DER HOLOCAUST

Rabbiner Schlomo Aviner
Der Artikel erschien in der Monatsschrift "Iture Kohanim" der
Jeschiwa Ateret Kohanim, Jerusalem
Nr. 64 Tammus 5750
Übersetzung, Anmerkungen und Anhang: Rafael Plaut, Jerusalem
5752/5
Rabbiner Aviner ist der Leiter der Jeschiwa und
Oberrabbiner von Bet El.
Zum besseren Verständnis wurde dem Text eine Liste der Namen und
Begriffe angefügt. Einträge sind mit "*" gekennzeichnet.
 
 

"DER HOLOCAUST"

1. "Erwäget die Jahre der Geschlechter" (*Dt.32,7)

Für jemanden, der nicht an den Schöpfer der Welt als Lenker aller
Geschichte glaubt, stellt der Holocaust kein besonderes
Glaubensproblem dar. Den Tod der sechs Millionen Juden wird er als
faktisch-historischen Ablauf erklären: gegen diese Juden wurde
gewaltsam vorgegangen, was deren Tod nach sich zog. Wer jedoch an
den Herrn der Welt glaubt, den Herrn allen Weltgeschehens, sieht sich
hier mit einem erstrangigen Glaubensproblem konfrontiert. Warum nur
verhinderte G~tt diese Massenvernichtung nicht, warum griff er nicht
ein und hielt die Mörder von ihrem grausamen Treiben ab?!

Vor jedem Versuch einer - wenn auch unzulänglichen - Erklärung
dieser Erscheinung sollte man sich Folgendes ins Gedächtnis rufen:
"Denn nicht meine Gedanken sind eure Gedanken, und nicht eure
Wege meine Wege..." (*Jes.55,8). Wir können nicht auf den Grund der
Dinge vorstoßen, nicht den Ratschluss des Ewigen erfassen (siehe
*Jirm.23,18), obwohl uns geboten ist, Geschichte zu lernen und zu
versuchen, sie zu verstehen. "Gedenke der Tage der Urzeit, erwäget
die Jahre vergangener Geschlechter.." (Dt.32,7). Fast alle Propheten
Israels wiesen uns an, den Geschehnissen der Zeit zu folgen und zu
beachten, wie G~ttes Hand den Ablauf der Geschichte lenkt, und
warnten das Volk vor drohender Katastrophe.

Manchmal fällt es außerordentlich schwer, die Geschichte und die sich
in ihr offenbarende Hand G~ttes zu verstehen. Der Schrecken des
Holocaust stellt in unserer Epoche jedoch nicht die einzige Katastrophe
dar, die über die Menschheitsgeschlechter hereinbrach. Die Bibel
erwähnt noch andere Vorfälle und Warnungen vor großen und
schweren Bedrängnissen , die im Laufe der Zeit akut werden können.

Die Sintflut vernichtete praktisch die gesamte Menschheit,
ausgenommen Noachs Familie mit den in der Arche befindlichen
Tieren.

Über den Auszug aus Ägypten heißt es: "..und gerüstet
["chamuschim"] kamen die Kinder Israel herauf aus dem Lande
Ägypten" (*Ex.13,18). Die talmudischen Weisen erklären den
Ausdruck "Chamuschim" als "ein Fünftel"; vier Fünftel starben
während der Plage der Finsternis in Ägypten, weil sie nicht mit
ausziehen wollten (*Raschi ebda.).

Nach dem Vorfall um das goldene Kalb sprach G~tt zu Moscheh: "Und
nun, lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und ich sie vernichte"
(Ex.32,10), und nur Moschehs inständiges Bitten konnte das harte
Urteil abwenden (ebda.11).

Auch in den sog. "Kapiteln der Zurechtweisung" vernehmen wir eine
außerordentlich strenge Sprache hinsichtlich der von uns zu
erwartenden Strafungen: "...und ihr werdet nicht standhalten vor euern
Feinden...und ihr werdet umkommen unter den Völkern; und verzehren
wird euch das Land eurer Feinde" (*Lev.26,37-38). Ebenso: "...bis du
vertilgt bist...es wird nur eine kleine Zahl von euch übrigbleiben..."
(Dt.28,51-62).

