DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Diese Woche in der Tora (Ex. 25,1
- 27,19):
"Und sie sollen eine Lade aus Akazienholz machen... und überziehe sie mit reinem Golde, von innen und von außen sollst du sie überziehen" (Ex. 25,10-11). Hieraus lernten die talmudischen Weisen, dass Bezalel drei Laden anfertigte: zwei aus Gold - den äußeren Überzug und den inneren, und eine aus Holz - den Kern. Der Betrachter kann die hölzerne Lade nicht sehen, sondern nur die goldenen. Wozu war demnach überhaupt die hölzerne Lade nötig, die im Golde verborgen ist? Gold ist zwar ein schönes und teures Material, doch nur lebloses Metall. Holz hingegen gehört zur Pflanzenwelt. Der Baum hat Lebendigkeit, er wächst, vermehrt sich, trägt Blüten und Früchte. Der Gedanke, den die Tora durch die Lade ausdrücken wollte, ist die Festigkeit und die Beständigkeit des äußeren Rahmens, darum ist er aus Gold, doch darin verborgen schlägt ein lebendiges Herz. So verhält es sich auch mit unserer Tora. Dem oberflächlichen Betrachter mag sie als fester verpflichtender Rahmen erscheinen, der dem Menschen keinen Spielraum für Eigeninitiative, eine eigene Meinung und die Entwicklung seiner Persönlichkeit zu lassen scheint. Doch dieser Schein trügt. Einem ernsthaften Menschen, der den Dingen auf den Grund geht, offenbart sich die Tora als ein pulsierender und erfrischender Baum des Lebens. Im Tur (Vorläufer des Schulchan Aruch) wird der Segensspruch (über die Tora) "der uns ewiges Leben einpflanzte" als die mündliche Lehre betreffend erklärt (O.C. §47). Er wollte damit sagen, dass die schriftliche Lehre in einen festen Rahmen von Buchstaben gegossen ist, denen nichts hinzuzufügen und von denen nichts abzuziehen ist. Die mündliche Lehre hingegen ist fruchtbar und mehrt sich, sprießt und wächst. Denn das Leben ist fließend und stellt den Menschen ständig vor neue Dilemmas. Er muss sich mit ihnen auseinander setzen und an den Prinzipien der schriftlichen Lehre die sich erneuernden Situationen messen, mit denen ihn das Leben konfrontiert. Die praktische Ausführung erfordert eine tiefschürfende Auslegung nach den Toraprinzipien, und darum müssen wir jedes Mal aufs Neue unser Verständnis der Tora vertiefen, um sie so richtig wie möglich zur Anwendung zu bringen. ... Der Baum hat sein eigenes
Leben. Ohne den teuren Rahmen um ihn herum könnte er sich in eine
unerwünschte Richtung entwickeln. Der Wind mag ihn in die eine Richtung
neigen, andere Einflüsse in andere Richtungen. Um die gewünschte
Richtung zu wahren, ist ein fester Rahmen aus reinem Gold erforderlich.
Die Prinzipien sind unveränderbar. Ein äußerlicher Rahmen
alleine, ohne lebendigen und aktiven Willen, ist ein toter Körper,
g~ttbehüte, seelenlos. Für die mündliche Lehre gibt es feste
Auslegungsregeln. Sie ruht auf unerschütterlichen Grundsätzen
und bewegt sich auch in einer bestimmten intellektuellen Oberschicht. Ihr
ununterbrochenes Bestehen über die Generationen erzeugte eine akzeptierte
Tradition, Verfahren und Abläufe und ein gesellschaftliches Umfeld
mit verpflichtenden Normen. Allerdings entstanden all diese nur zur Ermunterung
fortgesetzter Blüte und Wachstum. Ein jüdischer Mensch, der sich
mit dem Bestehenden begnügt und nicht nach Weiterentwicklung und spirituellem
Wachstum strebt, gleicht einem welken und versteinerten Geschöpf.
