"POLITIK UND JUDENTUM"
erschienen in der Monatsschrift "Iture Kohanim"
der Jeschiwa Ateret Kohanim, Jerusalem
Nr. 70 Tevet 5751
Übersetzung: Rafael Plaut, Jerusalem
Rabbiner Aviner ist der Leiter der Jeschiwa und Oberrabbiner von Bet El.
Zum besseren Verständnis wurde dem Text ein Verzeichnis der Namen
und Begriffe angefügt. Einträge sind
mit "*" gekennzeichnet.
POLITIK UND JUDENTUM
1. Politische Enthaltsamkeit
Wie stehen sich die Welt der Politik und die Welt der Religion
gegenüber - widersprechen sie sich oder gibt es Berührungspunkte,
und wenn ja, welche? Wie wirkt sich diese Spannung auf das
Verhältnis des religiösen Menschen zur Welt der Politik aus?
Nehmen
wir drei mögliche Antworten in näheren Augenschein:
Der religiöse Mensch hat sowohl die Möglichkeit als auch
die
Fähigkeit, sich mit Politik zu beschäftigen.
Dem religiösen Menschen ist es strengstens verboten, sich mit
Politik zu befassen.
Dem religiösen Menschen ist es eine Pflicht und göttliches
Gebot,
sich am politischen Geschehen zu beteiligen.
Welches ist nun die richtige Möglichkeit?
Zweitausend Jahre lang beschäftigten wir uns nicht mit Politik.
Nicht,
weil wir nicht wollten, sondern weil wir nicht konnten. Das jüdische
Volk, staatenlos, war zwangsweise von der Teilnahme am politischen
Tagesgeschehen ausgeschlossen.
Zwar fühlten sich Individuum und Volk als in einer Zwangslage
befindlich, doch aus göttlicher Sicht lag gar kein Zwang vor,
sondern
zielgerichteter Wille. Wem es gelänge, G~ttes Willen zu
verstehen,
würde auch in seinem Bewusstsein das Joch des Zwanges durch inneren
Willen ersetzen.
Rabbiner A. J. Kuk* brachte diesen Umstand mit folgenden Worten
zum Ausdruck: "Wir verließen die Weltpolitik aufgrund des
Zwanges,
der inneren Willen in sich trägt"1.
Der "Jerusalemer" Talmud* bringt
dazu ein Beispiel (Traktat Sanhedrin, 7. Abschnitt, Hal. 2) bezüglich
des
durch die römischen Herrscher erlassenen Verbotes, in den jüdischen
Gerichtshöfen die Todesstrafe zu verhängen, welche durch
das jüdische
Gesetz in verschiedenen Fällen vorgeschrieben ist. Rabbi Schimon
Bar-
Jochai* fand an diesem Verbot auch eine gute Seite: das Verhängen
der Todesstrafe beinhalte schon in normalen Zeiten solch eine enorme,
schwer zu tragende Verantwortung, um die man nur wegen des
ausdrücklichen biblischen Gebotes nicht herumkomme, dass man die
derzeitige Zwangslage als Zeichen göttlichen Willens interpretieren
könne, uns wegen der Schwächung unserer Weisheit dieser
Verantwortung zu entheben.
2. Politik und Schlechtigkeit
Ferner sagte Rav Kuk: "bis dass eine glücklichere Zeit anbricht,
in der
es möglich sein wird, Herrschaft ohne Schlechtigkeit und ohne
Barbarei auszuüben - das ist die Zeit, die wir erhoffen"1.
Solange
sowohl die Außen- als auch die Innenpolitik zwangsläufig
moralische
Verdorbenheit implizieren, beschäftigen wir uns besser nicht mit
ihr.
Der Herr der Welt macht es uns erst gar nicht möglich. Wenn aber
die
Zeit reif ist, verschwindet diese Zurückhaltung von ganz alleine,
was
ausschließlich vom Stand unserer Moralität und Spiritualität
abhängt.
