DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT SCHEMOT
Nr. 750
23. Tewet 5770

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Ex. 1,1 - 6,1):

Vermehrung und Ausbreitung der Kinder Israels über ganz Ägypten; neuer Pharao "vergisst" Josef und unterdrückt die Israeliten; Tötung der neugeborenen Söhne; Moschehs Geburt; adoptiert von Pharaos Tochter; Moscheh tötet den ägyptischen Schläger; flieht nach Midian und heiratet Jitros Tochter; G~tt schickt ihn zurück um die Kinder Israels zu befreien; Beschneidung seines Sohnes auf dem Wege; Begegnung mit seinem Bruder Aharon; Audienz beim Pharao; Verschärfung der Sklaverei; Protest der Israeliten gegen Moscheh und Aharon.

Haftara: Jeschajahu 27,6-13, 28,1-13, 29,22-23

Am Schabbes-Tisch...
 

Die Wandlung Moschehs
 
 
 

Rav Eran Tamir
Rabbiner an MACHON MEIR

Wie wurde Moscheh von einem "ägyptischen Mann" zu einem "Mann G~ttes"?
Von unserem Wochenabschnitt an bis ans Ende der Tora begegnen wir unserem Lehrer Moscheh. Moscheh - der demütigste aller Menschen, der Überbringer der Tora, der größte der Propheten, der das ganze Volk Israel aufwog. Doch gleich zu Anbeginn tituliert ihn die Tora "ägyptischer Mann", wie es heißt: "Und sie sprachen: Ein ägyptischer Mann hat uns aus der Hand der Hirten gerettet" (Ex. 2,19). Wie kann das angehen? Moscheh ein "ägytischer Mann"?! Heißt es doch am Ende der Tora, als er Israel vor seinem Tode segnete: "Und dies ist der Segen, mit welchem gesegnet hat Moscheh, der Mann G~ttes, die Kinder Israel" (Dt. 33,1). Darüber hinaus bemerkten die talmudischen Weisen im Midrasch: "Sagte Rabbi Berechja: Moscheh ist bevorzugter als Noach. Noach hieß [anfangs] 'ein gerechter Mann', und [am Ende] 'Mann des Erdbodens'. Moscheh aber [anfangs] 'ägyptischer Mann', und [am Ende] 'Mann G~ttes'". Worin besteht der wesentliche Unterschied zwischen dem Abstieg Noachs und dem Aufstieg Moschehs? Erklärt der Kommentar Meschech Chochma (zu Gen. 9,20): "Es gibt zwei Wege des Dienstes an G~tt. Der eine, wer sich dem Dienst an G~tt weiht und ein isoliertes Dasein wählt, und der andere, wer sich um die Bedürfnisse der Allgemeinheit kümmert und sein Eigeninteresse dem Interesse der Allgemeinheit hintan stellt und sich für sie mit ganzer Seele einsetzt. Es hätte also nach dieser Beschreibung so kommen müssen, dass der Einzelgänger immer neue geistige Höhen erreicht, und der andere von seinem Rang herunter kommt; trotzdem finden wir, dass Noach, der sich absonderte und seine Zeitgenossen nicht ermahnte, auch der Vernichtung würdig erachtet wurde... und eben nachdem er ein Gerechter genannt worden war, stieg er von diesem Rang ab und wurde ein Mann des Bodens genannt, und Moscheh wurde ägyptischer Mann genannt und ins Exil gezwungen, was auf einen Makel der Seele hinweist, weil er aber bei der Tötung des Ägypters sein Leben für die Israeliten riskierte, hieß er Mann G~ttes, der das Höchstmaß der menschenmöglichen Vollkommenheit erreichte". Daraus lernen wir ein wichtiges Prinzip, nämlich auch wenn in unserer Vorstellung ein Mensch, der sich spirituell entwickeln und geistige Höhen erklimmen will, sich besser in sich zurück ziehen und von der Beschäftigung mit den Angelegenheiten der Massen fernhalten sollte, damit sie sein Fortkommen nicht störten, so ist genau das Gegenteil wahr. Gerade die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst, mit seiner inneren, geistigen Weltanschauung kann ihn manchmal geistig verarmen und herab ziehen, die Beschäftigung mit den Bedürfnissen der Allgemeinheit und anderen öffentlichen Angelegenheiten hingegen nützt nicht nur dieser Öffentlichkeit, sondern erhebt diesen Menschen Stufe um Stufe. Doch wie ist das möglich, gegen alle Logik?

