DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Dt. 1,1-3,22): Im 40. Jahr, am 1. des 11. Monats, spricht Moscheh zu den Kindern Israels, bevor sie den Jordan überqueren: Rückblick auf die Reise, Einsetzen von Richtern, Aussenden der Kundschafter+Sünde dazu, welche Länder in Ruhe gelassen und welche erobert werden. Haftara: Jeschajahu 1,1 - 27 9. Aw Dienstag - Fasttag zum Gedenken an die Tempelzerstörung "Tischa Be'Aw"
Unser Lehrer Moscheh erzählte den Kindern Israel von den Geschehnissen der Wüstenwanderung und sagte: "Und wir wandten uns und zogen den Weg nach Baschan hinauf und Og, König von Baschan zog aus uns entgegen ... Und der Ewige sprach zu mir: Fürchte ihn nicht, denn ich habe ihn in deine Hand gegeben" (Dt. 3,1-2). Der Raschikommentar bemerkte bereits dazu: Wenn G~tt zu Moscheh sagt, "Fürchte ihn nicht", dann hegte Moscheh offenbar eine Befürchtung, besonders, da es vor dem Krieg gegen Sichon nicht hieß: "Fürchte ihn nicht"! Diese Merkwürdigkeit erklärte Raschi so: "Hier aber fürchtete Moscheh, es könnte Og das Verdienst beistehen, dass er Awraham bedient hatte; wie es heißt: es kam ein Entronnener, das war Og". D.h., Og hatte ein Verdienst, denn seinetwegen wurde Lot aus der Gefangenschaft der "vier Könige" gerettet, wie es dort heißt: "Und es kam ein Entronnener und berichtete Awram, dem Hebräer" (Gen. 14,13). Raschi erklärte zur Stelle, dass es sich um Og handelte, und demnach war auf ihn die Rettung Lots aus der Gefangenschaft zurückzuführen. Dieses Verdienst fürchtete Moscheh vor seinem Krieg gegen ihn, und dazu sagte ihm G~tt: "Fürchte ihn nicht". Es fragt sich aber, was denn so toll an diesem Verdienst war? Dort nämlich, im Wochenabschnitt Lech lecha, bemerkte Raschi: "Seine Absicht war aber, dass Awram getötet und er Sara zur Frau nehmen würde". Er überbrachte seine Botschaft an Awram also gar nicht, um Lot zu retten, sondern wegen seiner teuflischen Hintergedanken, denn er wusste, dass Awram in den Krieg ziehen und dabei sicher den Tod finden würde, woraufhin er Sara bekäme... Warum wird ihm das also als Verdienst angerechnet? Aus dieser Begebenheit schlussfolgerte Rabbiner Josef-Sundel Salanter, wenn unser Lehrer Moscheh und ganz Israel Angst vor dem Verdienst von Og haben, der viele, viele Jahre vorher Awraham von den Ereignissen um Lot erzählte und nur Sara zu heiraten im Sinn hatte, und am Ende hatte nur Lot etwas davon und noch nicht einmal Awraham, und trotzdem wurde es ihm als Verdienst angerechnet - dann doch erst recht, wenn jemand etwas Gutes tut, und mit guter Absicht, und dieser jemand ein rechtschaffener und treuer Jude ist - der wird doch sicher dadurch ein unendlich größeres Verdienst erwerben, das sicher noch viele Generationen vorhält! Eine ähnliche Schlussfolgerung lässt sich aus einer weiteren Angelegenheit unseres Wochenabschnitts ziehen, die auch etwas mit Lot zu tun hat. Im zweiten Kapitel Dewarim erzählt Moscheh, wie das Volk an der Grenze der Söhne Eßaws ankam und G~tt ihm sagte: "Befehdet sie nicht, denn ich werde euch von ihrem Lande keinen Fußbreit geben, denn das Gebirge Se'ir habe ich dem Eßaw als Erbbesitz gegeben" (Dt. 2,5). Dazu erklärte Raschi: "Zehn Völker habe ich ihm (Awraham) gegeben ... eins davon für Eßaw und zwei für die Söhne Lots als Lohn dafür, dass er mit ihm nach Ägypten gegangen war und geschwiegen hatte, als er von seiner Frau sagte, sie ist meine Schwester, da behandelte er ihn, als wäre er sein Sohn". Das bedeutet, als Lot, der mit Awraham nach Ägypten zog, Awraham Sara seine Schwester nennen hörte, schwieg und nicht die Wahrheit offenbarte, dass sie nämlich seine Ehefrau war - durch das Verdienst dieses Schweigens erhielt er das Gebiet zweier Völker im Lande Israel zum Erbbesitz. Dieses Schweigen rettete Lot auch aus Sdom, denn so heißt es: "So geschah es, als G~tt die Städte des Jordankreises vernichtete, da gedachte G~tt des Awraham, und geleitete Lot mitten aus der Zerstörung" (Gen. 19,29). Dazu fragte Raschi: "Wieso bezieht sich das Gedenken Awrahams auf Lot? Er gedachte, dass Lot gewusst hatte, dass Sara Awrahams Frau war; und gehört, wie Awraham in Ägypten von Sara sagte, sie ist meine Schwester, und die Sache nicht aufgedeckt hatte, weil er Mitleid mit ihm hatte; darum verschonte auch ihn der Heilige, gelobt sei er". Doch diese Sache scheint merkwürdig. Warum wird Lot hier so eine Gerechtigkeit unterstellt? Niemand würde auch nur im Traum die Möglichkeit in Betracht ziehen, er könnte verraten, dass Sara Awrahams Ehefrau war! Sara war doch Lots Schwester, und wenn er sie verraten hätte, wäre sein Schwager Awraham getötet worden - gibt es denn eine größere Grausamkeit als zu verraten, dass Sara Awrahams Frau war?! Vielmehr war es nur recht und moralisch, diese Sache nicht zu offenbaren. Und warum bekam er dann dafür so einen großen Preis? - Wir lernen daraus also zwei Dinge: 1. Wenn ein Nichtjude kommt und sich nach den Regeln von Moral und Redlichkeit verhält, dann ist das schon eine große Sache. Man erwartet ja nicht von ihm, ein Frommer zu sein, aber wenigstens sei er kein Bösewicht, und da Lot sich so verhielt, verdient er einen großen Lohn dafür. 2. Wir sahen bereits, dass selbst für eine kleine und einfache Sache, sogar wenn sie ohne Absicht und ohne erhabene Hintergedanken ausgeführt wurde, nur dass die Tat ein gutes Ergebnis hatte - G~tt schon einen hohen Lohn zahlt. Darum sollten wir uns in diesen Tagen vor Augen führen, in denen wir des Leides der Tempelzerstörung und dessen Fehlens gedenken und unsere Erwartungen auf eine allgemeine Errettung erhöhen, dass wir uns nicht nur mit einer allgemeinen geistigen Erwartung befassen, sondern uns auch auf Dinge konzentrieren sollten, die uns klein erscheinen, wie das anständige Verhalten dem Nächsten gegenüber, der allgemeinen Nächstenliebe und dem Abrücken von grundlosem Hass. So schrieb auch Rabbiner A.J.Kuk, dass es an uns selbst liegt, durch die Tora unserer Seele mehr Licht zuzuführen, durch Weisheit, Gebote, Dienst an G~tt und die Arbeit an den Charaktereigenschaften, zu jeder Zeit und in jedem Augenblick (Briefe, Nr. 301). "Und jede geistige Pruta [kleine Münze] summiert sich zu einem großen Betrage, nicht weniger als eine materielle Pruta" (Eder Hajakar, S.20). Eine Münze kommt zur anderen, und von allen jenen kleinen Taten wird ein neues Licht auf Zion leuchten und uns bald das Licht des Tempels vergönnt ein, bald und in unseren Tagen.