Im Laufe der Generationen wird die Welt für Geistiges empfänglicher,
empfindsamer, und in ihr Israel als Herz der Welt, bis diese Zeit
beginnt. Daher heißt es weiter: "die Herauszögerung erfolgt
zwangsläufig"1 - die Endzeit
lässt sich nicht gewaltsam herbeiführen,
man kann die Vorbedingungen nicht übergehen - "..da unsere
Seele an
den furchtbaren Vergehen der Staatsführung in schlechter Zeit
krankt"1.
In der Geschichte des jüdischen Volkes vom Eintritt ins Land bis
zur
Zerstörung des Tempels war die Regierungsführung alles andere
als
zufriedenstellend, von wenigen guten Perioden abgesehen. Die
Propheten mussten die Herrschenden fortwährend ermahnen.
Jeschajahu protestierte: "Deine Fürsten Unbändige und Diebsgesellen,
allzumal Bestechung liebend und jagend nach Bezahlung; der Waise
sprechen sie kein Recht, und der Streit der Witwe kommt nicht zu
ihnen" (1,23).
Das davidische und salomonische Königtum entsprach zwar dem
idealen Format, die spirituelle Begabung der Massen jedoch war weit
von dieser Stufe entfernt2.
3. Herrschaft der Geradheit
Rabbiner Kuk bestimmte, dass der rechte Zeitpunkt gekommen war.
"Und sieheda, die Zeit ist gekommen, zum Greifen nahe, die Welt
wird
von einem neuen Gefühl durchströmt, wir können uns
schon
vorbereiten, es wird uns schon möglich sein, unsere Herrschaft
auf den
Fundamenten des Guten, der Weisheit, der Aufrichtigkeit und der
klaren, göttlichen Erleuchtung zu errichten"1.
Die Welt befindet sich
zwar noch in der Vorbereitungsphase, wir aber, das Volk Israel, seien
schon bereit, eine Regierung in Geradheit zu führen. In Kürze
sollten
daher die himmlischen Beschränkungen verschwinden, die Zwangslage
endigen und das Gebot zur Errichtung eines Staatswesens
wiederaufleben.
Die Möglichkeit der Gründung eines Staates hängt vom
Vorhandensein
einer bestimmten moralischen Eignung ab. "Es ist nicht angebracht
für
Jakov, in einer blutrünstigen Zeit, in einer Zeit, die nach
verbrecherischer Begabung verlangt, sich mit Politik zu befassen".
Wenn die Alternative darin besteht, Schurke zu sein, sollte man lieber
die Hände von der Politik lassen. Mit G~ttes Hilfe jedoch hat
eine
Wandlung stattgefunden, und ein neuer Geist seelischer Stärke
belebt
unser Land.
Eine Periode, die uns zwangsweise an politischer Betätigung hindert,
kann man wohl schlecht als ideal bezeichnen. Doch diese bittere
Medizin heilt uns von schwerer Krankheit. Das Problem liegt nicht in
der Beschäftigung mit Politik, sondern die Politik selbst birgt
den
Makel, der uns die Beschäftigung mit ihr unmöglich macht.
In diesem Zusammenhang wählte Rabbi Schimon Bar-Jochai eine
scharfe Ausdrucksweise; als er Bauern bei der Arbeit sah, schimpfte
er:
"Sie lassen das ewige Leben und befassen sich mit dem vergänglichen
Leben" (Schabbat 33b). Was ist denn schon dabei? Hat die Tora etwa
das Befassen mit dem "vergänglichen Leben" verboten? Im Gegenteil;
wenn es aber von Verdorbenheit und Perversion beherrscht wird, muss
man sich davon zurückziehen. Rabbi Schimon Bar-Jochai behauptete
nicht, dass das Bauen von Brücken prinzipiell eine torafeindliche
Aktivität darstelle, dass Badeanstalten grundsätzlich
schlecht seien und
er der Reinlichkeit keine Bedeutung beimesse. Auch behauptete er
nicht, dass Märkte unnötig und das Essen überflüssig
seien und man
sich ausschließlich mit der Lehre zu befassen habe. Vielmehr
wollte er
sagen: "Alles, was sie [die Römer] errichtet haben, geschah
nur in
ihrem eigenen Interesse. Sie haben Märkte eingerichtet,
um da
Prostituierte hinzusetzen, Bäder errichtet zu ihrem Behagen, Brücken
gebaut, um Zoll zu erheben" (Schabbat 33b). Seine Opposition war
also keine prinzipielle, sondern galt nur Absicht und Wegen, wie diese
an sich nützlichen Dinge gebraucht wurden3.
