DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese
Woche in der Tora (Gen. 37,1 - 40,23): 1. Schabbat Chanukka
Der Ausspruch "Die Taten der Vorväter - zum Zeichen für die Nachkommen" bezieht sich nicht nur auf die persönliche Ebene des Individuums, im Sinne von "..hat der Mensch die Pflicht zu sagen: wann werden meine Taten an die Taten meiner Väter Awraham, Jizchak und Jakov heran reichen", sondern auch, und vielleicht sogar in der Hauptsache, auf die jüdische Allgemeinheit in allen ihren Generationen. Wie schon Nachmanides (zu Gen. 12,6) schrieb: "Ich sage dir eine Regel, und verstehe sie bei allen Abschnitten über Awraham, Jizchak und Jakov, eine große Sache, die unsere Lehrmeister nur kurz andeuteten - sie sagten, alles, was den Vätern geschah, ist ein Zeichen für die Nachkommen... alle lehren von der Zukunft". Gemäß Nachmanides demonstrieren Awraham, Jizchak und Jakov mit ihren Leben den Ablauf der jüdischen Geschichte, wie auf verschiedene Weisen offensichtlich wird. Wollen wir uns hier mit einer von ihnen beschäftigen: Awraham entspricht dem Exil in Ägypten - sowohl Awraham als auch Israel (Jakov) zogen wegen einer Hungersnot nach Ägypten, in beiden Fällen machte Pharao sie sich untertan, und erst nachdem G~tt große Plagen über Pharao brachte, schickte er sie aus Ägypten fort, und beide zogen mit großem Vermögen von dannen. Jizchak, der sein Leben lang nicht das Land Israel verließ, steht für die Periode des ersten Tempels, als das ganze Volk Israel im Lande Israel wohnte, und sowohl er als auch sie lebten in ständiger Feindseligkeit mit den Philistern. Demnach kann man sagen, dass Jakov, der letzte der Vorväter, für den letzten Teil der jüdischen Geschichte steht: von der Zeit des zweiten Tempels bis hin zur zukünftigen Erlösung, und diese Möglichkeit erwähnte der Sfornokommentar in seiner Einleitung zum Buche Bereschit (Genesis): "Die Angelegenheiten des ersten Tempels waren wie die Angelegenheiten Jizchaks, der einen Altar baute, und die Angelegenheiten des zweiten Tempels, unseres Exils und der zukünftigen Erlösung, in welcher Zeit der zweite Tempel gebaut wurde und der zukünftige gebaut werden wird, bald in unseren Tagen, sind die Angelegenheiten unseres Vorvaters Jakov, der zwei Altäre baute und zum Ende noch Gutes sah, nachdem er schon alles aufgegeben hatte". Nach den Worten des "Sforno" entspricht unser Vorvater Jakov einer Periode, die auch unser Zeitalter einschließt, und aus der Betrachtung sogar nur der allgemeinen Aspekte Jakovs können wir für unser Verhalten in der heutigen Wirklichkeit Lehren ziehen. Unser Vorvater Jakov verfügte bei seiner Rückkehr nach dem Lande Israel über ein ausdrückliches göttliches Versprechen: "Und siehe, ich bin mit dir und werde dich behüten, wo du auch immer gehest, und dich zurück führen in dieses Land; denn ich werde dich nicht verlassen, bis dass ich getan was ich geredet habe zu dir" (Gen. 28,15), und noch ein Versprechen: "das Land, auf dem du liegst, dir werde ich es geben und deinen Nachkommen" (V.13). Jakov glaubte G~tt, dass er keine leeren Worte geredet hatte, und darum kehrte er aus dem Hause Lawans voller Vertrauen und Hoffnung auf ein neues Leben in Ruhe ins Land seiner Vorväter zurück. Doch dann kam alles ganz anders. Jakovs Lebensweg war mit Hindernissen und Leiden gepflastert. Kurz vor dem Eintritt ins Land wurde er vom Schutzengel Eßaws angegriffen, der ihn vernichten wollte, und dazu schrieb Nachmanides: "Es wird bei den Nachkommen Jakovs eine Generation geben, die Eßaw überwältigen wird, bis dass er sie fast von der Wurzel her ausrottet". Und nachdem Jakov den Schutzengel Eßaws erfolgreich abgewehrt hatte und schließlich ins Land eintrat und sich in Ruhe niederlassen wollte, liefen die Dinge wiederum nicht wie vorgesehen, und er wurde von einem Unglück nach dem anderen heimgesucht, bis er mit seiner Geduld am Ende war und sich seinen Söhnen gegenüber bitter beschwerte: "Warum habt ihr mir das zu Leide