Dazu gibt es viele Antworten, und wir wollen uns auf zwei davon beschränken.

1. Der Mensch entammt einer höheren Gemeinschaftlichkeit, er ist ein Detail dieser Allgemeinheit, und wenn er sich also mit den Angelegenheiten der Allgemeinheit beschäftigt, befindet er sich nicht nur am Fundament und der Wurzel von Allem, sondern identifiziert auch seinen eigenen besonderen Platz im allgemeinen "Puzzle", was ihm ermöglicht, sich selbst effektiver zu verwirklichen, wie Rabbiner A.J. Kuk schrieb: "Der Mensch muss sich immer aus seinem privaten Rahmen lösen, die sein ganzes Wesen erfüllen, bis dass sich alle seine Gedanken immer nur um sein eigenes Schicksal drehen, denn das senkt den Menschen in die Tiefe der Kleinheit, und endlos die materiellen und geistigen Leiden, die sich daraus ergeben. Vielmehr müssen sich seine Gedanken und sein Willen... dem Ganzen widmen. Das Ganze überhaupt, das Ganze der Welt, des Menschen, der Ganzheit Israels... und darauf wird auch seine Individualität in würdiger Weise aufbauen" (Orot hakodesch III, S.147).

2. Das Ziel der Schöpfung ist die Vervollkommnung des Ganzen und nicht nur des Einzelnen, denn was nützt es, wenn sich der Eine oder Andere wie es sich gehört verwirklicht, während die Allgemeinheit bis hin zu Zerstörung und Anarchie verdorben ist? So erklärte der Chatam Sofer, warum G~tt Awraham erwählte: "..da dieser in seiner Weisheit erkannte, dass G~tt nicht daran interessiert ist, wenn der Mensch nur seine eigene Seele vervollkommnet und seine Zeitgenossen den Gepflogenheiten der Sünder überlässt, die G~tt erzürnen, so wie es in der Generation von Chanoch und zur Zeit der Sintflut geschah. Diese Prüfung lehrte ihn (Awraham), dass es dem Menschen gut anstehe, weniger für die Vervollkommnung seiner eigenen Seele und mehr zugunsten der Ehre G~ttes zu tun - dessen Widersacher zu mindern und dessen Diener und Erkenner zu mehren, denn was bringt es dem Menschen, wenn er einen Engel [d.h. sich selber] zu den Myriaden Engeln der Höhe hinzu fügt, wo G~tt doch solche und andere jederzeit neu schafft? Und wenn sich die Einzelnen, die wenigen Begnadeten jeder Generation so verhielten, so entwickelt sich vielleicht einer von tausend als G~tt Geweihter, während die Mehrheit des Volkes verdirbt und das Land von der Bosheit der Bewohner verödet, und das Ziel der Schöpfung verbleibt in den Höhen". Was soll demnach aus der spirituellen Entwicklung dieses Menschen werden? Ergänzt der Chatam Sofer: "Und wenn der Diener G~ttes sagen sollte, es gelüste seine Seele nach G~tt und er will sich ihm nähern, und wie stelle er das an, wenn er sein Lernen mindere und die Vervollkommnung seiner Seele aufgebe zugunsten der Seele seines Nächsten? Die Antwort geben die talmudischen Weisen - 'viel lernte ich von meinen Lehrern, mehr von meinen Genossen, und von meinen Schülern mehr als von allen' - ist es denn für G~tt zu schwer, deine Seele zu vervollkommnen, wo du seinen Namen zu ehren gewählt hattest, du tust, was er dir befohlen hat, nämlich das Volk Wissen zu lehren, und G~tt wird das Seine tun, tue seinen Willen wie deinen, und er wird deinen Willen zu seinem machen, deine Seele zu vervollkommnen mit dem Wissen der Vollkommenheit, und es wird dir wenig Zeit reichen, viele erhabene Weisheiten zu erlangen, noch über der Fähigkeit deines Verstandes hinaus". Natürlich dürfen wir dabei nicht vergessen, dass man, bevor man Andere lehrt, erstmal selber lernen muss, denn "von nichts kommt nichts"...