Und ebenso verhält es
sich mit der Politik, die sich in pervertiertem Zustand präsentiert,
denn
im Prinzip hat sie durchaus ihre Existenzberechtigung.
Der Begriff "Politik" stammt vom griechischen "polis" (Stadt). In der
Vergangenheit konzentrierte sich das gesellschaftliche Leben auf die
zumeist befestigten Städte und ihr Umfeld. Auch der Begriff "Medina"
(im Umgangshebräisch "Staat"), wie er zum Beispiel in der Bibel
im
Buche Esther erscheint (1,16), hat dort eher die Bedeutung "befestigte
Stadt". Wie gesagt waren wir zwangsweise an "politischer" Betätigung
gehindert - ihrem Wesen nach aber gehört sie zu den göttlichen
Geboten und lebt gegenwärtig wieder auf.
Heute bezeichnet man mit der Innen- und Außenpolitik das Regeln
wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Beziehungen, die "Bestandteil
der Lehre selbst"4 ist, da von ihr
das Leben des jüdischen Volkes in
seinem Lande abhängt - ebenfalls ein göttliches Gebot. Folglich
gehören die Gründung und das Betreiben eines Staatswesens
in allen
seinen Einzelheiten, in Gradheit, gleichfalls zu diesem Gebot.
4. Der Unterschied zwischen Israel und den Völkern
Rabbiner Kuk schrieb weiterhin: "Europa hat zu Recht G~tt
aufgegeben, den es doch nie kannte. Einige Auserwählte der
Menschheit machten sich das höchste Gute zu eigen, nie aber
eine
ganze Nation"5. In der Welt
gibt es viele Individuen, die man als
"Gerechte der Völker"6 bezeichnen
kann. Die talmudischen Weisen
überliefern uns im Namen des Propheten Elijahu den folgenden
Ausspruch: "Himmel und Erde mögen meine Zeugen sein, dass
auf Jude wie Nichtjude, Mann wie Frau, Knecht wie Magd,
entsprechend seinen Taten der Geist des Heiligen ruht"7.
Auch ein Nichtjude kann ein erhabenes göttlich-spirituelles Niveau
erreichen, als Einzelner, aber nicht die Gemeinschaft, das ganze Volk.
Es gibt gerechte Nichtjuden und solche, die G~tt anhängen, aber
keines
der Völker hängt in seiner Gesamtheit G~tt an. Entsprechend
gelingt es
ihnen auch nicht, die Staatsführung und überhaupt die Politik
in guter,
aufrichtiger Weise zu bewerkstelligen, und sie streben auch in keiner
Weise
danach. Im Gegensatz zum Volk Israel: "Wie man zum Allen Guten
strebt und sehnt, kann kein anderes Volk erfassen"5,
und "tief in
unserem Innersten fühlen wir alle, die Nation in ihrer Gesamtheit,
dass das absolut Gute, das Allen Gute, würdig ist, sich danach
zu
sehnen, und auf diesem Fundament Herrschaft und politische
Führung zu begründen"5.
Das Gute muß im Leben der Allgemeinheit,
der Nation zum Ausdruck kommen.
5. "Und ich werde dich zu einem großen Volke machen"
So lautete das Versprechen an unseren Vorvater Awraham: "Und ich
werde dich zu einem großen Volk machen" (Genesis 12,2) - groß
in
deiner Eigenschaft als Volk, nicht in deiner Eigenschaft als Individuum.
Ebenso heißt es über das Volk Israel: "Denn welches große
Volk gibt
es, das Götter hätte, ihm so nahe, wie der Ewige, unser G~tt..."
und
weiter "Und welches große Volk gibt es, das Satzungen und
Vorschriften hätte, so gerecht, wie diese ganze Lehre..."(Deut.*
4,7-8).
