DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Lev. 12,1-15,33): Das Gebot der Beschneidung; Geburtsunreinheit und Reinigungsopfer; Ausschläge, deren Bedeutung für den Reinheitsstatus des Befallenen, die Begutachtung durch den Priester und die Behandlung; Reinigungsprozedur und zugehörige Opfer; entsprechende Behandlung eines vom Aussatz befallenen Kleides oder Hauses; entsprechende Regelungen für Ausflussleidende und die Monatsblutung. Haftara: Könige II, 7,3-20
Dienstag: Jom Ha'Azma'ut
Was verstehen wir heute schon vom Reinigungsprozess des Aussätzigen? Fast gar nichts. Wofür braucht man dazu "zwei lebendige reine Vögel und Zedernholz und purpurrote Schnur und Ysop" (Lev. 14,4)? Letzteren begegnen wir auch im Abschnitt von der "roten Kuh": "Und der Priester nehme Zedernholz und Ysop und purpurrote Schnur und werfe dies mitten in den Brand der Kuh" (Num. 19,6). Dazu kommt allerdings noch etwas, nämlich das Sprengen des Entsündigungswassers, lebendigen Quellwassers, das auch mithilfe der Ysopzweige ausgeführt wird. Eine weitere Parallele finden wir im Pessachopfer in Ägypten: "Und nehmet ein Bündel Ysop und tauchet es in das Blut, das in der Schale, und streichet an die Oberschwelle und an die beiden Pfosten von dem Blute, das in der Schale" (Ex. 12,22). Worin besteht demnach die Verbindung zwischen Aussätzigem und roter Kuh? Zwischen der Wassersprengung und dem Pessachopfer in Ägypten? Und was lehrt das über die Bedeutung von Zedernholz, Ysop und purpurroter Schnur? Dazu machte der Torakommentator Rabbi Awraham ibn-Esra kurze Andeutungen: "Zedernholz und Ysop - das größte und das kleinste Gewächs ... und der Aussätzige und das [vom Aussatz] befallene Haus und die Totenunreinheit [zu derer Beseitigung das Wasser der Asche der roten Kuh benötigt wird] stehen einander nahe, und ähneln auch dem Pessachopfer Ägyptens". Hiermit endigte er, ohne den Schluss weiter zu erläutern, doch gab er den Schlüssel dazu in unsere Hände, nämlich den Bund des Ysop des Pessachopfers in Ägypten, und dazu machte er eine weitere Andeutung: der Zederbaum symbolisiert Größe und der Ysopstrauch Kleinheit.
So
von Rabbi ibn-Esra auf die Spur gebracht, forschen wir weiter beim
"hohen Rabbi Löw" aus Prag, in seinem Vortrag zu Schabbat
Hagadol: Die Zurhandnahme des Ysops drückt ein Bewusstsein der Demut aus. Die Aufnahme des Blutes mit seiner Hilfe stärkt das Bewusstsein der Erhebung. Entsprechend ist die Handhabung des Ysops bei der Sprengung des Entsündigungswassers zu verstehen. Der Todesunreine hat einen niederen Status. Die nahe Begegnung mit dem Tode bedrückt seine Persönlichkeit. Darum muss jetzt der Ysop her, der kleine, niedrige Strauch, um damit das lebendige Quellwasser - das Gegenstück zum Tode - hoch zu heben auf den Körper des Menschen, der durch die Todesunreinheit unrein geworden war, und ihn damit aus der Niedrigkeit seiner Unreinheit zu erheben. Kehren wir nun zurück zum Aussätzigen. Die Wassersprengung auf den vom Aussatz befallenen Menschen oder das Haus erfolgt nicht nur durch den Ysop, sondern mit den drei Dingen zusammen: Zeder, Ysop und purpurrote Schnur, denen wir auch bei der Verbrennung der roten Kuh begegnen, wobei man sie verbrennt und ihre Asche mit dem Quellwasser mischt, das mit dem Ysop gesprengt wird. Hier aber belässt man sie in ihrem Zustand und sprengt mit ihnen das lebendige Wasser, vermischt mit dem Vogelblut. Die Bestandteile haben das gleiche Thema, nämlich Höhe und Niedrigkeit, nur in umgekehrter Richtung. So heißt es im Raschikommentar (zu Lev. 14,4): "Ein Stück Zedernholz - weil die Aussatzschäden wegen Hochmutes kommen. eine purpurrote Schnur (tola'at schani) und Ysop - was soll er tun, um geheilt zu werden? Er demütige sich von seinem Hochmut wie ein Wurm (tola'at) und wie Ysop". Demnach könnte man erwarten, das Wassersprengen müsse hier mit dem Zedernholz erfolgen. Und warum benutzt man dazu auch den Ysop und die purpurrote