Zum Schluss ein Zitat über Rabbiner Chajim aus Woloschin, das dieses Thema erhellt: "[Rabbi Chajim] pflegte mich zu ermahnen, wie er sah, dass ich mich nicht am Leide anderer beteiligte, und so sagte er mir immer, der Mensch wurde nicht für sich selbst geschaffen, sondern um anderen nützlich zu sein, alles, was in seinen Kräften steht zu tun'".


HaRav Engelmann

Die Hebamme

Rav Lior Engelmann 
Rabbiner an der Jeschiwa Ateret Kohanim/Jeruschalajim

Aus der Ferne

Amram, der größte Weise und Vorbild seiner Generation, trennte sich von seiner Frau Jochewed, um keinen Sohn zur Welt zu bringen, der doch dem Tode geweiht wäre. Tochter Miriam führte ihre Eltern wieder zusammen mit der Feststellung, Pharao habe nur das Töten der männlichen Nachkommen verhängt, ihr Vater aber verhindere auch weibliche Nachkommen. Der pragmatischen Entscheidung ihres Vaters, sich nicht der Gefahr der Geburt eines Sohnes auszusetzen, der von vornherein zum Tode verurteilt ist, stellte Miriam eine weitsichtige Alternative gegenüber und konfrontierte ihre Eltern dabei mit der Verantwortung für den Fortbestand des Volkes Israel. Man kann sich gut vorstellen, wie Miriam während der anschließenden Schwangerschaft ihrer Mutter darum betete, dass es eine Tochter werden möge, doch am Ende kam ein Sohn zur Welt. Drei Monate später, als sich der Säugling schon nicht mehr verbergen ließ, wurde er in einem wasserdichten Körbchen dem Fluss überantwortet und es sah so aus, als ob seine Eltern die Hoffnung für ihn aufgegeben hatten. So begleiteten den kleinen Moscheh noch nicht einmal ihre Blicke. Sie mussten mit der Tatsache fertig werden, auf den Rat ihrer Tochter einen Sohn zur Welt gebracht zu haben, den sie mit eigenen Händen ins Unglück stürzten: "Da erhob sich ihre Mutter und klopfte ihr auf den Kopf und sagte ihr: Meine Tochter, was ist aus deiner Prophezeiung geworden?" (Midrasch raba). Wiederum war es Miriam, die entgegen der pessimistisch-realistischen Auffassung ihrer Eltern, nach der ein Kleinkind hilflos im Fluss ausgesetzt wurde, das Körbchen mit großem G~ttvertrauen begleitete: "Und seine Schwester stellte sich von fern, um zu erfahren, was ihm geschähe" (Ex. 2,4). Der Rat an ihre Eltern, neues Leben in die Welt zu bringen, wurde von einer hoffnungslosen Realität widerlegt, doch sie ließ sich nicht beirren.

Der Midrasch sieht in dem Ausdruck "von fern" einen Schlüsselbegriff, der auf einen anderen Vers deutet: "Von fern ist mir der Ewige erschienen" (Jirmijahu 31,3). Miriam hatte die Begabung, eine gegebene Realität "von fern" zu betrachten. Sie ließ sich nicht zu der eingeschränkten Betrachtungsweise verleiten, im gegenwärtigen Augenblick die ganze Wahrheit sehen zu wollen. Stattdessen betrachtete sie das Gesamtbild, was ihr ermöglichte, die Ereignisse als vom Herrn der Welt gelenkt zu sehen. Dieser glaubenstreue Ausblick flößte ihr Geist und Kraft ein, Moscheh voller Glauben zu begleiten, dass es G~tt gut mit ihm meine.

Woher nahm Miriam die Kraft, ihre Eltern zu konfrontieren und diese schwere Verantwortung zu übernehmen? Woher die Selbstsicherheit, so nahe bei Moschehs Körbchen zu stehen, und trotzdem "von fern" voller Optimismus und Glauben Ausschau zu halten?

