DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Num. 22,2-25,9): Balak, König von Moaw, fürchtet Invasion der Kinder Israels und lässt Bil'am, den nichtjüdischen Propheten, kommen, um durch dessen Flüche das Schicksal abzuwenden; auf der Reise misshandelt Bil'am seine Eselin und sie beschwert sich; auf G~ttes Befehl segnet Bil'am die Israeliten statt sie zu verfluchen, zu Balaks Missfallen; das Volk macht sich an die Moabiterinnen ran, göttliche Strafung durch Seuche; Pinchas, Enkel Aharons, beendet das Treiben durch Aufspießen des Anführers und seiner midjanitischen Gefährtin. Haftara: Micha 5,6-14, 6,1-8 Dienstag, 17. Tammus - Fasttag Beginn der "Drei Wochen"
Balak und Bil'am Die Koalition von Balak, König von Moaw und Bil'am dem Wahrsager in unserem Wochenabschnitt lässt sich unter verschiedenen Aspekten betrachten. Einer davon war das Aufeinandertreffen von Ehre, die für Balak im Vordergrund stand, und Geld, das bei Bil'am eine zentrale Bedeutung einnahm, wie es am Anfang ihrer Partnerschaft heißt: "So spricht Balak ... Denn sehr hoch will ich dich ehren ... Und Bil'am erwiderte ... Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe" (Num. 22,16-18). Ebenso im Augenblick ihrer Trennung voneinander: "Da erglühte der Zorn Balaks gegen Bil'am ... ich habe gedacht, ich will dich ehren ... Und Bil'am sprach ... Wenn mir Balak gäbe sein Haus voll Silber und Gold" (24,10-13). Warum? Worin besteht das Geheimnis der engen Beziehung von Ehre und Geld? Warum sind sie nicht nur Balak und Bil'am, sondern auch uns so wichtig? Und wie können wir uns vor den daraus resultierenden Gefahren schützen? Ehre Eine der wichtigsten Neigungen in der Tiefe der menschlichen Seele ist die Neigung zur Ehre (Kavod). Der Mensch möchte sich gewichtig (kaved) fühlen, von schwerer Bedeutung und großem Wert. Das Bedürfnis, sich ge-wichtig und geehrt zu fühlen ist ein Ausdruck des Wesens menschlichen Lebens an sich, ein Ausdruck seiner Lebendigkeit und seiner Tatkraft, seines existenziellen Seins. Es gibt nichts Fundamentaleres und Wesentlicheres im Menschen als dieses Gefühl - zu fühlen und zu wissen, dass die Welt ihn braucht. Sie braucht ihn, und ohne ihn wäre sie unvollkommen. Was bleibt dem Menschen von seinem Leben, wenn er sich selbst als überflüssig ansieht, als unwichtig, wertlos und ohne Gewicht in der Welt? Darum ist die Neigung zur Ehre im Menschen an sich sehr wichtig. Wir müssen allerdings zwei Arten von Ehre unterscheiden. 1. Äußerliche Ehre, 2. Selbstachtung. Bei der äußerlichen Ehre gewinnt der Mensch an "Gewicht" von den äußerlichen und nebensächlichen Seiten des Lebens her, wie z.B. durch besondere Kleidung, Ausdrucksweise, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Status und dergleichen mehr. Alle diese Dinge sind wichtig, aber keinesfalls lebenswichtig, bloß seine Hülle gegenüber der Umwelt. Daneben steht die Selbstachtung, zu der ebenfalls die Ehre, das Gewicht, der Wert und die Bedeutung gehören, die vom Menschen selber herrühren, von seinen Verhaltensweisen, von seinen moralischen Werten und von den Idealen, die sich ihm und der ganzen Gesellschaft