DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 44,18 - 47,27): Konfrontation Jehuda-Josef; Josef gibt sich seinen Brüdern zu erkennen; beauftragt sie, Jakov und die ganze Familie nach Ägypten zu holen und dort zu siedeln; göttliches Versprechen an Jakov, ihn dort zu einem großen Volk zu machen; Wiedersehen mit Josef; Begegnung mit Pharao; Ansiedlung im Lande Goschen; Josefs Bodenreform; führt allgemeine Einkommensteuer von 20% ein. Haftara: Jecheskel 37, 15-28
Sonntag, 10. Tewet - Fasttag!
Die Brüder Josefs, die Stämme Israels, können sich seit dem Verkauf von Josef wirklich nicht über eine abwechslungsarme Geschichte beklagen, bis sie ihn wieder vor sich hatten, 22 Jahre später. Dem gewöhnlichen Betrachter ist diese ganze Mischung aus Streit, Hass, Menschenhandel, und dann die verschiedenen Reaktionen Josefs ein großes Rätsel. Die talmudischen Weisen erklären uns jedoch im Midrasch raba, wie duch all diese Geschehnisse das Haus Israels entsteht und das messianische Licht erscheint. So heißt es dort: "Rabbi Schmu'el bar Nachman begann: denn ich weiß die Gesinnungen (Jirmijahu 29,11) - die Stämme waren mit dem Verkauf von Josef beschäftigt, und Josef mit seinem Sacktuch und seinem Fasten... und Jakov mit seinem Sacktuch und seinem Fasten, Jehuda war damit beschäftigt, sich eine Frau zu nehmen, und G~tt war damit beschäftigt, das Licht des Königs Maschiach ["der Gesalbte"] zu schaffen". Dazu heißt es in Parschat Wajeschew: "Und es geschah in derselben Zeit, dass Jehuda hinab zog von seinen Brüdern" (Gen. 38,1); aus seiner Ehe mit Tamar ging Peretz hervor, dem Stammvater des davidischen Königshauses und damit des Maschiach. Weiter erklärt der Midrasch zum Vers "Bevor sie gekreisst, hat sie geboren" (Jeschajahu 66,7) - "bevor der erste Unterdrücker (Pharao) geboren war, kam der letzte Befreier (Peretz) zur Welt". Wodurch gewann Jehuda die Führung der Stämme Israels zurück, nachdem diese ihn nach dem Verkauf von Josef "in die Wüste" geschickt hatten? Die Antwort lautet: Weil er eine gleichwertige Umkehr vollzog. Anfangs sagte er: "Kommt lasst uns ihn an die Ischma'eliter verkaufen" (Gen. 37,27), anstatt "lasst uns ihn heim bringen und mit diesem Streit aufhören", wie es sich für den Erwachsenen unter den Brüdern gehört hätte. Nachdem er aber seine Brüder verlassen hatte, lernte Jehuda, die Verantwortung für seine Taten zu übernehmen, was in seiner Antwort an Tamar zum Ausdruck kam, die behauptete: "Von dem Manne, dem dieses gehört, bin ich schwanger... Erkenne doch, wem gehört dieser Siegelring und Schnur und Stab?" (Gen. 38,25). In aller Öffentlichkeit, und vor seinem Großvater Jizchak und seinem Vater Jakov und vor allen seinen Brüdern ist er bereit, die große Beschämung zu erdulden und zuzugeben: "Sie ist gerechter als ich" (V.26) - "von mir ist sie schwanger" (Raschikommentar). Mit diesen Worten übernahm Jehuda wie gesagt die Verantwortung für seine Taten, gab zu, dass Tamar recht hatte und rettete sie und ihre Ungeborenen, womit er den Weg für das Erscheinen des Maschiach ebnete, der dereinst aus jenen Zwillingen hervor gehen wird. Von hier ab übernimmt Jehuda wiederum die Führung unter seinen Brüdern. Als eine Bürgschaft für Benjamin verlangt wird, übernimmt Jehuda für ihn die Verantwortung und sagt: "Ich will für ihn bürgen, aus meiner Hand sollst du ihn fordern; wenn ich ihn nicht zu dir bringe und vor dich hin stelle, so will ich gesündigt haben vor dir alle Tage" (Gen. 43,9). Jehuda ist zur Verbannung aus dieser und der kommenden Welt bereit. So gewinnt er Jakovs Vertrauen, der Benjamin darauf hin mit ihm schickt. Und Jehuda steht zu seinem Wort, denn