DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Gen. 47,28
- 50,26):
In unserem Wochenabschnitt heißt es: "Und so segnete er sie an demselben Tage mit den Worten: Mit dir wird Israel segnen also: Dich mache G~tt wie Efraim und Menasche" (Gen. 48,20). Bis auf den heutigen Tag ist es der Brauch der Eltern, ihre Söhne mit diesem Segen am Schabbatabend zu segnen: "Mache dich G~tt wie Efraim und Menasche". Dazu lässt sich fragen, warum übersprang unser Vorvater Jakov eine ganze Generation, warum konnte er bei seinen eigenen Söhnen keinen finden, der als Vorbild für den Segen diene? Manche erklären es damit, dass die Söhne Jakovs im Lande Israel im Umfeld seines Zeltes und seines Lehrhauses aufwuchsen, und unter solch idealen Umständen verwundert es Niemanden, wenn sie zu Gerechten wurden. Efraim und Menasche hingegen wuchsen in Ägypten im Hause des Vizekönigs auf, und in so einer Atmosphäre kann man leicht vom Wege abkommen. Und siehe da, Efraim und Menasche bestanden trotzdem die Prüfung der Versuchungen und wurden zu Gerechten, darum segnet der Vater die Söhne: Auch wenn ihr in schwierige Situationen kommt, die euch auf die Probe stellen, sei es euch vergönnt, Gerechte wie Efraim und Menasche zu bleiben. Eine andere Erklärung betont, dass wir bereits zu Beginn des Buches Bereschit (Genesis) von Streitereien zwischen Brüdern erfahren, besonders, wenn der jüngere zu größerer Bedeutung erwuchs als der erstgeborene, z.B. Kain und Hewel, Jizchak und Jischma'el, Jakov und Eßaw, und auch zwischen den Brüdern Josefs herrschte zu Anfang nicht immer eitel Brüderlichkeit. Und nun zieht Jakov den jüngeren Efraim seinem älteren Bruder Menasche vor und dennoch finden wir bei ihnen kein bisschen Streit oder Neid, und darum segnet jeder Vater seine Söhne auf diese Weise, um auszudrücken, selbst wenn einer von euch zu Größe aufsteigt und seine Brüder übertrumpft, sei zwischen euch weder Neid noch Hass, sondern Liebe und Brüderlichkeit wie zwischen Efraim und Menasche. Warum nun wurde Efraim dem Menasche vorgezogen? Als Josef sah, wie sein Vater seine rechte Hand auf den Kopf von Efraim legte, versuchte er, sie anzuheben und auf den Kopf von Menasche zu lenken, wobei es heißt: "Aber sein Vater verweigerte es und sprach: Ich weiß, mein Sohn, ich weiß" (Gen. 48,19). Das Wort "verweigerte" (wajema'en) kommt in der Tora selten vor und erinnert an die Weigerung im Wochenabschnitt "Wajeschew", als sich die Frau des Potifar mit einem unsittlichen Antrag an Josef wandte; auch dort heißt es wajema'en, "er aber weigerte sich und sprach zu der Frau seines Herrn.." (39,8). Besteht etwa zwischen den beiden wajema'en ein Zusammenhang? Dazu fand ich in der Tora schlema von Rabbiner Kascher ein Zitat aus dem Sohar chadasch folgendermaßen: "weigerte sich und sprach - sprach der Heilige, gelobt sei er, zu ihm (Josef): ..bei deinem Leben, in der Zukunft wird es noch ein weigerte sich / und sprach geben, und damit werden deine Söhne gesegnet werden, wie es heißt: Aber sein Vater verweigerte es und sprach". Nun müssen wir nur noch verstehen, wie das Verdienst aus Josefs Weigerung bei der Frau von Potifar zu der Bevorzugung von Efraim vor Menasche führte. Dazu ziehen wir den Kommentar des Neziw in "Ha'emek dawar" heran, der zum Vers "bedächtlich legte (überkreuzte) er seine Hände.." (48,14) die Frage stellt: Warum ließ Jakov nicht einfach Efraim zu seiner Rechten und