DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Num. 13,1-15,41): 12 Fürsten kundschaften das Land Kana'an aus; 10 bringen positiven, aber entmutigenden Bericht, 2 optimistisch und verweisen auf göttlichen Beistand; Volk hört auf Mehrheitsbericht, göttliche Strafe: 40 Jahre Wüste, bis Ungläubige ausgestorben sind; jetzt wollen sie doch, aber G~tt lässt sie nicht mehr; weitere Opfergesetze; Strafe für G~tteslästerung; der Holzsammler am Schabbat; Zizit. Haftara: Jehoschua 2, 1-24
Eines der Argumente, mit denen Jehoschua ben Nun und Kalev ben Jefunneh die Gemeinschaft Israels von der Qualität des Landes Israel und von der Fähigkeit der Israeliten überzeugen wollten, die Bewohner des Landes Kana'an erobern zu können, darunter die "Riesensöhne" - lautete: "denn unser Brot sind sie!" (Num. 14,9). Und so sprachen sie: "Fallet nur nicht vom Ewigen ab, so habt ihr das Volk des Landes nicht zu fürchten, denn unser Brot sind sie; gewichen ist ihr Schatten von ihnen und mit uns ist der Ewige; fürchtet sie nicht". Was bedeutet "denn unser Brot sind sie"? Rabbiner Naftali Z.J. Berlin aus Woloschin erklärte "Brot" (Lechem) von Halchama (schweißen) - Verknüpfung und starke Verbindung, wie er schrieb: "Und die Bedeutung von Lechem: das Bewirken einer Verknüpfung und einer starken und haftenden Verbindung ... wie ein Mensch, der zwei Bretter untrennbar miteinander verbinden will und sie zusammenklebt, und die Bedeutung in der Natur der Dinge, wenn man die Bretter schön glatt schmirgelt und sie so zusammenklebt, dass keine Luft dazwischen verbleibt, so kann man sie unmöglich wieder voneinander trennen, und diese starke Verbindung heißt malchim, und von diesem Tätigkeitswort leitet sich das Hauptwort Lechem ab, denn das Brot verbindet den Körper mit der Seele auf starke Weise" (Kommentar zum Hohelied 1,3). Nach dieser Deutung lässt sich unser Thema folgendermaßen erklären: Häufig ist ein Mensch in Wahrheit mit einer Sache verbunden, weil sie zu seinem Wesen und seinem Charakter gehört, obwohl er sich dessen nicht hundertprozentig bewusst ist und sich seelisch nicht besonders damit identifiziert. Darum kommt diese Verbindung in seinen Taten nicht zum Ausdruck, und wenn sich dann Widersacher gegen ihn erheben, die ihn von dieser Sache trennen und sein Verhältnis dazu schwächen wollen - genau dann erwachen seine wahren Lebenskräfte und er beginnt, seine Verbindung zu der Sache zu spüren. Dann erwachsen ihm Mut und Tatkraft, sie nicht preiszugeben, und im Gegenteil dafür zu wirken und zu handeln, dieser Sache wieder zu Blüte und Erfolg zu verhelfen. Gerade der Krieg (Milchama) ermöglicht das Verschweißen (Halchama). Gerade der Willen zu trennen und zu spalten erzeugt also eine besonders mutige, eine starke und tiefere Verbindung, dazu Bereitschaft und Opferwilligkeit, die vorher nicht existierten. Die Anwesenheit der Riesen im Lande Kana'an, jene Riesen, die die Kundschafter so sehr in Angst und Schrecken versetzten, bis dass sie sich im Vergleich zu ihnen als Grashüpfer sahen, gerade sie führten zur Offenbarung der wahren Verbindung zum Lande Israel und der Tiefe der Verbindung zu G~tt und gaben damit Jehoschua und Kalev den Mut, den Kundschaftern entgegenzutreten und das Volk von der Richtigkeit ihres Weges zu überzeugen. Wie einst - so auch heute. Wir dürfen keine Angst haben und uns von der Entschlossenheit des amerikanischen Präsidenten im Zusammenhang mit den beiden Grundsätzen nicht unter Druck setzen lassen, mit denen er uns so nachdrücklich konfrontiert: Schluss mit der Besiedlung des Landes, und "zwei Länder für zwei Völker", g~ttbehüte. Je enger sich die Schlinge um unseren Nacken zieht, je stärker der internationale Druck wird, je stärker es nach politischem, wirtschaftlichem und militärischem Krieg riecht, verbinden wir uns um so intensiver mit unserem Selbst, Einer mit dem Anderen, und mit unserem Land und unserer Tora. Darum müssen wir wissen, dass sie "unser Brot (LeCHeM) sind", unsere Feinde, die uns mit Krieg (miLCHaMa) bedrohen, gerade sie sind es, die uns fester und stärker verschweißen (maLCHiMim) und verbinden mit unserer wahren Natur. Stärken und vertiefen wir die Besiedlung aller Teile unseres Landes, verstärken wir die Brüderlichkeit und die Einheit der Ansichten in unserem Volke und unserer Tora, und mit G~ttes Hilfe wird uns dabei Erfolg beschieden sein.
