DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 3,23-7,11): Fortsetzung Moschehs Rückblicksrede, Bitte, doch einwandern zu dürfen, und deren göttliche Ablehnung; Ermahnung, die Tora nicht zu ändern; Warnung vor Götzendienst; Zufluchtstädte; Wiederholung der 10 Gebote; das Schma-Gebet; Vermeiden von Mischehen; nochmalige Aufforderung zur Vertreibung der Ka'ananiter. Haftara: Jeschajahu 40,1-26
515 Gebete (=Zahlenwert der hebr. Buchstaben von Wa'etchanan) betete Moscheh für die Erlaubnis, ins Land kommen zu dürfen, aber ohne Erfolg. Fragen wir doch einmal: Wie funktioniert ein Gebet? Wenn nämlich einem Menschen etwas vorbestimmt ist, kann er überhaupt etwas daran ändern?! Kann er denn G~ttes Willen ändern?! Andere fragten: Wenn mir wirklich etwas zusteht, warum muss ich dann darum bitten, die Worte aussprechen, im Gebet - weiß G~tt denn nicht, was ich brauche, und kennt er denn nicht alle meine Gedanken?! Solche Fragen, schrieb der MaHaRaL (der "hohe Rabbi Löw" aus Prag), verursachen manchen Leuten religiöse Verwirrung und Widerspenstigkeit, denn vielleicht gibt es Dinge, die G~tt nicht weiß? Darauf antwortete er, das Gebet diene dazu, den Menschen mit dem zu vervollkommnen, was ihm fehle, und weil sich der Mensch wegen seiner Fähigkeit des Sprechens von allen anderen Geschöpfen auszeichnet, muss er eine Art Gefäß schaffen, über das G~tt ihm von seinem Überfluss das zukommen lässt, was er ihm geben will, und die Schaffung dieses Gefäßes erfolgt über die Schaffung eines mit Mängeln behafteten Menschen. Durch die Rede mit dem Munde erzeugst du diese Realität des Menschen, und durch die Bitte vergegenwärtigst du den mangelden Menschen, "und darum muss es so sein, dass er seinen Mangel durch die Rede erbittet, und dann erbittet er seinen Mangel in seiner Eigenschaft als mangelhafter Mensch, und dadurch wird er bereit zur Vervollkommnung vom Ursprung" (Netiw Ha'awoda 2.Kap.). Rabbiner Zwi Jehuda Kuk erklärte, dass die Änderung nicht beim Schöpfer, sondern bei uns stattfindet, "das Gebet wird angenommen und etwas Neues scheint beim Schöpfer zu entstehen, als ob es eine Änderung in der G~ttheit hervorrufe, durch den von uns ausgeübten Druck. Man muss verstehen, dass sich der Herr der Welt nicht verändert sondern wir uns verändern, nämlich durch die Wirkungsweise des Gebetes selbst, durch die Selbstreinigung und durch die G~ttesanhänglichkeit, die sich durch das Gebet offenbaren, die uns ändern und sich damit auch alles andere ändert" (Hatora hago'elet III,136). Dazu erklärte noch Rabbiner Moscheh Charlap (in seinem Kommentar zur Pessach-Hagada), dass das Gebet dazu dient, den Menschen in eine andere Welt zu erheben, eine höhere Welt, wodurch er nicht mehr der vorigen Zeit und dem vorigen Ort zugehört und wo das über ihn verhängte Urteil nicht relevant ist, und durch das Gebet lässt sich selbst die höchste Sphäre in unteren Sphären zugänglich machen, wodurch das Urteil von alleine entfällt. Die Hauptwirkung des Gebetes besteht also in unserer Erhebung, uns über eine Annäherung und das Erzählen vom Ruhme G~ttes höher zu bringen, und durch diesen Vorgang ändern wir uns und erreichen die Erfüllung der Bitten. Einer der treuen Zuhörer Rabbiner Kuks war Rabbiner Elimelech Bar-Scha'ul, der in seinem Buch Mitzwa weLev (S.82-87) erklärte, dass die Bitte um die Dinge an sich den Menschen direkt mit G~tt konfrontiert, indem man ihm sagt: der Herrg~tt ist dein Vater und du sein einziger Sohn, steh auf und komme ihm immer näher, komm herein, er ruft nach dir, er erwartet immer dein Kommen, sodass das ganze Gebet eine einzige spirituelle und seelische Erhebung bedeutet, G~ttesanhänglichkeit, G~ttesnähe, und in seiner Liebe zum Menschen möchte G~tt, dass er ihm immer nahe sei, und als Mittel zu diesem Zweck belässt er ihn manchmal ohne eines seiner Bedürfnisse, damit er sich an ihn wende und die Flamme der Sehnsucht und G~ttesanhänglichkeit entzündet. So ist die G~ttesannäherung selbst das Ziel und das Wesen des Gebetes und der Mangel und die Bitte um Erfüllung nur Mittel zum Zweck. Und er endigt mit folgenden Worten: Ohne Gebet scheint G~tt in weiter Ferne, mit Gebet gibt es keinen Näheren.