Puah

In den Versen werden zwei Hebammen genannt, nämlich Schifra und Puah, denen Pharao befahl, die männlichen Neugeborenen zu töten und die seine Worte missachteten, "der Name der einen Schifra, und der Name der zweiten Puah - Rav Schmu'el bar Nachman sagte: eine Frau und ihre Tochter, Jochewed und Miriam" (Midrsch raba).

Miriam war eine Hebamme. Eine Hebamme wird auch "weise Frau" genannt, und damit ist die tiefsinnige Weisheit der Berechnung der Zukunft gemeint ("Wer ist eine Weiser? Der die Zukunft berechnet", wörtl.: "der das Geborene sieht"; Tamid 32a). Die Fähigkeit des Erkennens, dass Krise und Krämpfe der Gebärenden einen Segen mit sich bringen, und die Begabung, während der Geburtswehen die letztendliche Geburt zu sehen, die sich gerade verwirklicht; beides grundlegende Eigenschaften der Hebamme. Miriam arbeitete schon in sehr jungen Jahren in diesem Beruf und erwarb sich den Ausblick einer Hebamme als feste Charaktereigenschaft.

Der Midrasch schreibt Miriam eine besondere Aufgabe zu, die sie während ihrer Hebammentätigkeit erfüllte: "Sie wird deshalb Puah genannt, weil sie zum Kind redete, während Andere es für tot hielten". Normalerweise besteht die Aufgabe der Hebamme darin, beim Herausbringen des Kindes ans Licht der Welt zu helfen. Puah war darauf spezialisiert, in den Fällen, in denen das Kind einen leblosen Eindruck machte, es durch ihre Behandlung und ihre Gebete zum Leben zu erwecken. Sie wusste also nicht nur zu berechnen, was die Zukunft in die Welt bringt, sie konnte auch dort noch Leben erkennen, wo alle Anderen nur Tod sahen.

Es gibt dabei zu bemerken, dass es Miriam selbst so erging wie den Neugeborenen, die sie behandelte. Auch sie wurde einmal für tot gehalten und von Allen aufgegeben, bis sie schließlich von alleine ins Leben zurück kehrte: "Asuwa (Ehefrau des Kalew, 'die Verlassene') - das war Miriam. Und warum wurde sie 'die Verlassene' genannt? Weil Alle sie verlassen hatten... und es starb Asuwa - das lehrt, dass sie krank wurde und man sie für tot hielt, und auch Kalew verließ sie... nachdem sie genas, nahm er sie wiederum zur Frau, setzte sie unter den Hochzeitsbaldachin in seiner großen Freude an ihr... da sie krank war und wieder erwachte von ihrer Krankheit, und G~tt sie in ihr Jugendalter zurück versetzte... nach ihrer Genesung gebar sie ihm Söhne" (Midrasch raba). Und vielleicht "Maß um Maß" (Schabbat 105b) als Lohn für das Vertrauen, das sie in die Lebensfähigkeit der scheintoten Neugeborenen setzte.

Mit dieser Einstellung gelang es Miriam auch auf ihre Mutter auszustrahlen, als deren Wehen einsetzten: "Sie redete zu dem Neugeborenen - Erklärung: Sie flüsterte zur Frau und das Kind kam heraus, so wie jene, die heutzutage der Frau vorlesen" (Rabenu Chananel). Nach dieser Erklärung bestand ihre Aufgabe darin, die Gebärende mit Vertrauen zu erfüllen um die Kraft zur Geburt neuen Lebens zu finden. Nach der Geburt verfuhr sie ebenso mit dem Kind: "Puah, das war Miriam, weil sie den Kindern zurief und mit ihnen sprach und sich mit ihnen unterhielt, wie Frauen tun, die ein weinendes Kind besänftigen" (Raschi zu Ex. 1,15).

Aus diesem starken Glauben, den sie während ihrer Tätigkeit als Hebamme erwarb, fand sie die Kraft, sich vor ihren Vater hin zu stellen und ihn zu bitten, ihre Mutter wieder zu nehmen: "Puah, die vor dem Angesicht ihres Vaters erschien" (Midrasch raba). Diese durchdringende Betrachtungsweise ermöglichte ihr, sich "von fern zu stellen" um zu wissen, welches Schicksal ihrem Bruder Moscheh widerfahren möge.


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