Es ist also durchaus eine Situation vorstellbar, in der der Herr der Welt
einen Teil des jüdischen Volkes bis auf einen kleinen Rest vernichtet.
Im Wochenabschnitt Ha'asinu, der die Geschichte des Volkes Israel in
Kurzfassung enthält, heißt es: "..meine Pfeile gegen sie verbrauchen"
(Dt.32,23), "Beschlossen war es, ich vernichte sie ("af'ej'hem"), und
tilge aus der Menschheit ihr Gedächtnis..." (ebda.26). Der
Bibelkommentator *Sforno erklärt das Wort "af'ej'hem" nach seinen
Wortstamm von "Peah", Eckenlass [die für die Armen bei der Ernte
stehen zu lassende Feldecke], das heißt, G~tt lässt von uns eine
"Feldecke" stehen, und den Rest vernichtet er (wovon er Abstand
nehmen möge): "So wie Ich es am Ende der Tage tun werde, nachdem
sie ihre Vollkommenheit weder beim Erhalt der Tora noch im Lande
Israel noch im Exil erlangten, nach dem Spruch: denn auf dem Berge
Zion und in Jerusalem wird Rettung sein, wie der Ewige gesprochen
hat, und unter den Übriggebliebenen, die der Ewige beruft (*Joel 3,5)".

So schrieb *HaRav Zwi Jehuda HaKohen Kuk: "..die absonderlichsten
unserer Strafungen, die nicht einmal in der Tora aufgeführt werden, da
es für sie weder einen menschlichen noch einen göttlichen Ausdruck
gibt, die unvorstellbar und ohne Beispiel in allen unseren Exilen sind, in
die es uns verschlagen hat - bis hin zur endgültigen Offenbarung der
spirituellen Unreinheit der boshaften Völker in ihrer monumentalen
kulturellen Verkommenheit".

Wir kommen also zu dem Schluss, dass die göttliche Realität selbst die
erschütterndsten Dinge umfassen kann. Dies lehrt uns auch der
abschließende Teil des Buches Ijow ("Hiob"). Hiob musste bekanntlich
sehr leiden, und am Ende offenbarte sich ihm G~tt als Urheber des ihm
Widerfahrenen (Ijow Kap.40+41). Wie Hiob erfährt, dass G~tt selbst
dies alles veranlasst hat, ist er beruhigt. Weshalb G~tt ihn hat leiden
lassen ist eine weitere beschäftigungswürdige Frage, wiewohl deren
Antwort durchaus unser Erfassungsvermögen übersteigen könnte.

2. Der das Unheil schafft

Die Frage, die sich auf individueller Ebene hinsichtlich Hiob stellt,
findet verstärkten Ausdruck im Hinblick auf den Holocaust. Weswegen
geschah er, wie ist er zu erklären? - Diese Frage führt zu einer noch
fundamentaleren: Was ist die Aufgabe des Bösen in der Welt? Es gibt
zwei Auffassungen über das Wesen des Bösen. Die eine sieht das Böse
als Zufälligkeit und Unordnung, die der Welt anhaften; die zweite
erläutert, wie das Böse Bedeutung und Zweck haben kann, die
durchaus dem Verständnis zugänglich sind.

*Rabbiner A.J.Kuk erklärt das in der Welt erscheinende Böse für nicht
zufällig. Das Böse in allen seinen Erscheinungsformen, sowohl das
moralisch Böse als auch dasjenige im Sinne von Leiden, hat eine
tiefgehende Bedeutung, eine göttliche Zielrichtung. Das Böse setzt das
Gute frei. "Die tiefere Ursache des Guten ist es, die auch die tiefere
Ursache des Bösen begründet, was wiederum zu einer Vertiefung des
Guten gerade auch durch das Böse führt, um dann seine ganze
Vollkommenheit und um so höhere Vollständigkeit seiner Güte zu
erlangen" (Orot Hakodesch 475).

Das Schlechte hat eine Aufgabe in der Welt, wenn auch nur eine
vorübergehende, nämlich das Gute in seiner vollen Größe und
Bedeutung zum Erscheinen zu bringen, und es wird der Tag kommen,
da das Schlechte aufhören wird zu existieren, weil es überflüssig
geworden ist.

Das Böse erscheint nicht zufällig. "Die Existenz des weltumfassenden
Bösen, sowohl des allgemeinen als auch des individuellen...wenn wir es
in seinen Grundzügen und in seinen Details erforschen, entdecken wir
darin organische Ordnung und Struktur, und es ist unmöglich, dies dem
Zufall zuzuschreiben" (ebda.479). Das Schlechte ist göttliche
Schöpfung und nicht Zufall, daher heißt es: "..der Frieden stiftet und
Unheil schafft..." (Jes.45,7). Der Herr der Welt hat uns gewarnt: "Und
wenn ihr mir dennoch nicht gehorcht und mir entgegentretet, so werde
ich euch im Grimm entgegentreten" (Lev.26,27+28). Lehrt uns der
Herr der Welt also, daß wenn die bisherigen Übel uns nicht zur
Vernunft brachten, es die größeren noch kommenden tun werden, was
er in seiner Gnade verhüten möge.