Jede Generation muss ihre Vorgängerin weiter entwickeln, so wie ein
Baum jedes Jahr einen neuen Ring seinem Stamm hinzu fügt. Das Festhalten
an äußerlichen Traditionen, die nicht zur Halacha gehören,
während die äußerlichen Lebensumstände deren Änderung
nötig machen, bedeutet eine gefährliche Erstarrung. Nehmen wir
zum Beispiel den Übergang vom Exil (Galut) nach dem Lande Israel:
Er verpflichtet zur Erfüllung "neuer" Gebote, die in der Galut nicht
zur Anwendung kamen, wie die Priesterhebe (Trumot), die Verzehntung
von Obst und Gemüse (Ma'asserot) und das Siebtjahr (Schmita).
Die Gewohnheiten, die zu einer zweiten Natur wurden, erschweren das Bedürfnis
der Auffrischung und das Gewöhnen an neue Normen. Auch die Änderung
im Leben des Volkes Israel, das nunmehr über einen eigenen Staat verfügt
und selber für seine Sicherheit, Wirtschaft und gesellschaftliche
Strukturen Sorge tragen muss, verpflichtet zur Erfüllung zusätzlicher
Gebote im Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen, wobei ein Verantwortungsgefühl
für die israelische Allgemeinheit verlangt wird - Dinge, die uns in
der Galut unbekannt waren.
Frage: Ich verstehe die Einstellung von Regierung und Knesset zum Land Israel überhaupt nicht. Ich könnte glatt verrückt werden. Vertreibung tausender treuer Staatsbürger, so wie es in Gusch Katif geschah (ehemals jüdisch besiedelter Teil des Gasastreifens) und Übergabe des Gebietes an den Feind, wäre in Amerika niemals möglich gewesen, und auch nirgendwo anders auf der Welt. Lassen sich denn bei uns keine normalen Staatslenker finden? Antwort: Erstmal beginnt es nicht beim Regierungschef, oder bei der Regierung oder der Knesset, sondern beim Volk selber. In einem Staat wie dem unseren bestimmt das Volk, und die Regierung ist nichts anderes als ein Werkzeug, den Gedanken und dem Willen des Volkes Ausdruck zu verschaffen - und das mit einigermaßen langfristigem Ausblick. Diese Tatsache zeigt einerseits die Schwere des Problems, das sich nämlich nicht auf die Schnelle mit dem Wundermittel des Auswechselns der Führung lösen lässt, andererseits aber füllt sie uns mit gewaltigem Glauben, denn das Volk können wir beeinflussen. Bei den Leuten in der Regierung spielen außerdem alle möglichen Interessen und fremde Überlegungen mit, und wie es im Volksmund heißt: Die Knesset ist kein Bet Knesset (Synagoge). Beim Volk jedoch wirken die Einflüsse direkt, natürlich nicht von heut' auf morgen, sondern in einem langsamen, beständigen, geduldigen und hartnäckigen Prozess. Wenn es bei der zionistischen Bewegung nur um die Umsiedlung der Bevölkerung ginge, oder genauer gesagt, Rückführung der Bevölkerung an ihren Heimatort, hättest du recht mit deiner Verwunderung über die schwierigen Stationen, an die wir manchmal gelangen - neben den vielen wunderbaren Stationen, denen wir auf unserem Wege begegnen. Nicht nur das Volk in Zion versteht nach deiner Behauptung nicht die Bedeutung des Landes Israel, sondern auch du selber verstehst sie nicht genug. Darum müssen wir uns unsere Ursprünge vergegenwärtigen, wie unseren Vorvater Awraham. "Und der Ewige sprach zu Awram: Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsorte und aus dem Hause deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde" (Gen. 12,1). Der MaHaRaL ("hohe Rabbi Löw" aus Prag) erklärte dies als eine plötzliche göttliche Attacke auf unseren Vorvater Awraham, als einen