DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 21,10-25,19): Die Kriegsbraut, geliebte u. gehasste Frau, ungehorsamer Sohn, Fundsachen, Dachgeländer, div. Eherecht, Verhältnis zu Nachbarvölkern, Entlohnung, Zinsen, Pfand, Schwagerehe, Ehefrau greift in Streit ein, korrekte Gewichte, gedenke Amalek. Haftara: Jeschajahu 54, 1 - 10
Der Wochenabschnitt "Ki-Teze" enthält von allen die meisten Gebote (etwa 70). Warum ist das so? Welches ist der gemeinsame Nenner der meisten dieser Gebote, und was hat das zu bedeuten? Der Abschnitt "Ki-Teze" (Wenn du ausziehst) handelt, wie der Name schon andeutet, vom Ausziehen aus der normalen Ordnung des Lebens, vom Abweichen vom normalen alltäglichen Leben des Einzelnen und der Gesellschaft, wie z.B. das Gebot von der "schönen Frau" (weibliche Kriegsgefangene), die verhasste Frau, der unbändige und widerspenstige Sohn, der Todesschuldige und Gehängte, Verlorenes und Gefundenes, das Unglück des Nächsten (wenn sein Ochse oder Esel auf dem Wege stürzt), Verlust der besonderen Identität von Mann und Frau (durch Vertauschen der Kleidung), Scheidung, Vergewaltigung, Verführung, Prostitution, Diebstahl, Anleihe, Schwagerehe, Krieg u.a. Sicher sind wir an einem geregelten Leben in normalen Bahnen im Rahmen der formellen Ordnung interessiert - an Frieden, an gelungener Ehe und Kindererziehung, an sicherem Lebensunterhalt usw., und wir müssen alle nötigen Anstrengungen unternehmen, unser Leben in korrekter und würdiger Weise zu führen. Allerdings ist unser Leben voll ungewöhnlicher Situationen und Ausnahmefälle, manche davon unvorhergesehen, begleitet von großem Schmerz und Leiden. Man könnte sagen, die Tora will uns lehren, dass unsere Welt ihrem Wesen und ihren Eigenschaften nach eine Welt voller Unordnung in allen Lebensbereichen ist und wir 1. dies anerkennen müssen und uns nicht einbilden dürfen, dass sich alles hier und jetzt nach unserem Willen und entsprechend der absoluten Wahrheit entwickelt, 2. mit Verstand prüfen, worin die Abweichung von der Ordnung besteht, und nicht wegen des außergewöhnlichen Zustands gefühlsmäßig zusammenbrechen, 3. praktisch ausführbare und richtige Wege des Handelns finden müssen, um die Welt und das Leben in die ihnen wirklich würdigen Bahnen zu lenken, 4. wissen müssen, dass gerade durch solche Situationen der Mensch geprüft wird und durch sie höhere spirituelle Sphären und geistige Entwicklung erreichen kann. Darum erscheint gerade im Wochenabschnitt Ki-Teze, der sich mit der Abweichung vom Normalzustand befasst, eine solche Vielzahl von Geboten, mehr als in jedem anderen Abschnitt der Tora. Daran lässt sich die ganze Bestrebung der Tora und der Gebote erkennen, uns an der Ordnung der Welt auf dem Wege der außer-ordentlichen Vorfälle des individuellen Lebens, des Familienlebens und des öffentlichen Lebens zu beteiligen, um es so zu seiner Vervollkommnung und seiner Erlösung zu bringen, nämlich durch unsere Anstrengungen und Bemühungen, und mit G~ttes Hilfe werden wir dabei Erfolg haben.
Wir leben in einer sehr aufgeklärten Generation. Alles strömt durch den Kanal des Verstandes. Wir können kaum etwas anfangen, wenn wir uns nicht der Logik unserer Taten, Schritte und Verhaltensweisen bewusst sind. Wir brauchen Methode, Prinzipien und logischen Aufbau. Darin besteht unser Vorzug, dort liegt aber auch unsere Schwäche. Je mehr Raum das Wissen in unserem Leben einnimmt, desto weniger bleibt für die Intuition. Es gibt schon keine innere Rechtfertigung mehr dafür, nach unserem Gefühl zu handeln, außer, wenn die Sache auch der Kritik des Verstandes standhält, wenn die Intuition mit der verstandesmäßigen Überzeugung einhergeht. Darum gibt es zu allen Lebenslagen eine professionelle Literatur, werden Werkgruppen organisiert, Vorträge gehalten und Seminare veranstaltet, z.B. zur Vorbereitung auf die Ehe, zu Partnerschaft und Kommunikation mit der Umgebung, Vorbereitung auf die Geburt und das Nähren, Umgang mit Säuglingen, Kindererziehung und zu guter Letzt: "Coaching".
Eigentlich
alles schön und gut: Von der Ebene des Instinktes gelangten wir auf
die Ebene der menschlichen Vernunft - das Ruhmesblatt der Menschheit.