Das Volk muss sich im Lichte der göttlichen Idee auch als Volk
verwirklichen, nicht als Summe seiner Bestandteile. "Da der Höchste
den Völkern Besitz gab", und "stellt er fest Grenzen der Völker"
(Deut. 32,8); bis zum Zeitalter unseres Vorvaters Awraham lebten nur
Einzelne im Lichte der göttlichen Idee. Mit ihm kam die Wende
- in
Gestalt des jüdischen Volkes.
Das höchste Ideal: Heiligung des göttlichen Namens auf Ebene
des
Volkes, des Staates, der Politik und in allen anderen Aspekten seines
öffentlichen Lebens8. Dieser unser
Staat ist ein besonderer Staat, nicht
wie die Staaten aller Völker dieser Erde, sondern der von G~ttes
Wort
erleuchtete Staat. Er verkörpert das Ideal der Heiligung des göttlichen
Namens durch den Staat, welche um ein Vielfaches größer
ist als die
Heiligung des göttlichen Namens durch den Einzelnen in seinen
vier
Wänden, im Kreise seiner Familie und sogar in einer kleinen Gemeinde.
Wenn G~ttes Wort die Leitlinien der ganzen Nation bestimmt, gelangt
jeder Einzelne zu spirituellem Glück und Erhebung, noch weit über
sein individuelles Glück hinaus. Die private Spiritualität
geht in der
erhabenen Spiritualität der Gesamtheit der Nation auf, wie eine
kleine
Kerze, die wohl eine finstere Kammer erleuchten kann, im Freien aber
im Verhältnis zur Sonne nicht zur Wirkung kommt9.
Das ideale Staatswesen ist das höchste Glück des Menschen,
im
Gegensatz zum heute üblichen Staat, über den Rabbiner Kuk
schreibt:
"Dass der Staat nicht das höchste Glück des Menschen darstellt
- lässt
sich wohl vom regulären Staat behaupten..."10.
6. Gesellschaft mit hoher Verantwortlichkeit
Der normale Staat "stellt keinen höheren Wert dar als eine Gesellschaft
hoher Verantwortlichkeit"10.
Es gibt kein halachisches* Verbot
bezüglich einer Verantwortung tragenden Gesellschaft, so wie die
heutzutage übliche Versicherungsgesellschaft. So heißt es
im Talmud:
"Die Vereinigung der Schiffseigner kann vereinbaren, dass jedem, dem
ein Schiff verloren geht, ein anderes zur Verfügung gestellt wird"
(Baba Kama 116b).
Bekanntlich hat es seine Vorteile, sich und sein Vermögen durch
Zahlung einer Prämie zu versichern. Die regelmäßige
Zahlung einer
festen Summe über einen bestimmten Zeitraum belastet das Budget
nicht übermäßig, und in der Stunde der Not oder eines
großen
Schadenfalles erweist sich die Sache als äußerst nützlich.
Man darf
Geschäfte betreiben, und gegen ein ehrliches und ehrbares Geschäft
ist
nichts einzuwenden - stellt aber kein erhabenes Ideal dar.
Der heute übliche Staat ähnelt einer Versicherungsgesellschaft.
Der
Bürger zahlt regelmäßig seine bestimmten Steuern, und
erhält dafür
unterschiedliche Dienstleistungen, z.B. Verteidigung, Erziehung,
Gesundheitsfürsorge usw. Dieses Übereinkommen dient sowohl
den
Bedürfnissen des Einzelnen als auch dem Establishment, doch
verkörpert es kein besonderes Ideal. In dieser Situation "bleiben
die
vielen Ideen, die Krönung des Lebens der Menschlichkeit, in
der
Schwebe, ohne Berührungspunkte mit ihr"10.
Zwar hat jedes Land seine Intellektuellen, Idealisten, Philosophen und
Theologen, die erhabene Gedanken verfolgen und großartige
Ideologien schaffen, welche sie sogar zu Papier bringen, doch
unterscheidet sich die Realität auf krasseste Weise von den Idealen,
die
jene so trefflich in ihren jeweiligen Lehren auszudrücken wissen.
