DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
Betrachtungen zum Wochenabschnitt
Redaktion und Übersetzung der deutschen
Ausgabe: R. Plaut
AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
"Jerusalem
Reclamation Project"
AUF HEBRÄISCH:
Pessach / Schabbat Chol HaMo'ed
"Der Schabbat vor Pessach wird Schabbat Hagadol (der große Schabbat) genannt wegen des Wunders, das an ihm bewirkt wurde" (Schulchan Aruch O.C. §430,1). Welches Wunder? "Im Jahr des Auszugs aus Ägypten fiel der 10.Nissan auf Schabbat, und jeder Israelit nahm ein Lamm als Pessachopfer, band es an seine Bettpfosten, wie es heißt: 'Am zehnten dieses Monats nehme sich ein jeglicher von ihnen ein Lamm für ein Stammhaus, ein Lamm für die Familie' (Ex. 12,3). Die Ägypter sahen dies und fragten, wozu das gut sei, und die Israeliten antworteten - es als Pessachopfer zu schlachten, wie G~tt uns geboten hat, worauf ihre Zähne stumpf dazu waren, dass man ihre Gottheit schlachtete und es war ihnen nicht gestattet, jenen etwas zu erwidern, und weil das am Zehnten des Monats an einem Schabbat geschah, wurde bestimmt, den Schabbat vor Pessach auf alle Zeiten Schabbat Hagadol zu nennen" (Mischna brura ebda.). Zum ersten Mal seit dem Erscheinen des Volkes Israel auf der Bühne der Weltgeschichte spürten sie den Geschmack echter Freiheit. Zum ersten Mal erteilten die Israeliten ihren Unterdrückern ganz offen eine Abfuhr - ihr kümmert uns nicht! Wir werden das tun, was G~tt uns gebietet, wir sind keine Sklaven mehr! Darüberhinaus werden wir dasjenige schlachten, wovon ihr glaubt, es sei G~tt, nämlich jenes Tier - die Tierischkeit - die euch heilig ist, und die Ägypter hielten den Mund und vermochten ihnen nicht zu antworten. Das große Wunder bestand darin, dass das Volk Israel, das versklavte und unterdrückte, zum ersten Mal das Haupt erhob, sich reckte und seinen Herren ganz offen sagte: Bis hierher und nicht weiter! Wir sind Freie und tun nur den Willen unseres Vaters im Himmel! Nach dem Stand der Dinge feiert das jüdische Volk seinen Geburtstag in jeder Generation in jedem Jahr am Pessachfest. Ein von Zeichen und Wundern begleiteter Geburtstag, von denen wir rund um den Sedertisch erzählen. So wie eine Mutter, die ihren Kindern an deren Geburtstagen von den Wundern erzählt, die sich bei ihrer Geburt ereignet hatten, und sie erzählt im Einzelnen von der besonderen Vorsehung bei der jeweiligen Geburt. Das größte Wunder jedoch besteht in dem Erscheinen der guten Seele dieses Kindes in unserer Welt. So auch das Volk Israel. Die Wunder, die uns in Ägypten geschahen zeigten vor aller Augen die Allmacht G~ttes und die Unbeschränktheit seiner Möglichkeiten. Das offenbarte sich in seiner Herrschaft über die Naturkräfte und der Lenkung der Wirklichkeit nach seinem Willen zu Ehren der Geburt des Volkes Israel, das er so sehr liebt. Das allergrößte Wunder besteht allerdings in der Erscheinung der Israeliten als Volk. Ein von allen anderen Völkern unterschiedenes und mit einer besonderen Seele ausgestattetes Volk, die wie keine andere G~ttes Licht in der Welt ausstrahlt, wodurch sich G~ttes Versprechen an unseren Vorvater Awraham verwirklichte, ihn zu einem großen Volk zu machen, "und es werden sich segnen mit dir alle Geschlechter des Erdbodens" (Gen. 12,3). Das "Volk der Ewigkeit" - das Volk, durch das sich die Ewigkeit in einer Welt voller Umwälzungen und Änderungen offenbart. Das "Weltvolk" - das Volk, durch das die ganze Welt versorgt wird und für welches sie besteht, es bedeutet für sie das Herz, das alle Glieder mit Lebendigkeit versorgt, die es wiederum am Leben erhalten. Über das große Wunder der Geburt des Volkes Israel mit erhobenem Haupte und aufrechter Haltung in ewiger Freiheit feiern wir das Pessachfest, den Geburtstag "meines erstgeborenen Sohnes Israel" (Ex. 4,22). Mit den besten Segenswünschen