3. Aufbau und Zerstörung

Der Holocaust kann also kein zufälliges Ereignis gewesen sein, denn
noch in derselben Generation, im selben historischen Zeitabschnitt,
erstand aus furchtbarer Zerstörung wundersamer Aufbau: die
Einsammlung der Verstreuten und Gründung des Staates Israel. Die
Verbindung zwischen den Ereignissen kann keine zufällige sein, denn
der Herr der Welt ist es, der den Ablauf der Geschichte voranbringt.

Der Talmud berichtet uns von den Schülern Rabbi Eliesers, die von
ihm wissen wollten, wie man sich vor den "Leiden der messianischen
Zeit" schützen könne; Raschi erklärt dort den Begriff "Leiden": Ängste
und Qualen aufgrund der Macht der Völker in seiner [d.h. der
messianischen] Zeit (Sanhedrin 98b).

Von Rabbi Israel Schapiro wird folgende Begebenheit erzählt: Als man
ihn und seine Anhänger ins KZ einlieferte, fragten diese: "Was sagt
unser Lehrer nun ?!" Worauf er antwortete: "Höret, Brüder und
Schwestern, Volk G~ttes, es kommt uns nicht zu, die Werke des
Heiligen in Zweifel zu ziehen. Und wenn gerade uns bestimmt ist, hier
und jetzt die 'Leiden des messianischen Zeitalters' am eigenen Leibe zu
spüren, in diesem Abschnitt des Erlösungsprozesses in den Brennpunkt
zu rücken, so seien wir glücklich, dieses Anrechtes teilhaftig zu
werden. Und was unsere Weisen sagten 'Mag er kommen, ich aber will
ihn nicht sehen' - bezieht sich auf die Stufe vorher, wir aber, die wir
diesen Rang erreicht haben, müssen uns freuen darüber, dass unsere
Asche, wie die der 'roten Kuh', das ganze Volk Israel reinigen wird".

Ein Außenstehender darf natürlich so etwas nicht sagen; wer aber zu
jener Stunde dort anwesend war, hat das Recht, sich so auszudrücken.

Die Verbindung zwischen Vernichtung und Errettung der Nation
erscheint in vielen *Midraschim unserer talmudischen Weisen.
"Gleichnis vom Vater, unterwegs mit seinem Sohn; müde werdend,
fragt der Sohn den Vater: 'Wann endlich erreichen wir die Stadt?'
Worauf dieser antwortet: 'Dies soll dir zum Zeichen sein: Wenn du den
Friedhof siehst, ist es nicht mehr weit.' So sagte G~tt zu Israel: 'Wenn
ihr seht, dass euch die Leiden überwältigen - in jener Stunde werdet ihr
erlöst'" (Midrasch Tehilim "Schochar Tov" 20,4).

"Wie wenn jemand, der einem Löwen entflieht, von einem Bären
gestellt wird und, wenn er nach Hause gelangt ist und sich mit der
Hand gegen die Wand stemmt, von einer Schlange gebissen wird
(*Amos 5,19)" - spricht von den Tagen, da das Volk Israel keine
Zuflucht und keinen Ausweg vor den Nichtjuden finden wird.

Ferner sagte Rabbi Jochanan: "Wenn du ein Zeitalter siehst, über das
die Leiden sich wie ein Strom ergießen, so hoffe auf ihn, denn es heißt:
'denn der Bedränger bricht wie ein Strom herein, den der Hauch des
Herrn anstürmt (Jes.59,19)', und darauf folgt: 'und es wird für Zion der
Erlöser kommen (ebda.20)'." (Sanhedrin 98a)

Allgemein gilt festzuhalten: Zur Zeit des Anbeginns unserer Erlösung
wird uns auch die furchtbarste Zerstörung heimsuchen.

