Zeit darauf, ihren Standpunkt in den Medien im rechten Licht erscheinen
zu lassen. Es
reichte vollkommen, dass ihr Standpunkt in ihren eigenen Augen offensichtlich
der
richtige war. Arabische Sprecher riefen routinemäßig zum
Völkermord und Vernichtung
der israelischen Juden auf. Achmed Schukeiri, der Gründer der
PLO, versprach, nach der
Befreiung Palästinas keinen einzigen Juden am Leben zu lassen.
Nach 1967 änderte sich die Lage schlagartig. Die Araber merkten,
dass sie einen Großteil
der westlichen öffentlichen Meinung durch gezielte medienwirksame
Fehlinformationen
beeinflussen konnten, insbesondere durch einen Theaterspiel der Krokodilstränen
über
die angeblichen Leiden misshandelter Palästinenser. Plötzlich
- nach 1967 - entdeckten die
Araber (zu ihrem eigenen Erstaunen, wie dem Anderer), dass es sich
bei den vor ihrer
Nase sitzenden Palästinensern um eine "Nation" handele, die zu
Wilsonscher
"Selbstbestimmung" berechtigt sei. Dabei fiel natürlich überhaupt
nicht auf, dass sie selbst
nie das geringste Interesse gezeigt hatten, jenen eine solche "Selbstbestimmung"
in den
von ihnen vor bzw. auch nach 1967 kontrollierten Teilen Palästinas
zu gewähren.
Wohl existierten einige zweitrangige kulturelle und sprachliche Unterschiede
zwischen
Palästinensern und anderen Arabern in Jordanien, Syrien und dem
Libanon. Doch diese
waren weit weniger von Bedeutung als ähnliche Unterschiede zwischen
Arabern in
verschiedenen Teilen des Irak, innerhalb Ägyptens, Libyens oder
Marokko, und niemand
dachte auch nur im entferntesten daran, aus diesen Unterschieden eine
legitime Basis für
jene Gruppen von Arabern für "Selbstbestimmung" konstruieren
zu wollen.
Stattdessen wurden die "nationalen Rechte" und die Notwendigkeit palästinensischer
"Selbstbestimmung" zum Mantra der weltweiten arabischen Propaganda,
wie sie von
ihren PR-Sprechern (und gelegentlich Sprecherinnen) verbreitet wurde.
Die westliche
Öffentlichkeit, die sich nie gänzlich ihrer verborgenen Antipathien
und ihres Misstrauens
gegenüber den Juden entledigt hatte, sah in dieser propagandistischen
Wendung eine
akzeptable Grundlage für die Unterstützung arabischer Ambitionen.
So konnten arabische
Aggression und Terrorismus auf eine rationale Basis gestellt werden,
nicht etwa aus einem
unmodernen und als schändlich angesehenem Gefühl tief verwurzelten
Judenhasses
heraus, sondern aus politisch korrektem Mitgefühl für palästinensische
"Opfer des
Unrechtes" - die enteignete "palästinensische Nation" auf der
Suche nach ihrem
Heimatland. Eine westliche Welt, die mit sich selbst nie so ganz einig
wurde über so
simple Fragen wie die Notwendigkeit für oder das Recht auf Selbstbestimmung
der
Flamen, Wallonen, nordirischer Protestanten, Korsen, Schotten, Waliser,
Quebecois,
Basken, Katalonen oder Bretonen, wurde sich ganz erstaunlich einig
über eine Sache: dass
die Palästinenser ein Recht auf "Selbstbestimmung" und Unabhängigkeit
hätten, selbst
wenn dadurch die Existenz Israels aufs Spiel gesetzt würde.
Die Befürworter palästinensischer Selbstbestimmung nehmen
niemals die Logik ihres
Standpunktes zu genau unter die Lupe, da die Widersprüche zu sehr
hervortreten
würden. Wenn die Palästinenser so sehr der "Selbstbestimmung"
bedürfen, warum
ausgerechnet nur unter Beteiligung Israels? Jordanien ist doch auch
Palästina. Wie kommt
es eigentlich, dass die jordanischen Palästinenser niemals "Selbstbestimmung"
nötig
hatten? Und warum brauchten die Westbank- und Gasa-Araber keine Selbstbestimmung
am 4.Juni 1967, wohl aber einige Tage später? Wie kommt es, dass
Palästinenser niemals
Selbstbestimmung benötigen, außer wenn sich dabei
israelische Gebietsabtretungen und
eine strategisch gefährliche Lage für die Existenz Israels
erzielen lässt?
Und woher stammt eigentlich genau die moralische Grundlage für
solche
"Selbstbestimmung"? Entweder handelt es sich bei den Palästinensern
um Araber, oder
nicht (ganz offensichtlich sind sie welche). Wenn sie als Araber gelten
- warum können
dann 22 unabhängige arabische Staaten, deren Gebietsausdehnung
die der USA
übertrifft, nicht mehr-als-genügende "arabische Selbstbestimmung"
bieten, genug, um
jede restliche Forderung nach weiterer arabischer "Selbstbestimmung"
zu einer
Verhöhnung der Gerechtigkeit zu degradieren? Und wenn die Palästinenser
nicht
als
Araber gelten, und somit 22 unabhängige arabische Staaten immer
noch nicht ausreichen,
das Bedürfnis palästinensischer Selbstbestimmung zu stillen,
warum haben die
Palästinenser niemals ihre nationalen Rechte und Gebiete von diesen
anderen arabischen
Völkern, unter denen sie lebten und zu denen sie "nicht gehörten",
gefordert? Warum
haben die Palästinenser niemals Selbstbestimmung für jene
Palästinenser gefordert, die
nicht unter israelischer Kontrolle standen, wie z.B. die in
Jordanien und Libanon?