für ein koscheres und frohes Pessachfest, und in Erwartung der vollkommenen
Errettung,
Matza und Maror Einen zentralen Platz nimmt das Kind in der Sedernacht ein. Ma nischtana, "von vier Söhnen sprach die Tora". In weitem Maße ist dies die große Nacht der jüdischen Erziehung. In dieser Nacht ist es den Eltern geboten, ihre Kinder mit dem reichen Erbe jüdischer Tradition vertraut zu machen, ihren Fragen zuzuhören und jede in angemessener Weise zu beantworten. Unsere Hoffnung in dieser behüteten Nacht setzen wir auf unser Vermögen, einen Weg zu den Herzen unserer Kinder zu finden, zu jedem einzelnen nach seiner Eigenart. Zu diesem Zwecke müssen wir die Sprache der Erwachsenen etwas vernachlässigen. Mit großartigen scharfsinnigen Auslegungen werden wir nicht die Herzen kleiner Kinder gewinnen. Predigten passen nicht in seine Welt. Die Welt der Kinder betritt man mit der Sprache der Kinder, mit dem Erzählen von Geschichten, und jeder, der mehr erzählt ist lobenswert. Darüberhinaus erobert man die Herzen der Kinder nur mit vollkommener Aufrichtigkeit - nur ein Kind das fühlt, wie seine Eltern selber das Erlebnis der Freiheit und die Dankbarkeit gegenüber Jenem spüren, der uns aus Ägypten geführt hat, wird mit offenen Armen die Botschaft dieser Nacht empfangen. Wenn das Kind aber spürt, dass die Erzählung der Hagada den Eltern so schwerfällt wie die Spaltung des Schilfmeeres und sie daran nur eine zwangsläufig erforderliche Überbrückung bis hin zum "gedeckten Tisch" sehen, fragt sich das Kind im Stillen: "Was soll euch diese Arbeit?". Keiner spürt wie das Kind wo seine Eltern wirklich stehen, und dieses Gefühl wird letztendlich darüber entscheiden, ob das Kind den jüdischen Glauben aufnimmt. "Du sollst deinem Sohne an jenem Tage erzählen... diesen Ausdruck kann ich nur sagen, wenn Matza und Maror (Bitterkraut) vor dir liegen", es ist unmöglich das Gebot des "Aufsagens" wirklich zu erfüllen, ohne dass der/die Erzähler, die Eltern selber die Bitterkeit des Maror und die durch die Matza, dem "Brot des Glaubens" symbolisierte Botschaft der Erlösung nachfühlen. Matza und Maror liegen nicht vor dem Kinde als visuelle Lehrmittel, vielmehr liegen sie vor den Erwachsenen! Wenn die Eltern die Botschaft von Matza und Maror er-leben, die Knechtschaft und die Erlösung, in aller Einfachheit und Ehrlichkeit - dann wird sich das Kind vom Zauber dieser besonderen Nacht angezogen fühlen. Von Angesicht zu Angesicht Auf den ersten Blick scheint diese Begegnung in der Sedernacht von Angesicht zu Angesicht mit unseren Kindern dazu bestimmt zu sein, den Kindern den rechten Weg zu weisen. In Wirklichkeit soll diese nächtliche Begegnung aber auf den Erwachsenen einwirken, eine ganz und gar nicht zu vernachlässigende Wirkung. Irgendetwas aus der Welt des Glaubens, so wie es von den Kindern erlebt wird, fehlt uns, den Erwachsenen, und in der ruhevollen Sitzung angesichts der Kinder bei der Erzählung