Schnur? Es wäre also ein Irrtum zu glauben, die Benutzung dieser Gegenstände symbolisiere Charaktereigenschaften in einer bestimmten Richtung - von Hochmut zu Demut beim Aussätzigen, und von Niedergeschlagenheit zu Erhebung beim Todesunreinen. Allerdings liegt im Hochmut der Ursprung der Sünde des Verleumders, doch besteht die Lösung nicht darin, diesen Hochmut zu nehmen, ihn zu schlachten und sein Blut auf die Erde oder auf den Körper des Aussätzigen zu gießen. Auch wäre es nicht richtig, die traumatische Begegnung mit dem Tode vollständig auszuradieren mithilfe des lebendigen Wassers. Entsprechend ist das Entsündigungswasser mit der Asche der roten Kuh vermischt, dem Höhepunkt der Umwandlung von Lebenskraft in blankes Nichts. Die Begegnung mit dem Tod hat einen gewissen Wert. Die Erhebung aus dem Trauma ergibt sich geradewegs durch eine angemessene Auseinandersetzung mit dem Tod, und nicht durch Weglaufen. Die richtige Auseinandersetzung mit dem Tod stützt sich auf eine Kombination von Mitteln, wobei das Gefühl des Nichts der Asche vermischt ist mit dem existenziellen Erlebnis des Wassers, und das Gefühl der Kleinheit, das den Ysop und die purpurrote Schnur begleitet, verbindet sich mit dem Gefühl der Größe, das mit dem Zederbaum einhergeht. Die Mischung aller dieser Dinge führt gerade durch den kleinen Bund des Ysops zu erneutem spirituellen Aufschwung. So verhält es sich auch beim Aussätzigen. Man sollte den menschlichen Stolz nicht brechen, sondern ihn lenken und ausbalancieren. Nicht die Redekraft unterdrücken, sondern in positive Bahnen lenken. Einerseits ein starkes Gefühl gesunden Selbstwertes, das der Fähigkeit der Erkenntnis mit der ganzen Kraft der im Menschen befindlichen göttlichen Fähigkeiten entspringt; andererseits ein starkes Gefühl der Gemeinheit, das der Erkenntnis der Kleinheit des Menschen an sich entstammt, "Ich aber bin ein Wurm und kein Mann, der Menschen Hohn, und von den Leuten verachtet" (Psalm 22,7). Die richtige Mischung dieser beiden Eigenschaften bringt den Menschen dazu, sich selbst und andere richtig einzuschätzen, sodass er gar kein Bedürfnis verspürt, sich durch Erniedrigung anderer über sie zu erheben. Alle Lebenskräfte zusammen befördern den Menschen nach oben auf der großen Leiter, die auf dem Erdboden steht und deren Spitze in den Himmel reicht.
In Erklärung der Religionsgesetze von der Distanzhaltung zwischen den Eheleuten, die in unserem Wochenabschnitt behandelt werden, schrieben die talmudischen Weisen: "Es wird gelehrt: Rabbi Meir sagte: Weshalb bestimmte die Tora für die Menstruierende sieben Tage?" (der Distanz von ihrem Manne, heute aber eine wesentlich längere Zeit). Antwortete Rabbi Meir: "Weil sie ihm, da er sie immer hat, trivial werden könnte. Daher sagt die Tora, dass sie sieben Tage unrein sei, damit sie [nachher] ihrem Manne so lieb sei wie [sie es war], als sie unter den Trauungsbaldachin trat" (Nida 31b). Unsere Weisen kennen die Seele des Menschen und lehren, dass trotz aller wunderbaren Aspekte der Verbindung zwischen dem Mann und seiner Frau es im Laufe der Zeit zu einer Abnutzung der Beziehung kommen kann, und darum sei es gut, manchmal auf Distanz zu gehen, um zu jener Liebe bei Anbeginn der Ehe zurückzukehren. Unser großer Lehrmeister, Rabbiner Awraham Jizchak Kuk lehrte uns, dass solche zeitweiligen Distanzierungen ein unabdingbarer Prozess zur Förderung und Entwicklung der Verbindung zwischen Menschen darstellen: "Auf die Seelenruhe der innigen Liebe, die ihre Kraft bei der Begegnung von Angesicht zu Angesicht offenbart, wirkt die zeitweilige Unterbrechung, den Glanz der treuen Liebe des geliebten Nächsten stärker zu spüren. Das Sprießen der Liebe und ihr Blühenlassen durch solche Pausen bilden eine der Bedingungen der Liebe und der bestimmte Weg zu ihrer Entwicklung in den Seelen" (Ejn Aja Brachot II). Aus der erwähnten Talmudstelle geht hervor, dass die Distanz Sehnsüchte erwecken