absoluten Anbeginn, scheinbar grundlos, ohne uns etwas über Awraham zu erzählen, weder über seine Vergangenheit noch über seine Persönlichkeit - ein vollkommener Bruch mit seiner Familie, seiner Umgebung und seiner Vergangenheit (Nezach Israel "§11). Doch auch die Zukunft verbarg sich im Nebel des absolut Unbekannten: "in das Land, das ich dir zeigen werde" - mache dich auf den Weg, ohne zu wissen wohin, die Dinge werden dir im Laufe der Zeit klar werden. Ähnlich geht es in der Armee zu: Leute, Auf geht's, und um die Einzelheiten kümmern wir uns auf dem Wege. Dieser Weg aber begann anscheinend schon viel früher und mit einem genauen Ziel im Auge: "Und Terach nahm seinen Sohn Awram und den Lot, Sohn Harans, seines Sohnes Sohn, und Sarai, seine Schwiegertochter, die Frau seines Sohnes Awram, und sie zogen mit ihnen aus Ur-Kasdim, um in das Land Kana'an zu gehen, und kamen bis Charan, und wohnten daselbst" (Gen. 11,31). Awrahams Familie machte sich offenbar schon viel früher auf den Weg. Wie verstehen wir also dann den göttlichen Befehl an Awraham? Rabbi Awraham Ibn-Esra erklärte das nach der bekannten Regel "es gibt kein vorher und nachher in der Tora". Die Geschichte braucht nicht in der chronologischen Abfolge aufgeführt zu sein. Noch während des Aufenthaltes seiner Familie in Ur-Kasdim erhielt Awraham die Weisung zur Auswanderung. Doch Raschi erklärte nicht so. "..er war aber doch bereits mit seinem Vater von dort weg gegangen und bis nach Charan gekommen? Nur, so sprach Er zu ihm, entferne dich noch weiter von dort und verlasse dein Vaterhaus". Der göttliche Befehl erschien also nicht aus dem Nichts, sondern baute auf Vorangegangenes, nämlich was Awraham und seine Familie bereits von alleine begonnen hatten. Doch warum nur? Wenn Awraham schon von alleine nach Kana'an aufgebrochen war, wozu war dann der göttliche Befehl nötig? Raschi erklärte zudem: "Gehe für dich - zu deinem Nutzen und zu deinem Glücke", d.h. ein Prozess, der seinen Neigungen entsprach und ihm zu seinem inneren Glück verhelfen sollte - warum ließ G~tt ihn dann nicht auf natürliche Weise zu seinem Wesen und seiner Selbständigkeit gelangen? Und noch schwerer: Was soll die Geheimniskrämerei des "in das Land, das ich dir zeigen werde"? "Er offenbarte ihm das Land nicht sogleich, um es in seinen Augen lieb zu machen und ihm für jeden einzelnen Befehl Lohn zu geben" (Raschi), aber es war doch schon lange ein offenes Geheimnis, das der Bestimmungsort Kana'an hieß! Die Antwort zu diesen Fragen lässt sich im Sohar finden (Hauptwerk der Kabala; Lech lecha, S.77-78). "Komm und sieh... Als sie auszogen, was steht geschrieben? Zum Lande Kana'an zu gehen, es war ihr Wille, dorthin zu gehen. Daraus lernen wir: Jeder der sich spirituell reinigen will, dem wird dabei geholfen. Komm und sieh, dass dem so ist, weil geschrieben steht: um in das Land Kana'an zu gehen, und sofort: Und der Ewige sprach zu Awram: Gehe aus deinem Lande. Und bevor er nicht selber auf diesen Gedanken gekommen war, hieß es nicht: Gehe... Komm und sieh: Ein Wort von oben erwacht nicht eher, bevor es nicht von unten erwacht ist, um sich darauf zu stützen". Das bedeutet, G~ttes Wort aus der Höhe ergeht erst nach einer Vorbereitung des Menschen, nach einem natürlichen Start. Auf das Fundament des natürlichen Zionismus von Awraham baut der erhabene göttliche Zionismus. Der einfache, erstgenannte lässt sich nicht überspringen, denn er bildet die Basis für den erhabenen Oberbau. Nun das zweite Prinzip: "Komm und sieh, dass es so ist, denn sie zogen aus Ur-Kasdim und waren in Charan. Und warum wurde ihm gesagt: Gehe aus deinem Lande und aus deinem Geburtsorte? Wegen der Hauptsache, wie es heißt: in das Land, das ich dir zeigen werde. 