Die Beschwörung des Rechtes auf palästinensische "Selbstbestimmung"
durch die Araber
hatte im Westen einen ihre wildesten Phantasien übertreffenden
Erfolg. Gegen Ende der
70er Jahre hatte es sich zu einer von fast Allen geglaubten Wahrheit
gemausert, die in den
westlichen Medien obsessiv wiederholt wurde (wegen ihres meist weniger
als einen
Monat zurückreichenden Gedächtnisses), wonach das Bedürfnis
palästinensischer
"Selbstbestimmung" immer schon die Grundlage des Nahostkonfliktes darstellte.
Wenn
Israel nur endlich den Palästinensern diese "Selbstbestimmung"
gewährte und zu seinen
Grenzen von 1949 (mehr oder weniger) zurückkehrte, müsste
der Konflikt logischerweise
endigen, da sich seine Existenzgrundlage verflüchtigt hatte.
In Israel nahm man diese Argumentation zunächst überhaupt
nicht ernst. Ganz
offensichtlich hatten die Araber ein Hirngespinst produziert, mit dem
sie den Westen zu
Druck auf Israel zu drängen hofften, sich auf seine "Auschwitzgrenzen"
(Abba Eban)
zurückzuziehen. Die Araber wollten nur wieder aufs Neue versuchen,
was sie schon mit
ihren Angriffen auf Israel von 1948, 1967 und 1973 vorhatten.
Es dauerte bis in die 80er Jahre, als schließlich die israelische
Linke und die Liberalen der
jüdischen Diaspora auf den "Selbstbestimmungs"-Zug aufsprangen.
Sie appellierte an ihr
Gefühl von liberaler Schuld und moralischer Symmetrie. Wenn Israel
das Recht der
Palästinenser auf "Selbstbestimmung" anerkannte, würden die
Araber ganz sicherlich die
Ehre erwidern. Ist doch nur fair. Sportsgeist und feine Manieren verlangen,
dass sich
beide Seiten gleich verhalten. Die Liberalen weigerten sich standhaft
zu glauben, die
arabische Welt sei kein englisches Kricket-Team.
Auf der Grundlage dieser vermeintlichen moralischen Symmetrie sahen
israelische und
jüdische Linke mehr und mehr in der Gewährung von "Selbstbestimmung"
an die
Palästinenser den Schlüssel zur Lösung des Nahostkonfliktes.
Eine Gruppierung nach der
anderen schloss sich an, einschließlich des gesamten Spektrums
politischer Institutionen
des Diaspora-Judentums, und in Israel von der radikalen Linken über
die Arbeiterpartei
bis sogar hin zum Likud. Und jeder, der versuchte, diesen Trugschluss
infrage zu stellen,
wurde von jenen Fürsprechern palästinensischer "Selbstbestimmung"
sofort als Feind des
Friedens abgestempelt, als Mensch, der Boden höher schätzt
als menschliches Leben,
oder den Frieden.
* * * * * *
Auf der Suche nach analogen Fällen zum Nahostkonflikt gibt es nur
einen einzigen, der
alle Elemente des arabisch-israelischen Disputes umfasst, einer,
der besser als alle anderen
den wahren Kern des Konfliktes illustriert und besser als alle anderen
die wirklichen
politischen Interessenslagen beleuchtet. Daneben handelt es sich auch
um die beste Quelle
für Lehrmaterial für den Gebrauch von "Selbstbestimmung"
als ein Instrument
militärischer Aggression, Gewalt und Völkermord. Es geht
um das Lehrbeispiel
Sudetenland.
Selbst nach nur kurzem Überfliegen der Geschichte des tschechisch-deutschen
Konfliktes
kommt einem das nicht ganz geheure Gefühl des "schonmal dagewesen"
hoch. Die
Kampagne für palästinensische "Selbstbestimmung", die heute
von fast jedermann auf der
Welt, darunter dem Großteil des Diaspora-Judentums und des politischen
Spektrums in
Israel unterstützt wird, erinnert wie nichts anderes an eine fast
identische Kampagne,
unter ähnlich universaler Zustimmung, nämlich der zur Selbstbestimmung
der
Sudetendeutschen in den späten 30er Jahren. Die Verhandlungen
über palästinensische
Selbstbestimmung ähneln ganz enorm den Verhandlungen über
das Sudetenland.
Einwendungen gegen die moralische, legale oder strategische Grundlage
für
palästinensische "Selbstbestimmung" werden mit derselben automatischen
Zurückweisung
und gekränkter Selbstgerechtigkeit behandelt wie ähnliche
Kritik in den 30er Jahren an
dem Verlangen nach sudetendeutscher Selbstbestimmung. In beiden Fällen
bestanden die
westlichen Demokratien darauf, dass Selbstbestimmung für die "Unterdrückten"
eine
sofortige und erhaben gerechte Lösung böte, die den Konflikt
beenden und Ruhe
einkehren ließe.
Im Jahre 1938, mitten in den Verhandlungen zur Regelung des Sudetenkonfliktes,
warnte
der Präsident der Tschechoslowakei, Dr. Eduard Benesch, den Westen:
"Glauben Sie nicht,
es gehe hier um Selbstbestimmung. Von Anfang an war dies ein Kampf
um die Existenz
des Staates". Einige Jahre später, nach Gewährung von Selbstbestimmung
für die
Sudeten und dem Ende der Tschechoslowakei als eigenständigem Staat,
bemerkte Benesch,
dann im Exil, dass "so ein Konzept der Selbstbestimmung a priori den
zehn Millionen
Tschechoslowaken das Recht auf Selbstbestimmung abspricht und die Existenz
des
tschechoslowakischen Staates an sich ausschließt".
