DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 7,12-11,25): Die Segnungen des Gehorsams, Heranziehung der Geschichte als Motivation zur Erfüllung der fundamentalen Pflicht, G~tt zu lieben und seine Gesetze zu halten, persönliches Erleben der Wunder zu Gunsten Israels sollen zu Liebe und Gehorsam führen, Belohnung und Strafe im Judentum (Mittelteil des Schma-Gebetes). Haftara: Jeschajahu 49,14 - 51,3
In unserem Wochenabschnitt wurde uns geboten: "Ihr sollt den Fremdling (Ger) lieben, denn Fremdlinge wart ihr im Lande Ägypten" (Dt. 10,19). Der Neziw (Rabbiner Naftali Z.J. Berlin, Leiter der Woloschiner Jeschiwa) erklärte, die Tora wolle uns damit sagen, obwohl wir Fremdlinge in Ägypten waren, sind wir heute ein wichtiges und angesehenes Volk, ebenso "jener unbedeutende Fremdling, denn wer weiß, welche Kraft in ihm und seiner künftigen Nachkommenschaft verborgen ist" (Ha'emek dawar). Wie also das Volk Israel in Ägypten äußerst niedrig angesehen war und sich aus diesem Zustand zu großer Bedeutung erhob, zu einem Volk wurde, das der ganzen Welt Segen bringt - so verhält es sich auch mit dem Ger, in dem und in dessen Nachkommen große Kräfte verborgen sind, und dafür muss man ihn lieben und sich seiner annehmen. Im Talmudtraktat Schabbat (S.146a) wird ein Zustand von Verseuchung und Unreinheit bei den Völkern beschrieben: "Bei den Israeliten, die am Berge Sinai gestanden haben, verlor sich die Unreinheit, bei den Nichtjuden aber, die am Berge Sinai nicht gestanden haben, verlor sich die Unreinheit nicht ... Wie ist es mit den Proselyten? ... Wenn sie auch selbst nicht anwesend waren, so war ihr Genius anwesend, denn es heißt: sowohl mit denen, die jetzt mit uns vor dem Herrn, unserem G~tt, hier stehen, als auch mit denen, die hier nicht gegenwärtig usw.". Das erklärte unser Lehrmeister Rabbiner Zwi Jehuda Kuk wie folgt: "Körperlich waren sie zwar nicht anwesend, aber ihr Masal war dort. Masal bedeutet in unserer heiligen wissenschaftlichen Sprache den Wert des Menschen, der über seinem offensichtlichen Aspekt steht, die Instinktivität des 'Ebenbild G~ttes', der innere, höchste Drang vom Fundament der lebendigen Seele im Menschen her. Über dem, was sich vom Menschen offenbart, besteht eine höchste innere Kraft. Die Wurzel der Seele der Konvertiten (Ger zedek) gehört in ihrer fundamentalen Eigenschaft zum Stand am Berge Sinai, und diese große Seeleneigenschaft offenbart sich nach Jahren und Generationen", sodass "die wahren Konvertiten, im tieferen seelischen Sinne, eine Fortsetzung der Offenbarung der Seelen Israels im Verlaufe der Generationen darstellen" (Gespräche, Schemot S.40). Rabbiner Kuk pflegte die Worte Maimonides' über das Lieben des Konvertiten zu erwähnen: "Betreffs der Liebe zum Proselyten, der unter 'den Schwingen der Schechina' weilen will, gibt es zwei Toragebote. Einerseits gehört der Proselyt zu den Mitjuden, und dann auch gilt in Bezug auf ihn als Proselyt, was die Tora sagt: Ihr sollt den Fremdling lieben" (Sittenlehren 6,4). D.h. ein Konvertit ist ein Jude, und einem jeden Juden gegenüber besteht die Pflicht des "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Zusätzlich gibt es das Gebot ihn zu lieben, weil er ein Konvertit ist. Und Maimonides betont gleich danach, dass die Tora die besondere Liebe durch das Wort et zum Ausdruck bringt: "Die Liebe zum Proselyten hat G~tt anbefohlen wie die Liebe zu ihm selbst, denn so heißt es ja auch: Du sollst den Ewigen, deinen G~tt lieben". "Dies sind klare und einfache Worte. Man kann die heilige Sprache ruhig genau unter die Lupe nehmen. Über das Verhältnis zwischen dem Juden und seinen Mitjuden heißt es nur Liebe deinen Nächsten (lereacha) wie dich selbst, über die Liebe zu G~tt