DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 28,10
- 32,3):
Unser Vorvater Jakov war für seine Wahrheitsliebe bekannt und berühmt. Der Weg zu dieser Wahrheit führte allerdings durch den Schmelztiegel des Aufenthaltes bei Jemandem vom genauen Gegenteil dieser Eigenschaft, und zwar Lawan Ha'arami (=der Aramäer), Lawan Harama'i (=der Betrüger), dessen Taten und Worte auf Lüge beruhten. Unser Vorvater Jakov erstaunt uns während seines ganzen Aufenthaltes bei Lawan durch seine Charaktereigenschaften und lehrt uns die Bedeutung von Wahrheit, Vertrauenswürdigkeit und Arbeitsmoral. Bereits zu Beginn seines Weges bekam er Lawans Betrügereien zu spüren: entgegen seines ausdrücklichen Versprechens, ihm Rachel zur Frau zu geben - "besser, ich gebe sie dir, denn dass ich sie einem anderen Manne gebe" (Gen. 29,19) - fand er am Morgen Lea vor: "siehe, da war es Lea!" (V.25). Jakov stimmte gegenüber Lawan einer weiteren Bedingung zu, "noch sieben andere Jahre" (V.27) für Rachel bei ihm zu arbeiten. Der Raschikommentar erklärt zu Vers 30: "andere, damit vergleicht er sie mit den ersten, wie die ersten voll Treue gewesen waren, so waren auch die letzten voll Treue, obschon er mit einem Betrug über ihn gekommen war" Wenn ein Mensch an einer bestimmten Stelle arbeitet, fällt es ihm leicht, sich Mühe zu geben, wenn sich der Arbeitgeber ihm gegenüber ehrlich und vertrauensvoll verhält. Wenn er aber sieht, dass sich sein Arbeitgeber ihm gegenüber unehrlich verhält und ihn sogar bei seinem Arbeitslohn betrügt, neigt der Mensch leicht dazu, sich selbst die Erlaubnis zu ebensolchem unehrlichen Verhalten zu erteilen und das auch noch gerecht findet, indem er z.B. häufiger Pause macht und von seiner ursprünglichen Tadellosigkeit abweicht. Und sieheda, Jakov lehrt uns, die Rechnung nicht mit dem Wirt - dem Arbeitgeber - zu machen, sondern mit G~tt, und da gibt es niemals eine gesetzliche Befreiung vom ehrlichen Verhalten. Jakovs Vertrauenswürdigkeit und seine Wahrheitstreue offenbaren sich auf besondere Weise am Ende des Wochenabschnitts, als er endgültig von Lawan genug hatte und ihm vorrechnete, wie er angesichts dessen Undankbarkeit seine Herden gehütet und gepflegt hatte: "Nicht nur, dass ich dir treu gedient habe, wie es die Gerechten halten, ich habe mich noch zusätzlich zu deinem Besten bemüht, dass sie ihre Jungen nicht verloren" (Sfornokommentar). Auch wenn Jakov hungrig war, verfuhr er nicht nach der Sitte der Hirten und rührte Lawans Vieh nicht an, "und die Widder deiner Schafe hab' ich nicht gegessen" (Gen. 31,38). Jakov fuhr fort: "Wo ich war am Tage, verzehrte mich die Glut, und der Frost in der Nacht: und es floh der Schlaf meine Augen" (V.40). Dazu erklärte der RaDaK-Kommentar: "Weil ich die Herde nicht verlassen und einem anderen Hirten an meiner statt überlassen wollte, litt ich die Sonnenhitze und die Eiseskälte bei Nacht, und es floh der Schlaf meine Augen sowohl wegen der Kälte als auch wegen der Sorge um das Vieh, vielleicht würden Wölfe kommen, es zu reißen, oder Diebe, es zu stehlen". So lehrt der Talmud (Baba mezia 93b) über die Lohnhüter von Jakov: "Wie weit reicht die Hütepflicht eines Lohnhüters? Bis: ..am Tage verzehrte mich die Glut und der Frost in der Nacht". Jakovs Verhalten bedeutete also nicht extreme Frömmigkeit, sondern ein Vorbild, das sich die ganze Gesellschaft zu eigen machen muss. Auch Rabbiner Moscheh ben
Maimon ("Maimonides") erwähnte Jakov als Vorbild am Ende der Gesetze
von den Lohnverträgen: "..und ebenso muss er mit all seiner Kraft
arbeiten, wie Jakov der Gerechte sagte: dass ich mit meiner ganzen Kraft
bei eurem Vater gedient (Gen. 31,6). Darum erhielt er seinen Lohn auch
in dieser Welt, wie es heißt: und der Mann breitete sich gar sehr
aus (30,43)". Wir können daraus also entnehmen, dass der Weg zu
einer gerechten Gesellschaft über eine hohe Arbeitsmoral führt,
wobei jeder sich bei seiner Arbeit angewöhnen muss, seine Verlässlichkeit
den anderen gegenüber zu erhöhen - zwischen dem einen und seinem
Nächsten, Vermieter und Mieter, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, usw.
