| DER KAMPF UM
ISRAEL
Rav Elischa Aviner
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"Der Kampf um Israel"
erschienen in der Monatsschrift "Reschit", Ausgabe Nr. 29 Schevat
5752
Übersetzung: Rafael Plaut, Jerusalem 5752
1. Kapitel
Zu Beginn der Menschheitsgeschichte wurde der Kampf um Israel paarweise
ausgefochten - Kain gegen Hewel (Abel), Jizchak gegen Jischma'el, Jakov
gegen Eßaw
("Esau"). Worum ging es in diesen Kämpfen - um Geld? Erdöl?
Gekränktes Ehrgefühl?
Handelte es sich um Familienstreitereien wie so viele andere auch,
die leider auf tragische
Weise endeten, oder hatten diese Konflikte eine tiefere ideologische
Ursache? Unsere
Weisen gingen davon aus, dass der Streit nicht um Nebensächlichkeiten
geführt wurde,
sondern um etwas Wesentliches, nämlich ums Ganze.
Welches "Ganze"? Rabbi Jehuda Halevi [Denker und Dichter, geb. in Spanien
ca.
4843 (1083)], Autor des "Kusari", beschäftigte sich mit
dieser Frage an zwei Stellen. Im
ersten Abschnitt des Buches (§95) erläuterte er, dass Kain
und Hewel um das Erbe der
"g~ttlichen Wesentlichkeit" fochten. Hewel erbte von seinem Vater [Adam]
die
spezifische g~ttliche Wesentlichkeit, "und nachdem Kain seinen Bruder
aus Missgunst auf
diese erhabene Stellung umgebracht hatte, wurde Adam Schet an Stelle
Hewels gegeben.
Schet glich Adam; darum wurde nun er zur Verkörperung des Wesens
der Menschheit,
zur neuen Zentralfigur, und Adams übrige Söhne galten lediglich
als füllendes
Beiwerk...".
Der Ausdruck "g~ttliche Wesentlichkeit" gehört zu der besonderen
Terminologie, derer
sich Rabbi Jehuda Halevi zu bedienen pflegte. Wie dem auch sei, wollen
wir doch
wenigstens versuchen zu verstehen, was es denn mit dieser "g~ttlichen
Wesentlichkeit"
aufsichhat, die offensichtlich ihren Trägern die Eigenschaft der
Zentralität innerhalb der
Menschheit verschafft (wie der Kern im Verhältnis zur Schale).
Es ist dies die Gabe, mit
G~tt in Verbindung zu treten, die g~ttliche Offenbarung in der realen
Welt zu
absorbieren und der übrigen Menschheit zu vermitteln. Derjenige,
der die "g~ttliche
Wesentlichkeit" in sich trägt, ist geeignet, die Menschheit zu
leiten. Keine gewalttätige
Leitung, keine Diktatur, nicht einmal politische Herrschaft, sondern
spirituelle Führung -
genauer gesagt: spirituelle Anleitung durch Vorgabe wünschenswerter
geistiger Ziele und
Bestimmung der Ideale und des moralischen Strebens; so wie ein Leuchtfeuer,
das den
rechten Weg weist.
Die "g~ttliche Wesentlichkeit", die zu Beginn der Menschheitsgeschichte
noch auf
Einzelnen ruhte, fand ihren endgültigen Aufenthalt im Kreise der
Söhne Jakovs - "von
jener Stunde an ruhte die g~ttliche Wesentlichkeit, die bis dahin nur
in Einzelpersonen
anzutreffen war, auf der Gemeinschaft [des gesamten jüdischen
Volkes] (Kusari, ebda.)".
Damit war der Streit um dessen Erbe jedoch nicht beendet, im Gegenteil.
Bis auf den
heutigen Tag beneiden uns die Völker der Erde um die uns innewohnende
g~ttliche
Wesentlichkeit. Da gibt es jene, die diese Begierde nur im Herzen tragen;
und es gibt
jene, die ihr Bestreben lautstark zum Ausdruck bringen und verkünden,
dass G~tt uns
verstoßen und sich ein anderes Volk erwählt habe. Schließlich
gibt es noch jene, die
dieser Begierde Taten nach dem Vorbilde Kains folgen lassen, dessen
brennende
Eifersucht ihn zu Mord und Zerstörung trieben.
2. Kapitel
Im zweiten Durchgang der Auseinandersetzung Rabbi Jehuda Halevis im
"Kusari" mit
den Konflikten zwischen Kain und Hewel sowie den übrigen Paaren
ordnete er diesen
völlig andere Beweggründe zu, vielleicht etwas überraschende.
Gegenstand des Kampfes
war demnach der Erbanspruch auf das Land Israel.
So schrieb er im zweiten Abschnitt des Buches (§14): "Um dieses
Land entbrannte der
Streit und die Eifersucht, zuerst zwischen Hewel und Kain, die klären
wollten, wer die
Nachfolge Adams als Kernpunkt der Menschheit anzutreten auserwählt
sei, und damit
auch der rechtmäßige Erbe des Landes wäre... Und um
dieses Land eiferten Jizchak und
Jischma'el... Und um dieses Land eiferten Jakov und Eßaw in der
Angelegenheit des
Erstgeborenenrechtes und des [väterlichen] Segens, und am Ende
wurde Eßaw trotz
seiner Macht zu Gunsten des schwächeren Jakov hintangestellt."