heißt es: Du sollst den Ewigen (et haschem), deinen G~tt lieben. Es gibt einen Unterschied zwischen el bzw. le- und et, das das selbstständige Wesen beschreibt und zum Ausdruck bringt, und Maimonides betont, dass es beim Konvertiten auch et heißt: Ihr sollt den Fremdling (et haGer) lieben" (Gespräche, ebda. S.256). Wir lernen daraus also über den Konvertiten: er kommt von weit und fühlt sich geringer, kennt niemanden, ohne Verwandte und Familie überhaupt - da gebietet uns die Tora auf besondere Weise jenen zu lieben, der von fern zu uns kommt und sich dem Volk Israel anschließt, und um das besondere Verhältnis und die besondere Liebe zu ihm zu betonen, setzt G~tt die Liebe zu ihm mit der Liebe zu sich gleich, va'ahawtem et haGer. Es gibt ein bekanntes und berühmtes Schreiben von Maimonides an Rabbi Ovadia haGer, den Proselyten, welcher erzählt hatte, er habe seinem Rabbiner einige Fragen gestellt, und der ihn daraufhin einen Dummkopf nannte. Darauf antwortete ihm Maimonides mit Ausdrücken besonderer Liebe und lehrte uns damit den Wert des Konvertiten und über die Weise und den Grund zu dessen Liebe. "Und dass er dich einen Dummkopf nannte, ist äußerst merkwürdig: Jemand, der seinen Vater und seine Heimat und das Land seines Volkes und ihre schützende Hand zurückließ und mit dem Auge des Herzens sah und kam und dieser Nation anhing ... und wusste, dass ihre Religion eine Religion der Wahrheit und der Gerechtigkeit ist ... und erkannte, dass alle Religionen gestohlen sind ... und zum Wege des Heiligen überwechselte und sich unter die Fittiche der göttlichen Präsenz begab ... sein Herz trieb ihn, sich G~tt zu nähern, sich vom Licht des Lebens erleuchten zu lassen ... Wer alle diese Vorzüge auf sich vereint, kann ein Dummkopf genannt werden? Um Himmels willen, nicht Dummkopf heiße dich G~tt, sondern Gescheiter, Verständiger, Kluger, Redlicher, Schüler unseres Vorvaters Awraham, der seine Väter und seine Heimat ließ und G~tt folgte". Und Maimonides schloss mit einem treuen Segen an jenen Konvertiten: "und wer deinen Vater Awraham segnete und ihm seinen Lohn in dieser Welt und in der kommenden Welt gab, der segne dich und gebe dir deinen verdienten Lohn ... und lasse dich teilhaben an allen zukünftigen Tröstungen Israels, und jenes Gute, das G~tt uns zukommen lässt, sei unser Gutes über dir, denn G~tt redete Gutes von Israel".
Wer sich die jüdische Geschichte betrachtet, wird dabei eine gewisse Uneinheitlichkeit feststellen, denn einerseits finden wir dort Handlungen zur Vervollkommnung der ganzen Menschheit, und gleichzeitig ist uns eine Insichkehrung und eine Absonderung auf nationaler Ebene geboten. In dieser Hinsicht können wir drei Perioden ausmachen: Die erste, bevor Israel zu einem Volk wurde, die Periode der Stammväter, Awraham als "ein Vater einer Menge Völker" (Gen. 17,4), und ebenso Jizchak, wie die talmudischen Weisen sagten: "im Lande des Aufenthaltes (megurej) seines Vaters (Gen. 37,1) - was ist mit 'Aufenthalt seines Vaters' gemeint? Die Konvertierungen (megiurej) seines Vaters" (Bereschit raba 84,4). In der zweiten Periode, als das Volk Israel in sein Land kam, hörte es auf, die Menschheit zu beeinflussen, und ging in sich, "ein Volk, abgesondert wohnt es" (Num. 23,9) zu sein. In den Prophetenbüchern finden wir jedoch einen anderen Ton: "und habe dich eingesetzt zum Bunde für das Volk, zum Lichte von Nationen" (Jeschajahu 42,6), "von Zion wird die Lehre ausgehen, und das Wort G~ttes von Jerusalem" (Jeschajahu 2,3) - die Sorge um die Vervollkommnung der Welt unter der Königsherrschaft G~ttes. Über diese doppelte Aufgabe, der menschlichen Vervollkommnung und der universalen Vervollkommnung, und die Verbindung zwischen den beiden schrieb