Der weltweite Kampf um palästinensische Selbstbestimmung begann
ca. 25 Jahre nach
dem Erlangen jüdischer Selbstbestimmung durch die Unabhängigkeit
des Staates Israel.
Die Kampagne um Selbstbestimmung für die Sudetendeutschen begann
etwa 20 Jahre
nach Schaffung der neuzeitlichen Tschechoslowakei. In beiden Fällen
ignorierten die
Fürsprecher der "Selbstbestimmung" die offensichtliche Tatsache
einer bereits für die
große Mehrheit der infrage stehenden Völker bestehenden
Selbstbestimmung in Gestalt
der deutschen und arabischen Nationalstaaten, die jeweils an die umstrittenen
Gebiete
angrenzten. In beiden Fällen wurden die Bevölkerungen der
begehrten Länder von den
Aggressoren als "Außenseiter" bezeichnet, als nicht in die Region
gehörend. Die
Tschechen waren Slawen, Eindringlinge in den deutschen Lebensraum,
Außenseiter,
genau wie die Israelis zu den Ungläubigen zählen und als
Außenseiter in den arabischen
Lebensraum eindrangen. In beiden Fällen zog es die Welt vor, die
Anzeichen zu
ignorieren, wonach die Forderungen nach "Selbstbestimmung" von ihren
Befürwortern
nur als ein Feigenblatt für militärische Aggression zur Zerstörung
der Selbstbestimmung
einer anderen Nation benutzt wurde.
Der tschechoslowakische Staat war wie Israel ein Land, das nach Jahrhunderten
rekonstruiert wurde, nachdem er zerstört und von anderen vor vielen
Generationen
absorbiert worden war. Im Mittelalter waren Böhmen und Mähren
separate tschechische
Königreiche, die sich unterschiedliche Grade von Selbständigkeit
erfreuten, im
allgemeinen im Rahmen des Heiligen Römischen Reiches. Während
des
Hussitenaufstandes im 15. Jahrhundert erlangten die Tschechen wieder
die volle
Unabhängigkeit in einer an die Makkabäer erinnernden bewaffneten
Auseinandersetzung.
Ihre Unabhängigkeit ging dann im Jahre 1620 endgültig verloren,
und die tschechischen
Länder wurden vom Reiche Habsburg absorbiert, während die
tschechische Bevölkerung
zerstreut wurde.
Nach dem ersten Weltkrieg, nach Jahrhunderten der Verfolgung, erneuerten
die
Tschechen ihre Souveränität, stellten ihre Selbstbestimmung
zusammen mit ihren
slowakischen Vettern im Staate Tschechoslowakei wieder her, der sich
im Zuge
der nach-kommunistischen Ära wiederum in Tschechei und Slowakei
aufteilte.
* * * * * *
Die Tschechoslowakei befand sich, wie Israel, in einer strategisch zentralen
Position.
Bismarck bemerkte einmal, dass wer immer über Böhmen herrschte,
über ganz Europa
herrschte (was sich die kommunistischen Herren Osteuropas nach dem
zweiten Weltkrieg
zu Herzen nahmen). Der moderne tschechische Nationalismus trat in der
zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts hervor, etwa zur selben Zeit wie der Zionismus.
Mit dem
Zusammenbruch des Habsburger Reiches erlangte der tschechische Nationalismus
die
Selbstbestimmung, ebenso wie die Schaffung des Staates Israel direkt
aus dem
Zusammenbruch des türkischen Reiches resultierte.
Während des ersten Weltkrieges warben tschechische Spitzenpolitiker
in den
europäischen Hauptstädten für ihre Unabhängigkeit,
zu genau der gleichen Zeit, als
Chajim Weizmann und andere Führungspersönlichkeiten der zionistischen
Bewegung um
Unterstützung und Anerkennung rangen. Während des Krieges
beteiligten sich die
Tschechen an Widerstand und Spionage gegen die Mittelmächte, gleichzeitig
mit dem
zionistischen NILI-Spionagering, der die Briten unterstützte.
Die Tschechoslowakei, so wie sie aus dem ersten Weltkrieg hervorging,
bestand aus einer
heterogenen, bunten Bevölkerungsmischung, wie das Habsburger Reich
selbst.
Insbesondere waren etwa 23% der Staatsbürger ethnische Deutsche
(nicht weit vom
Anteil der Araber an der israelischen Bevölkerung), die sich auf
die westlichen Gebiete
konzentrierten, die als Sudetenland bekannt waren. Die meisten Sudetendeutschen
waren
zu allem entschlossene Gegner einer Eingliederung in einen tschechoslowakischen
Staat.
Am 21. Oktober 1918 kamen deutsche Abgesandte aus allen Teilen des
früheren
osterreichischen Kaiserreiches zusammen und beschlossen die Forderung
nach nationaler
"Selbstbestimmung" für die Deutschen der Tschechoslowakei unter
Benutzung des
Wilson'schen Begriffes, der erst kürzlich Eingang ins internationale
Lexikon gefunden
hatte.
Im folgenden Jahr starteten die Sudetendeutschen eine Welle gewalttätiger
Demonstrationen und Terrorismus im Widerstand gegen die Einbeziehung
ihrer Länder in
den tschechischen Staat. Tausende Sudetendeutsche flohen aus dem neuen
Staat in die
Nachbarstaaten Deutschland und Österreich.