Der von Grund auf ideelle Staat, der nicht nur als große
Versicherungsgesellschaft daherkommt, verkörpert die höchste
Stufe
des Glücks - und dies ist unser Staat, der Staat Israel. In den
Worten
Rabbiner Kuks: "Der von Grund auf ideelle Staat, dessen Wesen
höchsten ideellen Werten untrennbar verbunden ist, stellt das
höchste,
wahre Glück auch des Einzelnen dar. So ein Staat steht in Wirklichkeit
auf der höchsten Stufe des Glücks, und dieser Staat ist
unser Staat, der
Staat Israel"10.
7. Der Staat Israel
Der Staat Israel gehört der Allgemeinheit Israels, wie der Begriff
"Staat Israel" schon ausdrückt. Nebenbei bemerkt, Rabbiner Kuk
war
einer der ersten, die diesen Begriff benutzten. "Er ist das Fundament
des Sitzes G~ttes in der Welt, dessen ganzes Streben der Einheit
G~ttes und seines Namens gilt, denn dies ist in Wahrheit das höchste
Glück"10, nicht nur im
Leben des Einzelnen oder einer begrenzten
Öffentlichkeit, sondern im Leben des ganzen Volkes Israel.
Wer den Staat Israel in seinem heutigen Zustand betrachtet, kann sich
wohl einer gewissen Skepsis nicht erwehren, wo doch die "Einheit
G~ttes und seines Namens" (Secharja* 14,9) so gar nicht zum
Ausdruck kommt. Wir haben den Staat aber nicht nach dem äußeren
Schein zu beurteilen, denn "der Mensch sieht nach den Augen, der
Ewige aber sieht nach dem Herzen" (Schemu'el* I 16,7); nicht wie der
Staat sich heute präsentiert, sondern wie er in Einklang mit seinem
Potential zukünftig sein wird. Die Keime für "das Fundament
des
Sitzes G~ttes" sind bereits gepflanzt, wir müssen jetzt abwarten,
bis sie
sprossen. "Wahrhaftig, dieses erhabene Glück benötigt
langwieriger
Erläuterung, um sein Licht in den Tagen der Finsternis zur
Geltung zu
bringen, doch mindert dies nicht die Tatsache, das größtmögliche
Glück zu sein"10. Wir befinden
uns wie im Zustand der Dämmerung,
in der man vieles nicht sieht, was aber nicht heißt, dass es
nicht
existiert.
Unser Staat verkörpert heute noch nicht dem himmlischen Thronsaal,
eher den Korridor, der zu ihm hinführt. Wer jedoch zum König
will,
muss vorher durch diesen Korridor gehen. Man sollte seine Bedeutung
nicht unterschätzen, stellt er doch den einzigen Weg zur Residenz
des
Königs dar. Wird denn nicht jemand, der es bereits bis zum königlichen
Korridor gebracht hat, schon dort von Ehrfurcht erfüllt sein,
noch
bevor er den Thronsaal betritt?
Doch streben wir nicht nach diesem "Korridor". Obschon eine
gewaltige Errungenschaft, bleibt der Staat noch weit vom Ideal
entfernt. Noch immer steht er nicht vollständig auf den Fundamenten
von Geradheit, Wahrheit und Gerechtigkeit, Liebe, Brüderlichkeit,
Frieden und Freundschaft.
8. Politik - die theoretische Seite
Bei der Untersuchung der Beziehung des religiösen Menschen zur
Politik müssen wir zwischen zwei Bereichen, beide "Politik" genannt,
unterscheiden.
1.) Die "theoretische" Politik, die reine Wissenschaft. Darunter
verstehen wir die Lehre von der Staatsführung, das Ideal. Hier
müssen
notwendigerweise Menschen des Geistes zum Einsatz kommen, denn
nur sie verfügen über die Mittel, Fragen der Allgemeinheit
und des
Wesens der gesamten Nation und kommender Generationen zu klären.
