DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJERA
Nr. 741
20. Marcheschwan 5770

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 18,1-22,24):
Besuch der 3 Engel bei Awraham, Ankündigung Saras Sohn, Verhandlung mit G~tt über Sdom, Engel bei Lot, Vernichtung von Sdom und Amora, Lot und seine Töchter, Awraham und Sara bei Awimelech, Geburt Jizchaks, Vertreibung Hagars und Jischma'els, Bündnis mit Awimelech, Opferung Jizchaks/Widder, göttliches Versprechen zahlreicher Nachkommenschaft und Segen für alle Völker der Erde.
Haftara: Könige II, 4, 1-37
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...
 

Awraham sieht doppelt
 
 
 

Rav Eran Tamir
Rabbiner an MACHON MEIR

Viele von uns erinnern sich bestimmt noch an die biblischen Geschichten im Kindergarten über die Gerechtigkeit unseres Vorvaters Awraham, der draußen vor seinem Zelt in der Hitze des Tages saß, und das drei Tage nach seiner Brit Mila, wenn die Schmerzen am größten sind, und er saß und wartete auf Gäste, um ihnen seine Gastfreundschaft angedeihen zu lassen. Auf einmal sieht er in der Ferne drei Gestalten, er läuft ihnen entgegen, geleitet sie in sein Haus und kümmert sich so intensiv um alle ihre Bedürfnisse, bis dass er G~tt bittet, der sich ihm gerade offenbart, auf ihn zu warten, bis er mit seinen Gästen fertig ist, denn "bedeutender ist die Gastfreundschaft als das Empfangen der göttlichen Präsenz" (Schabbat 127a). Wenn wir uns den Vers (18,2) aber näher ansehen, stellen wir fest, dass Awraham seine Gäste zweimal sah, wie es heißt: "Und er erhob seine Augen - da sah er drei Männer in der Nähe stehen; und als er sie sah, lief er ihnen vom Eingang des Zeltes entgegen und warf sich zur Erde nieder". Sofort fragt man sich, was das zweite "als er sie sah" bedeutet - warum musste Awraham sie ein zweites Mal sehen, bevor er zu ihnen hinlief, was fehlte am ersten Hinsehen? Diese Frage stellte bereits der Raschikommentar zur Stelle, und seine Antwort lautet kurz, aber grundsätzlich: "Er sah - warum steht zweimal, er sah? Das erste Mal ist wörtlich, er sah; das zweite bedeutet verstehen; er beobachtete, dass sie an einer Stelle stehen blieben und verstand, dass sie ihn nicht bemühen wollten; und obschon sie wussten, er würde ihnen entgegen gehen, blieben sie doch, um ihn zu ehren... er aber wollte ihnen zuvor kommen und lief ihnen entgegen". Awraham sah also zwei Dinge. Zuerst sah er auf äußerliche Weise, mit dem Auge, dann aber, und das war die Hauptsache, auf innerliche, geistige Weise, mit seinem Verstand, mit seinem Glauben. Daraus lernen wir zwei Dinge: 1.Das verstandesmäßige und glaubensbedingte Sehen bildet das Fundament und den Ursprung des Augenlichtes. 2.Andererseits dürfen wir das physische Sehen mit den Augen nicht verachten, denn es gehört zu den "Geräten", mit denen G~tt uns ausgestattet hat und die wir benutzen sollen.

Nach dem Stand der Dinge ist unser Leben voll "physischen Sehens". Wir sehen, hören, lesen usw. die ganze Zeit. Wir werden mit Nachrichten überschwemmt, ein Ereignis jagt das andere. Wir haben das eine kaum zuende gesehen, da drängt sich schon das nächste in unser Leben. Die visuelle Flut trägt uns von Ort zu Ort und von Thema zu Thema, so dass wir manchmal schon gar nicht mehr wirklich sehen, was unsere Augen registrieren. Wir haben keine Zeit für Betrachtungen, wir verpassen einen eventuellen Zusammenhang zwischen den Dingen. Gibt es vielleicht tiefere, wesentlichere Gründe für die verschiedenen Erscheinungen, gute oder weniger gute, die sich vor unseren Augen offenbaren? Und das Wichtigste, auf welche Weise sollte man all diese Dinge ehrlich und gründlich angehen? Wir schauen auf die Nachrichten des Tages, aber nicht auf ihre Ursprünge und ihre Zielrichtungen. Saget doch, worin besteht die Verbindung zwischen der Zerstörung des Katif-Gebietes, der politischen Unmoral, den Kassam-Raketen auf den Süden des Landes, Arbeitslosigkeit und Armut, dem Zustand der staatlichen Schulen, der Pride-Parade in Jerusalem, der Beherrschung Akkos durch die Araber, dem Libanonkrieg, den Verkehrsunfällen, dem Sprießen der Einkaufszentren mit ihrer Missachtung von Rechten und Würde der Angestellten, dem nunmehr 24-jährigen Gefängnisaufenthalt von Jonathan Pollard und Vielem mehr? Das lehrte uns unser Vorvater Awraham in unserem Wochenabschnitt. Wir sollten nicht nur die Augen im Schädel benutzen, sondern vor allem die Augen des Verstandes und des Glaubens und verstehen, dass die Geschehnisse und Erscheinungen, die wir sehen und miterleben, Offenbarungen von tieferen, inneren Vorgängen sind, manchmal das genaue Gegenteil von dem, was sie nach außen hin zu sein scheinen. 

