DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT WAJESCHEW
Nr. 697
23. Kislev 5769

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 37,1 - 40,23):
Josefs Träume, Feindschaft seiner Brüder, als Sklave nach Ägypten, Jehuda und Tamar, Josef im Hause Potifar, im Gefängnis, deutet die Träume Pharaos Mundschenks und Bäckers.
 
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...
 

Verzweiflung und Verstand
 
 
 

Rav Eran Tamir
Rabbiner an MACHON MEIR

Unser Wochenabschnitt endet mit: "Doch der Obermundschenk gedachte nicht des Josef, und vergaß ihn" (Gen. 40,23). Nach der Erklärung der talmudischen Weisen brachte Josefs Bitte, nachdem er den Traum des Mundschenks gedeutet hatte, dass dieser sich an Josef erinnere und ihn vor Pharao in Erinnerung bringe, ihm zwei weitere Jahre im ägyptischen Gefängnis ein. Dieses Ende scheint dem ganzen Wochenabschnitt gegen den Sinn zu gehen. Während des gesamten Verlaufes der Geschichte erleben wir Josefs Bemühungen auf verschiedenen Gebieten, beginnend mit dem Versuch der Besserung des Verhaltens seiner Brüder, nach seinem Verständnis, durch Überbringung ihrer Nachrede an seinen Vater, und weiter bei der Geschichte von seinen Träumen, und bei seiner Suche nach ihnen in der Gegend von Schchem, trotz der damit verbundenen Gefahr, bis hin zu seinen Bemühungen im Hause seines Herrn in Ägypten, bis dass er über dessen ganzen Besitz eingesetzt wurde. Und ausgerechnet bezüglich der letzten Bemühungen von Josef, nämlich aus dem Gefängnis heraus zu kommen, indem er den Obermundschenk um seine Erinnerung vor Pharao bat, sagten die talmudischen Weisen: "Heil dem Manne, der den Ewigen genommen zu seinem Verlass, und sich nicht gewandt zu den Prahlern... (Psalm 40,5) - das ist Josef... Weil er zum Obermundschenk sagte, [dass dieser sich an Josef] erinnere und [ihn vor Pharao] in Erinnerung bringe, wurden ihm zwei Jahre [Gefängnis] hinzu gefügt" (Midrasch Bereschit raba 89,3). Warum?! Worin unterscheidet sich diese Bemühung von seinen anderen Bemühungen, bis dass er dafür mit zwei weiteren Jahren im ägyptischen Gefängnis bestraft wurde?

Dazu finden wir eine Erklärung im Buche "Emuna uBitachon" des Chason Isch (Rabbiner Awraham Jeschajahu Karelitz, einer der bedeutendsten Rabbiner seiner Zeit, starb kurz nach der Staatsgründung Israels): "Josef wusste, dass seine Rettung nicht von seinen Bemühungen abhing, sondern in den Händen G~ttes lag, doch weil der Mensch zur Aktivität verpflichtet ist und nicht auf Wunder vertrauen darf, meinte Josef, diese Gelegenheit ergreifen zu müssen und den Obermundschenk zu bitten; doch da ein gutes Erinnerungsvermögen nicht zu den starken Seiten der Ägypter zählte, wäre so eine Tat nur eines Verzweifelten würdig, denn ein Verzweifelter greift nach jedem Strohhalm, auch nach Dingen fern jedes Nutzen, aber wer auf G~tt vertraut, darf solche Dinge nicht tun, und sie gehören nicht zu den gebotenen Aktivitäten, vielmehr bedeuten sie eine Vernebelung des Glanzes von Glauben und G~ttvertrauen, und da es kein Gebot ist, ist es verboten". (82-86).

Es ergibt sich aus diesen Worten, dass eine auf Verstand und Nutzen gestützte Bemühung nicht nur empfehlenswert, sondern eine Pflicht ist, doch eine Bemühung, deren Nutzen unklar und die nur aus Verzweiflung ins Blaue hinein unternommen wird, ist absolut verboten. Rabenu Bechaje brachte als Grund dafür die Erlösung aus Ägypten, die fast vollständig auf Wundern beruhte - und dennoch mussten die Kinder Israel bewaffnet aus Ägypten ziehen (siehe Raschi zu Ex. 13,18). "Nach der einfachen Wortbedeutung zogen die Israeliten aus Ägypten wie die Pioniere der Armee, die in den Krieg ziehen, und obwohl die Israeliten nicht wie die anderen Völker waren, die sich gegen die Feinde bewaffnen müssen, war es der Wille der Tora, dass der Mensch auf dem Wege der Natur handle, alles, was in seiner Hand ist zu tun, und das Übrige überlasse er dem Himmel, und so sprach der König Schlomo: Das Ross wird gerüstet für den Tag des Kampfes, aber beim Ewigen ist der Sieg (Sprüche 21,31), d.h. die Menschen sind verpflichtet, ihre Seelen zu schützen und Pferde und Kriegsgerät bereit zu stellen, und der Ewige wird erretten, denn die Rettung erfolgt nur durch den Hochgelobten allein".