Dieser "Arbeitskreis des Geistes" kann Vertreter von Kultur, passender
Berufe wie z. B. Richter, Wirtschaftsfachleute usw. enthalten, den
Vorsitz sollten jedoch Vertreter des Spirituellen, Toragelehrte,
einnehmen. Die sich herauskristallisierende politische Philosophie
muss
einer Prüfung nach folgenden drei Kriterien standhalten:
1. Erkenntnis der Fakten im Lichte ihrer Verbindung zu den großen,
allgemeinen Zielen, die alle Generationen umfassen
2. Erkenntnis aller aktiven Institutionen und Machtmechanismen
3. Wertbeurteilung aller Einrichtungen, Organisationen, Parteien usw.
und Ausgabe neuer Leitlinien
Wer sich in diesem, allgemeinen Sinne mit Politik beschäftigt,
muss die
historischen Entwicklungsprozesse der Nation aufdecken, ihr als
Pädagoge dienen, sie anleiten und ihr den Weg in die Zukunft weisen.
Er muss eine Nation führen, die nach einer Zielrichtung verlangt,
die
auch dem Druck von Krisenzeiten standhält.
9. Politik - die praktische Seite
Der zweite Bereich der Politik besteht aus der praktischen,
ausführenden Seite. Diese beschäftigt sich mit Führung
und Ordnung
der Staatsangelegenheiten im praktischen Sinne unter Zugrundelegung
der von den Politikphilosophen vorgegebenen Richtlinien.
Aktive politische Betätigung wird von der Tora für wichtig
und ehrbar
angesehen, wie es heißt: "..und alle, die öffentliche Aufgaben
treu
erfüllen, der Heilige, gesegnet sei er, zahle ihren Lohn,.."11;
sie
verpflichtet zu Gewissenhaftigkeit bei der Ausführung. Doch da
liegt
das Problem - verbirgt sich hier doch ein Minenfeld von persönlichen
Verbindungen, Beziehungen und Koalitionen; je ausgeklügelter,
desto
unmoralischer. Deshalb haben viele geradlinige und begabte Menschen,
Idealisten und Visionäre, bei dieser Arbeit keinen Erfolg, da
sie wie
eine Schlacht durchfochten werden muss. Wer sich mit aktiver Politik
beschäftigt, muss Erfahrung in politischer Kriegführung mitbringen.
Er
muss ein bißchen Machiavellist sein, jegliche Moral verachtender
Zyniker und grausamer Opportunist von gewaltiger Willensstärke,
der
vor keinem Mittel zurückschreckt, um sein Ziel zu erreichen.
Vor etwa fünfhundert Jahren lebte Niccolo Machiavelli, der als
"Vater
der Politikwissenschaft" gilt und, allerdings zu Unrecht, mit dem
Titelhelden seines berühmtesten Buches "Der Prinz" identifiziert
wird.
Machiavelli betrachtete die Politik als echte Wissenschaft und nicht
als
Beruf, dem man sich nebenher wie einem Hobby widmet. Als
Gesandter kam er viel herum und sah so einiges. Er schilderte, wie
die
Politik überall auf Lüge, Macht, Geldgier und Betrug fußte;
Machiavelli war zwar Idealist, aber auch Realist. Die talmudischen
Weisen erkannten und beschrieben diesen Zustand sehr trefflich schon
lange vor ihm in ihrem Spruch: "Seiet vorsichtig mit Machthabern; sie
lassen den Menschen nur näher zu sich in ihrem eigenen Interesse,
scheinen wie Freunde zur Zeit ihres Nutzens und stehen dem Menschen
nicht bei zur Zeit seiner Bedrängnisse" (Sprüche der Väter
2,3). Die
Wirklichkeit zeigt, dass gerade die Politiker und Parteien, die sich
krummer Mittel bedienen, erfolgreicher sind als Idealisten und
Aufrichtige. Es drängt sich der Verdacht auf, dass man ohne diese
Mittel nicht auskommt, um in der Politik Erfolg zu haben. Andererseits
verbietet die Tora Lüge und Irreführung. In dieses Tätigkeitsfeld
kann
man sich also nur mit reicher Erfahrung begeben, um sich vor den
Betrügereien der Anderen in Acht nehmen zu können, ohne jedoch
selbst zu solchen Mitteln zu greifen.
