DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
SCHABBAT CHOL HAMO'ED SUKKOT
19. Tischri 5769

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Dt. 32,1-32,52):
Weltgeschichte von ihren Anfängen bis zum Ende in kurzer Gedichtform, nochmalige Ermahnung des Volkes, Vorschau auf Moschehs Tod.

Dienstag: Beginn des Laubhüttenfestes
(Sukkot)


Am Jontef-Tisch...

Eine zeitweilige Anwesenheit

Rav Joram Elijahu 
Rabbiner an MACHON MEIR

Zum Vers "In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage" (Lev. 23,42) erklärten die talmudischen Weisen: "Eine Festhütte, die mehr als zwanzig Ellen (=10m) hoch ist, ist unbrauchbar" (Beginn des Traktates Sukka). Und woher wissen sie das? "Raba entnimmt dies hieraus: In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage - die Tora sagt damit, dass man die ganzen sieben Tage seine permanente Wohnung verlasse und in einer provisorischen Wohnung wohne. Bis zwanzig Ellen errichtet man eine provisorische Wohnung, höher als zwanzig Ellen errichtet man keine provisorische Wohnung" (Sukka 2a). Beim Gebot von der Sukka heißt es: "In Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage... Damit eure Geschlechter erfahren, dass ich die Kinder Israel in Hütten habe wohnen lassen, als ich sie aus dem Lande Ägypten heraus geführt" (Lev. 23,42-43). Dazu muss man verstehen, was es mit dieser Information auf sich hat, dass wir von dem Wohnen in den Hütten wissen sollen und was wir daraus lernen sollen, aus dieser zeitweiligen Wohnung. Und warum hat uns G~tt gerade beim Auszug aus Ägypten in dieser zeitweiligen Wohnung untergebracht? Wäre es denn nicht besser gewesen, uns nach all den Leiden und Qualen, die wir in Ägypten durchgemacht hatten, etwas schönere Behausungen zu gönnen?

Unser großer Lehrmeister, Rabbiner Awraham Jizchak Kuk (erster Oberrabbiner Israels) erklärte, dass eine höhere Absicht und eine große Lehre dahinter stehen: "Sie will lehren, damit wir wissen, dass das menschliche Leben wie ein Zelt eine zeitweilige Angelegenheit ist", und es kann schnell vorbei sein, "entweder in erhabene Höhen oder g~ttbehüte in tiefste Täler, dazu soll es uns lehren, unsere Wohnsitze zu verlassen und in Sukkot, in einem zeitweiligen Zelte zu sitzen, und darum ist die Pflicht der Sukka gerade als zeitweilige gestaltet, und wäre sie höher als zwanzig Ellen, wäre sie zum Lehren unbrauchbar, denn der Mensch ist nicht zum festen Wohnen in diese Welt gekommen, sondern nur für einen zeitweiligen Aufenthalt, darum ist es nur moralisch, von den überflüssigen Dingen dieser Welt abzulassen, da sie nicht zieldienlich sind" (Jareach Ha'eitanim S.287).

Rabbiner Kuk fährt fort, dass dies auch "die Absicht G~ttes war, die Israeliten beim Auszug aus Ägypten in Hütten unterzubringen, um schon bei ihrer Formation zu lehren, dass es nicht das Ziel sei, sich fest zu bestimmen, denn dann könnte der Mensch in seiner plastischen Vorstellung auf den Gedanken kommen, es gebe nicht mehr als eine Welt, und diese sei der Mittelpunkt des Lebens, und das Verweilen in einer zeitweiligen Behausung lehrt, dass du hier wirklich zeitweilig bist, und ein fester Platz dir in der kommenden Welt eingerichtet ist, und daraufhin musst du deine Taten und deine Ziele ausrichten". In diesem Zusammenhang erzählte unser großer Lehrer Rabbiner Zwi Jehuda Kuk die berühmte Geschichte vom Chafez Chajim (Rabbiner Israel Meir Hakohen aus Radin, so genannt nach seinem Werk über die Gesetze von der Vermeidung übler Nachrede), zu dem ein Gast aus dem Ausland zu Besuch kam. Dieser Gast, der von der Bedeutung des Chafez Chajim gehört hatte, war überzeugt, dieser große Rabbiner würde in einer repräsentativen Wohnung leben, und jetzt, wo er das Haus betrat, sah er die Einrichtung und fragte fassungslos: Wo haben Sie denn Ihre Möbel? Da fragte ihn der Chafez Chajim zurück: Und wo sind Ihre Möbel? Lächelte der Gast und sagte: Aber Sie wissen doch, dass ich nur ein Besucher hier im Land bin, meine Wohnung ist nicht hier, ich bin nur ein Gast. Erwiderte der Chafez Chajim: Wissen Sie denn nicht, dass auch ich hier (in dieser Welt) nur ein Gast bin, wozu brauche ich also Möbel? 

