DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 28,10 - 32,3): G~ttes Versprechen an Jakov, ihn im Exil zu schützen, Begegnung mit Rachel, Jakov in Charan bei Lawan, Lea, die vertauschte Braut, Hochzeit mit Rachel, Geburt der Stämme, Lawans Betrügereien und göttliche Wende zu Jakovs Vorteil, beschleunigte Abreise nach Kana'an und Showdown mit Lawan auf dem Wege. Haftara: Hoschea 12, 13-15, 13, 1-15, 14, 1-10
Lawan trat Jakov mit Anzeichen großer Liebe und Verwandtennähe gegenüber. Jeder unbefangene Beobachter konnte leicht zu dem Schluss kommen, dass diese Liebe echt war. Die talmudischen Weisen jedoch lehrten uns, wie weit seine Handlungen von dieser gefühlsmäßigen Einschätzung entfernt waren: Im Text heißt es: "Als Lawan die Kunde von Jakov, seiner Schwester Sohn vernahm, lief er ihm entgegen und umarmte ihn und küsste ihn und brachte ihn in sein Haus; und er erzählte Lawan alles, was sich zugetragen hatte" (Gen. 29,13). Die Verwandtenliebe reißt Lawan dazu hin, zu umarmen, zu küssen und den Gast in sein Haus zu bringen. So sieht es jedenfalls aus - ohne die Erklärung der talmudischen Weisen: "da lief er ihm entgegen - weil er glaubte, er sei mit viel Geld beladen, da doch der Hausknecht [Elieser] einst mit zehn beladenen Kamelen herkam. Und umarmte ihn - als er nichts bei ihm sah, dachte er, vielleicht hat er Perlen dabei und trägt sie am Körper. Und küsste ihn - sagte er sich: Vielleicht hat er Perlen dabei und versteckt sie in seinem Mund. Und er erzählte Lawan - dass er nur genötigt wegen seines Bruders herkam und man ihm sein ganzes Geld abgenommen hatte". Aus diesem Blickwinkel betrachtet könnte man glauben, die Weisen sahen in Lawan einen scheinheiligen Lügner, der überhaupt nicht umarmen und küssen wollte, sondern nur hinter Jakovs Geld her war. Lawan liebte Jakov nicht, überhaupt war sein ganzes Gehabe lügenhaft... Nur dass diese Schilderung von Umarmungen und vor allem Küssen, mit denen Lawan physisch nach Wertsachen sucht, die am Körper oder im Mund von Jakov versteckt sein sollen, so unrealistisch klingt, dass man wohl annehmen kann, dass die Weisen hier zu einer tieferen Bedeutung durch diese extreme Geschichte von Suchküssen dringen wollen. Meiner bescheidenen Ansicht nach ist Lawan in den Augen der talmudischen Weisen kein Mensch, der die Liebe, Umarmung und Küsse als Mittel benutzt, um im technischen Sinne Jakovs Geld aufzuspüren. Hätte man Lawan gefragt, warum er Jakov umarmte, hätte er die ehrliche Antwort gegeben, aus einem Gefühl heraus, weil er sein Verwandter ist und er ihn darum liebt. Nur dass die Weisen uns die Fadenscheinigkeit Lawans Auffassung vom Begriff der Liebe lehren wollten. Lawan ist nicht in der Lage, mit wahrer Liebe zu lieben, einer Liebe zwischen den Seelen, vielmehr steckte er so tief in seiner eigenen Welt, dass seine Liebe zu anderen bei ihm immer von seiner Eigenliebe abhing. Er umarmte wahrhaftig und küsste wahrhaftig, doch das Wesen dieser Umarmungen und Küsse bestand für ihn im Ansichziehen aller Dinge, die sich vom Objekt seiner Liebe lösen ließen; wie ein Mensch, der mit seinen Küssen bei seinem Freund nach Vorteilen angelt. Wahre Liebe war Lawan so sehr fremd, dass es ihm schwerfiel, Liebe für jemanden zu spüren, der für ihn kein persönliches Gewinnpotenzial