In unserem Vorvater Jakov finden wir dafür das Vorbild. Über
ihn
heißt es: "Jakov, ein aufrichtiger Mann" (Genesis 25,27), und
Raschi*
erklärte dazu: "im Betrügen nicht erfahren". Die Tora informiert
uns
darüber im voraus, um nicht eine ganze Reihe von Vorfällen
misszuverstehen, weil man nämlich glauben könnte, dass Jakov
sich
unlauterer Mittel zum Zweck bediene. Oberflächlich betrachtet
könnte
man zu der irrigen Erkenntnis gelangen, der Zweck heilige alle Mittel.
In Wirklichkeit braucht man die gründliche Kenntnis der Betrügereien
der Anderen, um diese an deren Anwendung uns gegenüber
zu hindern.
Als Rachel Jakov warnte, dass Lawan ein Betrüger sei, richtete
Jakov
die Dinge so ein, dass er das ihm Zustehende erhalten und Lawan ihn
nicht betrügen konnte. Nachdem er für Rachel die vereinbarten
sieben
Jahre abgearbeitet hatte, verabredete er mit ihr Erkennungszeichen.
Er
sprach zu ihr: Ich bin sein Bruder in der List. Sie fragte ihn darauf:
Dürfen sich die Gerechten einer List bedienen?! Er antwortete:
Jawohl, mit den Lautern verfährst du lauter, mit den Verkehrten
verdreht (Megilla 13b, Schemu'el II 22,27).
Ebenso ging es mit Eßaw [Esau]: Jakov nutzte einen Moment der
Schwäche bei Eßaw und erlangte so das Erstgeborenenrecht
und den
väterlichen Segen, die Eßaw geringschätzte. Hier bediente
sich Jakov
kluger Kaufmannsmethoden. Der Händler versteht sich auf den
günstigen Einkauf der Ware und deren Verkauf mit Aufschlag. Eßaw
erkannte an einem bestimmten Punkt, was ihm widerfuhr, und sagte
dazu: "Darum also nennt er sich Jakov, weil er mich schon zweimal
überlistet (j'akveni) hat?!" (Genesis 27,36).
Aus der Wurzel des hebräischen Wortes "Ekew" (Buchstaben 'ajin-
'kuf-wet =Ferse; aus dieser Wurzel leiten sich auch "Jakov" und
"j'akveni" ab) entnehmen wir, dass man den Dingen auf der Spur
bleiben muss und auch, die "Achilles-Ferse" des Gegners ausfindig zu
machen. In der griechischen Mythologie wird von einer Mutter erzählt,
die ihr Kind Achilles in einen speziellen Zaubersaft tunkte, der vor
Verwundung durch Pfeile schützen sollte. Dabei hielt sie ihn an
der
Ferse, so dass er dort verwundbar blieb, und so fiel er denn auch in
der
Schlacht.
Bis jetzt wurde erläutert, wie sich der Politiker durch Einsicht
und
Erfahrung vor Überlistung durch andere schützen muss, wobei
ihm die
Tora verbietet, sich der Lüge zu bedienen - es gibt aber Ausnahmefälle,
in denen es doch erlaubt ist, zum Beispiel bei Lebensgefahr. In der
Gemara heißt es: "Wenn ein Israelit auf dem Wege mit einem
Nichtjuden zusammentrifft und er ihn fragt, wohin er gehe, so gebe
er
ihm ein weiteres Reiseziel an" (Awoda Sara 25b), das heißt, wenn
er
noch 4km zu gehen hat, gebe er 8km an. Und wozu dieser Umstand?
Weil anzunehmen ist, dass der Nichtjude ihn umbringen und berauben
will. Aus Gründen der Bequemlichkeit wird er jedoch bevorzugen,
sein
Vorhaben gegen Ende des Weges auszuführen, da er dann die Beute
nicht so weit zu schleppen braucht. Daher ist in einem solchen Fall
dem
Juden erlaubt, von der Wahrheit abzuweichen, damit der Nichtjude ihm
keinen Schaden zufügen kann.
10. "Sei aufrichtig"
"Der 'Chafez Chaim'* war als aufrichtiger Gerechter bekannt und dabei
doch auch scharfsinnig und in allen weltlichen Dingen bewandert. Er
betonte stets, seine Aufrichtigkeit zu bewahren: Sei aufrichtig mit
dem
Ewigen, Deinem G~tt, und kläre alle Komplikationen des Lebens
aus
tiefer Weisheit des Heiligen und des Glaubens, im Streben nach dem
Erhabenen. 'Eine Leiter war gestellt auf die Erde und die Spitze reichte
an den Himmel'"12.