getan!" (Gen. 43,6). Darüber heißt es im Midrasch: "Niemals sagte Jakov etwas Überflüssiges [außer hier], und so sagte der Heilige, gelobt sei er: Ich bin dabei, seinen Sohn in Ägypten zum König zu machen, und er sagt, Warum habt ihr mir das zu Leide getan! - das ist es, was geschrieben steht: Warum sprichst du, Jakov, und redest, Israel: Verhüllt ist mein Weg vor dem Ewigen, und an meinem G~tte geht mein Recht vorüber" (Jeschajahu 40,27; Bereschit raba 91). Über diesen Midrasch schrieb Rabbiner Moscheh Chajim Luzatto: "Das ist ein Prinzip - jede Erhebung, die G~tt einem Menschen oder der Welt zuteil werden lassen will, erfolgt durch Verabreichung des Guten, aber nur auf tiefsinnigen und verborgenen Wegen, und nicht ohne vorherige Leiden" (Da'at Twunot), und zur Veranschaulichung brachte er die Lehre, dass das Land Israel nur durch Leiden erworben wird. Eine Parallele zu Jakovs Erfahrungen finden wir auch in den Ereignissen um unser Volk in der heutigen Zeit: Auch wir kehren heute nach langem Exil in unser Heim zurück, auch uns griff der Schutzengel Eßaws in der Gestalt der nazionalsozialistischen Bestie an und wollte die jüdische Nation ausrotten, und als unser Volk am Ende erschöpft und verletzt in die Heimat der Vorväter gelangte und sich nun endlich in Seelenruhe niederlassen wollte, entwickeln sich die Dinge wiederum nicht gemäß unseren Erwartungen - es sind Kriege zu führen und Anschläge zu verkraften, und Viele fragen: "Was wird nur werden?!", der modernen Lesart des Warum habt ihr mir das zu Leide getan!, und so wie damals lautet auch heute die Antwort anscheinend: "Ich bin damit beschäftigt, seinen Sohn zum König zu machen". Wir glauben, dass G~tt "seine Präsenz nach Zion zurück bringt" (Schmone-Esre Gebet), wir wissen, dass diese Zurückführung auf verborgenen und wundersamen Wegen ablaufen wird, und darum bitten wir dazu dreimal am Tag: "Unsere Augen mögen schauen wenn du nach Zion zurück kehrst"; und eine weitere Bitte, nämlich sei diese Rückkehr "in Erbarmen".
Ein schmerzliches Thema bedrängt die politische Führung Israels, das Thema Gilad Schalit. Der Soldat, unser Bruder, einer von uns und ein Stück von unserm Fleisch, der ausgeschickt wurde, uns alle zu schützen - und entführt wurde. Die Qualen der Gefangenschaft belasten und bedrücken seinen Körper und seine Seele, Stunde um Stunde, Tag um Tag, Monate und Jahre. Bis vor einiger Zeit wurde sein Name nur mit einem Bild in der Zeitung in Verbindung gebracht, als vor Kurzem eine Videokassette veröffentlicht wurde, die in seinem Kerker aufgenommen worden war; das Herz blutet und füllt sich mit Erbarmen angesichts dieses sanften Jünglings, in Gefangenschaft gehalten von blutrünstigen Unmenschen. Nicht nur die Schmerzen Gilad Schalits haben wir vor Augen. Seit seiner Entführung hat seine Familie kein normales Leben mehr. Wie kann man nachts schlafen im Wissen, dass dein Sohn der Gnade von Leuten ausgeliefert ist, bei denen keine Gnade anzutreffen ist, und wie kann man am Tage mit dem Gefühl Ruhe finden, dass das Schicksal deines Sohnes vom Maß der Anstrengungen abhängt, die zu seiner Befreiung unternommen werden. Unmöglich zu essen, zu ruhen, die Feiertage zu feiern und sich am Leben zu freuen, wenn der Sohn in einer trüben Zelle gefangen sitzt, an unbekanntem Orte, wobei an jedem Tag das Tor wächst, durch das sich die Verzweiflung ins Herz schleicht. Jetzt aber bietet sich die Gelegenheit zu einem Gefangenenaustausch, und das Herz, das Zentrum der Gefühle, stimmt sogleich dafür. Man muss diesem Leiden ein Ende setzen, von Gilad, seiner Familie, uns allen, und muss ihn auf der Stelle befreien. Und der Preis?... Das Herz fürchtet keinen Preis, fünfhundert Terroristen, tausend, tausendfünfhundert, mit Blut an den Händen oder ohne Blut an den Händen... Das Herz kann dem wallenden Gefühl des Erbarmens angesichts der Leiden der Familie Schalit nicht mehr stand halten. Und das Gefühl reißt mit Macht die Mengen mit. Alle solidarisieren