Die neue Regierung der Tschechoslowakei sah sich - wie Israel 1948 -
einer gemischten
Bevölkerung gegenüber, die eine große Minderheit von
zweifelhafter Loyalität zum Staate
enthielt - die sich offen mit großen Bevölkerungsanteilen
in Nachbarländern identifizierte
und den neuen Staat prinzipiell ablehnte. Beide Staaten versuchten,
das Problem mit
derselben Strategie zu lösen: die feindlich gesonnene Minderheit
durch wirtschaftliche
Integration, Toleranz, Freiheit und liberale Sozialreformen für
sich zu gewinnen. Der
erste Präsident der Tschechoslowakei war Tomás Garrigue
Masaryk, wie David Ben-
Gurion ein mächtiger, willensstarker, charismatischer und progressiver
Politiker. Masaryk
präsentierte genau wie Ben-Gurion ein umfassendes Programm der
sozialen,
wirtschaftlichen und sprachlichen Gleichheit aller nationalen Gruppen
des neuen Staates.
Beide Männer sahen in der Integration ihrer jeweiligen Minderheiten
sogar die
letztendliche Bewährungsprobe ihrer fortschrittlichen Grundsätze.
Sowohl die
Tschechoslowakei der 20er als auch Israel der 50er Jahre entwickelten
schnell eine stabile
parlamentarische Demokratie mit Schutz aller Freiheiten, wie man es
von modernen
westlichen Staaten her kennt. In beiden Staaten nahmen eine Vielzahl
politischer Parteien
an den Wahlen teil und erzielten Sitze im Parlament. In beiden Staaten
entstanden
Regierungskoalitionen nach einer Reihe von zwischenparteilichen Kuhhändeln.
Wie die
israelischen Araber hatten die Sudetendeutschen Stimmrecht und wurden
ins Parlament
gewählt. In beiden Staaten entwickelte sich eine Art Dezentralisation,
wonach es den
Minderheiten gestattet war, ihre eigenen Schulen in ihrer eigenen Sprache
zu betreiben
und ihre lokalen Angelegenheiten selbst zu verwalten. Beide Länder
garantierten
religiösen Pluralismus und Toleranz. Deutsch war offizielle Staatssprache
in den
deutschen Gebieten der Tschechoslowakei, so wie Arabisch schon immer
eine der
anerkannten Staatssprachen Israels war. Alles in allem genossen die
Sudetendeutschen
eine bessere Behandlung als irgendeine andere nationale Minderheit
in Europa, so wie die
Araber in Israel (selbst die in den "besetzten Gebieten") Freiheit
und Toleranz wie keine
andere Minderheit im nahöstlichen Raume genießen.
Die Tschechoslowakei wurde, wie Israel, von Sozialdemokraten regiert,
die sich zu einem
Kurs der sozialen Reformen und der Gleichheit verpflichteten. Beide
Länder
verabschiedeten legislative Programme, die zu den fortschrittlichsten
der Welt zählten. In
beiden Ländern erblühten Aktivitäten und Macht der Gewerkschaften.
In beiden Ländern
experimentierte man verbreitet mit kooperativer Landwirtschaft. Beide
Länder
überflügelten schnell ihre Nachbarn in Bezug auf wirtschaftliche
Entwicklung, Erziehung
und Lebensstandard.
Sowohl die Sudetendeutschen als auch die palästinensischen Araber
sahen sich auf einmal
im Zentrum internationaler Konflikte und steigender Spannungen. In
beiden Fällen
entwickelten sich die Konflikte nach verstärkter Radikalisierung
der nationalistischen
Bewegungen in Nachbarländern, wo revolutionäre und fremdenfeindliche
Führer die
Macht ergriffen hatten. Der Sudetenkonflikt entzündete sich an
großdeutscher Ideologie
und imperialistischen Ambitionen des Dritten Reiches, so wie der Palästinenserkonflikt
von panarabischen uns panislamischen Bewegungen des Nahen Ostens erfunden
wurde.
Bei den Sudetendeutschen und den palästinensischen Arabern wurde
friedliches
Nebeneinander von wachsender Polarisierung und Extremismus abgelöst.
Die deutschen
Beschwerden über Diskriminierung und schlechte Behandlung durch
die Tschechen
mehrten sich proportional zum Ansteigen der internationalen Spannungen,
ähnlich dem
Anwachsen palästinensischer Proteste einige Jahrzehnte später.
In beiden Fällen änderte
sich das Wahlverhalten auf dem Höhepunkt der Frustration. Während
des ersten
Jahrzehnts tschechoslowakischer Unabhängigkeit stimmten die meisten
Sudetendeutschen
eher für gemäßigte Parteien, so wie die israelischen
Araber zunächst für die zionistischen
Parteien stimmten. In den 30er Jahren jedoch wechselten die sudetendeutschen
Wähler zu
nationalistischen Parteien mit totalitären Ideologien über,
genau wie die israelischen
Araber. Insbesondere stieg sprunghaft die sudetendeutsche Anhängerschaft
des Nazi-
Ablegers, der sogenannten Sudetendeutschen Partei (SdP). Die SdP erhielt
1935 über
60% der deutsch-tschechoslowakischen Stimmen (mehr als die Nazis in
Deutschland
erhielten), und 1938 über 85%. Nach dem gleichen Muster übertrugen
die arabischen
Wähler in Israel ihre Loyalität mit großer Mehrheit
der antizionistischen,
kommunistischen Chadasch-Partei, die sich niemals vom Stalinismus distanzierte,
und der
PLO. Totalitarismus ist praktisch die einzige politische Gesinnung
unter den
Palästinensern innerhalb der Autonomie-Gebiete.