Manchmal scheint uns die Welt nur aus List, Zwang und
Geschäftemacherei zu bestehen und man einfach unmöglich
rechtschaffen bleiben kann. Doch selbst im Grauen des Krieges, in dem
man töten muss, um nicht selbst getötet zu werden, lehrt
uns unsere
Tora, auch im Kampfgetümmel moralisch und gradlinig zu bleiben
-
erst recht also in der Politik.
Wir entnehmen aus alledem, dass der Mensch des Geistes weniger in
die praktische, ausführende Politik gehört, sondern vielmehr
im
allgemeinen, politisch-philosophischen Bereich benötigt wird.
Die
spirituelle Führungspersönlichkeit bestimmt die Leitlinien
und verbleibt
über den Dingen, so wie z. B. der Prophet Schemu'el über
dem
Königtum stand und die Könige in ihr Amt einsetzte.
Die geistigen Führer dürfen nicht politischen Erwägungen
unterworfen
sein. Auch diejenigen, die sich mit der technischen Seite der Politik
befassen, müssen rechtschaffen sein, genau wie jeder Geschäftsmann
sein Geschäft ehrlich und rechtschaffen zu führen hat, und
wie jeder
Soldat rechtschaffen zu sein hat. Der Politiker ist eine Art Kreuzung
zwischen Geschäftsmann und Soldat, der auch "im Tale des
Todesschattens" (Psalm 23,4) ehrlich und aufrichtig seinen Weg
gehen muss.
------------- ------------- -------------
Chafez Chaim = Rabbi Israel Meir Hakohen, einer
der größten Gelehrten der neueren Zeit, besonders bekannt
als
Verfasser der Werke "Chafez Chaim" über das Vermeiden übler
Nachrede nach den Geboten der Tora, und "Mischna Brura", einer
Zusammenfassung der wichtigsten Erläuterungen zu einem Teil der
heute zur Anwendung kommenden Gebote
Deut. = Deuteronomium, 5. Buch des Pentateuchs
Halacha = jüdisches Gesetz
Rabbiner A.J.Kuk = Rabbiner Awraham Jizchak HaKohen Kuk, erster
Oberrabbiner Israels, Gründer der Zentralen Welt-Jeschiwa, verstorben
5695(1935)
Jerusalemer Talmud = der im Lande Israel redigierte Kommentar
zur
Mischna, älter und kürzer als der babylonische Talmud
Rabbi Schimon Bar-Jochai = Schüler des Rabbi Akiba, lebte
vor ca.
1800 Jahren, hielt sich 13 Jahre vor den Römern in einer Höhle
verborgen, legendärer Verfasser des Sohar (Hauptwerk der Kabbala)
Raschi = Rabbi Schlomo ben Jizchak, größter Bibel-
und
Talmudkommentator, lebte vor ca. 900 Jahren in Süddeutschland
und
Nordfrankreich
Schemu'el = Das Prophetenbuch Schemu'el (Samuel)
Secharja = Das Prophetenbuch Secharja (Zacharia)
------- Fußnoten: -----------
1. Orot, Hamilchama, §3
2. Orot, Mahalach Ha'ideot, S.106
3. Ejn A'ja zu Schabbat 33b
4. Orot, Orot Hetchija §27
5. ebda., §3
6. Maimonides, Mischne Tora, Gesetze von Königen und Kriegen
§8,10 / Gesetze der Tschuwa §3,5
7. Tana debej Elijahu raba, 9.Abschnitt, Ikwej Hazon S.122
8. Orot, Mahalach Ha'ideot, §2
9. ebda. §5, S.110-111
10. Orot, Orot Israel, §6,7
11. "Mischeberach Awotenu" nach der Toralesung am Schabbat
12. Gespräche Harav Zwi Jehuda, 1.Serie, Wajischlach 11; Genesis
28,12
"Orot", "Ejn A'ja" und "Ikwej Hazon" sind Werke von Rabbiner
Awraham Jizchak Hakohen Kuk.