"Und ich flehte zum Ewigen in jener Zeit also ..." (Dt. 3,23), und Raschi erklärte: "in jener Zeit - nachdem ich das Land Sichons und Ogs eingenommen hatte, dachte ich, das Gelübde sei vielleicht aufgehoben". Die Gebiete von Sichon und Og östlich des Jordans gehören zum Lande Israel, und daraus folgerte Moscheh, ein teilweise aufgehobener Bann [nämlich G~ttes Weigerung, ihn in das Land Israel zu lassen] gelte als gänzlich aufgehoben. Doch das scheint unlogisch, denn wenn Moscheh glaubte, der Bann sei aufgehoben, weil er bereits in einen Teil des Landes Israel gelassen wurde - warum begnügte er sich nicht damit? Warum flehte er zu G~tt, weiterziehen und den Jordan überschreiten zu dürfen? Worin unterscheiden sich Ost- und Westufer des Jordans? "Und es ereiferte sich der Ewige über mich um euretwillen und hörte nicht auf mich" (Dt. 3,26) - Moschehs Vergehen wurde ausdrücklich in der Tora erwähnt, warum sagte er also "um euretwillen"? Im weiteren Verlauf erwähnt Raschi, mit "diesem schönen Gebirge" (Dt. 3,25) sei Jerusalem gemeint, und mit "Lebanon" (ebda.) der Tempel. Moscheh wollte den Jordan überqueren, um nach Jerusalem zu gelangen. Der qualitative Schwerpunkt des Landes Israel befindet sich auf seiner Westseite. Nur dort kann das Heiligtum gebaut werden (auch seine zeitweiligen Erscheinungsformen). Es gibt eine Werteskala, eine Rangordnung der Werte. Die Westseite ist geheiligter und hat Vorrang vor der Ostseite. Darum weigerte sich Moscheh anfangs, der Bitte der Söhne Gads und Re'uwens stattzugeben, die wegen ihrer großen Herden lieber auf der Ostseite siedeln wollten. Zuallererst sollten sie den Jordan überqueren "zum schönen Gebirge und dem Lebanon" und erst danach, bei Bedarf, die Grenzen nach der Ostseite des Jordans hin erweitern. Sie allerdings stellten ihren wirtschaftlichen Bedarf vor den spirituellen Wert. Moscheh bevorzugte den Wert dem Bedarf. Nach dem Kommentar des Nachmanides (zu Num. 21,21) ergibt sich eine doppelte Bedeutung für "das schöne Gebirge": Sowohl Tempel, wie auch Raschi erklärte, aber auch nach der einfachen Bedeutung: fließend von Milch und Honig. Moschehs Ideal war das gemeinsame Wohnen. Echte Einigkeit bildet sich nur, wenn es ein gemeinschaftliches ideelles Ziel gibt. Jerusalem wird auch Talpiot genannt, weil es ein spirituelles und ideelles Zentrum darstellt, ein Hügel (tel), zu dem sich alle Münder (piot) hinwenden. Eine Folge davon war, dass es auch zum politischen Zentrum wurde. Der Geist ging der Politik voran. Nach Moschehs Ansicht war das Land Israel nicht nur dazu bestimmt, existenzielle und persönliche Probleme zu lösen, sondern vor allem eine israelische Öffentlichkeit zu schaffen, die in G~tt einig war, und das konnte nur auf der Westseite des Jordans geschehen. Die Israeliten verpflichteten sich zur Gegenseitigkeit erst, als sie den Jordan überquert hatten. Wenn das Ostufer dem westlichen Lande Israel angegliedert wird, bedeutet es einen integralen Bestandteil des Landes, und obwohl wirtschaftliche Gesichtspunkte dahinterstehen, erstreckt sich die Heiligkeit des westlichen Teils auch auf ihn. Das jedoch nur unter der Bedingung der