sich mit dem Schmerz, alle wollen Gilad schon in Freiheit sehen. Die Macht des Gefühles ist so überwältigend, dass jede andere Ansicht als kalt und grausam gilt, jeder Politiker, der Zweifel an der Richtigkeit des Austausches äußert, wird als herzlos abgestempelt, als unempfänglich für Gilads Leiden, als gleichgültig gegenüber dem Flehen seiner Familie. In diesen Zeiten siegt das Gefühl, weil der Gefühlsreiz und das Erlebnis, Gefühl und Herz als Kräfte gelten, an denen man nicht vorbei kommt, wobei die Verantwortlichen in den Massenmedien und die Meinungsbildner dieses Werk dirigieren. Den Gefühlen für Gilad Schalit könnte man ein anderes Gefühl gegenüber stellen, nämlich das Mitgefühl für die Familien, deren teuerste Angehörige ihr Leben durch diejenigen verloren haben, die durch den bevorstehenden Austausch in Freiheit gelangen, ein Mitgefühl für jene Familien, deren Söhne schwer verletzt wurden, die Arme und Beine verloren, die gelähmt wurden oder ihr Leben verloren bei der Gefangennahme einer der Terroristen, die jetzt frei gelassen werden sollen. Man hätte die Ströme des Blutes mit gefühlvoller roter Farbe malen können, das die befreiten Terroristen oder ihre durch ihren überwältigenden Erfolg ermunterten Genossen vergießen werden. Doch das wird alles nichts nützen, das Gefühl ist verstopft für Vergangenes und blind für die Zukunft, es kennt nur sein Hier und Jetzt. Das Erlebnis des gegenwärtigen Augenblicks ist das einzige, was es erweckt. Die Toten von gestern bewegen es nicht, erst recht nicht die Getöteten von morgen. Der momentane Zeitpunkt ist es, der die Gefühle bewegt, und er bestürmt die Herzen mit einem einzigen Ruf - befreit Gilad, befreit ihn um jeden Preis! Es gibt zwei Kräfte im Menschen, das Gefühl und den Verstand. Wehe dem Menschen, sollte er sein Gefühl verlieren und zu einem seelenlosen Roboter werden, und wehe dem Menschen, der einer wallenden Gefühlswoge gleicht. Der Mensch muss beide Kräfte einsetzen. Jeder Mensch, und besonders ein führender Politiker! Und der Verstand muss in jedem Fall die Hauptrolle übernehmen. "Weise ist, wer die Folgen voraus sieht" (Tamid 32a). Eine Regierung muss das Gesamtbild zur Grundlage ihrer Handlungen machen und mutig abwägen, was recht ist und nicht nur populär. Sie muss wissen, wie man manchmal stürmischen Gefühlen trotzt, aus denen eine große Gefahr erwächst. Nicht nach dem Gefühl, sondern nach dem Verstand muss die Entscheidung zu jedweder Abmachung in der Sache Schalit gefällt werden. Der Verstand ist in der Lage, sich die Kriegslust der Feinde Israels im Falle einer Umsetzung der geplanten Abmachung vorzustellen, und wie sehr die Motivation unserer Soldaten am Tage danach absinken wird, weiterhin ihr Leben zur Verfolgung von Terroristen zu riskieren. Vor allem aber sind wir das Volk der Gerechtigkeit, und es kann nicht angehen, dass so viele Terroristen frei gesetzt werden, deren Hände vom Blut unserer Brüder und Schwestern triefen. Es gibt kein größeres politisches Zerrbild als dieses. Das ist ungerecht! Der Verstand ist auch in der Lage, sich eine aufrechte nationale Haltung vorzustellen - wie sehr litt das Ansehen unseres Staates nach dem Dschibril-Deal, bei dem zahlreiche Terroristen frei gelassen wurden, und wie sehr wuchs die Abschreckung nach der Aktion in Entebbe, und das trotz des Preises. Und was machen wir mit den stürmischen Gefühlen um das Schicksal von Gilad Schalit? Sie werden nicht eher Ruhe geben, bis dass Gilad wieder mit seiner Familie vereint ist in einer Weise, die einem aufrechten Volke geziemt. Es gibt viele Wege, die Terroristenführer dazu zu bringen, höchstpersönlich darum zu flehen, Gilad seiner Familie wieder zuzuführen, doch das wird nur dann geschehen, wenn sie verstehen, dass Entführungen ihnen nichts einbringen, und wenn sie am eigenen Leibe den Preis für ihre Taten spüren. Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
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