soll und sogar Kraft zur Entwicklung der Beziehung und der Liebe zwischen den Ehepartnern geben kann. Es gibt aber noch eine weitere Erklärung, die die Betrachtung dieser Abstandszeit vertieft. Beim Anlegen der Tefillin sagen wir jeden Morgen den Vers, mit dem G~tt den Zustand zwischen sich und seinem Volk zur Zeit der Erlösung beschreibt: "Und ich verlobe dich mir auf ewig, und ich verlobe dich mir durch Recht und Gerechtigkeit und mit Huld und Liebe; und ich verlobe dich mir durch Treue, und dass du den Ewigen erkennest" (Hoschea 2,21-22). Ist das nicht ein wenig merkwürdig, "ich verlobe dich mir auf ewig"? Bleiben wir etwa nur mit dem Ewigen 'verlobt' und gelangen gar nicht zur innigen Verbindung der Ehe? Erklärte Rabbiner Kuk, dass "obwohl das Eheleben mit größerer Anhänglichkeit als die Verlobungszeit geführt wird, hat die Verlobungszeit einen Vorzug, indem sie dem gesetzmäßigen, edlen Fundament der Anhänglichkeit Ausdruck verleiht, denn durch diesen Vorzug entzieht sie sich vollkommen dem Zugriff materieller Nachahmung" (Olat ra'aja I, S.35). Die Verlobung wird als eine edle Verbindung bezeichnet, weil sie eher eine seelisch-innerliche Verbindung darstellt, gerade weil sie noch nicht in körperlich-materieller Weise zum Ausdruck kam. Dadurch betont sie die Mächtigkeit der Verbindung des Paares, da diese von nichts abhängt, von keiner äußerlichen Bedingung, und das ist es, was der Herr der Welt dem Volke Israel sagt: "Und ich verlobe dich mir auf ewig" - meine Verbindung mit dir ist eine Verlobung, von nichts abhängig, und darum ist es eine ewige Verbindung, die auf immer Bestand hat. Darum gibt es auch im Eheleben Zeiten, zu denen es heißt: "eine Zeit Fernbleiben der Umarmung" (Prediger 3,5), wenn die Eheleute zum Status der Verlobung zurückkehren und dadurch ihre Verbindung vertiefen. Ferner gilt zu beachten, dass jeder Mensch aus Körper und Seele zusammengesetzt ist, und beide muss der Mensch mit Nahrung versorgen. Trotz seiner Kraft nutzt sich der Körper mit der Zeit ab, Schönheit und Macht verbleiben ihm nicht auf Dauer. Darum müssen diese durch eine seelisch-spirituelle Verbindung zwischen den Eheleuten ergänzt werden, die sie konstant begleitet. Zu diesem Zwecke verordnete die Tora diese Distanzhaltung, während der sich das Ehepaar mit dem Aufbau der innerlichen spirituellen Verbindung beschäftigen kann, wodurch sich die gesamte Beziehung auf eine höhere und intensivere Stufe erhebt. So "muss man verstehen, dass es sich bei der Ehe nicht nur um ein körperliches Thema handelt. Ein Schüler [der Merkas Harav Jeschiwa] klagte sein Leid unserem Lehrmeister, Rabbiner Zwi Jehuda Kuk [Leiter der Jeschiwa], wie schwer ihm diese Zeit des Abstandhaltens von seiner Frau falle. Dazu antwortete ihm Rabbiner Kuk: Es heißt [im Segen bei der Trauung]: 'Liebe und Brüderlichkeit, Frieden und Freundschaft' - die Ehe bedeutet auch Liebe und Brüderlichkeit, Frieden und Freundschaft, die Ehe ist ihrem Wesen nach eine spirituelle Verbindung zwischen Menschen, die auch durch eine körperliche Verbindung zum Ausdruck kommt, doch die Hauptsache bleibt die spirituelle Verbindung. Überhaupt sollte die Ehe auf dem Fundament der spirituellen Verbindung aufgebaut werden, (sowohl im Hinblick auf die gemeinsame spirituelle Entwicklung als auch) im Sinne von Wertschätzung der Persönlichkeit und der guten Charaktereigenschaften seiner Frau" (Achoti kala, Rabbiner Schlomo Aviner, S.77). Darum pflegen wir bereits bei der Trauungszeremonie Verlobung und Eheschluss zusammen durchzuführen, und wir müssen dafür sorgen, dass die Beziehung während des gesamten Ehelebens auf beide Fundamente gebaut ist, nämlich auf die seelisch-abstrakte Verbindung und auf die physische Anhänglichkeit - dann werden uns Liebe und Brüderlichkeit, Frieden und Freundschaft auf Dauer vergönnt sein.
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
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