Gleichzeitig erfüllten sich aber auch die Worte aus Kohelet
(Prediger):
"Denn bei viel Weisheit ist viel Gram" (1,18). Dazu
erklärte der Midrasch: "Immer, wenn der Mensch Weisheit mehrt,
mehrt er den Gram, und immer, wenn er Kenntnis mehrt, mehrt er
Leiden. Sagte [König] Schlomo: Dadurch, dass ich Weisheit mehrte,
mehrte ich Gram. Und dadurch, dass ich Kenntnis mehrte, mehrte ich
Leiden" (Kohelet raba). Wer sein Leben vom Wissen leiten lässt, begnügt sich nicht mit Teilwahrheiten, sondern will bis zur reinen Wahrheit vordringen, um keine Fehler zu machen. Doch wo findet sich die Wahrheit? So treibt es den Menschen sein ganzes Leben lang hierhin und dorthin auf der Suche nach der großen Wahrheit, und am Ende erntet er Enttäuschungen und Frustrationen (=Gram) und schließlich Leiden. Das ist das Schicksal des modernen Menschen, der sein Leben vom Wissen leiten lässt. Er ist verwirrt und irrt zwischen den verschiedenen Methoden, ohne einen Ruhepunkt zu finden. Zu jedem Thema und auf jedem Gebiet sagt einer so und einer anders. Es gibt keine Wahrheit, auf die sich alle einigen können, und mit schwindelerregender Eile werden alle "heiligen Kühe" geschlachtet. Was vor einer halben Generation noch als felsenfester Wert galt, ist heute heftig umstritten. Es gibt keinen festen Boden von Prinzipien mehr unter den Füßen. Diese Entwicklung ging am Erziehungswesen nicht spurlos vorbei. Unzählige Methoden und Strömungen, unzählige Theorien, unzählige Feststellungen, unzählige Schlagzeilen und Schlagworte. Für Viele wurde das zu einem Salat von widersprüchlichen erzieherischen Annahmen, und es herrscht Verwirrung. Da kommt ein "Fachmann" daher und beweist mit Zeichen und Wundern, dass die Krisen der Erziehung von einem Mangel an "Umarmung" herrühren: Die Eltern umgeben ihre Kinder nicht mit offenem Herzen während des Heranwachsens. Es ist mehr Umarmung nötig, mehr Akzeptanz und Offenheit gegenüber dem Benehmen des Heranwachsenden. Kommt ein anderer "Fachmann" und glaubt die Wurzel des Problems beim Verlust der elterlichen Autorität zu orten, man müsse Ordnung schaffen und pädagogische Entschlossenheit an den Tag legen. Kommt ein dritter und behauptet, die Eltern vernachlässigen ihre Kinder, kommt der vierte und behauptet, sie schnüren sie ein und müssen locker lassen. Umarmung, Autorität, Akzeptierung, Disziplin, Liebe, Grenzen, Erdrücken, Vernachlässigung, Zeit zum Kümmern - das ist nur ein kleiner Teil der Liste der verbreitetsten Schlüsselworte der gegenwärtigen Debatte um die Erziehung. Jedes einzelne führt die Eltern an ein anderes Ufer der Erziehung. Jedes Wort bedeutet einen besonderen pädagogischen Code, und wenn es von dem entsprechenden "Fachmann" erläutert und kommentiert wird, gewinnt es an überwältigender Macht und beherrscht den gesamten erzieherischen Horizont. Von Vortrag zu Vortrag wächst die Verwirrung und erschüttert das Selbstvertrauen der Eltern. Darum, mit allem Respekt für die diversen Erziehungstheorien, müssen wir auch unsere erzieherische Intuition wieder zu Wort kommen lassen und unser Selbstvertrauen zurückgewinnen, unsere persönliche Fähigkeit, unsere Söhne und Töchter erziehen zu können. Pädagogische Theorien und Axiome sind nicht schlecht, unter der Bedingung, dass wir sie im richtigen Maße nutzen, und unter der weiteren Bedingung, dass sie nicht das natürliche Gefühl der Erziehung abwürgen, mit dem alle Eltern ausgestattet sind. Nur wenn sich besorgniserregende Anzeichen erzieherischen Versagens zeigen, kann es nötig werden, gelehrigen Rat einzuholen und sich darauf zu stützen. Die Eltern müssen an ihre Fähigkeit glauben, ihre Kinder erziehen zu können und auf ihr natürliches Gespür vertrauen, das ihnen eingepflanzt wurde. Ohne dieses Gespür hätte G~tt nicht ein so wertvolles Pfand in unsere Obhut gegeben und uns geboten, es zu erziehen. Folgender Ausspruch Rabbiner Kuks hat einige Berühmtheit erreicht: "Der aufrichtige Mensch muss an sein Leben glauben, d.h. er glaube an seine eigene Lebendigkeit und an seine Gefühle, die auf gerader Linie direkt vom Fundament seiner Seele herkommen, dass sie gut sind und geradlinig und auf einem geraden Wege führen" (Orot Hatora 11,2). Dieses Prinzip gilt auch bei der Erziehung. Die meisten Eltern sind zur Erziehung ihrer Kinder geeignet. Allerdings können Eltern Fehler machen, obwohl sie sich große Mühe bei der Kindererziehung geben (nicht wie jene, die ihre Kinder vernachlässigen), weil sie die Vielfalt der Theorien verwirrt und sie fürchten, irgendetwas falsch zu machen und zu versagen. Das ist eine überflüssige Furcht: Auch wenn man etwas falsch macht, kann man es hinterher korrigieren. Es gibt nur wenige Fehler bei der Erziehung, die nicht rückgängig gemacht werden können. Kinder sind in seelischer Hinsicht flexible Wesen und in der Lage, Erziehungsfehler ihrer Eltern zu verdauen, ohne dass ihre seelische Welt zusammenbricht.
(Rabbiner Aviner beantwortet jede Woche hunderte Fragen via SMS, die z.T. in wöchentlichen Parschablättern veröffentlicht werden).
Frage:
Darf
man mit einem jungen Mann zwecks Eheanbahnung ausgehen, dessen Vater
im Gefängnis sitzt?
Frage:
Zu
welcher Stunde sage ein Astronaut auf dem Mond das Morgen-, Mincha-
und Abendgebet?
Frage:
Muss eine Braut am Tage der Hochzeit fasten?
Weitere Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
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