DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 32,1-32,52): Weltgeschichte von ihren Anfängen bis zum Ende in kurzer Gedichtform, nochmalige Ermahnung des Volkes, Vorschau auf Moschehs Tod. Haftara: Hoschea 14,2-10, Jo'el 2,15-27
Schabbat Schuwa Sonntag: Zom Gedalja (Fasttag)+ Beginn der Winterzeit in Israel
Nach einer Periode voller Kriege gelangen wir zum Wochenabschnitt Ha'asinu, einer Kurzfassung der Geschichte des Volkes Israel, vom Turmbau zu Babel ("da er abteilte die Menschensöhne", V.8) bis hin zur endgültigen Erlösung ("und es versöhnt seinen Boden sein Volk", V.43), mit all den Komplikationen - sowohl den spirituellen als auch den praktischen - die über uns hinweggingen. Vom Anbeginn der staatsgeschichtlichen Entwicklung beim Eintritt in das Land Israel, einem guten und weiten Lande, fließend von Milch und Honig, heißt es: "Er ließ es ersteigen die Höhen der Erde und es aß die Früchte des Gefildes; und ließ es Honig aus dem Gestein saugen und Öl aus Kieseln des Felsen" (Dt. 32,13). Die Reaktion des Volkes auf die großen Siege und den wirtschaftlichen Überfluss in deren Gefolge lässt nicht lange auf sich warten. "Da ward feist Jeschurun und schlug aus; du wurdest feist, stark, beleibt" (V.15). Die talmudischen Weisen erklären dazu im Midrasch, dass "feist", "stark" und "beleibt" für die drei Generationen vor der Ankunft des Maschiach ("Messias") stehen. Als Resultat der überschäumenden Welle des Materialismus vergisst das Volk die Quelle seiner Kraft und seiner Existenz. "Da verließ es den G~tt, der es geschaffen, und erniedrigte den Felsen seines Heils ... Den Hort, der dich gezeugt, versäumtest du und vergaßest G~tt, der dich geboren" (V.15/18). Die göttliche Antwort folgt auf dem Fuße: "Sie haben mich ereifert durch Ungötter" (V.21) - durch Ketzerei und der Verehrung fiktiver Götter, die nicht retten (wie die Götzen von Gold und Silber, die Idole der Musikszene, der "Kultur" und des Sportes, der USA, Moralprinzipien der Nichtjuden usw.). "Ich will sie ereifern durch ein Unvolk" (V.21), durch ein fiktives Volk, das es nie gab und das seine ganze Existenz unserer Abtrünnigkeit verdankt - das "palästinensische Volk", das unter Missachtung selbst der fundamentalsten Moralbegriffe uns zu vernichten erstand. "..durch nichtswürdiges Volk sie kränken" (ebda.). Das Ende dieses Abschnitts unterscheidet sich deutlich vom Ende anderer Ermahnungen in der Tora. "Wann Recht schaffet der Ewige seinem Volke und über seine Knechte sich erbarmet; wenn er sieht, dass die Macht geschwunden und dahin ist Bewahrtes und Befestigtes" (Dt. 32,36) - wenn das Volk bis auf die niederste Stufe abgesunken ist und deshalb an allem verzweifelt, woran es bisher geglaubt und worauf es vertraut hat. Dann beginnen die ersten Gedanken an eine Umkehr. "Und man wird sprechen: Wo sind ihre Götter? der Hort, bei dem sie sich bargen?" (V.37). Wo ist jener, über den - vielleicht in absichtlicher Unschärfe - in der Unabhängigkeitserklärung geschrieben steht: "in Vertrauen auf den Fels Israels"? Handelt es sich dabei um eine menschliche Kraft, die in uns verborgen liegt, in der Tiefe unserer Seele, oder um den Geist G~ttes der Heerscharen Israels, der uns übermenschliche Kräfte verleiht? Und dann antwortet G~tt: "Sehet jetzt, dass Ich, Ich es bin, und kein Gott mit mir; ich töte und belebe, verwunde, und ich heile, und niemand rettet aus meiner Hand" (V.39). Alles, was in der Welt und in der Geschichte passiert, entstammt nicht der Kraft der Menschen, und nicht die Macht ihrer Hände wird ihnen einen Ausweg verschaffen. Wer tötete, wird beleben, wer verwundete, der wird heilen, und die Menschen - die mit Nachdruck und Opferbereitschaft wirken, mit Klugheit und Initiative - sind nichts anderes als seine Boten auf Erden. In diesem Zusammenhang lassen sich die Verse der Rache am Ende des Wochenabschnittes verstehen. Die Rache G~ttes an den Feinden seines Volkes ist keine gewöhnliche menschliche Rache. Es kann nicht angehehen, die erhabene Bestrebung nach einem gerechten Urteil über das "nichtswürdige Volk" von Mördern und Erzverbrechern niederen