Weder die Klagen der Sudetendeutschen noch der palästinensischen
Araber waren
gänzlich unbegründet. In beiden Fällen war die Minderheit
im öffentlichen Dienst und in
den Streitkräften unterrepräsentiert, zum Teil aus Sicherheitsbefürchtungen.
Beide
Gruppen erfuhren sicherheitsbedingte Beschränkungen, besonders
in Zeiten von äußerer
Bedrohung und Spannungen.
In beiden Fällen war die Frage des Landbesitzes Auslöser extremer
politischer
Leidenschaften der Minderheit. Sudetendeutscher Grundbesitz wurde zum
Bau von
Verteidigungsanlagen enteignet, da die Sudeten längs der deutschen
Grenze lagen, von
wo die zukünftige miltärische Bedrohung zu erwarten war.
Einiges arabisches Land in
Israel und den "besetzten Gebieten" wurde gleicherweise enteignet.
Bei der Schaffung der
Tschechoslowakei besaßen die Deutschen einen überproportionalen
Anteil am Boden, so
wie die Araber Israels. Wenn also Privatbesitz enteignet werden musste,
gehörte er
demnach mit größerer Wahrscheinlichkeit der Minderheit.
Sowohl das Dritte Reich als
auch die arabischen Staaten benutzten die Enteignungen als Vorwand
für ihre militärische
Aggression. Sowohl Nazideutschland als auch die arabische Welt rechtfertigten
ihre
Aggression mit dem Argument, angeblich zur Verteidigung der Menschenrechte
ihrer
Brüder eingreifen zu müssen, während sie selber die
Menschenrechte in ihren eigenen
Staatsgebieten unterdrückten.
Die wachsende nationalistische Bewegung der Sudeten war antiliberal,
antidemokratisch
und autoritär, genau wie die Palästinenserorganisation. Die
SdP wie die PLO
verabschiedeten niemals ein detailliertes politisches oder soziales
Manifest jenseits der
Forderung nach "Selbstbestimmung". Beide Organisationen benutzten Gewaltmittel
zur
Unterdrückung konkurrierender nationalistischer Parteien, und
beide festigten ihre eigene
Position als einzige Sprecher ihrer jeweiligen Völker. Die SdP
organisierte
Sudetenflüchtlinge, die bei der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei
nach Deutschland
geflohen waren. Diese wurden in den Sudetendeutschen Heimatbund, eine
paramilitärische Organisation, rekrutiert. Später bildete
diese Gruppierung den
Grundstock für das Sudetendeutsche Freikorps, eine terroristische
Organisation, in die
34000 in Deutschland lebende Sudetendeutsche rekrutiert wurden. Diese
Terroristen
überfielen tschechische Grenzgebiete und vollführten Greueltaten
noch bis nach Abschluss
des Münchner Abkommens.
Die Nazipartei war in der Tschechoslowakei offiziell verboten. Dennoch
wurde die
Pressefreiheit peinlichst eingehalten, selbst angesichts steigender
Gewalt und
Provokationen seitens der Sudetendeutschen. Die politischen Organisationen
der
Sudetendeutschen und ihre Presse solidarisierten sich unverhohlen mit
der Nazipartei in
Deutschland, so wie sich die israelisch-arabische Presse mit der PLO
und Leuten wie
Saddam Hussein identifiziert. Nach seiner Machtergreifung machte Hitler
das Thema der
nationalen Rechte der Sudetendeutschen zu seinem Hauptinstrument militärischer
Aggression. Sein Interesse für "Selbstbestimmung" gründete
sich ausschließlich auf seine
Entschlossenheit, die Tschechoslowakei zu zerschmettern und zu annektieren.
Die
Nazipropaganda wurde auf Hochtouren gebracht und beschuldigte die
tschechoslowakischen Behörden andauernder Menschenrechtsverletzungen
der
Sudetendeutschen. Nazigelder flossen in die Kassen der SdP. Deutschland
warnte
unheilsvoll vor der Existenz eingebildeter sowjetischer Flugplätze
in der
Tschechoslowakei, so wie die Araber eingebildete amerikanische Landebahnen
1967 in
Israel "entdeckten". Deutschland nannte die Tschechoslowakei "eine
Marionette
sowjetischen Imperialismius'", so wie die Araber Israel als eine Marionette
und Instrument
des amerikanischen Imperialismus bezeichneten. Den wichtigsten Teil
der Nazi-
Propagandaattacke gegen die Tschechoslowakei bildete jedoch die Verurteilung
unterstellter Folter und körperlicher Misshandlung von Sudetendeutschen
durch die
Tschechoslowakei. Und das von dem Volk, das bereits die Konzentrationslager
baute.
Im Sommer 1937 übte Hitler Druck auf Prag aus, Zugeständnisse
in der
sudetendeutschen Frage zu machen, und komplettierte gleichzeitig seinen
militärischen
Plan zur Invasion der Tschechoslowakei. Der Leiter der SdP, Konrad
Henlein, ging in die
diplomatische Offensive, bereiste westliche Hauptstädte und forderte
die Anerkennung
sudetendeutscher Rechte. Als wahrer Sudeten-Arafat versuchte Henlein
zunächst, die
europäischen Regierungen davon zu überzeugen, dass sich seine
Ambitionen auf
Autonomie für die Sudetendeutschen beschränkten. Doch seine
Äußerungen wurden von
Mal zu Mal militanter. Gäbe es einen deutschen Ausdruck für
"Dschihad", hätte ihn
Henlein sicher benutzt, wie Arafat.