Menasche zu seiner Linken stehen, anstatt seine Hände zu überkreuzen? Und erklärte, dass die Bevorzugung Efraims vor Menasche nur "bei spirituellen Dingen, über dem natürlichen Weltgeschehen, galt; beim regulären Lauf der Welt jedoch, bei praktischen Dingen, kam Menasche vor Efraim und war auch größer als jener". Die Hand symbolisiert die spirituellen Aspekte, "sie dient dem Kopf und dem Verstand, und der Fuß der Bewegung des Körpers entsprechend seiner Natur". Seitens des Fußes - natürlicher Weltenlauf, die praktische Seite - war Menasche der größere, und darum blieb er auf der rechten Seite, beim rechten Fuß, und was mit der "Hand" zu tun hat, mit der geistigen Welt, geht die rechte Hand ausgerechnet zu Efraim, der dabei der größere ist, der vorrangige, und darum erhält er den Segen der rechten Hand. Damit lässt sich nun Folgendes erklären: Bekanntlich beherbergt der Mensch fleischliche, begierliche Kräfte, die ihn manchmal vollkommen beherrschen. Josef, der der Versuchung widerstand und sich nicht mit Frau Potifar einließ, zeigte damit, dass die spirituelle Seite bei ihm vorherrschte und er dank Tora und Geboten die materiellen Kräfte beherrschen konnte, wie er zu Frau Potifar sagte: "und wie sollte ich diese große Übeltat begehen und sündigen gegen G~tt?" (39,9). Da sprach G~tt zu ihm: "Bei deinem Leben, durch das Verdienst dieses 'weigerte sich', als du deine Begierde bezwangest und deine spirituellen Kräfte zum Wegweiser deines Lebens machtest, wird dir ein weiteres weigerte sich vergönnt sein, wenn Jakov Efraim vorziehen wird, den spirituellen Menschen, der bei den spirituellen Dingen den Ton angibt, und ihn über Menasche zum Haupt einsetzen wird. Wir lernen also aus der Bevorzugung
von Efraim vor Menasche ein wichtiges Prinzip, nämlich dass unsere
spirituelle Seite die vorherrschende und wegweisende auf unserem Lebensweg
sein muss, und durch diese Vorherrschaft wird der Mensch auch in materiellen,
praktischen Dingen die richtigen Entscheidungen fällen und ihm der
Segen G~ttes bei allen seinen Werken zuteil werden.
Das Thema "böser Blick" (ajin ha'ra, wörtl.: böses Auge) ist eine heikle Angelegenheit. Einerseits glauben Viele an seine Existenz und an seine Kraft; kann es andererseits aber wirklich angehen, dass ein Mensch vom bösen Einfluss anderer auf ihn abhängig ist und nicht von seinen eigenen Taten und seinen eigenen freien Entscheidungen, dem Fundament unseres Glaubens?! Wie lässt sich demnach der "böse Blick" begreifen? Eine Möglichkeit besteht in der Erklärung, es gebe so etwas wie den "bösen Blick" überhaupt nicht und es handele sich dabei bloß um eine Erfindung der menschlichen Einbildung, Einfältigkeit vermischt mit abwegiger Mystik, von der es sich so schnell wie möglich zu befreien gilt. Was aber sagen wir zu den zahlreichen Erwähnungen des ajin ha'ra in Mischna und Talmud, aus denen klar hervor geht, dass so eine Kraft, ajin ha'ra genannt, wirklich existiert? Wollen wir uns dazu zwei Beispiele aus dem Talmud näher ansehen: "Rabbi Abahu sagte im Namen Rabbi Hunnas: So sagte Raw: Man dürfe nicht neben dem Felde seines Nächsten stehen, wenn [das Getreide] in den Halmen steht" (Baba mezia 107a). Der Raschikommentar bemerkt dazu: "damit er ihm durch den bösen Blick keinen Schaden zufüge". - "der Ewige wird von dir jede Krankheit fernhalten (Dt. 7,15); Raw erklärte, darunter sei das [böse] Auge zu verstehen" (B.m. 