- auf ein Niveau der Wahrheitstreue wie bei unseren Vorvätern, und
auf diese Weise möge unsere Gesellschaft zum Stolz der Menschheit
werden.
Gewalt Gewalt (Alimut) und Stummheit (Ilemut; gleiche Buchstaben in anderer Reihenfolge) sind nicht nur ähnliche Worte, sondern auch sinngemäß eng miteinander verbunden. Der Gewalttätige ist ein stummer Mensch, zwar nicht mit körperlicher Stummheit geschlagen, aber mit seelischer Stummheit. Er kann nicht reden und sich in Worten ausdrücken, stattdessen "redet er mit den Händen". Manchmal handelt es sich um einen, der sehr flüssig zu reden versteht, doch glaubt er nicht an die Kraft der Worte, weil er nicht an den Menschen glaubt, an den er diese Worte richten muss. Er glaubt nicht, dass seine Worte auf fruchtbaren Boden fallen, er glaubt nicht an deren Überzeugungskraft, und sicher glaubt er nicht an den Adressaten, der nicht geneigt ist, diese Worte zu empfangen; darum benutzt er rohe Gewalt. Dem Gewalttätigen fehlt Geduld. Er will sein Ziel hier und jetzt erreichen. Weil er sich der langsamen Wirkungsweise mündlicher Überzeugung bewusst ist, beschleunigt er den Gang der Dinge durch Einsatz seiner Hände. Die Hände zwingen die Gegenseite zur Kapitulation und sind nicht von der inneren Überzeugung der Gegenseite abhängig. Die Furcht wirkt schneller als ein Argument, und so kommt der Gewalttätige schnell ans Ziel. Der Gewalttätige (alef-lamed-jud-mem) heißt so nicht nur, weil er Kraft (alef-lamed) einsetzt, und nicht nur, weil er wie ein Stummer handelt, der seinen Mund verschließt und sich nur mit den Händen verständlich macht. Er wird auch so genannt, weil er durch sein Verfahren auch der Gegenseite die Redekraft nehmen, die Zielscheibe seiner Gewalt stumm machen will. Gewalt will zum Schweigen bringen, die Gegenseite unterwerfen und deren Fähigkeit zum selbständigen Denken neutralisieren. Für den gewalttätigen Menschen bedeutet die Rede seines Gegenüber eine Gefahr. Dieser könnte eine andere Denkweise zeigen, anderen Willen, er könnte der Öffentlichkeit durch seine Rede offenbaren, was ihm der Gewaltmensch angetan hat. Gewalt bedeutet erzwungenes Schweigen, einen Versuch, den Angegriffenen mit Macht zu einem Stummen zu machen. Es gibt auf der Welt Mächte der Gewaltherrschaft, gewalttätige Erzieher, gewalttätige Ehepartner und gewalttätige Eltern. Sie alle tragen die unterschiedlichen Züge der Gewalt. Bei allen ist der Mund ein überflüssiges Organ oder dient als zusätzliche Hand, die spitze Pfeile verschießt und andere unterdrückt. In ihren Augen dient der Mund dazu, den Menschen zum Schweigen zu bringen, der sich ihnen in den Weg stellen könnte. Rede (dibur) Es gibt einen ganz anderen Weg der Führung und der Erziehung, wie z.B. der Vorsitzende, der "Sprecher" (dabar) genannt wird. Mit Hilfe seines Sprechvermögens führt er andere Menschen, die sich von seiner Sprache angesprochen fühlen und die er mit Seilen der Sympathie an sich bindet. "Er zwingt (jadber) Völker unter uns, und Nationen unter unsere Füße" (Psalm 47,4) - bedeutet nicht zwangsläufig, dass G~tt die vielen Völker, die er schuf, vernichten (jadbir) will, sondern jadber, führt die Völker unter seiner Führung, nach der Erklärung von Raschi (zu Psalm 18,48): "so wie: und führte (Ex. 3,1)". Zur Führung durch die Kraft der Rede muss man auf die Geführten vertrauen, ihre Ansichten berücksichtigen und mithilfe der Rede zu ihren Herzen vordringen. Diese Art der Führung glaubt an das Gute im Menschen und daran, ihn durch Aufbau seines Bewusstseins auf dem Wege der Rede zu seiner Bestimmung zu bringen. Diese Art der Führung begnügt sich nicht mit den Taten des Menschen, viel