4. Göttliche Operation

Das jüdische Volk steckte mit Leib und Seele im Exil ("Galut"), und
bis auf den heutigen Tag tut es sich schwer, sich von ihm zu lösen.
Selbst die Großen des Volkes gewöhnten sich so sehr daran, dass, als
der große Augenblick kam, dem Exil ein für allemal den Rücken zu
kehren, G~tt selbst auf äußerst gewaltsame Weise diesen operativen
Eingriff vornehmen musste. Doch anders konnten die Fesseln nicht
gelöst werden. Der Holocaust galt nicht als Strafe. Wir können und
dürfen auch nicht die Strafwürdigkeit von Menschen untersuchen und
zu ergründen versuchen, die ihr Leben in Heiligung des göttlichen
Namens hergaben. Vielmehr müssen wir den Holocaust als historischen
Prozess auffassen und die Fakten analysieren.

Das jüdische Volk liebte das Exil und verband sich mit ihm, wie jener
Sklave, der verkündete: "Ich liebe meinen Herrn" (Ex.21,5) - dann ist
es nicht mehr möglich, ihn loszulösen. Die göttliche Operation sollte
dem Volk den Teppich des Exils unter den Füßen wegziehen, und
der Schrecken des Exils hatte zum Ziel, das Volk zu erschüttern und
aufzurütteln, das Exil zu verlassen und nach Israel zurückzukehren.
Viele der größten Weisen des jüdischen Volkes erklärten die Entsetzen
des Exils als Zeichen für das Volk, das Exil zu verlassen. Rabbi
Issachar Teichthal, ein Schüler des Rabbi von Munkatsch, einem der
extremsten Gegner des Zionismus, war selbst anfangs gegen den
Zionismus, änderte aber später seine Ansicht. Er bescheinigte dem Exil
solange eine Existenzgrundlage, wie wir kein Zeichen vom Himmel
haben, es zu verlassen, wenn aber ein Zeichen wie dieser furchtbare
Holocaust erscheine, gelte es, sofort nach Israel aufzubrechen. In
seinem Buch erklärte er, dass dies auch die Ansicht des *Gaon *Rabbiner
Jonatan Eybeschütz war: "wenn in der Zukunft die 'Zeit der Liebe
[G~ttes zu Israel; *Jech.16,8]' anbricht, wird die Regierung die Juden
bedrückende Gesetze erlassen, und dann werden ihre Herzen zur
Rückkehr nach Israel erwachen; und jene Zeit wird eine Zeit des
Leidens sein für Jakov, und G~tt wird sein Flehen erhören und sich
seiner erbarmen (Jes.49-51)". [Rabbi Teichthal schrieb sein Buch "Em
Habanim Smechah" in einem Versteck in Ungarn, wurde jedoch mit
der restlichen ungarischen Judenheit deportiert und kam auf dem
Transport um].

Unter den größten Weisen des jüdischen Volkes gab es auch jene, die
ausdrücklich verboten, zur Zeit judenfeindlicher Gesetzgebung im Exil
zu verbleiben. *Rabbi Moscheh ben Maimon ("Maimonides") sagte in
seiner Schrift über "die Heiligung des göttlichen Namens" an die
nordafrikanische Judenheit, dass jeder Ort, wo gegen sie Gesetze
erlassen werden, sofort zu verlassen wäre, "aber bezüglich jener, die
sich einreden, dass sie an ihrem Platze auszuharren hätten bis der
Messias vom westlichen Lande herkomme und dann alle miteinander
nach Jerusalem zögen - weiß ich wirklich nicht, wie die Vernichtung
von ihnen abgewendet werden kann, vielmehr versündigen sie sich, und
sie veranlassen andere zu sündigen".

*Rabbiner Levi ben Gerschon ("Gersonides") setzte sich mit der Tatsache
auseinander, dass unser Vorvater Awraham das Land wegen der
Hungersnot verließ, trotz des göttlichen Befehles, sich im Lande
Kana'an aufzuhalten, da er von selbst verstand, dass nun dies der
göttliche Wille sei. Daraus folgerte Gersonides, dass es sicher nicht
G~ttes Wille sei, sich weiter in fremdem Land aufzuhalten, wenn sich
dort die judenfeindlichen Aktivitäten häufen - vielmehr sollte man es
schleunigst verlassen.

