DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT KI-TAWO
Nr. 782
18. Elul 5770

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 26,1-29,8):

Erstlingsfrüchte, Land von Milch und Honig, Torasteine am Jordan, Fluch und Segen von den Bergen Ewal und Gerisim, ausführliche Warnung zur Einhaltung der Gebote, Lohn und Strafe, Erinnerung an Wunder und Bund mit G~tt.

Haftara: Jeschajahu 60, 1 - 22


Am Schabbes-Tisch...
 

Das Verhältnis zum Zaddik
 
 
 

Rav Eran Tamir
Rabbiner an MACHON MEIR

Unser Lehrer Moscheh sagt am Ende unseres Wochenabschnitts dem Volk Israel, vor seinem Tode, am Vorabend des Einzugs in das Land Israel: "Aber der Ewige hat euch bis auf den heutigen Tag noch keinen Verstand zum Erkennen, keine Augen zum Sehen und keine Ohren zum Hören gegeben" (Dt. 29,3). Dieser Ausspruch muss näher erklärt werden.

Was hinderte das Volk Israel an der wahren Erkenntnis G~ttes als Lenker aller Existenz "bis auf den heutigen Tag"? Und was wird sich zukünftig ändern, vom "heutigen Tag" an, sodass das Volk nunmehr zu diesem Erkennen gelangen kann?

Zu dieser Frage gibt es einige besonders aktuelle Antworten (siehe Raschi zwei Erklärungen, Malbim, Meschech Chochma u.a.). Wollen wir uns die erste Erklärung des Meschech Chochma näher betrachten, die für unsere Zeit besonders relevant ist.

1. "Die Kinder Israel irrten an verschiedenen Stellen, indem sie glaubten, Moscheh handele von sich aus ... und war nicht nur Sprachrohr G~ttes ... da sahen sie, dass Moscheh von sich aus nicht der Anführer war und keinen Einfluss nahm am Tage, als er nämlich starb ..." (zu Dt. 29,3).

2. An anderer Stelle: "Einer der Gründe, aus dem G~tt verordnete, Moscheh müsse in der Wüste sterben ... weil dieser Moscheh der Mann war, der Wasser aus dem Felsen hervorbrachte, sich die ganze Zeit der Wüstenwanderung von seiner Frau fernhielt, kein Brot aß und kein Wasser trank, sie mit Brot vom Himmel versorgte, die Könige der Emoriter tötete, das Schilfmeer teilte ... befürchtete die höchste Weisheit, wenn sie erst einmal im Lande Israel seien, würden sie ihn als G~tt verehren ... und ihm dienen und sich vor ihm niederwerfen" (zu Dt. 4,15).

Kommentar: Unsere Verbindung zum Herrn der Welt ist schwierig und kompliziert. Er ist fern, der Höchste und nicht begreifbar, unser Verstand zu kurz ihn zu 'verstehen', unsere Gefühle zu beschränkt ihn zu 'erfühlen'. Unsere Sinne können ihn nicht spüren. Häufig reden wir über ihn als etwas Künstliches, Unbekanntes, und zu Recht. Als eine der Lösungen dieses objektiven Zustands sandte G~tt dem Volke Israel und der ganzen Welt Vermittler und Mittel, in Gestalt von gerechten Menschen und Toragelehrten, an die wir uns halten und von denen wir die Tora erhalten sowie gute Eigenschaften und Himmelsfurcht lernen, wie die talmudischen Weisen lehrten: "Den Herrn [et haschem] deinen G~tt sollst du fürchten, [et -] das schließt die Schriftgelehrten ein" (Pessachim 22b, nach Dt. 10,20).

Doch genau wegen dieses zentralen und wahrhaftigen Bedürfnisses ist besondere Vorsicht geboten, nicht zu sehr dem Gerechten (Zaddik) anzuhangen und ihn g~ttbehüte entweder offen oder insgeheim an die Stelle G~ttes zu setzen, oder fast wie G~tt als eine Quelle der Kraft anzusehen bis hin zum Vergessen G~ttes in bewusster oder unbewusster Weise. Die 'Abhängigkeit' vom Zaddik in ihren verschiedenen Erscheinungsformen ist häufig anzutreffen und gerade darum besonders gefährlich. Wir müssen aufpassen und eine solche Entwicklung gleich zu Beginn erkennen, und dann die nötigen Abwehrmaßnahmen ergreifen.

Genau das nämlich geschah dem Volke Israel im Verhältnis zu unserem Lehrer Moscheh. Er war mit ihnen in Ägypten und begleitete sie während der Wüstenwanderung bis hin zum Eintritt in das Land Israel. Seine übernatürliche Führung, sein wundersames Leben und alles, was er im Widerspruch zur Ordnung der Natur vollbrachte, trieb das Volk zu blinder Anhimmelung, bis dass sie ihn in den Rang einer Gottheit erhoben und den Herrn der Welt vergaßen, der in Wirklichkeit die Quelle aller Kraft darstellt - auch die von Moscheh selber.