als Benjamin festgenommen wird, tritt Jehuda (in unserem Wochenabschnitt) mit mutigen Worten, mit Heldenmut und Verantwortungsbewusstsein in Aktion, und sagt: "Denn dein Knecht hat gebürgt für den Knaben... und nun lass doch deinen Knecht statt des Knaben bleiben, ein Sklave meinem Herrn, und der Knabe ziehe hinauf mit seinen Brüdern" (Gen. 44,32-33). Im Midrasch Tanchuma (Wajigasch §9) wird erwähnt, dass Jakov all die Jahre, in denen Josef verschollen war, Jehuda in Verdacht hatte, für Josefs Verschwinden verantwortlich zu sein, und nun, "da er seine Seele für Benjamin einsetzte, fand sich Jehuda von all diesen Dingen (den Verdächtigungen) rein". So fasste Jakov wieder Vertrauen zu Jehuda, und darum heißt es: "Und den Jehuda sandte er vor sich her..." (Gen. 46,28) - "der agadische Midrasch sagt, vor ihm eine Lehrstätte zu errichten, für ihn ein Lehrhaus zu gründen, von dem die Belehrung ausgehen sollte" (Raschi). Jakov erkennt Jehudas Stärke und vertraut ihm, und im nächsten Abschnitt stimmt er sogar dem Entwicklungsprozess zu, durch den von Jehuda der Maschiach hervor gehen wird, indem er ihn segnet: "Nicht weichen wird das Zepter von Jehuda, noch der Herrscherstab von seinen Füßen, bis der von Schiloh kommt" (Gen. 49,10) - "der gesalbte König, dem die Königswürde gebührt" (Raschi). Den Entwicklungsprozess, durch den der König Maschiach aus all den uns bekannten Verwicklungen dieser Welt hervor gehen wird, offenbarten uns die talmudischen Weisen schon anhand des zweiten Verses der Tora, "und die Erde war öd' und wüst, und Finsternis auf der Fläche des Abgrundes, und der Geist G~ttes schwebend über der Fläche der Wasser"; Rabbi Schimon ben Lakisch wies darauf hin, dass dabei von unseren Exilen die Rede ist: "öd - das ist das babylonische Exil, wüst - Medien (Persien), Finsternis - Griechen, Fläche des Abgrundes - das Exil des Verbrecherreiches (Edom), und der Geist G~ttes schwebend über der Fläche der Wasser - das ist der Geist des Königs Maschiach" (Bereschit raba 2,4). D.h., der ganze Streit zwischen dem Volke Israel und den Völkern der Welt hat ein einziges Ziel - das messianische Zeitalter heran zu bringen. Aus jedem Exil, das wir verließen und überwanden, kamen wir einen weiteren Schritt voran in Richtung auf das Ziel, auch wenn wir das nicht immer sahen und verstanden. Das ist auch die Lehre von Chanukka, als wir großen Leiden und grausamen Verordnungen ausgesetzt waren - und erst als es das Volk Israel schon nicht mehr aushalten konnte, stürzten die Feinde; das soll uns ein Zeichen sein, wie der "Sfat Emet" lehrte: "denn die Nationen können niemals die Kinder Israels auslöschen... und sicherlich müssen die Kinder Israels glauben, dass alle Kräfte der Nationen, und wie sie mit ihren Verordnungen Erfolg haben, alles der höchsten Vorsehung entspringt zum Guten der Kinder Israels... und alle vier Königreiche dienen allein dazu, die Erkenntnis vom himmlischen Königtum zu mehren" (Chanukka 5637). In diesen unseren Tagen, in denen die Herzen der Kinder Israels mit den Einwohnern des Südwestens sind, die schon jahrelang unter den Wilden der Menschheit litten, erstand schließlich der Geist in unserer Nation, mit Krieg zu antworten, und mögen sie sich damit trösten, dass wie in jenen Tagen auch heute G~tt uns Wunder zeigt, und wie der "Sfat Emet" endigt: "Ebenfalls ist auf G~tt zu vertrauen und auch zu glauben,... dass G~tt uns dieses Übel bald zum Guten wenden wird". So scheint das Licht des Maschiach immer stärker aus allen Wirrungen und Verfinsterungen und wird bald in voller Stärke scheinen vor den Augen der ganzen Welt in der vollständigen Errettung Israels.