Gleiches finden wir bei einem heran wachsenden Kind, wenn der Jugendliche den "absoluten Gehorsam" gegenüber Eltern und Lehrern verliert, was sich manchmal auf sehr negative Weise äußert. Doch unter dieser Oberfläche bildet sich eine selbständige Persönlichkeit, die nicht unter Zwang und Druck entsteht, sondern durch freie Entscheidung und innere Solidarität und sich im weiteren Verlauf in korrekter und würdiger Weise zum Vorschein kommen wird. 

So verhält es sich im Leben des Einzelnen, und erst recht im Leben des Volkes, nach den Worten von Rabbiner A.J.Kuk (Orot HaTchija §32): "Die äußerliche Erscheinung der Erlösung, die sich vor uns abspielt, deren erste Schritte wir spüren und fühlen, stammt aus dem Innersten der Gemeinschaft Israels, die Nation entwickelt alle ihre Kräfte, weitet ihren Geist, ihre Natur und ihr Selbst, erkennt noch nicht die Tiefe des inneren Wesens, das doch die ganze Grundlage ihrer Wiedererstehung bildet, ihre Augen sind auf den Boden gerichtet, und gen Himmel blickt sie noch nicht". Natürlich widerspricht das nicht im Geringsten der Notwendigkeit zu tätigem Handeln in Beseitigung der Missstände auch auf äußerliche Weise, um alle vermeidbaren Schäden zu verhindern, doch die Basis für Alles ist der Blick nach innen, in die Tiefe der Dinge, und dadurch "als er sie sah, lief er ihnen entgegen"...
 
 
 
Kinder, Kinder...
 

Ein Volk von Erziehern
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

In unserem Wochenabschnitt wird von Awraham gesagt: "Denn ich habe ihn ersehen, damit er seinen Kindern und seinem Hause nach ihm gebiete, den Weg des Ewigen einzuhalten, Recht und Gerechtigkeit zu üben" (Gen. 18,19). Dieser Vers dient uns als Quelle für das Gebot der Erziehung, zu der das jüdische Volk in allen Generationen verpflichtet ist ("Meschech Chochma", Rabbiner Me'ir Simcha aus Dwinsk). Dieser Vers enthält aber noch mehr: "ich habe ihn ersehen...", d.h. ich habe Awraham erwählt, "machte ihn groß und erhob ihn, damit er seinen Söhnen nach ihm gebiete, was recht ist vor mir zu tun. Und dazu werde ich ihn zu einem großen und mächtigen Volke machen, auf dass er mir diene" (Nachmanides-Kommentar). G~tt erwählte Awraham und das jüdische Volk, weil ihre Hingabe zur Kindererziehung die Bildung eines großen Volkes verspricht, das G~tt dienen wird. Die erzieherische Tätigkeit gehört damit zum Wesen der israelitischen Nation. 

Die Kommentatoren erklären nicht, ob die Auffälligkeit des Volkes Israel auf dem Gebiete der Erziehung aus einer natürlichen Begabung stammt oder aus der Verantwortung und der Opferbereitschaft für die kommenden Generationen. Wie dem auch sei kann die Geschichte des jüdischen Volkes besser als alles Andere bezeugen, wieviel es in die Kindererziehung investierte, sie entwickelte und sich dafür aufopferte. Wir kennen unzählige Geschichten von Eltern, die zugunsten der Erziehung ihrer Kinder den letzten Groschen hingaben, von der Selbstaufopferung der Kinderlehrer zur Sicherstellung des kontinuierlichen Religionsunterrichts selbst in Zeiten der Verfolgung, von Toragelehrten, die auf eine glänzende Karriere verzichteten und lieber die Kleinen in der Talmud-Tora-Schule unterrichteten. Das jüdische Volk ist ein Volk bei dem die Erziehung ganz oben auf der Rangliste steht, sowohl in privater als auch in öffentlicher Hinsicht. 

Kein Zweifel - so große Bemühungen um die Erziehung, sowohl nach Umfang als auch nach Qualität, hinterlassen tiefe Eindrücke in der Nation. Sicher hat das einen segensreichen Einfluss auf die Jugend, auf die Schüler, die Erziehung in so reichem Maße genießen. Rabbiner A.J. Kuk schrieb ("Acht Sammlungen", 7,205), dass dieser Einfluss auch auf die Erwachsenen wirkt. So wie die Verbindung der Jugendlichen mit den Erwachsenen erstere charakterlich aufbaut und festigt, gewinnen auch letztere aus der ständigen Verbindung mit den Jugendlichen. Worin besteht dieser Gewinn? Das beantwortete Rabbiner Kuk mit der Verbindung zur "Unschuld der Kindheit. Darin liegt unser Glück, dass wir durch das Wesen unserer Kultur mit der Kindererziehung verbunden sind. Diese Verbindung [durch die Erziehung und mit ihrer Hilfe] allein hinterlässt bei uns schon den Eindruck einer Verbindung mit der Kindheit, mit der Unschuld, und diese Unschuld strahlt auch auf uns etwas ab und wird von uns absorbiert, wobei sie dem Gift der Hinterlist entgegen wirkt, das sich mit unserer Reife bei uns einschlich. Glücklich der, der die Essenz der Kindheit auch als Erwachsener, auch als Greis einsaugen kann".

