DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT R'EE
Nr. 779
27. Aw 5770

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 11,26-16,17):

Segen und Fluch - abhängig von freier Entscheidung; Vorschriften bezügl. des Opferdienstes, falsche Propheten, koschere Tiere, Erlassjahr, Pessach-, Sukkotopfer.

Haftara: Jeschajahu 54,11 - 55,5

Am Schabbes-Tisch...

Die Grenzen der Entscheidungsfreiheit

Rav Jakov Halevi Filber 
Rabbiner an der "Merkas-Harav" Jeschiwa, Jerusalem

Nur in einer Welt von Freiheit und Wahlmöglichkeit kann man dem Menschen sagen: "Siehe, ich lege euch heute Segen und Fluch vor: Den Segen, wenn ihr den Geboten des Ewigen eures G~ttes gehorchet, die ich euch heute gebiete. Und den Fluch, wenn ihr nicht den Geboten des Ewigen eures G~ttes gehorcht" (Dt. 11,26-28). Dieser Ausspruch lehrt uns nicht nur, dass der Mensch über Entscheidungsfreiheit verfügt und es in seiner Hand liegt, das Gute oder das Böse zu wählen, vielmehr trägt er auch die Verantwortung für seine Taten und wird für sie in der Zukunft Rechenschaft ablegen müssen. So heißt es im Midrasch: "Sagte Rabbi Elasar: Als der Heilige, gelobt sei er, diese Sache ("Siehe, ich lege euch..") am Sinai sagte, zu jener Stunde - dass nicht käme aus dem Munde des Höchsten das Böse wie das Gute? (Klagelieder 3,38), vielmehr kommt das Böse von alleine auf die Übeltäter, und das Gute kommt über die Wohltäter" (Dewarim raba, Re'e 3). Und weiter heißt es dort im Midrasch: "Eine andere Deutung: Sagte Rabbi Chagai, nicht nur, dass ich euch zwei Möglichkeiten gab, sondern ich ging noch über die Rechtslinie hinaus und sagte euch: aber du sollst das Leben erwählen (Dt. 30,19)".

Die Entscheidungsfreiheit bildet die Grundlage für die ganze Tora, wie Maimonides in den Gesetzen von der Umkehr (Tschuwa) schrieb: "Jedem Menschen ist die Willensfreiheit gegeben. Will er sich dem guten Wege zuneigen, um ein Gerechter zu werden, so hat er die Freiheit, will er sich dem schlechten Wege zuwenden, um so ein Bösewicht zu werden, so hat er auch hierzu die Freiheit ... Und er tut alles was er will und keiner hindert ihn daran, entweder das Gute oder das Böse zu tun" (5,1).

Allerdings besteht diese Willensfreiheit nicht in absoluter Form, sie hat auch ihre Grenzen, wie Rabbiner A.J.Kuk schrieb: "Eine Grenze gibt es für die Freiheit des Willens des Menschen, und auch bei jenen unseren Äußerungen, die seitens des wahlfreien Willens des Menschen frei scheinen, gibt es in der Tiefe ihres Wesens Zwangsläufigkeiten, die vor dem Auge verdunkelt und verborgen sind" (Sidur Olat Ra'aja I, S.85). Dass die Entscheidungsfreiheit ihre Grenzen hat, lernten wir schon aus dem Segen des Rabbi Jochanan ben Sakai an seine Schüler, der ihnen wünschte: "Möge es sein Wille sein, dass die Furcht vor dem Himmel in euch so sei wie die Furcht vor [einem Menschen aus] Fleisch und Blut. Seine Schüler sprachen zu ihm: Nur so weit?! Er erwiderte ihnen: Oh, wenn dem doch so wäre! Merket, wenn der Mensch eine Sünde begeht, spricht er: dass mich doch niemand sehe!" (Brachot 28b). Diesen Worten entnehmen wir, dass die Entscheidung des Menschen häufig davon beeinflusst wird, was denn die Leute dazu sagen würden, oder von der Furcht, erwischt und bestraft zu werden, und dann ist seine Entscheidung nicht frei. Doch können wir seinen Worten auch das Gegenteil entnehmen, nämlich dass die Entscheidungsfreiheit des Menschen weit genug ist, sich sogar gegen G~tt richten zu können. Über die Frechheit der Entscheidungsfreiheit schrieb Rabbiner Moscheh Charlap in seinem Buch Mej Merom, dass er seinen Lehrer, Rabbiner A.J.Kuk zum Ausspruch der Weisen befragte: "Er kennt seinen Herrn und beabsichtigt, sich gegen ihn aufzulehnen" (Sifra, Bechukkotai). Wie lässt sich dieser Widerspruch erklären, zu kennen und sich aufzulehnen?! Antwortete ihm Rabbiner Kuk: "So ist diese Sache, auch so eine aufmüpfige Kraft wurde im Menschen geschaffen, zu kennen und zu wissen und sich trotzdem aufzulehnen".