Es war einmal ein Jude, der wollte beten, wie es sich gehört. Er schaute sich um in der Synagoge, sah wie die anderen beteten, und tat es ihnen nach. Doch irgendwie fehlte ihm noch etwas dabei. Da ging er von Synagoge zu Synagoge, lernte von den Leuten, aber das Gefühl der Unvollkommenheit seines Gebetes wurde er nicht los. Weil ihm die Sache aber sehr am Herzen lag, begab er sich auf Wanderschaft, zog von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, bis er sich in den Weiten Russlands verlor. Wie durch ein Wunder begegnete er einem Trupp russischer Soldaten, und es stellte sich heraus, dass es Kantonisten waren, d.h. Juden, die als Kinder zwangsweise in die Armee eingezogen worden waren und einen Dienst von 25 Jahren absolvieren mussten, um sie von der Tora zu entfernen, und die meisten vergaßen natürlich alles. Und dennoch befahl der Offizier: Zum Gebet! wobei er selbst auch gleich als Vorbeter diente. Und so sprach er: Wofür wollen wir beten? Für ein langes Leben, für den Sieg, für Geld, für Gesundheit? Welchen Wert haben sie für uns?! Unser Leben ist doch nichts wert! Darum beten wir: Jitgadal wejitkadasch schemej raba... (Kaddisch; "In seiner Größe und in seiner Heiligkeit wird sein großer Name in der Welt erkannt werden..."). Sagte jener Jude: Das ist das wahre Gebet - nicht für uns, sondern für den großen Namen G~ttes, "um seines großen Namens willen in Liebe" (Schmone-Esre). Das ist das höchste Ideal, für den Herrn der Welt zu arbeiten und nicht für uns selber. Doch dieses Ziel liegt für uns in weiter Ferne, wie uns die westliche Kultur einträufelt, eine Kultur der Erfüllung unserer Genüsse. Das Ego steht im Mittelpunkt, wobei als Maßstab gilt, was der Mensch von einer Sache hat. Die westliche Kultur hat nichts gegen Religion, aber unter der Bedingung, dass sie dem Menschen einen Nutzen und ein gutes Gefühl bringt, als ein Genuss und ein Erlebnis. Viele Juden wurden davon beeinflusst und überzeugen andere zu einem religiösen Leben - für Gesundheit, Sicherheit und Glück. Das bedeutet, dass der Dienst für G~tt nicht mehr das Ziel darstellt, sondern ein Mittel zum Zweck. Wir sind nicht mehr die Diener G~ttes, sondern G~tt wird für uns sozusagen zum Mittel zur Erlangung aller guten Dinge. Rabbiner Moscheh ben Maimon ("Maimonides") schrieb über die Leute, die heilige Namen der Mesusa hinzu fügen und glauben, damit ihre Kraft zu erhöhen - nicht nur, dass sie Dummköpfe sind, weil sie damit die Mesusa unbrauchbar machen, sie haben zudem keinen Anteil an der kommenden Welt, weil uns die Mesusa bei unserem Kommen und Gehen daran erinnern soll, dass wir G~tt dienen sollen, und jene machen daraus eine Art Talisman, der uns die Eitelkeiten dieser Welt verschaffen soll (siehe Gesetze von der Mesusa 5,4). Wenn dem so ist - warum steht dann in der Tora, wenn ihr G~tt dient, erhaltet ihr diese und jene Wohltaten im Diesseits? Dazu gab Maimonides zwei Antworten: Wie bei einem kleinen