In unserer turbulenten Zeit, in der schwere politische Entscheidungen getroffen werden, wissen wir, nicht zu verzweifeln und in keine Verzweiflungstaten zu verfallen, sondern werden alles tun, was in unserer Macht steht, mit G~ttvertrauen und Glauben, und "der Mächtige Israels wird nicht lügen und sich nicht bedenken, denn nicht ein Mensch ist er, sich zu bedenken" (Schmu'el I, 15,29). Und wie sehr sind die Worte Rabbiner A.J.Kuks in unseren Tagen vonnöten: Selbst das furchtbarste spirituelle Verderben kann nicht den Auftrag unserer Seele vollkommen zerstören, wie wir aus dem Midrasch der talmudischen Weisen lernten: Warum werden sie 'andere Götter' (elohim acherim) genannt? Weil sie das Gute verzögern (meacherim), in die Welt zu kommen. - Gerade verzögern können sie das Gute, in der Welt zu erscheinen, jene, die Zerstörung und Verderben in Israel anrichten, aber nicht das Gute vernichten. Aber wie furchtbar ist die Hinauszögerung des Guten! Wieviele Seelen in Generationen versinken in der Verzögerung des allgemeinen Guten, das wir zu fördern uns unter Selbstaufopferung anstrengen müssen. Doch weil wir nicht wie Verzweifelte kämpfen, sondern wie Helden, die sich ihres Zieles sicher sind, muss unser Kampf immer mit voller Vorsicht in Ehrlichkeit und mit Verstand geführt werden. Darum gilt unser praktisches Wirken in diesen Tagen auf kurze Sicht dem täglichen Leben, und auf lange Sicht - der Erziehung. Und wissen wir dabei, dass die Rettung G~ttes ist, in jenen Tagen und in dieser Zeit.
 
 
 
HaRav Aviner

Sofortige Behandlung

Rav Schlomo Aviner
Oberrabbiner von Bet El und Rosch Jeschiwa von "Ateret Kohanim/Jeruschalajim" in der Jerusalemer Altstadt

Viele Juden pflegen jeden Tag nach dem Morgengebet die Verse der sechs Erinnerungen zu sagen (Sefer Charedim 4.Kap.; sie sind in vielen Gebetbüchern abgedruckt). Eine davon lautet: "Gedenke was der Ewige dein G~tt an Miriam getan auf dem Wege bei eurem Auszuge aus Ägypten" (Dt. 24,9), die nämlich bestraft wurde, weil sie Aharon üble Nachrede über unseren Lehrer Moscheh erzählt hatte (siehe Raschikommentar). Doch lässt sich dazu fragen: Sie sprach doch die Wahrheit! Moscheh hatte sich doch wirklich von seiner Frau getrennt!
Das ist der 1. Irrtum: Üble Nachrede (laschon hara) ist auch verboten, wenn sie wahr ist. Wenn es sich nämlich um eine Lüge handelt, nennt man das Verleumdung (mozi schem ra), und das ist noch schlimmer. 

Aber Miriam erzählte das doch nicht in aller Öffentlichkeit, sondern nur einem einzigen Menschen?
2. Irrtum: Auch einem einzigen Menschen laschon hara zu erzählen ist verboten. Wenn man sie vielen Leuten erzählt, multipliziert sich die Sünde entsprechend der Anzahl der Zuhörer.

Aber Miriam erzählte sie doch Aharon, einem heiligen Menschen, der seine Zunge zu hüten wusste?
3. Irrtum: Auch einem Gerechten darf man sie nicht erzählen, und schon gar nicht einem Bösewicht, der sie weiter erzählt.

Aber Aharon gehörte doch zur Familie?
4. Irrtum: Auch innerhalb der Familie darf man keine laschon hara erzählen, und erst recht wäscht man seine schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit. 

Aber Miriam liebte Moscheh wie ihre eigene Seele, durch ihr Verdienst kam er zur Welt, weil sie ihre Eltern überredete, wieder zu heiraten, und er blieb durch ihren Einsatz am Fluss am Leben?
5. Irrtum: Auch wenn dir jemand viel schuldig ist, wird er damit nicht dein Eigentum und du hast kein Recht, schlecht von ihm zu reden.