in seinem Leben offenbaren. In diesem Zustand beschäftigt sich der Mensch mit Wesentlichem, mit den Bedeutungen, mit den wahren, wesentlichen Werten des Lebens und macht sie zum Schwerpunkt seines Lebens (ohne natürlich seine äußerlichen Lebensbedingungen zu vernachlässigen). Wenn der Mensch nun keine innere Selbstachtung hat, braucht er wie die Luft zum Atmen eine Ergänzung durch äußerliche, eingebildete Ehre, was seine Persönlichkeit nicht nur nicht weiterentwickelt, sondern ihm noch eine falsche Realität von Einbildung und Lügen vorgaukelt, und wie es Rabbiner A.J.Kuk ausdrückte: "Je mehr es an innerer Vollkommenheit fehlt, sucht sich die Natur von außen her zu vervollkommnen. Nur in einem minderen Zustand der Seele erwacht die Lust, sich von Anderen abzuheben, sei es durch in ihm Vorhandenes, sei es durch in ihm nicht Vorhandenes. Darum ist der Mensch verpflichtet, die Spuren innerer Vollkommenheit [bei sich] zu vergrößern ..." (Midot HaRa'aja, Kavod). Das war Balaks Fehler. Er rannte der äußerlichen Ehre nach, aus der natürlich nichts wurde und sich als Lüge entpuppte, und wie er selber zu Bil'am sagte: "Siehe, der Ewige hat dich abgehalten von Ehre" (Num. 24,11). Geld Neben der Ehre, die der Mensch als Ausdrucksmittel seiner Persönlichkeit braucht, verkörpert das Geld eine weitere zentrale Neigung der Seele des Menschen, und zwar den Willen zum Weitermachen und zur Weiterentwicklung, dem Bestehenden hinzuzufügen und zu einer besseren Zukunft zu gelangen. Geld, Silber (Kessef) - von kissuf, kissufim, Sehnsüchte, der Wille und das Streben nach der Zukunft. Er gibt sich nicht mit dem Gegenwärtigen zufrieden, sondern strebt nach mehr, immer mehr und mehr ... Doch auch hier steckt eine große Gefahr verborgen, die Gefahr, dass der Wille des Menschen nach Erweiterung und Entwicklung in den Äußerlichkeiten des Lebens zum Ausdruck kommt, die mit all ihrer Wichtigkeit nicht wirklich den inneren Wert und das Ziel des Lebens darstellen. Darum konzentriere der Mensch seine Kräfte auf das Geldverdienen zur Deckung seiner wirtschaftlichen Bedürfnisse, aber nicht darüber hinaus. Das war Bil'ams Fehler. In Wirklichkeit interessierten ihn nämlich Silber und Gold, Kapital und Kapitalismus, trotz seiner spirituellen "Eingaben" - und am Ende erlangte er sie doch nicht, denn "Meine Feinde zu verwünschen habe ich dich geladen und siehe, du hast sie gesegnet schon dreimal!" (Num. 24,10). Und wie sieht es mit uns aus? Das Bündnis von Ehre und Geld, das zwei unserer Wesenseigenschaften ausdrückt - die Selbstachtung und den Willen zum Fortkommen und zur Weiterentwicklung - ist das Bündnis unseres Lebens, von dem Erfolg und Aufbau abhängen, wenn wir diese beiden Eigenschaften richtig zur Geltung bringen, oder wenn nicht, g~ttbehüte, das Gegenteil: Zerstörung und Untergang. Wir können von Balak und Bil'am lernen, wie man die Sache nicht angehen sollte; folgen wir lieber den Wegen unserer Vorväter, die die wahre Ehre mehrten und erweiterten, und sich nach dem sehnten, strebten und auch taten, was richtig und wünschenswert ist, und mit G~ttes Hilfe werden wir sie erfolgreich nachahmen.