Weder Maimonides noch Gersonides verlangten ausdrücklich die
Einwanderung nach Israel, sondern legten ihren Hauptaugenmerk auf
das Verlassen des Exils. Der *"Chatam Sofer" jedoch betonte, dass die
Leiden des Exils kommen, um uns zur Rückkehr nach Zion zu
erwecken: "Die Speerspitze der Leiden des Exils ist darauf gerichtet,
uns ins Land Israel zu bringen". Andere geben noch weiterreichende
Erklärungen. *Rabbiner Jakov Emden schrieb im Vorwort seiner
Gebetbuchausgabe: "Glaubt nicht, euch im Ausland festsetzen zu
müssen...dies ist die Sünde unserer Väter... wenn wir uns einbilden,
dass es uns im Ausland wohlergeht, dass wir einen Ersatz für Israel und
Jerusalem gefunden haben, kommt das ganze Unheil über uns". Das
feste Sitzen im Exil selbst verursacht die Leiden des jüdischen Volkes.
*Rabbiner Jehuda Alkalai sagte: "Weil wir Juden nicht zur Rückkehr in
unser Land, zum Erbteil unserer Väter strebten, begannen die
feindlichen Gesetzgebungen, die Vertreibungen und die Pogrome, weil
diese Angelegenheit von unserer Umkehr abhängt - der Umkehr ins
Land Israel". *Rabbiner Jesaja Halevi Horovitz ("HaScheLoH") zog
furchtbare und beängstigende Schlüsse: "bekanntlich enthielten die
Taten unseres Vaters Awraham Hinweise auf die Zukunft des jüdischen
Volkes und er erfüllte bereits alle Toragebote , die schriftlichen wie
die rabbanitischen; vielleicht hielt er verschärfend wie die Meinung,
nach der es verboten sei, nach Israel einzuwandern - und wurde darum
in den Feuerofen geworfen [Midrasch], um ihm anzudeuten, wegen der
Lebensgefahr hier [im Auslande] nach Israel hinaufzuziehen, und man
vertraue nicht auf Wunder, und alles Hinweis auf die Zukunft; die
Taten der Väter sind Vorzeichen für die Söhne".

Noch vor dem Holocaust riefen große Rabbiner zur Übersiedlung nach
Israel und zum Verlassen des Exils auf. *Rabbiner Elijahu von Wilna
sprach von vier Wegen, auf denen die Erlösung kommen könne:
1.) Bußfertige Umkehr zu G~tt,
2.) Rückkehr nach Zion und Aufbau des Landes,
3.) ein Herrscher, dessen Anordnungen die des Haman an Härte
übertreffen werden; oder auf eine vierte, nicht bekannte Weise. Er
befürwortete die zweite Möglichkeit, und zwar so schnell wie möglich,
bevor es zu spät sei, denn dies sei der am Leichtesten zu realisierende
Weg für das jüdische Volk. Der Gaon trieb seine Schüler an nach
Israel zu ziehen, um so die endgültige Erlösung schneller herbeizuführen.
So wird von ihm erzählt: "Fast jeden Tag sprach unser Lehrer
zu uns in Erregung und mit bebender Stimme, dass nur in Zion
und Jerusalem Zuflucht sein werde, und nicht den letzten Zeitpunkt zu
verpassen...wieder und wieder in heiliger Vorahnung und mit Tränen in
den Augen" ("Hatekufa Hagedola").

*Rabbiner Meir Simcha aus Dvinsk ("Or Sameach") sagte: "...und wenn
der Israelit etwa glaubt, dass Berlin Jerusalem sei...dann werde ein
Sturmwind kommen und solange wüten, bis er ihn aus seiner
Verwurzelung herausgerissen hat".

*Rabbiner Naftali Zvi Jehuda Berlin ("HaNeziv") aus Woloschin erinnerte
an die Juden in Ägypten, die das Land liebten und es nicht verlassen
wollten. Alle jene starben in Ägypten, was uns zu denken geben sollte;
so können auch alle jene bestraft werden, die sich heute weigern, das
Exil zu verlassen,  weil sie das Land ihres Exils lieben.

*Rabbiner Israel Meir Hakohen ("HaChafez Chaim") sagte im Jahre 5683
(1923), zehn Jahre vor der "Machtergreifung", dass uns als einzige
Zufluchtstätte das Land Israel bleiben wird, wie es heißt: "Aber auf
dem Berge Zion ist Zufluchtstätte, denn er ist heilig" (*Ovadia 1,17),
und daher war er sich bezüglich der Rettung unseres Landes so sicher.
Unser Lehrer HaRav Kuk sel. wandte sich nicht selten mit großen
Aufrufen an das jüdische Volk : "Kommt nach *Erez Israel, geschätzte
Brüder, kommt nach Erez Israel, rettet die Seele eurer Geschlechter,
die Seele unseres ganzen Volkes".