Der Streit um das Land ist nicht allein im Sinne territorialer Ansprüche
zu verstehen.
Rabbi Jehuda Halevi betonte, dass das Land seinem Herrn einen auserwählten,
zentralen
Rang innerhalb der Menschheit verschafft.
Auch fand dieses Ringen noch kein Ende; heute wie ehedem sind die Blicke
der Völker
wie gebannt auf das Land Israel gerichtet, wie der Midrasch
[Gleichnis der talmudischen
Weisen] den Vers "und will dir geben ein begehrenswürdiges Land"
(Jirmijahu 3,19)
erklärt: "warum wird es begehrenswürdig genannt? Weil alle
Könige es begehrten"
(Schemot rabba, 32,2).
Zwei Seiten derselben Münze
Zwei unterschiedliche Erklärungen offerierte uns Rabbi Jehuda Halevi
für den Kampf
zwischen Kain und Hewel - das Ringen um die spirituelle Führung
in der Welt und den
Kampf um die Herrschaft im Lande Israel. Haben wir hier zwei einander
widersprechende, austauschbare oder etwa sich gegenseitig ergänzende
Erklärungen vor
uns?
Aus dem Buche "Kusari" geht eindeutig hervor, dass die vorliegenden
zwei Erklärungen
ein und dieselbe Bedeutung haben, sozusagen zwei Seiten derselben Münze
darstellen.
Manchmal trägt der Konflikt die Züge des Spirituellen, der
Ideologie, und manchmal
offenbart er sich im Aufeinanderprallen der Ansprüche auf Gebiete
des Landes Israel.
Selbst wenn es im Streit mit den Nationen um geistigen oder religiösen
Einfluss geht,
verbirgt sich dahinter immer auch ein Anspruch auf Herrschaft über
das Land Israel, und
ebenso, selbst wenn der Streit rein äußerlich um territoriale,
politische, also scheinbar
weltliche Aspekte geführt wird, ist er doch auf Höheres gerichtet
- er ist nur die Spitze
des Eisbergs im Ringen um die kulturelle Führung in der Welt.
Man braucht also über das weltliche Ringen um das Land Israel weiter
keine Worte zu
verlieren, denn der Konflikt lässt sich nicht in Quadratkilometern
oder sonstigen
quantitativen Größen ausdrücken. Jeder Berg und jedes
Tal in diesem Lande
symbolisieren einen spirituellen Festpunkt innerhalb der Menschheit.
Daher ist es nicht
verwunderlich, dass letztendlich alles Streiten auf die Herrschaft
über Jerusalem
hinausläuft. Der Besitzer des Landes Israel verfügt automatisch
über das spirituelle
Erstgeborenenrecht.
"Israel" ist kein säkularer Begriff, und seine Geschichte lässt
sich nicht mit weltlichen
Maßstäben messen. Auch im Zeitalter der Atomsprengköpfe
und des Ozonlochs gibt es
nicht einen Menschen auf dem gesamten Erdball, der das Land Israel
nur von seiner
territorialen oder geographischen Seite sieht. Manchmal jedoch ist
es den Politikern des
Auslands einfach genehmer, die Dinge in politischem oder wirtschaftlichem
usw.
Zusammenhang zu präsentieren; wer jedoch etwas tiefer in die Materie
eindringt, erkennt,
dass sie diesen Stil mit voller Absicht wählten, um die doppelte,
innere Konfrontation
zwischen den Völkern der Welt und Israel zu verwischen und zu
verschleiern - die
Konfrontation um das Erbe der "g~ttlichen Wesentlichkeit" und um das
Erbrecht am
Lande Israel.
Gegenüber dem Appetit, den die Völker der Welt für das
Land Israel zeigen, müssen wir
die Leidenschaft stärken, die unsere Väter für das Land
empfanden, wie es im Midrasch
heißt: "Das begehrenswürdige Land - das die Väter der
Weltgeschichte begehrten.
Awraham sehnte sich nach ihm, indem er sprach: 'Wodurch weiß
ich, daß ich es erben
werde'. Jizchak sehnte sich nach ihm, wie daraus ersichtlich ist, dass
ihm gesagt wurde
'wohne in diesem Land'. Jakov sehnte sich nach ihm, wie es heißt:
'und ich kehrte in
Frieden ins Vaterhaus zurück'" (Tanchuma Re'e,8).
Nachwort
Rabbi Jehuda Halevi, einer der größten jüdischen Weisen,
der Zeitperiode der
"Rischonim" Raschi, Maimonides und Nachmanides und ihnen gleichrangig
vor ca. 800
Jahren zugehörig, verfasste den "Kusari" als sein Lebenswerk,
in dem er die Fundamente
des Judentums anhand des auf historischen Tatsachen beruhenden Gespräches
zwischen
einem Rabbiner und dem König der Chasaren erläuterte, welcher
mit einem Teil seines
Volkes zum Judentum übertrat.