Aus diesem Grunde hatte "der Ewige euch noch keinen Verstand gegeben" während der ganzen vierzig Jahre in der Wüste seit dem Auszug aus Ägypten, "keinen Verstand zum Erkennen, keine Augen zum Sehen und keine Ohren zum Hören", denn die Notwendigkeit der Anwesenheit Moschehs bei ihnen als Verbindungsmann zu G~tt war so groß, dass er den extrem hohen Preis des G~ttvergessens bis zum Todestage Moschehs in Kauf nahm, der nach der talmudischen Überlieferung genau jener Tag war.

Doch nun, kurze Zeit vor dem Eintritt ins Land Israel und nachdem das Volk die nötige Reife erreicht hatte, war es unbedingt notwendig, die Fortsetzung dieses großen Fehlers zu verhindern, und darum 'beseitigte' G~tt Moscheh, um dem Volk Israel endlich die direkte Begegnung mit G~tt, ohne unseren Lehrer Moscheh, zu ermöglichen, und zwar auf dem Wege der täglichen Lebenswirklichkeit und die göttlichen und historischen Ereignisse, die das Volk erlebte und durchlebte.

Obwohl wir schon am "heutigen Tag" angekommen sind, scheint es doch, dass sich immer noch Auswüchse dieses Irrtums in der einen oder anderen Form bei uns halten, und darum wollen wir uns bemühen, diesen Fehler zu beheben, verfügen wir doch über "Verstand zum Erkennen, Augen zum Sehen und Ohren zum Hören", denn "ein lebendiger G~tt [ist] in eurer Mitte" (Jehoschua 3,10).



Kinder, Kinder...
 

Erziehung oder Zwang?
 
 

Rav Elischa Aviner
Rabbiner von Mizpe Nevo und Leiter des Kollels der Jeschiwa Ma'ale Adumim

Ein verzweifelter Vater erzählte mir neulich, dass sein Sohn sich nicht im Sinne der Erziehung verhält, die er in seinem Elternhaus genossen hat. Trotz aller Bitten des Vaters bessert der Sohn sein Benehmen nicht. Sein Vater fleht/fordert besseres Benehmen mit dem Argument der Ehrung der Eltern, der Sohn aber weigert sich. So erwähnt der Vater bei jedem Gespräch zwischen den beiden die Pflicht des Gebotes der Elternehrung. Aber, wie der Vater unter Tränen erzählt, obwohl er vom Sohn die Erfüllung des Gebotes der Elternehrung und die Rückkehr auf den rechten Weg verlangt, besteht der Sohn darauf, so zu leben, wie es ihm in den Sinn kommt, während seine Religionstreue immer weiter abnimmt.

Diese Geschichte zeigt ein pädagogisches Dilemma: Ist es pädagogisch angezeigt, das Gebot "ehre Vater und Mutter" als Argument bzw. Druckmittel bei Debatten mit den Kindern zu verwenden? Nützt es überhaupt?

Die erste Frage zu diesem Thema lautet: Ist das Gebot der Elternehrung ein "Recht" der Eltern, die berechtigt sind, dessen Erfüllung von ihren Kindern "einzufordern"? So wie der Gläubiger die Schuld vom Schuldner einfordern kann, können die Eltern von ihren Kindern fordern, sie zu ehren? Oder handelt es sich bei dem Gebot der Elternehrung vielleicht um ein Gebot wie alle anderen, die das Kind erfüllen soll, wobei den Eltern keine besonderen Rechte zustehen?

Da kommt es als große Überraschung, wenn der Minchat Chinuch (Kommentar zum Sefer HaChinuch, einer Aufstellung aller 613 Ge- und Verbote) ganz offen überlegt, ob die Elternehrung ein Gebot "zwischen dem Menschen und seinem Nächsten" oder "zwischen Mensch und G~tt" darstellt! Wenn es ein Gebot "zwischen Mensch und G~tt" ist, dann sühnen reumütige Umkehr und Jom Kippur jenem, der es übertreten hat. Wenn es aber ein Gebot "zwischen dem Menschen und seinem Nächsten" ist, reicht nicht die reumütige Umkehr des Sohnes, vielmehr muss er zusätzlich seine Eltern besänftigen (solange um Verzeihung bitten, bis sie sie ihm gewähren). Worin besteht der Zweifel? Erklärt der Minchat Chinuch: Die Anforderungen beim Gebot der Elternehrung sind größer als die üblichen Anforderungen im Verhältnis des Menschen zu seinem Nächsten. "Die Bestimmung der Schrift geht über die übliche Respektierung der Mitmenschen hinaus. Bei einem anderen Menschen besteht nur das Verbot, ihn zu belästigen, und hier [bei den Eltern] gibt es das Gebot, sie zu ehren". Darum könnte man behaupten, wer seine Eltern nicht ehrt, übertritt nur "ein Gebot zwischen Mensch und G~tt und nicht zwischen Mensch und Mitmensch, weil zwischen dem Menschen und seinem Nächsten nur der Maßstab der normalen Beziehungen gilt, und die besondere Anforderung gilt nur gegenüber seinem Vater und seiner Mutter. Und das ist nur ein Gebot zwischen Mensch und G~tt. Oder aber, weil G~tt dieses Gebot in der Beziehung von Menschen zueinander erließ, gilt es eben als Gebot zwischen dem Menschen und seinem Nächsten, und reumütige Umkehr allein reicht nicht, wenn er nicht auch seinen Vater und seine Mutter besänftigt hat".