menschlichen Rachegelüsten zu unterwerfen. Die Feinde Israels sind die Feinde G~ttes. Dazu verkündet G~tt selber: "Wenn ich geschärft den Blitz meines Schwertes und meine Hand das Gericht erfasset, erstatt' ich Rache meinen Feinden, und meinen Hassern vergelt' ich" (V.41). Daneben reicht es nicht, dass "er das Blut seiner Knechte rächet, und Rache erstattet seinen Feinden" (V.43). Die Entsühnung des Volkes und dessen Erlösung erfolgen mithilfe des Landes, das während des zweitausendjährigen Exils jedem Dränger und Feind als Trampelpfad diente, und auch zu Beginn des Erlösungsprozesses kommen die Feinde und wollen es für sich. "und es versöhnt seinen Boden sein Volk" (ebda.). Nach der Erklärung des Or HaChajim: "..denn was sich noch von den Sünden auf Israel befindet - sühnt ihnen das Land, das viele Jahre öde und zuschanden ward. Das wird die Sühne für die Sünde des Volkes G~ttes sein". Darüber klagte der Prophet Jo'el in der Haftara am Schabbat Schuwa, diesen Schabbat: "Schone o Ewiger dein Volk, und gib nicht dein Erbe der Schmach preis, dass Völker sie beherrschen. Warum soll man unter den Nationen sprechen: Wo ist ihr G~tt?" (2,17). Und G~tt antwortet uns durch seinen Propheten: "Und der Ewige eiferte für sein Land, und erbarmte sich seines Volkes. Und es hob der Ewige an und sprach zu seinem Volke: Siehe, ich sende euch das Getreide und den Most und das Öl, und ihr sollt euch daran sättigen, und ich werde euch nicht ferner zur Schmach sein lassen unter den Völkern. Und den vom Norden werde ich von euch entfernen und ihn verstoßen in ein dürres, fernes Land ... Fürchte dich nicht, Erdboden, frohlocke und freue dich; denn der Ewige hat Großes getan. ... Und ihr werdet erkennen, dass ich in Israels Mitte bin, und dass ich der Ewige, euer G~tt bin, und Keiner sonst, und mein Volk soll in Ewigkeit nicht zu Schanden werden" (2,18-27).
Frage: 1. Es wurde mir bedeutet, dass der Zehnte von Obst und Gemüse, wenn der Verkäufer das nicht schon nach jüdischem Ritus getan hat, vor der Zubereitung weggeworfen wird. Dieses Wegwerfen angesichts hungernder Kinder stört mich. Gibt es da keine andere Weise, den Zehnten zu geben, etwa wie es in 5. Moscheh Kap.14 in den letzten Versen beschrieben ist? 2. Die Kaschrut sichert uns Juden eine reine Nahrung. Aber früher gab es eben nur Ungeziefer und Dreck, die durch die Kaschrut vermieden worden sind, nicht aber die modernen "Verunreinigungen" chemischer Art, die den Lebensmitteln beigefügt werden: künstliche Farbstoffe, Weichmacher, Haltbarmacher und vieles mehr. Diese schaden nämlich der Gesundheit genauso und teilweise noch viel nachhaltiger als Ungeziefer und Dreck! Wann wird endlich die Kaschrut jene neuen Verunreinigungen einbeziehen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Zehnte absolut nichts mit Gesundheit zu tun hat, denn alle Gebote des Ewigen, gepriesen sei Sein Name, dienen letztlich auch unserer seelischen und körperlichen Gesundheit. ER will nicht Krankheit und Tod für Sein Volk, sondern Leben! Wie sehen Sie das? Antwort: Im 5. Buch Moscheh 20.Kap., Vers 19 heißt es wie folgt: "...so vernichte nicht ihr Gehölz". Obwohl dieser Vers im engeren Sinn vom Verbot der Vernichtung von Fruchtbäumen bei der Belagerung einer Stadt handelt, lernen wir daraus das allgemeine Verbot, nützliche Gegenstände und Nahrungsmittel sinnlos zu vernichten: "Und nicht nur die Bäume, sondern jeder, der Gegenstände zerbricht, Kleider zerreißt, Gebäude zerstört, Quellen verstopft, Nahrung vernichtet im Wege der Vergeudung - übertritt das Verbot 'vernichte nicht' (s.o.)", Maimonides, Gesetze von Königen und Kriegen, 6. Kapitel, Halacha 10. Andererseits bedeutet eine Vernichtung von Nahrungsmitteln usw. für einen bestimmten Zweck, z.B. das Zurechtstutzen von Obstbäumen, damit sie in der nächsten Saison mehr Frucht tragen, oder zur Erfüllung eines göttlichen Gebotes, keine verbotene Vergeudung, im Gegenteil. Wenn wir die göttlichen Gebote erfüllen, wird G~tt seinen Segen in der Welt mehren und niemand wird mehr Hunger leiden (oder Krieg usw.). Leider sind wir noch nicht ganz soweit...