Am 1. Januar 1938 sagte Henlein: "Das tschechoslowakische Volk muss
erkennen, dass es
kein Abkommen mit unserem großen Nachbarn Deutschland geben wird,
ohne dass die
Sudetendeutschen zufriedengestellt wurden". 1938 beschloss die SdP
das Karlsbader
Acht-Punkte-Programm. Dieses Manifest, weit gemäßigter als
die immer noch
unwiderrufene Palästinensische Nationalcharta der PLO, verlangte
im Prinzip nach der
Teilung der Tschechoslowakei und der Abtretung des Sudetenlandes an
Deutschland. Im
Gegensatz zur PLO-Nationalcharta schien die Position der SdP wenigstens
die
Möglichkeit der Koexistenz mit einer Rumpf-Tschechoslowakei nach
ihrem Rückzug
offen zu lassen.
So nahm ein internes Problem über Minderheiten-"Rechte" schnell
internationale
Dimensionen an. Als Reaktion auf Nazi-Proteste begannen die Westmächte,
Prag zum
Einlenken bezüglich der sudetendeutschen Forderungen zu bewegen.
Schon im Juli 1936
beschwor Anthony Eden, der britische Außenminister, die Tschechoslowakei,
den
Sudetendeutschen volle Autonomie zu gewähren. Henlein besuchte
mehrmals London,
wo er wie ein Staatsoberhaupt empfangen wurde, so wie die fast universale
Krönung
Arafats durch die politischen Führer der Welt einige Jahrzehnte
später.
Der tschechische Historiker Radomir Luza verglich die auf Henlein gehäuften
Ehrungen
mit dem Londoner Empfang des tschechoslowakischen Präsidenten
Benesch, der nach
seinen Worten "mit mehr Anmaßung als ein afrikanischer Stammeshäuptling
behandelt
wurde". Würde er heute leben, hätte er sicher hinzugefügt:
"Fast wie Netanyahu".
Nach dem Anschluss Österreichs wuchs die massenweise Unterstützung
der SdP unter
den Sudetendeutschen wie Gewalt und Massendemonstrationen gegen die
Tschechoslowakei. Henlein trieb den Krieg der Worte und der Straßengewalt
auf die
Spitze, bezeichnete das Prager Regime als "hussitisch-bolschewistische
Kriminelle", was
man mit den arabischen Äußerungen über "zionistisch-imperialistische
Kriminelle"
vergleichen könnte. Drohungen seitens des Dritten Reiches erhielten
einen immer
unheilvolleren Unterton. Erste Berichte über deutsche Truppenkonzentrationen
nahe der
tschechoslowakischen Grenze trafen ein. Täglich verurteilte Deutschland
die Tschechen
als "die wahren Friedensstörer in Europa", während das Reich
selbst schon den Krieg
plante.
Unter dem Druck der Westmächte stimmten die tschechoslowakischen
Führer
Verhandlungen mit der SdP zu und legten ihren eigenen Plan für
beschränkte Autonomie
vor. Auf Befehl von Hitler wies die SdP den Plan entschieden zurück.
London setzte
Prag wiederholt unter Druck, den Plan annehmbarer zu machen und einer
Volksabstimmung in den Sudeten zuzustimmen, obwohl es offensichtlich
war, dass so ein
Plebiszit zur Teilung der Tschechoslowakei führen würde.
Im Gegensatz zur allgemeinen Stimmung der Beschwichtigung gab es einige
westliche
Proteste, die jedoch im allgemeinen ignoriert wurden. William Srang,
Leiter der
zentraleuropäischen Abteilung des britischen Außenministeriums,
warnte: "Selbst wenn es
keinen einzigen Deutschen in der Tschechoslowakei gäbe, bliebe
das fundamentale
Problem in den deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen bestehen, nämlich
ein
slawischer Staat mitten im Herzen Deutschlands... Die deutsche Regierung...
benutzt die
sudetendeutsche Frage als Instrument zur Stärkung ihrer politischen
und militärischen
Position". Hätte sich doch solche Ehrlichkeit von den Arabisten
des amerikanischen State
Departments in den 90er Jahren hören lassen.
Von Anfang an argumentierte die Tschechoslowakei, dass die Frage der
sudetendeutschen
"Selbstbestimmung" nur ein Ablenkungsmanöver war. Den wahren Grund
für die
mitteleuropäische Krise bildeten die aggressiven Absichten des
Dritten Reiches. Dennoch
fuhren die Demokratien fort, den Konflikt als Frage von Minderheitenrechten
und
Selbstbestimmung zu sehen. England und Deutschland hielten Gespräche
ab und
verabschiedeten eine gemeinsame Erklärung, worin sie die Rechte
der Sudetendeutschen
bekräftigten, ohne jedoch die Sicherheitsbedürfnisse der
Tschechoslowakei nur mit einem
Wort zu erwähnen - ein Vorgeschmack für das Verhalten der
Vereinten Nationen einige
Jahrzehnte später.