wichtiger sind ihr die Gedanken, wobei der Solidarität des Menschen mit seinen Taten große Bedeutung zukommt, und darum darf er nicht "mit starker Hand" geführt werden. Ein beredsamer Erzieher ist ein geduldiger Erzieher, der an seine Zöglinge glaubt; er hat kein Interesse an Gewalt und blinder Folgsamkeit, bar jeglicher Erkenntnis und Wissens. Im Gegenteil, er will auf jeden Einzelnen eingehen, sein Gewissen erwecken und ihn gutherzig anleiten. Die Hände Eßaws und die Stimme Jakovs Eßaws besonderes Kennzeichen sind seine Hände: "und die Hände sind die Hände Eßaws" (Gen. 27,22). Er ist ein Mann der Jagd und des Tötens, ein Mann der Macht. Nach dem Midrasch verweigerten die Nachkommen Eßaws die Annahme der Tora wegen des Gebotes "du sollst nicht morden", aus einem tiefen Gefühl heraus, dass dieses Gebot ihrer gewalttätigen Natur widerspricht: "Zu Anfang ging er zu den Kindern Eßaws und sagte ihnen: Wollt ihr die Tora annehmen? Da sagten sie ihm: Was steht darin geschrieben? Sagte er ihnen: Du sollst nicht morden. Sagten sie ihm: Das ganze Wesen dieser Leute ist ihr Vorvater, ein Mörder, wie es heißt: und die Hände sind die Hände Eßaws und ebenso versprach ihm sein Vater: von deinem Schwerte wirst du leben" (Gen. 27,40; Jalkut Schimoni, Dt. §33). Eßaw lebt von seinen Händen, Hände des Totschlags, und ernährt sich von seinen Händen, Hände der Jagd, er kann sich nicht mit der Tora anfreunden, denn "Wege der Anmut sind ihre Wege, und alle ihre Pfade Friede" (Sprüche 3,17; Verse beim Toraeinheben), er glaubt nicht an die Kraft des Mundes, sondern an die Kraft des Armes. Es stimmt wohl, dass Eßaw auch sein Mundwerk zu benutzen versteht, doch nicht zur Verbindung und Verknüpfung, sondern zu Trug und Täuschung seines Gegenübers, als Teil seiner gut geölten Jagdausrüstung: "Was bedeutete: dessen Jagdbeute war für seinen Mund (Gen. 25,28)? Er jagte Jizchak den Gerechten mit seinem Munde... als Eßaw von draußen herein kam, sagte er zu seinem Vater: Vater, muss Salz verzehntet werden?, und Jizchak wunderte sich und sagte: Siehe, wie es mein Sohn mit den Geboten genau nimmt, und es fragte ihn sein Vater: Wo warst du heute? Und er antwortete: Im Lehrhause... und mit solchen Worten erlegte er ihn mit seinem Munde, darum liebte ihn sein Vater. Und der Himmel klagte: Ob auch seine Stimme mild, trau ihm nicht, denn siebenfacher Greuel ist in seinem Herzen (Sprüche 26,25; Tanchuma Toldot §8). Sein Mund diente Eßaw dazu, die Wahrheit vor Jizchak zu verbergen und jegliche Kritik, die wegen seiner bösen Taten zu erwarten war, von vornherein auszuschließen. Das ist der "Mund der Jagd", der mit der Vorspiegelung falscher Liebe den Gegner zum Schweigen bringt. Jakov zeichnete sich demgegenüber gerade durch die Kraft des Mundes aus, "die Stimme ist die Stimme Jakovs" (Gen. 27,22). Er gebrauchte sein Mundwerk zum Erzeugen von Wohlwollen und Kommunikation, er bringt die Erkenntnis in die Welt, dass sich die Welt mit der Kraft des Mundes zu ihrer Bestimmung bringen lässt. Die Frage, wer den Segen Jizchaks erhält, entscheidet auch über die dominante Kraft in der Welt - die Kraft der gewalttätigen, stummen Hände, oder die Kraft des geduldigen, glaubenden Mundes. Am Ende erhält Jakov
den Segen, als seine Stimme, die Stimme Jakovs, in Jizchaks Ohren klingt,
doch seine Hände sind als Eßaws Hände verkleidet, um zu
zeigen, dass die innere Stimme, der Weg des Ausgleichs und der Friedfertigkeit
siegen wird, doch werden sich Jakov und seine Nachkommen manchmal der Verkleidung
als Eßaw bedienen müssen, damit die Welt am Ende die Stimme
Jakovs erhört.
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