Ein Teil der Beschränkungen bei der Verwirklichung der Entscheidungsfreiheit sind objektiver Natur und nicht vom Menschen abhängig, wie fehlende Möglichkeiten oder Mittel. Doch viele Beschränkungen lassen sich den Schwächen des Menschen zuschreiben, und der kluge Mensch kann sie überwinden, wenn er die Ursachen kennt, die gegen ihn arbeiten, und sie zu seinem Nutzen umkehrt, wie z:B. die Umgebung des Menschen. Sie gehört zu den großen Beeinflussern der menschlichen Entscheidungen, zum Guten wie zum Bösen, wie Maimonides in den "Sittenlehren" (6.Kap.) schrieb: "Es liegt in der Natur des Menschen, sich in seinen Eigenschaften und Taten nach seinen Freunden und Bekannten und nach dem Brauch seiner Landsleute zu richten". Darum bleibt einem Menschen, der sich dieser Lebenswirklichkeit bewusst ist, nur die richtige Umgebung zu wählen, damit seine Entscheidungen eine gute Richtung nehmen, und wie stelle er das an? Dazu schrieb Maimonides weiter: "Daher muss sich der Mensch mit den Gerechten vereinigen und immer bei den Weisen wohnen, um von ihren Verhaltensweisen zu lernen. Von den Schlechten aber, die im Dunkeln wandeln, halte er sich fern, damit er nicht von ihren Taten lerne. Das meint Schlomo: Wer mit den Weisen umgeht, der wird weise, wer aber den Schlechten Geselle ist, wird schlecht werden (Sprüche 13,20)". In der entsprechenden Umgebung muss sich der Mensch doch wohl zwangsläufig aufgrund gesellschaftlicher Übereinkünfte oder Druckes gut verhalten und denkt die korrekten Gedanken, sodass dem äußeren Anschein nach sein Verhalten nicht dem Rahmen seiner Entscheidungsfreiheit entspringt. Doch der Schein trügt, im Gegenteil: Die Situation, in der sich der Mensch befindet, resultiert aus seiner freien Entscheidung, und aus freien Stücken brachte er sich in eine Lage, in der er zwar gesellschaftlichem Druck ausgesetzt ist, doch weil er sich das selbst verursacht hat, wird ihm das Ergebnis als Verdienst angerechnet. Und ähnlich verhält es sich auch im umgekehrten Falle: Pharao brachte sich durch seine freien Entscheidungen in eine Situation, die zu seiner Herzverhärtung führte, wodurch er schon nicht mehr über seine Taten herrschte, und trotzdem wurde er am Ende für diese Taten bestraft - weil er sich willentlich in diese Lage gebracht hatte.

Der Stand der Dinge

Sklaverei und Sklave G~ttes

Rav Joram Elijahu
Rabbiner an MACHON MEIR

RavYoramEliyahu

Viele Gebote, die in den ersten vier Büchern Moscheh erwähnt werden, erscheinen wiederum im fünften Buch, und das ist einer der Gründe, warum dieser Chumasch auch "Mischne Tora" (etwa: Abschrift der Tora) genannt wird. Allerdings handelt es sich nicht wirklich um pure Wiederholungen, vielmehr wird bei jeder Gebotswiederholung etwas Neues und Zusätzliches gelehrt. So z.B. beim Thema des "hebräischen Sklaven", das in unserem Wochenabschnitt aufs Neue behandelt wird. Dazu fragt der Raschikommentar (zu Dt. 15,12): "Es steht aber doch bereits: Wenn du einen hebräischen Knecht kaufst (Ex. 21,2) ... Nur, es ist wegen zweier Dinge wiederholt, die hier neu stehen; erstens steht, oder eine Hebräerin, dass auch sie mit sechs [Dienst-]Jahren frei wird ... und ferner sagt er neu hier, dass du sie [bei ihrer Entlassung] beschenken sollst".

Zum Thema der Sklaverei an sich entnehmen wir den Worten der talmudischen Weisen, dass die Tora diese Realität für schlecht hält. So erklären unsere Weisen, wozu ein Sklave, der nach absolviertem Dienst weiter bei seinem Herrn bleiben will, durchs Ohr ans Haustor gepflockt wird. "Rabbi Jochanan ben Sakkai legte diesen Vers aus: Womit ist das Ohr anders als alle anderen Glieder des Körpers? Der Heilige, gepriesen sei er, sprach: das Ohr hat am Berge Sinai meine Stimme gehört, als ich sagte: denn mir sollen die Kinder Israel Sklaven sein, nicht aber Sklaven von Sklaven; daher soll [das Ohr dessen] durchbohrt werden, der hinging und einen Herrn über sich kaufte" (Kiduschin 22b). Wenn du nämlich G~tt sprechen gehört hast, ihm ein Diener zu sein, und du begibst dich in die Dienstschaft eines anderen Herrn, verdienst du dein Ohr durchbohrt zu bekommen.