1938 verlangte London - und Prag akzeptierte - einen britischen Unterhändler,
obwohl
die Tschechoslowakei immer darauf bestanden hatte, dass es sich bei
der Sudetenfrage um
ein internes Problem handele, das die internationale Gemeinschaft nichts
anginge. London
beauftragte dazu den für seine starken Sympathien für Deutschland
bekannten Lord
Runciman. In seinem Bericht an den britischen Premierminister, Neville
Chamberlain,
empfahl er, jegliche Agitation innerhalb der Tschechoslowakei gegen
die Nazis zu
untersagen, was eine gewisse Ähnlichkeit mit der im McCarthy-Stil
geführten Kampagne
der israelischen Linken einige Jahrzehnte später gegen mit "krimineller
Aufhetzung und
Aufruhr" beschuldigten Anti-Oslo-Dissidenten hatte. Runciman fügte
hinzu:
"Tschechoslowakische Herrschaft in den Sudetengebieten war in den letzten
20 Jahren
zwar keine aktive Unterdrückung,.. doch gekennzeichnet von Taktlosigkeit,
fehlendem
Verständnis, kleinlicher Intoleranz und Diskrimination bis hin
zu dem Punkt, wo sich die
Empörung der deutschen Bevölkerung unausweichlich in Richtung
Aufruhr bewegte".
Man ändere nur die Namen, und schon ergibt sich die fast universal
akzeptierte
"Erklärung" für die Intifada. Während der Verhandlungen
war die Tschechoslowakei
gezwungen, eine deutsche Forderung nach der anderen anzunehmen. Unter
westlichem
Druck stimmte Prag den "Karlsbader 8 Punkten" als Grundlage für
die Verhandlungen
zu. Nach jedem einseitigen Prager Nachgeben stellte die SdP neue Forderungen,
da sie
aus Berlin den Befehl hatte, sich auf keinerlei echte Vereinbarung
einzulassen. Die
deutsche Strategie war auf Fehlschlag der Verhandlungen ausgelegt,
so dass das Reich
militärisch intervenieren musste. Henlein erhielt die Weisung
für den unwahrscheinlichen
Fall einer vollständigen Prager Kapitulation vor dem Karsbader
Programm, neue
Forderungen zu stellen, die die Fähigkeit einer eigenständigen
tschechoslowakischen
Außenpolitik beschränkten und somit die Souveränität
kompromittiere. Jahre später
machte eine arabische Welt jede Vereinbarung mit Israel davon abhängig,
dass es das
"Recht auf Rückkehr" außer Kraft setze und seine Souveränität
in Fragen der
Einwanderungspolitik aufgäbe, neben anderen Zugeständnissen.
Als sich die Spannung an den Grenzen dem Höhepunkt näherte,
setzte sich die
Tschechoslowakei in militärische Alarmbereitschaft. Wie die israelischen
Verteidigungsstreitkräfte stützte sich das tschechoslowakische
Militär weitgehendst auf ein
System der notfallbedingten Mobilisierung von Reservisten. Als die
Reserven einberufen
wurden, übte der Westen Druck auf Prag zu deren Demobilisierung
aus, um Berlin nicht
zu provozieren. Prag verblieb auf seinem Standpunkt und wurde dafür
von einigen im
Westen der Kriegshetze bezichtigt.
Die meisten der ethnischen Deutschen folgten nicht dem Einberufungsbefehl.
Während
der Mobilmachung wurden zwei deutsche Bürger von tschechoslowakischen
Wachen
getötet, und Hitler zeterte gegen die tschechischen Aggressoren.
Schließlich stimmte die Tschechoslowakei einer Vereinbarung zu,
die im Wesentlichen
einer Kapitulation vor dem Karlsbader Programm gleichkam. Am 13. September
1938,
noch bevor die SdP offiziell Stellung nehmen konnte, brachen Intifada-Unruhen
im
Sudetenland aus. Organisiert von der SdP griffen die Aufständischen
Juden, Tschechen
und Demokraten an und feuerten auf tschechoslowakische Polizisten.
Die
tschechoslowakische Armee sorgte wieder für Ordnung und verhängte
Kriegsrecht,
während die SdP-Führung nach Deutschland floh. Vermehrter
Druck auf die
Tschechoslowakei ließ die Sudetendeutschen ein Gefühl der
Oberhand spüren. Am 19.
September schlugen England und Frankreich vor, alle Gebiete der Tschechoslowakei
mit
mehr als 50% deutscher Bevölkerung an Deutschland zu übertragen.
Zum Ausgleich
boten sie der Tschechoslowakei internationale Garantien für die
neuen Grenzen nach der
Teilung an. Tatsächlich wurde nie so eine formelle Garantie empfangen.
Früher hatten
dieselben westlichen Mächte natürlich versprochen, die tschechoslowakische
Souveränität
über ihr gesamtes Staatsgebiet zu verteidigen.
* * * * * * * *
Am 29. September 1938 trafen sich die europäischen Führer
in München und besiegelten
das Schicksal der Tschechoslowakei. Es war kein Vertreter der Tschechoslowakei
anwesend. Am 1. Oktober zog die Wehrmacht ins Sudetenland ein. Andere
Teile der
Tschechoslowakei wurden Polen und Ungarn zugeschlagen. Die meisten
tschechoslowakischen Grenzbefestigungen befanden sich in der tschechischen
"Westbank", die an Hitler abgetreten wurde.
Die Deutschen implementierten sofort ihr Programm der Gleichschaltung,
unterdrückten
die tschechische und die slowakische Sprache, konfiszierten tschechoslowakisches
Eigentum und zwangen eine Dreiviertelmillion Tschechoslowaken, die
in den
abgetretenen Gebieten verblieben waren, mit vorgehaltenen Bajonetten
zur Emigration.
Gleichzeitig röhrte die deutsche Propagandamaschine gegen die
Verweigerung von
National- und Menschenrechten an die noch im Gebiet der Rumpf-Tschechoslowakei
verbliebenen Deutschen. Deutschland verlangte das Recht auf Selbstbestimmung
auch für
diese, so wie es die Araber immer deutlich machten, dass ein palästinensisches
Staatswesen nicht die Notwendigkeit für die Gewährung
von Selbstbestimmung an die in
Israel innerhalb der Grenzen von vor 1967 lebenden Araber ausschlösse.