Erklärung: Es gibt ein Sprichwort, wonach Erzieher ewig jung bleiben. Die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen erneuert sie die ganze Zeit und hält sie frisch. Rabbiner Kuk behauptet, im Volke Israel wirke der positive Einfluss nicht nur auf die Erzieher, sondern auf das ganze Volk Israel, weil die Erziehung keine untergeordnete Beschäftigung im Volke Israel darstellt, sondern einen zentralen Teil seiner Kultur. Wir sind ein Volk von Erziehern, die Erziehung nimmt eine Vorrangstellung in unserem kulturellen und gesellschaftlichen Leben ein, und darum breitet sich ihr Einfluss in allen Teilen der Nation aus. Rabbiner Kuk fügte eine Erklärung des Wesens dieses Einflusses hinzu: Wir gewinnen nicht nur ständige Frische und Erneuerung, sondern auch Unschuld. Die Unschuld ist das besondere Wesensmerkmal der Kinder, das ist der "Hauch der Schulkinder, durch den die Welt erhalten wird,... der noch keine Sünde kennt" (Schabbat 119b). Die Kinder sind unschuldig, rein, unverdorben. Sie betrachten die Welt mit Optimismus, freudig und glücklich. Im Laufe der Jahre, mit dem Aufwachsen, verdunstet die Unschuld, und ihren Platz nimmt die Schlauheit ein, die "Hinterlist" und ihre Tücken. (Im Ausdruck "Gift der Hinterlist" deutet Rabbiner Kuk das Gift der Urschlange an, die "listiger war als alle Tiere des Feldes" [Gen. 3,1], das sie dem Menschen einflößte). Im Volk Israel ist die Unschuld allerdings nicht nur Privatbesitz der Kinder, sondern eine nationale Eigenschaft. Die Unschuld ist eine erhabene Eigenschaft, die das jüdische Volk wegen seiner intensiven Beziehung zu den Kindern in ein nationales Gut zu wandeln vermochte. Auf diese Weise erwerben "die Essenz der Kindheit" auch Erwachsene, selbst Greise (s.o.).

Wir haben hier die Vorteile der Hingabe zur Erziehung der Kleinkinder behandelt. Hat die Sache keinen Haken?! Man könnte doch glauben, wenn im Volke Israel große Kräfte für die Kindererziehung aufgewendet werden, mindern sich die Kräfte, die sich mit erhabeneren spirituellen Themen beschäftigen! Darauf antwortete der "Chatam Sofer" in seinem Werk "Torat Moscheh", dass sich genau gegen diese Behauptung der Vers wendet: "Denn ich habe ihn ersehen...". Dazu fragte der "Chatam Sofer", ob unser Vorvater Awraham die Stufe der Prophetie erreicht hatte, "dass ihm das Schicksal dieser Nation oder jener Stadt mitgeteilt werde"? Warum sollte G~tt ihm diese Information vorenthalten? Warum sollte ihm weniger zukommen als allen anderen Propheten?! Vielmehr erreichte Awraham keine besonders hohe Stufe der Prophetie, "nicht, weil er dessen nicht würdig gewesen wäre, sondern weil er nicht genug freie Zeit hatte, seine Gedanken zu konzentrieren und solche hohen Dinge zu betrachten, weil er sich um seine Söhne kümmerte und seinem Hause nach ihm, sie die Wege G~ttes zu lehren". Zu Beginn ihres Weges befanden sich seine Söhne auf einem niedrigen Niveau. "Und weil er Wissen und Verstand zur Ehre G~ttes ihrem niedrigen Niveau anpasste, die Wege G~ttes zu lehren und sich dadurch um eine hohe Stufe der Prophetie brachte, darum sagte G~tt: 'Sollte ich etwa verbergen vor Awraham...?!' Warum sollte er deswegen verlieren?! Dazu kam es doch nur, weil er seine Söhne und sein Haus nach ihm unterwies!". Darum offenbarte sich ihm G~tt und erschien ihm.

Nicht nur von Awraham will uns das der "Chatam Sofer" lehren, sondern von jedem einzelnen Juden, und von der Gesamtheit Israels, die sich mit der Kindererziehung beschäftigt. G~tt entschädigt mit einem Überfluss an Spiritualität Jeden, der sich mit der Erziehung beschäftigt und darum seine eigene spirituelle Entwicklung vernachlässigen muss. G~tt zeigt uns in unserem Wochenabschnitt, dass man dadurch nichts verliert.
 
 

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