Hier haben wir es also mit einer Überlegung zum Wesen des Gebotes der Elternehrung zu tun. Ist es ein Gebot "zwischen Mensch und G~tt", so wie die Einhaltung des Schabbat und das Verbot, Schweinefleisch zu essen, oder "zwischen dem Menschen und seinem Nächsten", so wie die üble Nachrede und Raub. Die halachischen Autoritäten bringen Argumente für beide Aspekte. Viele zitieren den Talmud jeruschalmi, der das Gebot der Elternehrung als eine Art "Schuldbegleichung" definiert, d.h., das Kind zahlt den Eltern seine Schuld zurück. Andere brachten gegenteilige Beweise. Allerdings gibt es in dieser Diskussion niemanden, der die Elternehrung als Grund für eine Forderung des Vaters gegenüber dem Sohn beschreibt. Das ähnelt nicht einer Schuld, die der Vater berechtigt ist, von seinem Sohn einzufordern.

Es gibt noch ein weiteres, für das Gebot der Elternehrung typisches Prinzip: Im Gegensatz zu allen anderen Geboten, wenn jemand sich weigert, sie auszuführen - kann das Bet Din (Rabbinergericht) ihn dazu zwingen, doch nicht zur Elternehrung. So heißt es im Talmud: "Man führte einen Mann vor, der Vater und Mutter nicht ehrte, und band ihn fest. Da sprach er, lasst ihn, es wird gelehrt, ein Gebot, wofür die Belohnung sich daneben befindet, sei der Gerichtsbarkeit hienieden nicht unterworfen" (Chulin 110b). Der Raschikommentar erklärt dazu: "Darum nannte die Tora hier den Lohn (damit du lange lebest, Ex. 20,11), um zu sagen: Wenn du es nicht erfüllst - das ist die Strafe dafür, dass du nämlich diesen Lohn nicht erhältst". Die Tora hat bei diesem Gebot den Lohn nur deswegen erwähnt, um zu sagen, dass die einzige Strafe für dessen Nichterfüllung in der Vorenthaltung des versprochenen Lohnes besteht. Die Tora wendet sich an den Sohn mit Worten der Ermunterung und nicht der Drohung. Will sagen: Dieses Gebot ist ein einziger Genuss. Wer es nicht erfüllt, verzichtet auf den Genuss, und das ist seine "Strafe". Und so entschied Rabbiner Moscheh Isserles im Schulchan Aruch (J.D. 240,1). Viele halachische Autoritäten diskutierten dieses Gesetz.

Auf jeden Fall lernen wir daraus, dass man das Gebot der Elternehrung auf positive Weise vermittelt und nicht durch Zwang oder Drohungen, wobei der Lohn in dieser und in der kommenden Welt hervorgehoben wird.

Darum muss der Gebrauch des Gebotes der Elternehrung als Argument in Diskussionen mit den Kindern mit großer Vorsicht gehandhabt werden. Meistens erhöht das nur die Spannung zwischen dem zornigen Sohn und seinen Eltern oder zwischen den frustrierten Eltern und dem Sohn. Man sollte lieber andere Argumente suchen. Wenn Eltern ihrem Nachwuchs schon das Gebot der Elternehrung unter die Nase reiben, bedeutet das meistens, dass ihre Erziehung zu diesem Gebot bereits gescheitert ist, und man darf getrost annehmen, dass weiterer Druck in diese Richtung zwecklos ist. Wie gesagt hilft das meistens nicht den Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, sondern schädigt sie. Der Sohn, der sich ständig von seinen Eltern anhören muss, wie wenig er sie respektiert, verinnerlicht diese Worte, er "stimmt zu", und irgendwas geht in diesen Beziehungen zu Bruch. Am Ende verlieren die Eltern allen Einfluss auf den Sohn. Nachdem manchen Eltern die üblichen Argumente ausgegangen sind, zücken sie die "Waffe des Jüngsten Gerichts": psychologischer Druck mithilfe des Gebotes der Elternehrung. Jenen Eltern sei geraten, diese "Waffe" beiseitezulassen und sich anderer Mittel der Erziehung und der Überzeugung zu bedienen, die den Sohn nicht bedrohen und die Beziehung zu ihm nicht vergiften.

 


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