5. Zusammenfassung

Das real existierende Böse unterliegt keiner Willkür, sondern hat eine
Aufgabe. Der Herr der Welt ist dafür verantwortlich: "..der Frieden
stiftet und Unheil schafft..."(Jes.45,7). Auch über das Schlechte
sprechen wir einen Segensspruch: "Gelobt, der in Wahrheit richtet".
Ohne den schmerzlichen göttlichen operativen Eingriff wären wir nicht
dahin gelangt, wo wir uns heute befinden. Und doch, nach alledem,
bleibt diese furchtbare Angelegenheit ein uns entrücktes göttliches
Geheimnis.
 

NAMEN UND BEGRIFFE:

In alphabetischer Reihenfolge:

Amos = Prophetenbuch Amos
Chatam Sofer = Rabbiner Moses Sofer (Schreiber), Gründer der
Pressburger Jeschiwa, einer der scharfsinnigsten Talmudisten der
neueren Zeit, lebte vor ca. 200 Jahren
Dt. = Deuteronomium, 5. Buch Moscheh (Moses)
Erez Israel = biblische Bezeichnung für das heilige Land
Ex. = Exodus, 2. Buch Moscheh
Gaon = ursprünglich Titel der größten Rabbiner vor ca.1300 Jahren,
später Bezeichnung für Rabbiner von genialer Weisheit, heutzutage
eher ein Ehrentitel
Gen. = Genesis, 1. Buch Moscheh
HaRav A.J.Kuk = Rabbiner Awraham Jizchak HaKohen Kuk, erster
Oberrabbiner Israels, Gründer der Zentralen Welt- Jeschiwa, Vater von
*HaRav Zwi Jehuda HaKohen Kuk, verstorben 5695 (1935)
HaRav Zwi Jehuda HaKohen Kuk = Leiter der Zentralen Welt-
Jeschiwa, Jerusalem bis zu seinem Tode im Jahre 5742 (1982)
Jech. = Prophetenbuch Jecheskel (Ezechiel)
Jes. = Prophetenbuch Jeschajahu (Jesaia)
Jirm. = Prophetenbuch Jirmijahu (Jeremia)
Joel = Prophetenbuch Joel
Lev. = Leviticus, 3. Buch Moscheh
Ra'avad = Rabbi Awraham ben David aus Posquieres, Zeitgenosse des
Maimonides, verfasste Glossen zu dessem Werk "Mischne Tora";
ansonsten u.a. als erstrangiger Talmudkommentator bekannt
Raschi = Rabbi Schlomo ben Jizchak, größter Bibel- und
Talmudkommentator, lebte vor ca. 900 Jahren in Süddeutschland und
Nordfrankreich
Midrasch = Gleichnis, in dem die talmudischen Weisen in Form einer
Erzählung spirituelle, philosophische und auch praktische Inhalte
übermitteln
Ovadia = Prophetenbuch Ovadia
Rabbiner Elijahu von Wilna = größte Autorität des europäischen
Judentums, lebte vor etwa 250 Jahren in Wilna; "der Gaon von Wilna"
Rabbi Israel Meir Hakohen ("HaChafez Chaim") = einer der größten
Gelehrten der neueren Zeit, besonders bekannt als Verfasser der Werke
"Chafez Chaim" über das Vermeiden übler Nachrede nach den Geboten
der Tora, und "Mischna Brura", einer Zusammenfassung der
wichtigsten Erläuterungen zu einem Teil der heute zur Anwendung
kommenden Gebote
Rabbiner Jakov Emden = Rabbiner in Altona, bekannter Talmudist zur
Zeit Rabbiner Eybeschütz'
Rabbiner Jehuda Alkalai = Rabbiner in Semlin, Vorkämpfer der Zionsidee,
gest. 1878 in Jerusalem
Rabbiner Jesaja Halevi Horovitz ("HaScheLoH") = talmudische Autorität
und Kabbalist, wirkte in mehreren jüdischen Zentren Europas, bis er
1621 nach Palästina auswanderte und in Safed 1625 starb
Rabbiner Jonatan Eybeschütz = ab 1750 Oberrabbiner der Dreigemeinde
Altona-Hamburg-Wandsbek, berühmter Talmudist und Kabbalist
Rabbiner Levi ben Gerschon ("Gersonides") = hervorragender
Bibelerklärer, Philosoph, Mathematiker und Astronom, lebte vor ca.
700 Jahren in Südfrankreich
Rabbiner Meir Simcha aus Dvinsk = Verfasser des Kommentars
"Or Sameach" zu Maimonides' "Mischne Tora" vor ca. 100 Jahren
Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") = größter nach -
talmudischer Rabbiner, u.a. Kodifizierer sämtlicher jüdischer Gesetze
im Werke "Mischne Tora", lebte vor ca. 800 Jahren
Rabbiner Naftali Zvi Jehuda Berlin ("HaNeziv") = hervorragender
Talmudgelehrter, Haupt der Woloschiner Jeschiwa, Verfasser
besonders scharfsinniger Kommentare zu biblischen Texten, starb vor
etwa 100 Jahren in Warschau
Sforno = Rabbiner Ovadia ben Jakov, berühmter Bibelkommentator, lebte
vor ca. 500 Jahren in Italien