107b). Raschi: "jede Krankheit - das, wovon alle Krankheiten abhängen, nämlich das Auge, das böse Auge". Weiter wird dort von Raw erzählt, der auf den Friedhof ging und in seiner Weisheit fest stellte, dass von hundert dort Begrabenen neunundneunzig wegen ajin ha'ra vor ihrer Zeit gestorben waren, und nur einer auf natürliche Weise nach vollendeter Lebenszeit. Darum hat es keinen Sinn, sich diesem heiklen Thema durch Leugnung zu entziehen, vielmehr muss man sein Wesen zu verstehen suchen, wie diese Kraft, ajin ha'ra genannt, funktioniert. Daraus wird sich automatisch ergeben, wie man im Lichte der Tora mit diesem Thema fertig wird. Im Talmudtraktat Brachot (55b) wird gelehrt, dass sich die zwei Verse, aus denen wir dies entnehmen können, in unserem Wochenabschnitt befinden. Der eine im Segen Jakovs für Josef: "ein fruchttragendes Reis ist Josef, ein fruchttragendes Reis an einer Quelle (Gen. 49,22), und man lese nicht ale-ajin [an einer Quelle], sondern ole-ajin [das Auge übersteigend]", das böse Auge übersteigend. Der andere im Segen Jakovs für seine Enkel Efraim und Menasche, die Söhne Josefs: "sie mögen sich fischartig auf Erden vermehren - wie die Fische im Meere das Wasser bedeckt und das böse Auge keine Macht über sie hat, so hat auch über die Kinder Josefs das böse Auge keine Macht". Dazu erklärte Rabbiner A.J.Kuk (Ejn aja zur Stelle): "Was die Seelen eine auf die andere bewirken, dort hat das ajin ha'ra einen Anhaltspunkt, Böses zu bewirken". Erklärung: Es gibt zwei Arten Einfluss zwischen den Menschen, nämlich offensichtlichen und versteckten. Der offensichtliche Einfluss resultiert aus Rede, logischen Argumenten und dergleichen, ein Einfluss, dessen Wirkungsweise offen erkennbar ist. Der offensichtliche Einfluss erfolgt meist in einer bestimmten Angelegenheit, zu einem spezifischen Thema, zu dem der eine seinen Nächsten beeinflussen will. Demgegenüber erfolgt der verborgene Einfluss nicht zu diesem oder jenem Punkt, sondern wirkt allgemein, als Ergebnis einer Ausstrahlung, eines Vorbildes und ähnlichem. Dieser Einfluss wird versteckt genannt, da er auf verborgene Weise wirkt. Das kann so weit gehen, dass der Beeinflussende selbst nicht merkt, wie andere von ihm beeinflusst werden... Einer der verborgenen Einflüsse, den der Schöpfer der Natur bestimmte, zwischen den Menschen, ist das ajin ha'ra. Es handelt sich um Gedanken, um eine negative Ansicht des Menschen von seinem Nächsten als Ergebnis einer schlechten Betrachtungsweise, er belegt ihn mit dem bösen Blick - wegen seiner Erfolge in der Welt usw. Wir haben es also nicht mit einer mystischen, verhexenden Kraft o.ä. zu tun, sondern mit einer der versteckten Kräfte der Natur. Rabbiner Kuk fügte hinzu, dass jede Kraft, ob offen oder verborgen, ein genau bestimmtes Wirkungsfeld hat, eine bestimmte Wirkungsweise, bestimmte Kriterien, von deren sämtlicher Erfüllung die Wirkung der Kraft abhängig ist - so auch die Kraft, die ajin ha'ra genannt wird, die nur unter bestimmten Bedingungen wirksam wird. So schrieb Rabbiner Kuk: "Sie wirkt jedoch nur bei einer Schwäche der beeinflussten Seele, und der Inhalt dieser Schwäche besteht darin, das sie nicht ihren eigenen Wert gehörig erkennt, und das Schwergewicht ihres Wirkens liegt nur auf dem äußerlichen Blick des Auges. So eine schwache Seele, bei der die äußeren Einflüsse ihren Weg durchs Leben leiten, erhält mit Leichtigkeit auch einen