Erziehung lässt sich nicht improvisieren. Kinder und Jugendliche müssen in ihren Familienhäusern einer vollwertigen und konsequenten Erziehungsmethode begegnen. Ihre Begegnung mit einer klaren pädagogischen Linie, mit einer Methode, mit einer Lebensweise, ermöglicht ihnen das Formen ihrer Persönlichkeit und eine Lebenseinstellung mit Rückgrat. Ohne erzieherische Methode gibt es kein konsequentes Verhalten. Wenn die gleiche Bitte des Sohnes einmal von den Eltern mit einem Verbot, ein anderes Mal mit Erlaubnis beantwortet wird, ohne dass eine erzieherische Logik die unterschiedliche Reaktion rechtfertigt, wird das Kind verwirrt. Es hat davon nichts als Verwirrung, und Verwirrung ist nicht pädagogisch. Ein Kind muss im Elternhaus die Mittel erwerben, um später sein Erwachsenenleben führen zu können, und dazu gehören u.a. konsequentes Verhalten und methodisches Vorgehen sowie innere Ordnung. Es erwirbt sie durch die Begegnung mit der Erziehung im Elternhause und die Reaktion der Eltern auf sein Verhalten. Darum hat das Bestimmen einer klaren erzieherischen Linie und deren Einsatz gegenüber den Kindern allerhöchste Priorität. Es gibt keine Garantie dafür, dass der heranwachsende Jugendliche diese erzieherische Linie, der er im Kindesalter ausgesetzt war, voll und ganz akzeptieren wird. Doch selbst wenn er sich letzten Endes für ihre Ablehnung entscheiden sollte, besteht nicht der geringste Zweifel, dass er sie teilweise registriert und verinnerlicht hat. Er änderte sie, formte sie neu nach seinem eigenen Geschmack, verpasste ihr ein neues "Gesicht", doch letztendlich blieb etwas davon bei ihm hängen. Das war nur möglich, weil die erzieherische Linie klar und nicht verschwommen war. Von pädagogischem Wirrwarr lässt sich nichts weiterverwenden. Ob er nun die erzieherische Linie der Eltern übernimmt oder ablehnt, so erwarb er doch auf jeden Fall Konsequenz und Methodik. So wie das Fehlen einer klaren Linie der Erziehung schadet, verhält es sich auch mit einer zu starren. Auch wenn eine klare erzieherische Linie unabdingbar ist, muss man große Vorsicht walten lassen, nicht in eine zu starre Art zu verfallen. Im Verlaufe unserer erzieherischen Mühen müssen wir fortwährend prüfen, ob unsere Erziehungsmethode auf das Kind bzw. den Jugendlichen abgestimmt ist. Im Laufe der Entwicklung des Jugendlichen offenbaren sich Aspekte seiner Persönlichkeit, die während seiner Kindheit nicht bekannt waren. Manchmal macht das eine Revision der Erziehungsmethode erforderlich. Es stellt sich heraus, dass die Methode zu streng oder zu milde war und das Kind etwas anderes braucht. Darum bedeutet die Fähigkeit zur Flexibilität eine Bedingung für den erzieherischen Erfolg, die Fähigkeit zur Änderung der Linie, sei es wenig oder viel, zu ihrer Optimierung durch Hinzufügen oder Abstriche, um nicht in erzieherische Erstarrung zu verfallen. Ein Teil der pädagogischen Fehlschläge ist auf mangelnde Flexibilität zurückzuführen. Irgendwie macht die Erziehung des Sohnes keine richtigen Fortschritte, und statt anzuhalten und die Sache mal durchzudenken, um die Erziehungsmethode eventuell zu verbessern oder zu berichtigen, versuchen manche Eltern, sie ihrem Sohn oder ihrer Tochter mit Gewalt aufzuzwingen. Sie glauben, dass Hartnäckigkeit, Stärke und Druck das Kind auf die rechte Bahn bringen. Im Allgemeinen führt das zu einer weiteren Verschlechterung, was zu noch mehr Druckausübung führt, usw., ein Teufelskreis. Zur großen Überraschung führt erzieherische Hartnäckigkeit zu erzieherischer Verwirrung. Warum ist das so? Weil Eltern, die sich bei der Erziehung bis hin zu offener Feindseligkeit gegenüber dem Nachwuchs stur stellen, häufig von ihren Ansprüchen