Kind, dem man Süßigkeiten verspricht, wenn es Tora lernt; für sein Alter ist das angemessen - und es gibt auch Erwachsene, die noch nicht über diese Stufe hinaus gekommen sind (Mischnakommentar, Einleitung zum Perek Chelek). Der materielle Erfolg ist nicht das Ziel des Dienstes an G~tt, sondern ein Mittel zum Zweck. Man kann G~tt nur schwer dienen, wenn man hungrig oder krank ist oder von Feinden verfolgt wird (ebda., Gesetze von der Umkehr). Das Prinzip lautet: Verwechselt nicht das Ziel mit den Mitteln. Über jemanden, der G~tt für einen bestimmten Nutzen dient, schrieb Rabbiner A.J.Kuk das Gleichnis von einem Menschen, der ein ganzes Land rettete, dafür eine Belohnung erhielt und sich über die Belohnung freute anstatt über die Rettung (Mussar awicha). So verhält es sich auch mit dem Dienst an G~tt für einen bestimmten Nutzen anstatt für seinen großen Namen in Liebe. Vielleicht mag jemand fragen, was er denn schon groß für den Herrn der Welt tun könne? "Ich bin nicht reich, ich bin nicht begabt, ich habe kein Amt und keinen Rang!". Macht nichts! Der Mensch wird von G~tt nicht nach dem Ergebnis beurteilt, sondern nach der Anstrengung. "Je nach der Mühe der Lohn" (Mischna "Sprüche der Väter", 5.Kap.). Jemand, der nach bester Kraft für den heiligen Namen wirkt und dennoch nur wenig erreicht, gilt als hochrangiger als ein Mensch, der viel tut, aber nur an sich selbst denkt. "Ob man viel oder wenig tut, wenn man nur sein Herz auf den Himmel richtet" (Brachot 17a).
Vielleicht
mag jemand fragen, ob er denn überhaupt auf der spirituellen Stufe
sei, G~tt nur um seines großen Namens willen dienen zu können? Wenn
ich ehrlich mit mir bin, weiß ich doch, dass ich hauptsächlich für
mich selbst handele. Hier geht es doch um die Eigenschaft der
Uneigennützigkeit, der Charakterreinheit, die erst im 16. Kapitel
des "Wegs der Frommen" erscheinen, und ich, bei meinen
vielen Sünden, habe noch nicht einmal die Stufe des 2. Kapitels
erklommen, der Vorsicht vor der Sünde, weit entfernt von "um
seines Namens in Liebe". - Ja, das stimmt. Doch hierbei darf man
nicht in Extreme verfallen. Natürlich sind wir alle weit entfernt
von der spirituellen Stufe, auf der unser ganzes Leben, alle unsere
Taten und Gedanken und unsere ganze Persönlichkeit nur "seinem
Namen in Liebe" gewidmet sind. Doch nach all dieser Demut werden
wir uns trotzdem anstrengen, und was wir tun können, werden wir um
seines Namens willen in Liebe tun. Wir werden uns so gut es geht Mühe
geben, und auch dazu heißt es: "Ob man viel oder wenig tut,
wenn man nur sein Herz auf den Himmel richtet". Und dieses
Wenige leuchtet so hell, so strahlend, dass wir von diesem erhabenen
Lichte viel Mut und Reinheit schöpfen, die uns auf unserem ganzen
Lebensweg begleiten. MJ424 Weitere Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
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Atmosphäre.
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