ANHANG

Menschliche Erwägungen und göttliche Erwägungen

*Rabbiner Zwi Jehuda HaKohen Kuk sel.: "Die wahrhaftige
Weltanschauung und der wahrhaftige Glauben ("Emuna") beinhalten
auch das Verständnis der Geschichte - 'Gedenke der Tage der Urzeit,
erwäget die Jahre vergangener Geschlechter ...' (*Dt. 32,7), das
Verständnis der göttlichen Offenbarung auf allen Gebieten,
Offenbarung G~ttes in der Natur und Offenbarung G~ttes in der
Weltgeschichte, und das volle Vertrauen auf die göttliche Lenkung und
die ihr zugrundeliegenden Überlegungen. Gleichzeitig gilt es zu
bedenken, daß '... nicht meine Gedanken eure Gedanken [sind], und
nicht eure Wege meine Wege ...' (*Jes. 55,8). Schwäche in Glauben
und Weltanschauung bringt den Menschen zu einer Bewertung der
göttlichen Lenkung nach den Maßstäben seiner - beschränkten -
Auffassungsgabe, die nicht in die Tiefen der Lenkung der Herrschaft
aller Welten einzudringen vermag".

Unsere Gedankengänge sind menschliche Gedankengänge, auf die
Gegenwart ausgerichtet, gegenüber den göttlichen Gedankengängen,
die Generationen umfassen: Manche Dinge umspannen die Fundamente
der Welt , und uns fehlt zu ihrem Verständnis die nötige Begabung, wir
können uns dazu nicht äußern. Manchmal vergisst der Mensch, dass
seine Existenz nicht nur von ihm abhängt, sondern in einen
Generationen umfassenden Plan eingebunden ist, und unser
Verständnis hängt davon ab, inwieweit wir uns auf die Ebene der
universellen göttlichen Gedankengänge erheben können. Das ist gar
nicht so leicht. Daher verloren manche Menschen nach der Schoa ihren
Glauben, und wir können es ihnen nicht verübeln, wie unsere Weisen es
ausdrückten, "dass ein Mensch [für Äußerungen] in seinem Schmerze
nicht verantwortlich gemacht werden könne" (Traktat Baba Batra
16b), und man kann ein gewisses Verständnis für Taten zeigen, die ein
Mensch in der Stunde seines Schmerzes ausführt, wiewohl es diese
nicht rechtfertigen soll. Als Regel gilt: Der Herr der Welt ist nicht
unseren Gedanken und Ansichten zu unterwerfen. (Rav Aviner,
"Am KeLavi" II, Seite 164)

Göttlicher Lohn und göttliche Strafe beschränken sich nicht auf die
jeweilige Zeitperiode ihrer Urheber, ja nicht einmal auf diese Welt; sie
können vielmehr auch in der zukünftigen Welt zum Ausgleich
kommen, ebenso wie die Ursachen heutiger Geschehnisse
Generationen zurückliegen können. Die göttliche Gerechtigkeit lässt
keine Tat unberücksichtigt, nicht ein freundliches Wort bleibt ohne
himmlischen Lohn. G~tt ist in der Ausführung seiner Pläne für die
Welt, die er uns durch seine Propheten verkündet hat, nicht auf unser
(Wohl-)Verhalten angewiesen; die freie Entscheidung des Einzelnen
steht somit nicht im Widerspruch zur göttlichen Vorsehung, denn sie
bewegt sich immer in den von G~tt vorgegebenen
Rahmenbedingungen. So kann der Mensch also niemals wissen, ob ihn
ein bestimmtes Schicksal aufgrund eigener Taten oder aufgrund
göttlicher Bestimmung trifft, jedoch kann er der ausgleichenden
göttlichen Gerechtigkeit sicher sein. (nach "Da'at Tewunot", Rabbiner
Moscheh Chaim Luzatto)