am Ende gezwungenermaßen ablassen müssen, oder die Hände erheben und aufgeben. Hartnäckigkeit und Strenge wandeln sich zu Nachgiebigkeit und Kapitulation. In den Augen des Jugendlichen zeugt das von Verwirrung seitens der Eltern, sie wissen nicht, was sie eigentlich wollen. Der Vorzug der Hartnäckigkeit verschwand in dünner Luft, und der Jugendliche macht eine unpädagogische Erfahrung. "Die Rabbanan lehrten: Stets sei der Mensch biegsam wie ein Rohr und nicht hart wie eine Zeder" (Ta'anit 20a). Eine Zeder ist ein harter, standfester Baum. Ein Schilfrohr hingegen ist schwach, biegsam, flexibel. Doch lehren uns die talmudischen Weisen, das Schilfrohr sei gegenüber der Zeder im Vorteil, und darum priesen sie, wie Achija HaSchiloni Israel mit einem Schilfrohr verglich, und verurteilten, wie Bil'am Israel mit einer Zeder verglich. Eine Zeder "obgleich alle Winde der Welt, wenn sie kommen und gegen sie wehen, sie nicht fortzureißen vermögen - so kann dennoch der Südwind, wenn er gegen sie weht, sie entwurzeln und umwerfen" (ebda.). Demgegenüber heißt es vom Schilfrohr: "... alle Winde der Welt, wenn sie kommen und gegen es wehen, reißen es nicht von seiner Stelle, vielmehr bewegt es sich mit ihnen, und sobald die Winde aufhören, bleibt das Rohr auf seinem Platze stehen. ... Und nicht nur das, dem Rohre ist es auch beschieden, dass aus ihm ein Kalam gefertigt wird, damit die Tora, die Propheten und die Schriften zu schreiben" (ebda.). Im Kommentar Keren Ora heißt es dazu, "dass die Standkraft und die Hartnäckigkeit an sich ein Mangel sind, da sie sich g~ttbehüte von einem starken Wind (=Geist) entwurzeln lassen, weil sie sich wegen ihrer Härte nicht mit dem Wind neigen können". Wir lernen daraus, dass die Biegsamkeit eines Schilfrohres nicht Verwirrung bescheinigt und weder ein Zeichen für einen Mangel an Methode noch einen Zickzackkurs darstellt, sondern Flexibilität. Die Wurzeln des Rohres stecken tief im Boden und verleihen ihm die Eigenschaften der Stabilität und der Standfestigkeit, aber der obere Teil ist beweglich. In einer sich ständig ändernden und entwickelnden Erziehungsrealität, in der das Kind aufwächst und sich von Zeit zu Zeit verändert, muss man zweifelsohne einer konsequenten Erziehungsmethode folgen und darf keinesfalls erzieherische Grundprinzipien über Bord werfen, doch gleichzeitig ist die Fähigkeit gefordert, "sich im Winde zu neigen", mit den sich ändernden Situationen, und nicht ständig mit ihnen zusammenzustoßen. Hartnäckigkeit und Strenge halten der Prüfung in der erzieherischen Wirklichkeit nicht stand, am Ende bricht diese Methode wie die genannte Zeder im Südwind. Darum müssen Eltern, die mit ihrer Kindererziehung Erfolg haben wollen, sich eine sensible Betrachtungsweise angewöhnen, damit ihnen die Änderungen und Entwicklungen ihrer Kinder auffallen. Die Zeder zeigt sich nicht beeindruckt von den leichten Winden, die da draußen wehen, doch zerbricht sie an starken Winden. Dagegen reagiert das Schilfrohr selbst auf ein leichtes Lüftchen, sofort neigt es sich, "vielmehr bewegt es sich mit ihnen", und bricht selbst bei starken Winden nicht! Will sagen: Sensible Eltern warten keine Konfrontation mit dem Nachwuchs ab, um dann darauf zu reagieren, sondern ergreifen die Initiative, reagieren bei jeder kleinen Änderung, und wenn eine Anpassung der erzieherischen Methode erforderlich wird, ist auch dies kein Tabu. Dadurch ersparen sie sich unnötige Auseinandersetzungen. Sie warten nicht bis zur Konfrontation, weil das meistens mit der Bruchlandung ihrer so hochgeschätzten Prinzipien endet.
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
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