darstellte. Bewusst oder unbewusst diente seine Umarmung dazu, den versteckten Besitz des Empfängers seiner Umarmung offenzulegen. Sein Kuss war kein Versuch der Annäherung, sondern ein Versuch, ein Opfer vom Geküssten zu erhalten. Lawan war ein "Liebeskrüppel". Die Liebe war bei ihm mit einem Verkennen des Unterschiedes zwischen Liebe und Begierde geschlagen, zwischen dem Vermögen, aus seinem engen privaten Kreis in das weitere Umfeld auszubrechen und dem Versuch, alles zu erobern, was sich außerhalb seiner kleinen Welt befand und es in sie hineinzuziehen. Lawans Liebe war so weit pervertiert, dass er sogar bei der Liebe zu seinen Töchtern scheiterte. Sie waren für ihn Handelsware, er verkaufte sie für 14 Jahre Arbeit an Jakov und nutzte die reine Liebe Jakovs zu Rachel aus, eine Liebe, die Lawan überhaupt nicht zu schätzen wusste, nur um sein Privatvermögen zu mehren. Rachel und Lea spürten die mangelhafte Liebe, die ihr Vater für sie übrig hatte, und als Jakov vorschlug, in das Land seines Vaters zu ziehen und auf die Nähe zu ihrem Vater zu verzichten, antworteten sie: "Haben wir denn noch Teil und Erbe im Hause unseres Vaters? Sind wir nicht Fremde für ihn geachtet, da er uns verkauft hat? Und verzehrt hat er auch unser Geld" (Gen. 31,14). Bei Jakov sieht die Sache genau umgekehrt aus. Mit Liebe gab er seine ganze Kraft und arbeitete mit vollem Einsatz, er suchte keinen Nutzen, den er eventuell aus seiner Ehe mit Rachel ziehen könnte, im Gegenteil war er bereit, alles zu opfern, bis ihm die sieben Jahre Arbeit in seiner großen Liebe für sie wie wenige Tage vorkamen. Die Differenz zwischen der wahren Liebe, mit der Jakov gesegnet war, und der Liebesbehinderung, die sich bei Lawan zeigte, ist so groß, nach der Beschreibung im Midrasch, dass es sogar den Mitbürgern Lawans nicht gelang, das innere Wesen Jakovs Liebe zu erkennen und sie sie falsch interpretierten. Das fing schon an, wie Jakov Rachel zum ersten Mal bei der Quelle küsste. Die Anwohner sahen darin einen Ausdruck von Triebhaftigkeit und Primitivität, da sie nicht die Erhabenheit Jakovs Liebe begriffen. Jakov seinerseits ließ ab und weinte darüber, dass man ihn einer ihm vollkommen fremden Tat verdächtigte: "und Jakov küsste Rachel und erhob seine Stimme und weinte (Gen. 29,11) - warum weinte er? Weil er sah, dass die Leute einander zuflüsterten, weil er sie geküsst hatte - wie kommt der dazu, hier neue Sitten einzuführen, unzüchtige Dinge?!" (Bereschit raba 70). Und Jakov wandte sich ab und weinte, so wie es der Hohepriester [im Tempel vor Jom Kippur] tat, weil man ihn einer Sache verdächtigte, die nicht zutraf. Es lässt sich noch viel zum Unterschied zwischen der Welt von Jakovs Liebe und dem verlöschten Begriff Lawans von der Liebe sagen, doch wollten wir hier nicht über Lawan lernen, sondern über die Liebe in unserem Leben. Eine überwältigende Macht steckt in der Liebe, und in unserem Leben nimmt sie einen überaus zentralen Platz ein. Nur müssen wir uns bewusst sein, immer die Reinheit der Liebe aufrechtzuerhalten. Manchmal umarmen und küssen wir selbst nur aus Eigenliebe, suchen die Perlen und verpassen die reine Liebe. Als Kinder Jakovs besitzen wir die große Begabung, anders zu lieben, die wahre Liebe zu erreichen, eine Liebe, die dieses Namens wert ist.