Die "Schuldfrage"

In der Tora heißt es: "Wenn du ein neues Haus baust, so mache ein
Geländer um dein Dach und lasse keine Blutschuld auf dein Haus
kommen, wenn jemand davon herabfiele [wörtlich: wenn der Fallende
von ihm herabfiele]" (*Dt. 22,8). Wozu diese Verdopplung? Dazu
bringt der *Raschikommentar die Erklärung des Sifre [*Midrasch zum
5. Buch Moscheh]: "Er war wert herabzufallen; dennoch aber soll sein
Tod nicht durch dich herbeigeführt werden; denn man führt etwas
Gutes durch einen Reinen herbei und eine Strafe durch einen
Schuldigen".

*Maimonides, Gesetze von der Umkehr [zu G~tt, "Hilchot Tschuwa"],
6. Kapitel, Halacha 5:

Wie ist nun zu verstehen, was David gesagt hat: "G~tt ist gütig und
gerade, er lehrt die Sünder den Weg, er führt die Bescheidenen zum
Recht und er lehrt die Demütigen seinen Weg" (Psalm 25, 8-9)? Das
will einmal besagen: er (G~tt) schickt Propheten, die die Wege G~ttes
kundtun und die Menschen zur Tschuwa bringen sollen, und dann
auch, dass er den Menschen die Fähigkeit gibt, zu lernen und Einsichten
zu gewinnen. Denn es ist die Eigenschaft eines jeden Menschen, dass
die Gewöhnung an Weisheit und Gerechtigkeit das Streben und die
Sehnsucht nach ihnen erhöht. Das meinten die Weisen mit ihrem
Ausspruch: "Wer rein [d.h. gut] werden will, dem hilft man" (Traktat
Schabbat 104a), das heißt, er findet sich gewissermaßen unterstützt.

G~tt hat scheinbar doch über die Ägypter vorherbestimmt, dass sie
schlecht handeln werden, denn es heißt ja in der Tora: "Sie [die
Ägypter] werden sie 400 Jahre quälen und knechten" (*Gen. 15,13).
Ebenso hat er scheinbar über Israel verhängt, dass sie Götzen dienen
müssen, denn so heißt es: "Dieses Volk wird aufstehen und den
Göttern fremder Völker nachbuhlen" (*Dt. 31,16). Wie kann sie G~tt
dann bestrafen? Die Antwort: G~tt hat ja über keinen bestimmten
Einzelnen verhängt, Götzen zu dienen, jeder Einzelne von denen, die
Götzen dienten, wenn er gewollt hätte, wäre frei gewesen, nicht zu
dienen. G~tt hat nur den Gang des allgemeinen Weltgeschehens
kundgetan, so wie man etwa sagt, bei diesem Volk wird es Gute und
Schlechte geben.

Der Schlechte kann sich damit nicht entschuldigen, da G~tt dem
Moscheh ja gesagt hat, es wird Schlechte in Israel geben, so sei es eben
über ihn bestimmt, so zu sein. Das ist nur eine allgemeine Aussage, wie
der Vers: "Die Armut wird auf Erden nicht aufhören" (*Dt. 15,11).

Auch bei den Ägyptern hätte jeder Einzelne von denen, die Israel
Schlechtes antaten, Willensfreiheit gehabt, es zu unterlassen, denn für
keinen Einzelnen gab es eine Vorherbestimmung. G~tt hat Awraham
nur wissen lassen, dass seine Nachkommenschaft im fremden Lande
bedrückt werden wird.
Wir haben aber bereits [am Ende des 5. Kapitels] ausgeführt, dass die
menschliche Vernunft nicht imstande ist zu begreifen, wie G~tt die
zukünftigen Dinge vorher weiß.

*RA'AVAD ebda.

... ebenso waren die Ägypter Boshafte und verdienten die [zehn]
Plagen, und hätten sie gleich zu Anfang auf Moscheh gehört und Israel
fortgeschickt, wären sie nicht geschlagen und im Meer versenkt
worden; die böse Absicht Pharaos und die Verächtlichmachung des
Schöpfers vor den Augen seines Gesandten verursachten ihm dies. Und
zweitens, der Schöpfer hatte nur vorhergesagt, dass sie sie quälen
werden, sie aber legten ihnen Fronarbeit auf, töteten und ertränkten sie,
wie es heißt: "... der ich wenig gezürnt, aber sie halfen dem Unheil
nach" (Secharja 1,15); deshalb machten sie sich schuldig.

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