Am 12. März 1939 fanden Demonstrationen in allen übriggebliebenen
tschechoslowakischen Städten mit einem Anteil deutscher Bevölkerung
statt. Am 15.
März vervollständigte die deutsche Armee die Zerstörung
der Tschechoslowakei, und die
Sudetenbevölkerung war endlich befreit und erhielt ihre nationalen
Rechte und
Selbstbestimmung. Kein einziges Land rührte auch nur einen Finger.
Der tschechische Historiker Luza hatte bemerkt: "Die Frage der Sudetendeutschen
war
nicht der Grund für das Geschehen, sondern ein Vorwand. Der wahre
Grund, wie die
Deutschen selber zugaben, war die Weigerung des tschechoslowakischen
Staates, ein
Vasall der Deutschen zu werden". Hitler bestätigte dies am 23.
Januar 1942, als er sagte:
"Kurz gesagt, die Tschechoslowaken sind ein Fremdkörper inmitten
der deutschen
Gemeinschaft. Da ist kein Raum sowohl für sie als auch für
uns. Einer muss Platz
machen".
Als die arabische Welt nach 1967 das plötzliche Bedürfnis
der Palästinenser nach
"Selbstbestimmung" entdeckten, machte sie gleichzeitig deutlich, dass
das Erreichen
solcher "Selbstbestimmung" im Jordanwestufer und Gasastreifen eine
Vorbedingung für
jeglichen Friedensvertrag darstelle, statt eines der daraus resultierenden
Ergebnisse. Die
PLO machte deutlich, dass sie sich an diesen Standpunkt hält,
wie fast die gesamte
arabische Welt, wobei Ägypten und Jordanien eine gewisse Zweideutigkeit
an den Tag
legen. So wie Deutschland fortfuhr, weitere Zugeständnisse von
Prag für die
tschechischen Deutschen, die in der Rumpf-Tschechoslowakei nach der
Teilung aufgrund
des Münchner Abkommens verblieben waren, zu verlangen, werden
PLO und die
arabischen Staaten unausweichlich die traurige Lage unterdrückter
und misshandelter
Araber in einem Rumpf-Israel innerhalb der "grünen Linie" entdecken.
Forderungen nach
Selbstbestimmung für die Araber des Galils, des Negev, des Dreiecks,
und dann die in
Ramle, Haifa und Jaffa werden erwachen. Ohne Zweifel würde die
"Galilee Liberation
Organization" ganz oben auf der politischen Tagesordnung stehen.
Arabische Aggression gegen Israel hatte nie auch nur das Geringste mit
irgendeiner
arabischen Sorge um die Rechte und die Behandlung der Palästinenser
zu tun, wie ihr
eigenes Vorgehen gegen ihre eigenen Araber mehr als deutlich macht.
Das Verhalten der
arabischen Welt gegen in ihrer Mitte lebende nichtarabische Minderheiten
gehört zum
schlimmsten auf der Welt. Die arabische Bestürmung Israels fußt
auf nichts Anderem als
die Entschlossenheit, Israel aus seinem Lebensraum zu vertreiben.
* * * * * * *
Es gibt natürlich einige bedeutende Unterschiede zwischen dem Feldzug
für
palästinensische und dem für sudetendeutsche Selbstbestimmung
in den 30er Jahren.
Anders als Nazideutschland haben die meisten arabischen Staaten und
die PLO niemals
vorgegeben, dass die Abtretung von Gebieten durch Israel ihre Forderungen
befriedigen
würde. Die westlichen Demokratien haben niemals Abkommen über
gegenseitige
Verteidigung mit Israel unterzeichnet, so wie sie es mit der Tschechoslowakei
taten. Im
Gegensatz zu Israel vertrieb die befreite Tschechoslowakei sofort nach
dem Ende des
zweiten Weltkrieges praktisch alle Sudetendeutschen von ihrem Gebiet
und weigerte sich
seitdem, an Verhandlungen über ihre Rückkehr oder Entschädigung
auch nur zu denken.
Diesen "Bevölkerungstransfer" hat der Rest der Welt längst
vergessen. Der wichtigste
Unterschied jedoch besteht darin, dass die Tschechoslowakei 1938 nicht
fähig war, sich
militärisch zu verteidigen und das Nazi-Militär zurückzuschlagen.
Es wäre sicher faszinierend, sich vorzustellen, was passiert wäre,
wenn
die tapferen
Tschechoslowaken die Wehrmacht besiegt und Bayern als Faustpfand
besetzt
hätten. Hätte die Weltgeschichte den Nahostkonflikt
vorweggenommen? Hätten die
Führer der Welt "tschechischen Militarismus und Aggression" verurteilt
und sich um
Wiederbewaffnung der Naziopfer des "tschechischen Imperialismus'" gedrängt?
Mit
Protesten aus aller Welt über die Misshandlung von Sudetendeutschen
und Bayern durch
fanatische Tschechen? Nobelpreis für Henlein? Mit tschechischen
Linken und Diaspora-
Tschechen in Amerika die böse Prager Regierung verurteilend, die
aus Leuten besteht, die
Land vor Frieden setzen...?
Und alle wären sich natürlich darüber einig, dass in
der Selbstbestimmung für die
Sudetendeutschen der Schlüssel zum Weltfrieden liege.
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Dr. Steven
Plaut lehrt Geschäftsführung und Wirtschaftslehre an der
Universität Haifa, Israel.
Übersetzung: Rafael Plaut, Jerusalem 5760