Der Mensch ist von Natur aus ein geselliges Wesen. So schuf uns der Herr der Welt, männlich und weiblich. Zwei verschiedene menschliche Seiten, die miteinander verbunden sind, und so wie diese auch die Gemeinschaft der Familie, der Gemeinde, des Volkes, der Menschheit usw. - man beeinflusst andere und wird von anderen beeinflusst, man erhält und gibt. Oder wie es Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") ausdrückte: "Es liegt in der Natur des Menschen, sich in seinen Eigenschaften und Taten nach seinen Freunden und Genossen und dem Brauch seiner Landsleute zu richten". Da nun der Mensch nicht nur Einfluss ausübt, sondern auch offen oder verdeckt von der Gesellschaft beeinflusst wird, in der er lebt, schrieb Maimonides dort weiter: "Daher muss sich der Mensch mit den Gerechten vereinigen und immer bei den Weisen wohnen, um von ihren Verhaltensweisen zu lernen ... Das meint Schlomo: Wer mit den Weisen umgeht, der wird weise (Sprüche 13,20). Es steht also nicht: wer von den Weisen lernt, wird weise, sondern wer sich in der Gesellschaft von Weisen aufhält, mit ihnen lebt, sie befragt, im täglichen Leben, der "Umgang mit den Weisen" - der wird weise. Entsprechend fuhr Maimonides fort: "Es ist ein Gebot der Tora, sich den Weisen und ihren Schülern anzuschließen, um von ihren Taten zu lernen ... Der Mensch soll sich daher bemühen, die Tochter eines Talmudgelehrten zu heiraten, seine Tochter nur an einen solchen zu verheiraten, mit Talmudgelehrten zu speisen, mit ihnen Geschäfte zu machen, und überhaupt sich so viel wie nur irgend möglich zu verbinden" (Sittenlehren 6,1-2). Aus dem Vorgenannten ergibt sich: Wenn jemand in der Gesellschaft von guten Menschen lebt und sich mit ihnen verbindet, sei es durch Heirat, Geschäftsbeziehungen u.ä., auch ihr Einfluss in Hinblick auf Grundwerte, Moral und Geist auf ihn abfärbt und ihn erhebt. Wir hätten also von Lawan, der zwanzig Jahre lang in der Gesellschaft unseres Vorvaters Jakov lebte und sich ihm in familiären, geschäftlichen und wohnörtlichen Dingen verband, erwarten können, dass er von dessen Weltanschauung, seinem hohen moralischen und spirituellen Niveau beeinflusst werde, von seiner Bosheit ablassen, reumütige Umkehr tun und sich Jakov, dessen Frauen - seinen Töchtern - und dessen Söhnen - seinen Enkeln - anschließen würde. Doch sieheda, der Vers, der all die Jahre der Verbindung zwischen Jakov und Lawan abschließt, am Ende unseres Wochenabschnitts, lautet: "Da machte sich Lawan auf in der Frühe und küsste seine Söhne und Töchter und segnete sie; dann ging Lawan und kehrte zurück an seinen Ort" (Gen. 32,1). Erklärte der Meschech Chochma zur Stelle: "Wer einen heiligen Mann wie Jakov in seinem Haus beherbergt, sollte sich doch von dessen Taten und dessen Weisheit anregen lassen und an sich erfüllen: Wer mit den Weisen umgeht, der wird weise, doch so kam es nicht. Und als Jakov fortging, kehrte Lawan an seinen Ausgangsort zurück, d.h. zu seinem bösen Zustand in seinen Ansichten und Eigenschaften, ein Betrüger, der hinter dem Geld her ist". Demnach blockierte Lawan jeden Einfluss, den Jakov auf ihn hätte ausüben können, in seinem Stolz und seiner abwegigen Moralität, wobei zwanzig Jahre ununterbrochener Verbindung mit Jakov keinen Eindruck auf ihn hinterließen, und er, sobald Jakov fort war, wieder an seinen verdorbenen spirituellen "Ort" zurückkehrte. Wollen wir daraus lernen, uns nicht vor positiven Einflüssen von anderen auf uns zu verstopfen, wollen wir offen sein und uns mit Bescheidenheit füllen, erhalten, von wem es wert ist, zu erhalten, uns mit der Wahrheit verbinden - und mit G~ttes Hilfe werden wir dabei Erfolg haben.
Frage:
Ist es ein Gebot, der Samenbank zu spenden?
Frage:
Meine Frau hatte das Auto meiner Eltern geliehen und einige Schrammen
verursacht. Es ist ihr äußerst peinlich. Darf ich sagen, ich hätte
die Schrammen gemacht?
Frage:
Ist es eine religionsgesetzliche Pflicht, die Mesusa zu küssen?
Frage:
Kann eine Frau den Segensspruch Hagomel (nach Geburt, langer
Reise usw.) sagen?
Frage:
Darf ein Kind bei der Hochzeit seines Vaters oder seiner Mutter
anwesend sein?
Weitere Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
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