bösen Einfluss von außen". Erklärung: Jeder Mensch verfügt einerseits über seine eigene Persönlichkeit, Charakter, Begabungen, eine besondere göttliche Seele, und darum selbstverständlich auch eine besondere spirituelle Aufgabe. Doch gleichzeitig ist der Mensch auch ein Gesellschaftswesen, und darum besteht ein Wirkungsverhältnis zwischen ihm und der Gesellschaft. Hier heißt es aufzupassen, da zwar die Gesellschaftlichkeit ein integraler Bestandteil der menschlichen Existenz ist, doch ist es dem Menschen strengstens verboten, sich so sehr von der Gesellschaft beeinflussen zu lassen, bis sie ihm vorschreibt, wie er sein Leben zu führen habe, welche Entscheidungen zu treffen usw., auch wenn es sich manchmal um sehr nahestehende Menschen handelt. Vielmehr muss jeder Mensch seinen Charakter und seine Persönlichkeit in den Mittelpunkt seines Lebens stellen, sie genau kennen und ihr Potential voll zur Geltung bringen. Darum wirkt das ajin ha'ra wie alle anderen verborgenen Einflüsse nur auf jene, die für ihren Empfang "offen" sind, wer sein Leben nicht wirklich gemäß seiner eigenen Persönlichkeit führt, sondern immer darauf achtet, was wohl die anderen in seinem gesellschaftlichen Umfeld dazu sagen würden. So wie die äußeren Einflüsse auf ihn wirken, weil er ein gesellschaftlich beeinflussbarer Typus ist, so wird auch das ajin ha'ra der anderen auf ihn wirken. Wer jedoch seinen eigenen "Standpunkt" hat, nicht etwa von Stolz, g~ttbehüte, sondern in Erkenntnis seines wirklichen Selbstwertes, aus der Verantwortung heraus, seine Aufgabe in dieser Welt zu offenbaren - auf so einen wird das ajin ha'ra anderer keine Wirkung zeitigen, denn wenn jene ihre bösen Blicke auf ihn abfeuern, werden sie von einer geschlossenen Türe abprallen, die solche Einflüsse nicht durch lässt. So wie ein Mensch, der nahe am Fluss wohnt und sich das Wasser bei Flut seinem Haus nähert. Wenn er seine Tür offen lässt, wird das Wasser ins Haus dringen und alles überschwemmen, eine große Gefahr. Wenn er aber die Tür schließt, wird das Wasser zwar das Haus erreichen, aber ohne Einfluss auf ihn zu nehmen wieder zurück weichen. Und wie Rabbiner Kuk dort weiter schrieb: "Und dadurch, dass er das wahre Glück und die Ruhe seiner Seele in seiner eigenen inneren Welt findet, hängt er nicht vom äußerlichen Einfluss der ihn umgebenden Geschöpfe ab, ihre Ansichten zum Zentrum seines Lebens und seiner Wege zu machen, und damit wird er sich über die äußerliche Herrschaft des Bösen erheben, die auf die niederen und schwachen Seelen wirkt". Stärken wir also unseren
Geist, halten wir treu zu unserem natürlichen, göttlichen Selbst,
lassen wir uns nicht von gesellschaftlichem Druck beeinflussen, weder von
offenem noch von verborgenem, nicht von nahe stehenden Menschen und nicht
von fernen, genau so wie Josef der Gerechte, der sich über "das Auge"
erhob, indem er sich selbst und seiner Eigenständigkeit treu blieb,
trotz seiner fernen und schwierigen Existenz in Ägypten, und darum
war es nur natürlich, dass auch seine Söhne, Efraim und Menasche,
diese Einstellung von ihm erbten und wie Fische waren, die das Wasser der
Tora bedeckt, die ihren Wert bestimmt und ihr Leben in Wahrheit lenkt;
darum herrschte über sie keinerlei ajin ha'ra, im Gegenteil,
"sie mögen sich fischartig auf Erden vermehren".
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
SPENDEN
Lichterzünden/Schabbatausgang
in:
|