Noch schärfer formuliert erscheint diese Stelle im Talmud jeruschalmi, auch im Namen von Rabbi Jochanan ben Sakkai: "Das Ohr, das am Sinai hörte: du sollst keine anderen Götter neben mir haben - und dann ging jener und nahm das Joch von Fleisch und Blut auf sich - werde durchbohrt" (Kiduschin 1.Kap., Hal.2). Daraus geht hervor, dass die Dienstbarkeit etwas vom Abwerfen des himmlischen Jochs an sich hat, und jemand, der diese Dienstbarkeit lieb gewonnen hat, wird mit dem Durchbohren des Ohres bestraft.

Dann finden wir wiederum Ausdrücke, die den Rang der Sklaverei gerade als einen wichtigen Rang beim Dienst an G~tt bezeichnen - so steht es im Buche "Fundament und Wurzel des Dienstes", im Namen des Sohars, dass nämlich die Kinder Israel mit zwei Namen in Bezug auf G~tt genannt werden, einmal "Sklave", wie geschrieben steht: "mir sollen die Kinder Israel Sklaven sein", und sie heißen "Kinder", "Kinder seid ihr des Ewigen eures G~ttes" (Dt. 14,1). Er erklärt dort den Unterschied zwischen Sklave/Diener und Kind/Sohn und kommt zu dem Schluss, dass der Mensch G~tt in zweierlei Hinsicht dienen soll, nämlich wie ein Sklave seinem Herrn und wie ein Kind seinen Eltern.

Ebenso schrieb Rabbiner Moscheh Charlap in seiner Einleitung zur Pessachhagada: "Beim Fest der Matzot kommt alles in Freiheit, sowohl die Allgemeinheit als auch der Einzelne ... und jeder, der diesen Tagen zuzuhören versteht, wird von allen möglichen Arten des Druckes und der Versklavung errettet und wird genommen und G~tt unterworfen, und das ist das größte Glück und die intensivste Freiheit, und es wird ihm vergönnt sein, die Stufe des 'Diener G~ttes' zu erreichen". Es gibt also eine gute "Sklaverei", die sogar als eine besonders hohe spirituelle Stufe angesehen wird - nämlich ein Sklave G~ttes zu sein.

Worin besteht nun der Unterschied zwischen gewöhnlicher Sklaverei und Dienst an G~tt?

Unser Lehrmeister Rabbiner Zwi Jehuda Kuk erklärte, die schlechte Sklaverei sei "die Versklavung unter eine Kraft, die sich außerhalb seiner [Person] befindet", und das kommt dadurch zum Ausdruck, dass er nicht seiner selbst treu ist, sondern glaubt, das Gute befände sich nur bei dem Anderen, der in irgendeiner Weise über ihn herrscht. Darum sagte Rabbiner Kuk, "Versklavung ist ein Makel, ein Makel an der Menschlichkeit des Menschen, ein Makel am Wesen des Menschen. Der Mensch ist vollkommen, gesund und normal nur, wenn er auch selbstständig ist".

Als weiteres Beispiel für Versklavung erwähnte Rabbiner Kuk die Unterwerfung unter den bösen Trieb; auch er bedeute "Krankhaftigkeit, Schwäche, Mangel an Gesundheit, Mangel an Mut, Mangel an Selbstbehauptung, Mangel an Selbstständigkeit in allen Lebenslagen. Die Bestrebung, das Ideal ist die Selbstständigkeit. Die Versklavung unter den bösen Trieb oder einen anderen Menschen ist im Grunde ein und dieselbe Sache. Fremde, von außen wirkende Kräfte beherrschen den Menschen" (Gespräche, Schemot, S.249).

Demgegenüber erklärte Rabbiner Kuk, "wenn der Mensch von seiner Innerlichkeit vorangetrieben wird, bedeutet das keine Sklaverei, denn er wird von seiner Seele getrieben, und die Seele, die G~tt gab, ist rein. Das ist die höchste Freiheit. Freiheit bedeutet Tora, denn es gibt keinen freieren Menschen als den, der sich mit der Tora beschäftigt, 'denn mir sollen die Kinder Israel Sklaven sein, nicht aber Sklaven von Sklaven'" (ebda., Bereschit, S.205). Die Tora ist nämlich dazu bestimmt, unser Kräftepotenzial in die Wirklichkeit umzusetzen, um das Ideal zu leben, dem unsere ganze Existenz gilt, und wenn wir also G~ttes Wort erfüllen, seine Gebote, bedeutet das keine äußerliche Sklaverei, sondern eine "innerliche Dienstbarkeit gegenüber dem Herrn der Welt, und diese ist keine Sklaverei, sondern Freiheit, Gesundheit, Normalität ... sie ist der Gipfel der Freiheit, der Gipfel der Normalität, der Gipfel des Idealismus" (ebda.).


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