"Und G~tt kam zu Bil'am nachts und sprach zu ihm: Wenn dich zu laden die Männer gekommen sind, mache dich auf, gehe mit ihnen, aber nur das, was ich zu dir reden werde, das sollst du tun" (Num. 22,20). "Wenn dich zu laden die Männer gekommen sind, mache dich auf, gehe mit ihnen - von hier lernst du, dass den Weg, den der Mensch gehen will, man ihn führt; denn am Anfang wurde ihm gesagt: Gehe nicht, und er erdreistete sich dennoch zu gehen, wie geschrieben steht: Da erglühte der Zorn G~ttes, dass er ging (Num. 22,22) - da sagte ihm der Heilige, gelobt sei er: Bösewicht, ich wünsche nicht die Vernichtung der Bösewichte, doch da du selber zu deiner Vernichtung aus der Welt gehen willst - mache dich auf" (Midrasch Bemidbar raba, 20,12). Auf den ersten Blick macht Bil'am den Eindruck einer tragischen Figur, die sich vorsieht, nur nach dem Willen G~ttes zu handeln und sich nicht von lockendem Gewinn, Ehre und Macht verführen zu lassen, und am Ende wird er zu allgemeiner Überraschung für eine Tat bestraft, die er mit göttlicher Erlaubnis ausführte - "Und Bil'am erwiderte und sprach zu den Dienern Balaks: Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so kann ich nicht den Befehl des Ewigen meines G~ttes übertreten, zu tun ein Kleines oder ein Großes. Und nun bleibet doch auch diese Nacht hier, und ich werde erfahren, was der Ewige ferner mit mir reden wird. Und G~tt kam zu Bil'am nachts und sprach zu ihm: Wenn dich zu laden die Männer gekommen sind, mache dich auf, gehe mit ihnen, aber nur das, was ich zu dir reden werde, das sollst du tun. Und Bil'am machte sich auf am Morgen und sattelte seine Eselin, und ging mit den Fürsten Moaws" (Num. 22,18-21). Genau auf dieses Trugbild bezieht sich der genannte Midrasch. Wenn jemand eine göttliche Erlaubnis für einen bestimmten Weg erhält, behauptet der Midrasch, strebte er offenbar bereits im Innersten seiner Seele danach, diesen Weg einzuschlagen. Nicht ohne Grund hält Bil'am die Diener Balaks zu einer weiteren Übernachtung in seinem Haus auf, er hofft nämlich, dass sich etwas ändern werde, dass neue Weisungen inmitten der Nacht eingehen und er eine Erlaubnis für das insgeheim Erhoffte erhalte - die Verwünschung Israels und das Anfüllen seines Hauses mit Gold und Silber - "Und nun bleibet doch auch diese Nacht hier, und ich werde erfahren, was der Ewige ferner mit mir reden wird". Und wie erwartet steht Bil'am am nächsten Morgen bestens motiviert auf nach Ankunft der göttlichen Erlaubnis, sattelt seine Eselin, bevor es G~tt sich vielleicht anders überlegt und diese einmalige, seltsame Erlaubnis zur Verwünschung Israels zurückzieht. Nach dieser Untersuchung und dem Lauschen der Untertöne der Verse wird klar, wie Bil'am seine Beine an den Ort tragen werden, an den er zu gelangen wünschte, und zwar ohne göttliche Einmischung oder Behinderung, oder wie es die talmudischen Weisen ausdrückten: "von hier lernst du, dass den Weg, den der Mensch gehen will, man ihn führt". Der Midrasch begnügt sich nicht mit dieser aufrüttelnden Neuigkeit, sondern erklärt im Folgenden die Kraft des verborgenen Willens des Menschen. Der Midrasch erläutert, wie G~tt unseren Willen auch dann respektiert, wenn er seinen Plänen und der göttlichen Moral, die die Welt leitet, zuwiderläuft - "da sagte ihm der Heilige, gelobt sei er: Bösewicht, ich wünsche nicht die Vernichtung der Bösewichte, doch da du selber zu deiner Vernichtung aus der Welt gehen willst - mache dich auf". Diese Regel ist einer der fundamentalen - und offenbaren - Wege der göttlichen Lenkung der Welt: Wir wollen die Frucht vom Baum des Wissens essen, und wie von selbst wird unser Wille respektiert; wir alle leben in einer Welt der Wissenschaft und suchen ihren Garten Eden, aus dem wir einst vertrieben wurden. Beim Schall der zehn Gebote wollten wir uns vom Berge Sinai entfernen, und entsprechend erhielten wir sie aus der Ferne und aus dem Munde eines Mittelsmannes. Darum verinnerlichten wir sie nicht so vollkommen wie jene, die wir direkt von mächtiger Stimme hörten; wir wollten ein selbst gewähltes Königshaus statt einmaliger göttlicher Einsetzung und ließen uns auf Abenteuer ein, an deren Ende Zerstörung, Zerstreuung und Entfernung der göttlichen Präsenz standen. Dieses Grundprinzip - "den Weg, den der Mensch gehen will, führt man ihn" - hat zwei Seiten und besagt, dass so wie der innere Wille des Menschen das Ergebnis bestimmt, genau so lässt sich vom erreichten Ergebnis der verdeckte, innere Wille des Menschen ablesen, was ihm ermöglicht, die Geheimnisse seiner Seele und seiner Persönlichkeit zu identifizieren.
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
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