Rabbiner A.J. Kuk in seinem Agada-Kommentar "Ejn Aja" zur Talmudstelle Brachot (9b/10a), die abwägt, ob die ersten beiden Psalmen ein Abschnitt sind, "Heil dem Manne..." (Psalm 1) und "Warum lärmen die Völker" (Psalm 2). Sie kommt zu dem Schluss, dass es zwei Psalmen sind, die eine Einheit darstellen, nach dem Prinzip: "Jeden Psalm, der David besonders lieb war, begann er mit 'Heil' und schloss ihn mit 'Heil'; er begann ihn mit 'Heil', wie es heißt: Heil dem Manne, und schloss ihn mit 'Heil', wie es heißt: Heil allen, die in ihm Schutz suchen". - Was verbindet diese beiden Abschnitte zu einer Einheit? Jeder einzelne Jude lebt in drei verschiedenen Lebenskreisen: der persönliche, der nationale und der universal-menschliche, und man muss auf allen drei Gebieten vollkommen sein. Nur geschieht dies nicht auf einmal, sondern stufenweise: Die erste Stufe besteht aus der Vervollkommnung auf persönlicher Ebene, man muss seine eigene Persönlichkeit entwickeln. Gleichzeitig darf man sich aber nicht in diesem Umfeld einigeln, da die eigene Vervollkommnung von der Vervollkommnung der ganzen Menschheit abhängt. Nur dass die menschliche Vollkommenheit von der Vollkommenheit der israelitischen Gemeinschaft abhängt, sodass die Menschheit erst nach der nationalen Vervollkommnung der israelitischen Gemeinschaft zu ihrem Gelingen kommen kann. Der nach Vollkommenheit strebende Mensch muss sich vor zwei gegensätzlichen Dingen hüten, denen er verfallen kann: Einmal, dass wegen der Bedeutung des Erfolges der Allgemeinheit der Mensch seine Sehnsucht an die Vervollkommnung der Allgemeinheit hängt, wobei er seine persönliche Vervollkommnung und die Entwicklung seiner Persönlichkeit als Nebensächlichkeit abtut, oder dass er sich beim Erwerb guter Charaktereigenschaften keine besondere Mühe gibt. Die Beachtung der persönlichen Vervollkommnung ist auch für den Erfolg der Allgemeinheit wichtig, weil man die Allgemeinheit nicht zum Erfolg führen kann, wenn nicht gleichzeitig alle ihre Individuen vollkommen und gelungen sind. Es besteht aber auch die umgekehrte Gefahr, wobei der Mensch glaubt, er könne seine Vollkommenheit auch dann erreichen, wenn er nicht gleichzeitig für die Vervollkommnung und den Erfolg der Allgemeinheit wirkt, denn nur durch die Kombination jener beiden Bestrebungen erzielen der Einzelne, sein Volk und auch die gesamte Menschheit ihr wahres Glück. Diese beiden Bestrebungen finden wir in den ersten beiden Kapiteln des Buches der Psalmen, die sich nämlich mit den genannten Arten der Vervollkommnung beschäftigen: Der erste Psalm beginnt mit "Heil dem Manne, der nicht wandelt..." und beschäftigt sich ausschließlich mit dem Glück und der persönlichen Vollkommenheit des Einzelnen, mit einem Menschen, der nicht auf den Rat von Bösewichten hört, sondern an der Lehre G~ttes seine Freude hat, nicht wie der Böse, der der Spreu gleicht, die vom Winde fortgeblasen wird. Der zweite Psalm hingegen, der mit "Warum lärmen die Völker und sinnen die Nationen Eitles" beginnt, beschäftigt sich mit der Menschheit im Allgemeinen, mit dem Lärmen der Völker in ihrem Widerstand gegen G~tt und seinen Gesalbten am Anfang ihrer Wege und mit ihrer Zerschlagung und ihrer Unterwerfung unter die Weltherrschaft G~ttes. Darum ist dieses Thema einerseits auf zwei Kapitel verteilt, das erste von der Vollkommenheit des Einzelnen, das zweite von der Vollkommenheit der ganzen Menschheit, andererseits aber ein einziger Abschnitt, der mit 'Heil' beginnt und endet, weil nur die Einheit von Vollkommenheit des Einzelnen und Vollkommenheit der Allgemeinheit der Welt ihr Glück bringen. So umschließen diese beiden Psalmen die ganze jüdische Geschichte.
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