Wahrung der richtigen Reihenfolge: erst die westliche Seite und dann die östliche. Vor der Besiedlung der Westseite hat die Ostseite keine Bedeutung. G~ttes Antwort an Moscheh lautete, er müsse auf der Ostseite verbleiben und die Führung an seinen Nachfolger Jehoschua abgeben. Moscheh wurde absichtlich im Tal gegenüber von Bet Peor begraben, um einer möglichen Abkoppelung der beiden Jordanufer voneinander vorzubeugen, sowohl in ideeller als auch in wirtschaftlicher Hinsicht, zwischen den Söhnen Gad und Re'uwen und den übrigen Stämmen. "..denn dort ist der Anteil des Gesetzgebers, des Verborgenen" (Dt. 33,21). Moscheh sah den ideellen Wert des Landes von Weitem, von der Spitze des Berges. Seine Mission würde sein Schüler Jehoschua fortführen. "Das Gesicht Moschehs gleicht der Sonne, das Gesicht Jehoschuas gleicht dem Monde" (Baba batra 75a). Der Mond strahlt kein eigenes Licht aus, sondern reflektiert bloß das Licht der Sonne. Das Land Israel, das nun von Jehoschua erobert wird, erhält seine Grundwerte von unserem Lehrer Moscheh, der alleine auf der Höhe des Berges Newo verblieb, doch seine Ausstrahlung erreicht die fernsten Winkel von Ort und Zeit. Alles, was jemals im Lande Israel geschehen wird, ist auf seinen direkten oder indirekten, seinen offenen oder verdeckten Einfluss zurückzuführen. Die Vision begleitet alle Taten. Schabbat Nachamu ["Schabbat der Tröstung", nach dem 9. Aw] soll nicht Schabbat Chason ["Schabbat der Vision", der Schabbat vor dem 9. Aw] ersetzen. Die Vision muss bleiben. Gerade die visionslosen "Realisten", die sich etwas vormachen, brauchen sie so dringend wie die Luft zum Atmen. Man darf aber nicht an ihnen verzweifeln, auch wenn sie tief im Tal des Ba'al Peor [bibl. Götze] stecken, dem Symbol der Hemmungslosigkeit und der Verwischung der nationalen Identität. Gerade dort wurde Moscheh begraben - um jenen, die dem Dienst am Peor verfallen sind, einen Funken von Vision zu vermitteln. Eine der letzten Amtshandlungen Moschehs vor seinem Tode war die Absonderung "dreier Städte diesseits des Jordan zur Aufgangsseite der Sonne" (Dt. 4,41). Raschi: "Damals sonderte ab - richtete er sein Herz darauf, sich eifrig der Sache zu widmen, sie abzusondern; und obschon sie [den Totschläger, der vor dem Bluträcher flieht] erst aufnahmen, als auch jene im Lande Kana'an abgesondert waren, sagte doch Moscheh, ein Gebot, das man schon jetzt erfüllen kann, will ich erfüllen". Moscheh wusste also, dass die Absonderung der Städte auf der Ostseite von der Absonderung der Städte auf der Westseite abhing, und trotzdem tat er es, um die Verbindung der beiden Seiten und ihre gegenseitige Abhängigkeit zu betonen. Moscheh trug die Verantwortung für die Wahrung der Einheit der Teile des Landes und des Volkes. Das Katif-Gebiet [der vormals jüdisch besiedelte Teil des Gasastreifens] am westlichen Ende des Staates Israel verwirklichte die Ideale des Landes Israel, so wie es Moscheh in seiner Vision voraussah - sowohl beim Sozialen, bei der Mildtätigkeit, der Wirtschaft und dem Torastudium, das alles aufwiegt. Die Pioniere des Katif-Gebietes führten den Weg der Ideale Moschehs weiter. Ihnen