Mitten in Moschehs erster Mahnrede findet sich die Episode von den Kundschaftern, eingerahmt von der Ernennung von Richtern und von einer genauen und detaillierten Beschreibung des legalen Status der in Kana'an ansässigen Völker (Dt. 1.+2.Kap.). Anscheinend ist auch sie wohl irgendwie mit der Frage von Recht und Gesetz verbunden. Da doch das Land unserem Vorvater Awraham versprochen worden war und er sich bereits ein Anrecht darauf erworben hatte, glaubten die Kundschafter sicher ohne böse Hintergedanken, dass die Ansiedlung des Volkes Israel praktisch von alleine erfolgen werde. Die Völker Kana'ans würden dem Volke Israel das Land auf einem silbernen Tablett servieren... Und nun stellt sich zu ihrer Überraschung heraus, dass die Welt ihren normalen Gang geht. Keiner der Kana'aniter (außer dem Girgaschi) denkt daran, seinen Platz zugunsten der Israeliten zu räumen, die vor dem Eintritt ins Land stehen. Die Städte sind befestigt, die Weinberge bearbeitet, und die Bewohner sehen sich fest mit ihren Wohnorten verbunden, obwohl sie hier erst wenige Generationen ansässig sind. Sie haben nicht die geringste Absicht, irgendeinen Außenstehenden hinzuzuziehen und ihren Erbteil am Lande mit ihm zu teilen. Im Gegenteil, das Volk Israel ist in ihren Augen ein Fremdkörper, wie Heuschrecken - ein Eindringling - der das Fett des Landes essen will. Bei ihren Gesprächen mit den Bewohnern des Landes boten die Kundschafter aller Wahrscheinlichkeit nach ihre Zusammenarbeit an. Allerdings erhielten sie darauf wohl herabwürdigende Antworten, so wie von Riesen, die auf Ameisen schauen. Auf die israelitischen Friedensangebote reagierten die Einwohner mit Kriegsgebärden, Stärkung der Festen und Erhöhung der Mauern. Sie verließen sich auf ihre Anzahl, ihre Macht und das Recht des Zuerstgekommenen. Enttäuscht und frustriert kehren die Kundschafter aus dem Lande Israel zu ihren Brüdern in Kadesch Barnea zurück. Ein schwerer Kampf steht ihnen bevor, ein Kampf, der sich über viele Generationen hinziehen kann. Vor allem machte ihnen die psychologische Krise zu schaffen. Der Glaube der Kana'aniter an die Rechtmäßigkeit ihres Weges erschütterte den Glauben der Kundschafter an die Rechtmäßigkeit des Weges der Israeliten. Woher hat das Volk Israel, das gerade erst an der Schwelle zum Lande steht, ein größeres Anrecht darauf als jene, die dort schon einige Generationen ansässig sind? Nicht nur von den körperlichen Maßen her scheinen die Riesen den Israeliten größer, sondern auch was ihr gesetzmäßiges Anrecht betrifft. Sie können sich auf eine breite Grundlage stützen, wie jeder Friedensaktivist bezeugen kann. Und was ist mit uns? Welches Anrecht können wir geltend machen? Und wie steht es dabei mit unserer Macht und unserem Mut? Auch wenn es uns gelingen sollte, Teile des Landes zu erobern - die Tatsache an sich, dass wir das Land Anderer eroberten, wird uns keine Ruhe lassen! Wir werden erobern müssen und beherrschen; und, wie man sagt: Eroberung verdirbt den Charakter... Und wirklich verdirbt Eroberung den Charakter, wenn man sie als "Eroberung" betrachtet, als ein Entreißen von den rechtmäßigen Eigentümern. Im Lande Israel entscheidet jedoch nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechtes. Die Völker Kana'ans, wie auch Sichon und Og, drangen hier erst vor wenigen Generationen ein, mit dem Recht des Stärkeren. Die Israeliten hingegen kommen im Namen G~ttes. Nicht wie ein Sklave, der von seinem Herrn ausgebrochen ist und eine geschützte Bleibe sucht, kehrt Israel in sein Land zurück, sondern im Namen göttlichen Gesetzes und Gerechtigkeit, die in der Welt herrschen; "..stellt er fest Grenzen der Völker nach Anzahl der Kinder Israel" (Dt. 32,8). Schon zu Anbeginn der Menschheitsgeschichte wurde das Land dem Volke Israel zubestimmt (siehe 1. Raschikommentar zur Tora). "Dennoch in dieser Sache glaubtet ihr nicht an den Ewigen, euren G~tt" (Dt. 1,32), lautet Moschehs Kritik an ihnen. Der Mangel an Glauben an G~tt untergräbt das moralische und rechtmäßige Fundament des Anrechtes des jüdischen Volkes auf sein Land. Der Mangel an Glauben verwandelt das Volk Israel in Nomaden, Heimatlose, die ein Land zu rauben kommen, das ihnen nicht gehört. Als Konsequenz ergeben sich zwei Möglichkeiten - 1. Ein pervertiertes Selbstbild, als Räuberbande, 2. Fortsetzung des Herumziehens in der Wüste. G~tt bevorzugte die zweite, moralischere Möglichkeit, die eher zum Charakter des Volkes Israel passt. Seitdem - auch während unseres Aufenthaltes im Lande, aber ohne das religiöse Fundament - entschwindet das Land unter unseren Füßen, bis wir wieder zu unserem Glauben zurückfinden. Dann "wird Zion durch Recht erlöst, und seine Bekehrten durch Gerechtigkeit" (Jeschajahu 1,27). Also nur, wenn wir das göttliche Recht und die göttliche Gerechtigkeit erkennen, können wir erlöst und erbaut werden in der Stadt der Gerechtigkeit, die auch gleichzeitig eine Stätte der Treue ist, des Glaubens und der Wahrheit.
Kommentare von
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