Jetzt
zum Kern des Themas, was Sie über die Abgabe von Zehnt gehört
haben: Von Obst und Gemüse, das
im Lande Israel wächst,
müssen im allgemeinen folgende Abgaben gegeben werden: Ohne näher auf die Details der Gesetze einzugehen, stehen b) und d) dem Eigentümer der Früchte zum Verzehr zur Verfügung. Priesterhebe jedoch darf nur vom Priester (Kohen) in Reinheit verzehrt werden. Da er diese Reinheit heutzutage ohne Tempel nicht erlangen kann, bleibt dem Eigentümer meist keine andere Wahl, als die Priesterhebe (etwas mehr als 1% der Früchte) wegzuschaffen. Da er damit das Gebot der Absonderung von Priesterhebe erfüllt, übertritt er nicht das Verbot der Vergeudung von Nahrungsmitteln. Allerdings werden auf vielen Märkten in Israel Obst und Gemüse vom Rabbinat verzehntet, bevor sie an die Konsumenten gelangen. In Jerusalem z.B. wird die beträchtliche Menge von Priesterhebe, die auf diese Weise anfällt, an die Tiere im Zoo verfüttert, der deswegen formal einem Kohen übereignet wurde. Wenn Ihnen die Verschwendung von Nahrungsmitteln ans Herz geht und ihnen die nötigen Kräfte und logistischen Mittel zur Verfügung stehen, empfehle ich eine allnächtliche Rundfahrt bei Hotels, Restaurants, Festsälen und dergleichen, um dort die bestellten, bereitgehaltenen und dann nicht verzehrten Mahlzeiten einzusammeln, die dort Nacht für Nacht dem Müll überantwortet werden (nicht zuletzt wegen der Gesundheitsvorschriften, ungekühlte Lagerung verderblicher Nahrungsmittel, usw.). Auch hier kann man die Hotels usw. nicht unbedingt der Vergeudung beschuldigen, da sie ja nicht absichtlich mehr Mahlzeiten bereiten, als sie für die jeweilige Veranstaltung als nötig erachten. Natürlich kann man zu dem Thema Hunger in der Welt viele Bücher schreiben, aber mir scheint, dass in den meisten Fällen bestechliche und inkompetente oder von Interessengruppen abhängige Regierungen die Verantwortung tragen, und dass auch größte Sorgfalt unsererseits mit Essensresten darauf keinen Einfluss haben wird. 2. Aus dem 5. Buch Moscheh 4.Kap., Vers 15 "Und seid sehr auf eurer Hut um eurer Seelen willen" lernen wir die allgemeine Pflicht, unser Leben und unsere Gesundheit zu schützen. Das bedeutet, dass wir auf die Ärzte unserer Generation hören müssen, welche Nahrung für uns gut und welche ungesund ist (Vorbeugung), und im Krankheitsfalle die verordnete Behandlung durchführen. Zu diesem Gebot gehört auch die Beachtung der Straßenverkehrsordnung, vorsichtige Fahrweise und dergleichen. Durch gesunde (und saubere!) Ernährung erfüllen wir also ein Gebot der Tora, nur - mit Kaschrut hat das gar nichts zu tun. Kaschrut soll uns tatsächlich reine Nahrung sichern, und zwar spirituell reine Nahrung. Dreck ist nicht unkoscher, sondern physisch ungesund, und fällt damit unter das oben erwähnte Gebot des Gesundheitsschutzes. Auch "Ungeziefer" ist nicht generell unkoscher (es hängt auch ein wenig von Ihrer Definition von "Ungeziefer" ab); es gibt z.B. koschere Heuschreckenarten. G~tt liebt alle seine Geschöpfe, und jedem hat er eine Bestimmung zugeordnet. Dazu gehört z.B. die Bestimmung der Fliege, der Spinne als Speise zu dienen, und darum hat G~tt die Spinne mit der erstaunlichen Fähigkeit ausgestattet, ein ausgeklügeltes Netz zu spannen. Wenn G~tt nun den Juden bestimmte Speisen verbietet, den Nichtjuden aber nicht, dann können wir daraus nur schließen, dass diese Speisen der jüdischen Seele schädlich sind, nicht aber der nichtjüdischen, denn G~tt möchte sicher auch, dass die Nichtjuden gesund sind, und wenn diese Speisen ihnen schädlich wären, hätte er sie ihnen sicher auch verboten (wie z.B. das Glied eines lebenden Tieres, eines der sieben noachidischen Gebote). Wegen der vielen Judenverfolgungen, Verboten von Beschneidung und Schächten von Tieren usw. in der Diaspora wurden häufig auch Gesundheitsgründe zur Rechtfertigung der Gebote angeführt. Das darf uns aber nicht vom wirklichen Grund ablenken, nämlich dem göttlichen Willen, und wir vertrauen ihm, dass alle seine Gebote zu unserem Besten sind, auch wenn unser beschränkter menschlicher Verstand nicht die letzten Tiefen dieses Willens zu offenbaren vermag. (Fortsetzung folgt) Kommentare von
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