gegenüber stehen die Nachfolger von Gad und Re'uwen, die weiter östlich wohnen - wenn auch alle auf der Westseite des Jordans - deren Einstellung aber von der Ostseite stammt. Der Gedanke an die Existenz von Idealen ist ihnen schwer verdaulich, von Pionieren, dass es immer noch Ideale in diesem postmodernen Leben gibt und dass nicht alles nur nach dem augenblicklichen Nutzen gemessen wird. Die Vision stört, ihrer fehlgeleiteten Ansicht nach, den staatlichen Rahmen, so wie sie ihn verstehen. Ihrer Ansicht nach ist der Souverän das menschliche Bedürfnis und nicht erhabene Werte, die über dem Staat stehen und für die der Staat nur den Rahmen bildet. Solange so eine Ansicht auf der privaten Ebene verbleibt, lässt sie sich noch ertragen. Gefährlich wird es aber, wenn diese Einstellung öffentliche und staatliche Entscheidungen beeinflusst, ob auf direkte Weise oder auf Umwegen. Wenn diese Einstellung die öffentlichen Handlungen steuert, wird eine Abkoppelung der beiden Jordanufer voneinander unvermeidlich. Damit ist die Geschichte aber nicht zu Ende. Es gibt eine Chance für einen neuen Anfang. Moschehs Tod und seine Beerdigung im Tal gegenüber von Bet Peor bedeuten nicht das Ende für Idee und Weg. Seine Gebete wirkten. Auch wir ähneln ihm. Wie viele Gebete haben wir gebetet! Wie viele Tränen haben wir vergossen! Wie viel Opferbereitschaft haben die Pioniere des Katif-Gebietes gezeigt, die bis zum letzten Moment säten und bauten! All das war nicht vergebens. Es ist alles in der Lebendigkeit der Nation gespeichert, so wie die vielen Gebete von Moscheh, der G~tt anflehte, den Jordan überqueren zu dürfen. G~tt, der Moschehs Ausbrüche schon erwartet hatte, erhört ihn nicht. Er nahm dessen Tränen und legte damit den Weg aus für seinen Nachfolger Jehoschua. Moschehs Verantwortung zur Wahrung der Einheit des Volkes auf beiden Seiten des Jordan verlangte nach seinem Verbleiben im Tal gegenüber von Bet Peor. Seine Gebete jedoch nutzten der nächsten Generation, seinem Diener Jehoschua, der auch "der Jugendliche" (na'ar) genannt wurde. Denn die Jugend (no'ar) - die zukünftige Generation - wird Moschehs Weg weiterführen und das Land besiedeln, was Moscheh persönlich nicht vergönnt war. Unsere Häuser sind zerstört, unsere Bäume entwurzelt, doch unser Geist ungebrochen, unser Glauben nicht geschwächt, unsere Vision nicht beendet, im Gegenteil, sie wird immer stärker und stärkt den gebeugten Geist des Volkes. "Fürwahr, Gras ist das Volk. Es dorrt das Gras, es welkt die Blume, aber das Wort unseres G~ttes besteht ewiglich" (Jeschajahu 40,7-8).
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
Radio "Reschet Moreschet" -
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Lernen Sie bei uns über
das Judentum, stärken Ihren Glauben im Geiste der Liebe zu den Geschöpfen
in einem reichhaltigen und umfassenden Programm mit persönlicher Note,
Verbindung zu Torapersönlichkeiten, Unterbringung in besonderer, familiärer
Atmosphäre.
Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
Einzelheiten: Spanisch -
Tel. +972 (0)2 6512194, +972 (0)52 4621830
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
|