Aber wie hätte Miriam denn wissen können, dass der Herr der Welt Moscheh befohlen hatte, nicht zu seiner Frau zurück zu kehren? Waren doch sowohl Miriam als auch Aharon Propheten, und G~tt befahl ihnen: "Kehret heim nach euren Zelten" (Dt. 5,26), und wie konnte sie wissen, dass G~tt zu Moscheh sprach: "Und du bleibe hier bei mir" (V.27)?
6. Irrtum: Wenn man nicht bescheid weiß, redet man nicht, als ob man bescheid wüsste, sondern prüft vorher nach, erstmal hinterfragt man. Moscheh war nämlich nicht wie die übrigen Propheten: "Wenn eure Weissagung..." (Num.12,6), dann so und so, "nicht also mein Knecht Moscheh" (V.7). Maimonides erklärte im "Führer der Unschlüssigen", dass Moscheh kein Prophet im regulären Sinne war, sondern auf einer viel höheren Stufe, nur dass wir dafür kein spezielles Wort in der menschlichen Sprache haben, um diese zu beschreiben; nur darum nennen wir ihn "Prophet" (II,35). Miriam und Aharon betrachteten Moscheh als ihnen ebenbürtig, nicht als einfachen Menschen, sondern als Propheten, und das führte zur üblen Nachrede.

Aber Miriam war doch eine heilige Person voller Verdienste, und warum wurde sie für eine kleine Sünde bestraft?
7. Irrtum: Auch einem heiligen Menschen ist das Reden von laschon hara verboten.
8. Irrtum: Laschon hara ist keine kleine Sünde.

Unser Lehrer Moscheh war aber doch ein sehr sanftmütiger Mensch, und er nahm sich das nicht zu Herzen, wie es heißt: "Und der Mann Moscheh war sehr sanftmütig, mehr als irgend ein Mensch auf dem Erdboden" (Num. 12,3)?
9. Irrtum: Auch über einen sanftmütigen Menschen, der es nicht übel nimmt, darf man keine laschon hara reden. Zwar verzieh ihnen Moscheh, aber G~tt verzieh ihnen nicht. (Siehe Maimonides, Gesetze von der Aussatzunreinheit, 16,10; Nachmanideskommentar zu dieser Torastelle und zum Buch der Gebote, Mizwa 7).

Y
Verbleibt uns nun die Frage: Wie lösen wir dieses Problem? Müssen wir zu jeder Sache schweigen, die uns nicht in Ordnung erscheint? 

Antwort: Sicher nicht. Vielmehr muss man zuerst mit dem Betroffenen selber sprechen; nicht über ihn, sondern mit ihm. Hätte Miriam Moscheh direkt gefragt, hätte er ihr sofort alles erklärt, und die ganze Geschichte wäre uns erspart geblieben. Es gibt zwar Menschen, mit denen man einfach nicht reden kann, und solche, die nicht zuhören. Nicht so unser Lehrer Moscheh: er war sanftmütig, und auch nicht umringt von Beamten und Bediensteten, vielmehr war er für jedermann persönlich erreichbar, erst recht für seine Schwester.

Y
Und Sie, lieber Leser, wenn Ihnen das oben Erwähnte neu ist, haben Sie ein ganz schönes Problem. Sie bedürfen dringender Behandlung. Sie müssen sofort mit dem Studium des Buches "Chafez Chajim" und "Schmirat Halaschon" anfangen. "Chafez Chajim", um die Gesetze kennen zu lernen, und "Schmirat Halaschon"*, um eine Persönlichkeit zu schaffen, die gar nicht fähig ist, üble Nachrede von sich zu geben, der es zur Natur wurde, sich vor laschon hara zu ekeln und angewidert zu fühlen. Einmaliges Studium reicht hierbei nicht aus, man muss es wieder und wieder durch lesen. [*Falls Ihnen diese Werke nicht zugänglich sind, wäre es vielleicht eine gute Idee, einen Studienkreis zu diesem Thema in Ihrer Gemeinde einzurichten].

In der Zwischenzeit behelfen Sie sich mit der Kurzfassung: "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem andern zu" (Schabbat 31a). Was du nicht willst, das man über dich redet, das rede nicht über andere. - Zwar löst das nicht alle Probleme, aber doch eine ganze Menge. 

Möge sich damit an uns erfüllen: "Wahre deine Zunge vor Bösem, und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden. Weiche vom Bösen und tue Gutes, suche den Frieden und jage ihm nach" (Psalm 34,14-15).
 
 

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