Zur Bestärkung dieser Auffassung erklärte Rabbiner Kuk weiter, "darum gebot G~tt unser Fest am heiligen Feiertag zur Zeit des Erntefestes zu feiern, denn dann ist es dem Meschen geboten, das Ende der diesseitigen Welt zu erwägen, denn gerade wenn er seinen Ernteertrag vor sich sieht, seinen Reichtum, könnte er meinen, darin bestünde das Ziel dieser Welt; darum macht uns unser König darauf aufmerksam, dass wir uns nicht irren in der Vergötterung von Silber und Gold - und nur mit guten Taten und Tora zur Hand wird man die Ewigkeit meistern" (Jareach Ha'eitanim S.291).

So lässt sich verstehen, warum die Sukka auch als Festungswerk gilt, als sicherer und geschützter Ort, obwohl sie doch so offen steht und nur zwei Seitenwände und ein kleines Stück der dritten ausreichen, sie koscher zu machen - wie kann so etwas als Bollwerk gegen jeden Feind und Angreifer gelten? "Vielmehr ist es G~ttes Wort, das ihre Seitenwände stärkt und festigt, und keine Waffe auf der Welt kann diese verstärkte Mauer aus dem Gesetzeswerk der Tora vom Worte G~ttes durchbrechen".

Die Sukka bedeutet demnach eine Lehre auf Generationen. "Im Gesetzeswerk der Tora besteht unsere Kraft, unsere Stärke, und sie stellt uns auf das Fundament (der Wahrheit und des Ziels des Lebens) und dadurch leben wir und bestehen auf ewig" (Moadej Hara'aja 95).
 
 
 
 
HaRav Engelmann

Tanzstunde

Rav Lior Engelmann 
Rabbiner an der Jeschiwa Ateret Kohanim/Jeruschalajim

Tanz der Toragelehrten

"Und David tanzte mit aller Kraft vor dem Ewigen, und David war umgürtet mit einem leinenen Efod. Und David und das ganze Haus Israel brachten die Lade des Ewigen hinauf mit Jubel und Schofarklang. Und als die Lade des Ewigen in die Stadt Davids kam, da schaute Michal, Tochter Scha'uls, aus dem Fenster und sah den König David hüpfen und tanzen vor dem Ewigen, und sie verspottete ihn in ihrem Herzen... Und David kehrte zurück, sein Haus zu segnen. Da ging Michal, Tochter Scha'uls, hinaus dem David entgegen und sprach: Wie verherrlicht hat sich heute der König von Israel, der sich heute vor den Augen der Mägde seiner Knechte gezeigt hat wie sich nur einer der Niedrigen zeigen kann. Da sprach David zu Michal: Vor dem Ewigen, der an mir mehr Gefallen fand als an deinem Vater und an seinem ganzen Hause, mich zum Fürsten über das Volk des Ewigen über Israel zu bestellen - so hab' ich denn getanzt vor dem Ewigen! Und hätte ich mich auch noch geringer gezeigt als so, dass ich niedrig wäre in meinen Augen, doch bei den Mägden, von denen du sprichst, bei ihnen würde ich mich verherrlichen" (Schmu'el II, 6.Kap., 14-16, 20-22).

"Beruhigt fürwahr und gestillt meine Seele hab ich wie ein entwöhntes Kind an seiner Mutter (Psalm 131,2) - so wie dieses Kleinkind sich nicht schämt, sich vor seiner Mutter zu entblößen, so habe ich meine Seele vor dir beruhigt, dass ich mich nicht schämte, mich vor dir zu erniedrigen" (Midrasch Bemidbar raba 4,20).

Zweimal im Jahr feiern wir unsere besondere Verbindung zur Tora, an Schawuot (Wochenfest) und an Simchat Tora. Diese beiden Festtage unterscheiden sich auf extreme Weise. An Schawuot feiern wir mit Lernen, und an Simchat Tora - mit Tanzen. Die Tatsache an sich, die Tora erhalten zu haben, feiern wir, ohne uns ein bisschen Schlaf zu gönnen, und bringen damit die überwältigende Sehnsucht zum Ausdruck, neues Leben aus ihr zu schöpfen. An Schemini Azeret/Simchat Tora, zum Abschluss des Lehrjahres, fangen wir an zu tanzen. Wir lernen nicht an diesem Tage, wie veranstalten keine Repetitionen, wir tanzen einfach Ringelreihen. 

Schawuot, das Fest, das den Beginn des Weges markiert, ist besonders denen angenehm, die das Bet Midrasch bevölkern. Jenen, die auf die Bänke des Lehrhauses abonniert sind, bereitet das Untertauchen im Meer der Tora keine Schwierigkeiten, selbst mitten in der Nacht nicht. Gerade Simchat Tora, das eigentlich ihr Hauptfest sein sollte, das Fest, das die spirituellen Mühen des Jahres abschließt, entpuppt sich als eine gar nicht so kleine Herausforderung. Würde Schemini Azeret mit wunderbaren Lehrvorträgen und der intensiven Ergründung komplizierter talmudischer Abschnitte gefeiert werden, welch' süßes Fest wäre es, doch unsere Weisen ordneten stattdessen an, Arme und Beine auszurecken, zu springen und zu hüpfen, zu singen und zu trällern...