'Zeigen werde', was du selber nicht hättest heraus finden können, nämlich die Kraft dieses Landes, die tief und verschlossen ist". Du dachtest wohl, du kennst das Land Kana'an. Stimmt nicht. Dahinter verbirgt sich viel mehr. Viel weiter als Charan (Raschi). Du glaubtest, du marschierst zum bekannten Lande Kana'an, und das stimmte auch, doch von jetzt an gehst du in ein anderes Kana'an, ein verborgenes. Von jetzt an gehst du zwar weiter in die gleiche Richtung, aber ins Unbekannte. "Bleibet hier bei dem Esel, und ich und der Knabe, wir wollen gehen bis dorthin, uns niederwerfen" (Gen. 22,5) - bis hier gingen wir zusammen im Dienst an G~tt, ab jetzt bleibet auf eurer Stufe, die ihr erreicht habt, und ich und mein Sohn werden weiter hinauf steigen" (Rabbiner A.J.Kuk, Sidur Olat Ra'aja). "Nimm doch deinen Sohn... und bringe ihn dort zum Opfer auf einem der Berge, den ich dir ansagen werde" (Gen. 22,2) - ins Unbekannte. Und am Ende wirst du dafür einen erhabeneren Sohn erhalten, einen göttlicheren (Olat Ra'aja, ebda.). Zwei Punkte entnehmen wir dem Sohar: 1.Der göttliche Zionismus baut auf den regulären nationalen Zionismus, 2.Gleichzeitig bedeutet er eine vollkommen andere Stufe, etwas "tiefes und verschlossenes". Darum, mein lieber Freund, wundere dich nicht. Der Auszug von Ur-Kasdim nach dem Lande Kana'an kann in Charan stecken bleiben. Dieser Auszug ist rein und heilig, doch bedeutet er nur die halbe Arbeit. Er begnügt sich mit nur einem Teil des Landes, mit der Hälfte, einem Drittel oder einem Viertel, um für eine funktionierende Wirtschaft und Sicherheit zu sorgen. Er bevorzugt einen kleinen Teil, den aber sicher und klar, vor der unbekannten Größe, der "tiefen und verschlossenen". Das ist deine Aufgabe, mein Freund, nicht das Bestehende zu verachten, sondern dessen Wert zu respektieren und ihn zu lieben - und eine erhabenere Stufe darauf zu bauen. Nicht auslöschen und austauschen, sondern erheben und erhöhen. Nicht "Jene", das die Früheren disqualifiziert, sondern "Und jene", das zu den Früheren hinzu fügt. Doch zu all dieser Wahrheit gibt es eine höhere Wahrheit, und zwar brauchst du diese zweite, höhere Stufe gar nicht zu bauen. Sie existiert bereits, nur dass man sie nicht sehen kann, weder du noch das Volk in Zion. Ohne diese "tiefe und verschlossene" Seite wäre das jüdische Volk nicht zu neuem Leben erwacht und würde heute nicht sein Leben mit Mut und Stärke und mächtigem inneren Glauben weiter führen. Diese "tiefe und verschlossene" Seite besteht auch heute, nur ist sie eben "tief und verschlossen". Doch das ist ein anderes Thema, dafür musst du gründlich das Buch "Orot" von Rabbiner Kuk studieren. MJ386
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Rabbiner Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch
im Internet (audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
Radio "Reschet Moreschet" -
Desgleichen Radio "Kol-Chai", Di.
23.00-24.00,
MACHON MEIR
MACHON ORA - für Frauen
Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
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