Den Toragelehrten fällt das Tanzen schwer. Tora lernt man mit kühler Überlegung und ausgeruhtem Kopf, und sie fördert den Scharfsinn und ein Gefühl der Verantwortung. Das Lehrhaus ist kein Tanzclub, es dient dem geistigen Aufbau der Welt und lässt keinen Raum für Ringelreihen und Dreivierteltakt. Das Lehrhaus entwickelt die Würde des Menschen, "Ehre besitzen die Weisen" (Sprüche 3,35), und Tanzen gehört normalerweise nicht zu den ordentlichen Manieren. Während des Tanzens sitzt die Kleidung nicht so richtig, die ruckartigen Bewegungen können Spott hervor rufen, und überhaupt gehört das Tanzen eher in die Welt der einfachen Leute. Das Tanzen fällt den mit der Toramühe Beschäftigten schwer, weil es ein Ausdruck spontaner Freude ist, wohingegen das Torastudium den Verstand auf Kosten des Gefühles ausbaut... Sie würden lieber mit Verrenkungen des Gehirns als mit Verrenkungen von Armen und Beinen feiern.

Das Tanzen als Prüfstein

Am Ende jeder Lerneinheit gibt es Prüfungen, so ist es an jeder Schule üblich. Endlich lohnt es sich, den während des Studienjahres aufgenommenen Stoff zu testen. Wäre die Tora bloß eine Sammlung logischer Informationen, wäre eine Wissensprüfung am Platze. Nun ist unsere Tora aber eine Lehre des Lebens. Das große Tanzen an Simchat Tora bedeutet nicht nur ein Feiern, sondern auch einen gewaltigen Spiegel, der jeden Toraschüler mit dem vergangenen Studienjahr konfrontiert, ein Spiegel, der ihm den Inhalt der Tora offenbaren soll, die ihm vergönnt war.

Es ist wohl wahr, dass man der Tora allein auf der Ebene des Verstandes begegnen kann. Man kann sich eine kalte, sachliche, genaue und pedantische Tora aneignen, doch damit auch eine statische, eingefrorene. So eine Tora blockiert die Weiten des Gefühles, neutralisiert alle außerverstandesmäßigen Kräfte. So eine Tora weiß zu erklären und zu erläutern, zu fragen und zu antworten, doch weiß sie nicht zu beleben und zu begeistern, sie berührt nicht die tieferen Ebenen des Lebens. Wir mögen großartige Predigten über die Freude halten können und wissen in erhellender Weise den Platz des Herzens beim Dienst an G~tt zu beschreiben - doch unsere Tora weiß nichts vom Tanzen. Wir sind nicht zum Rundtanz fähig, weil unsere einfachen und natürlichen Kräfte im Staub der Spitzfindigkeiten erblühten. Der lebendige und fröhliche Tanz erzählt von der lebendigen Verbindung zur Tora, die alle Kräfte der Seele umfasst.

Richtig, "Ehre besitzen die Weisen", und ein Toragelehrter muss sich mit der Tatsache auseinander setzen, dass man ihn wegen der Würde der Tora ehrt, nur manchmal verschwimmt der Unterschied zwischen Würde der Tora und Würde des Gelehrten. Manchmal erwirbt sie sich einen festen Platz in seinem Lebenswandel und verlässt den Rahmen des notwendigen Übels, das der Toragelehrte zu ertragen hat. Den Prüfstein bildet die Frage, wenn die Torawürde und die Würde des Toralernenden sozusagen kollidieren. Beim Tanzen an Simchat Tora offenbart sich das Verhältnis seiner Seele zur Tora. Wenn sein ganzes Lernen G~tt und dessen Ehre galt, fällt ihm der Auszug zum Tanz zu Ehren G~ttes leicht. Genau das sagte David seiner Frau Michal - wundere dich nicht über die unerträgliche Diskrepanz zwischen meiner Würde als König und meiner Erniedrigung während des Tanzens - ich tanze "vor G~tt", denn all meine Würde stammt von seiner. Der einfache Tanz von Simchat Tora, bei dem sich der Mensch manchmal nicht entsprechend seiner regulären Würde offenbart, bedeutet die wahre Würde, die jenen Menschen offenbart, der trotz seiner Größe als Toragelehrter nicht seine Würde mit der des Himmels verwechselt.

Sicher gehört das tanzen in die Welt der Kinder, die Welt des Lachens und des Spielens. König David wusste alle Schalen der Würde abzuschälen, das erstickende Erwachsensein, und wie ein Kind zu hüpfen: "..so hab' ich denn getanzt vor dem Ewigen" - "wie ein entwöhntes Kind an seiner Mutter (Psalm 131,2) - so wie dieses Kleinkind sich nicht schämt, sich vor seiner Mutter zu entblößen, so habe ich meine Seele vor dir beruhigt, dass ich mich nicht schämte, mich vor dir zu erniedrigen" (s.o.).
 
 

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