vom Auszug aus Ägypten und der Eigenschaft des Glaubens gibt es genug Gelegenheit, uns die Natur des Glaubens zu lehren. Im Auf und Ab des Lebens betrachtet der Erwachsene die Wirklichkeit manchmal mit einem zynischen Blick. Er ist nicht mehr so optimistisch wie während seiner Kindheit, er hat so seine Zweifel an den Geschehnissen. Er ist nicht mehr so überzeugt wie in der Vergangenheit, dass die Zukunft nur Gutes bereithält. Menschen erhalten von ihm häufig ein negatives Urteil. Das Gift des Zweifels nagt an seiner Seele und tötet so manches Gute ab. Auch wenn er an den Herrn der Welt glaubt, so glaubt er doch nicht an seine Welt, er misstraut den Geschöpfen. Der Erwachsene braucht verzweifelt die Gnade einiger Stunden im Angesichte kindlicher Unschuld. Im Innersten seines Herzens möchte er nochmal die Welt mit den Augen eines Kindes erleben, Augen, die das Gute erkennen, die alle Seiten mit Vertrauen betrachten. Augen, die nicht ständig mit der Suche nach finsteren Beweggründen hinter den Kulissen beschäftigt sind. Augen, die die Geschichte vom Auszug aus Ägypten so ansehen, wie sie war, hinter denen sich eine unschuldige Seele verbirgt, die absolutes Vertrauen in den setzt, der sprach und es war. Die Eltern wollen im Innersten ihres Herzens diese seltenen Stunden des Sederabends ausnutzen um Spitzfindigkeit gegen Unschuld und Verstrickung gegen Gradlinigkeit zu tauschen. Das kleine Kind gegenüber erfüllt dieses Begehren allein durch seine Anwesenheit. Was ist anders? (Ma nischtana) Die größte Bedrohung für die Welt des Glaubens ist die Gewohnheit, das Gefühl, die Zukunft werde so sein wie die Vergangenheit. Die natürliche Gesetzmäßigkeit blendet die Augen und verhindert das Erkenennen der lenkenden Hand in der Welt, den Herrn der Welt, der immerzu seine Welt zum Guten lenkt. Der Erwachsene ertappt sich bei der zynischen Frage: Was ist denn schon anders? Und antwortet gleich selber mit Entschiedenheit: Nichts ist anders, alles was sein wird ist schonmal dagewesen. Eine Erneuerung kann er nur schwer ausmachen, nur schwerlich kann er den erkennen, der in seiner Güte jeden Tag immerzu die Schöpfung erneuert. Die Gesetzmäßigkeit der Natur erhob eine Trennwand, die der Schöpfung ihren Schöpfer vergessen lässt. Nur in der Sedernacht, wenn man an die offenen Wunder erinnert wird die den Naturgesetzen trotzen, gelingt es dem Erwachsenen eine Erneuerung zu spüren, doch was wird aus diesem Gefühl im Alltag werden? Wiederum braucht der Erwachsene die Augen eines kleinen Kindes. Dessen Augen nämlich betrachten alles mit Neugier, alles ist neu, alles Wundern und Staunen. Das Kind erkennt die neue Blüte, beobachtet ein kleines Krabbeltier, das es gestern noch nicht sah, und aus seiner Sicht sind alle Geheimnisse dieser Welt eine wunderbare Erneuerung. Es hat sich noch nicht an diese Welt gewöhnt, nichts erscheint ihm schon natürlich, gewöhnlich. Das Kind fragt sein Ma nischtana, Was ist anders...? nicht nur zu Maror und dem angelehnt Sitzen, vielmehr ist aus der Sicht eines Kindes alles anders, alles ändert und erneuert sich fortwährend. "Neu an jeglichem Morgen, groß ist deine Treue!" (Eicha 3,23) - für das Kind ist das nicht nur so dahergesagt. Der Erwachsene, der dem Kind bei seinen Fragen genau zuhört, offenbart zu seiner Überraschung, dass in Wirklichkeit alles anders ist, denn das offene Wunder und die Geschichte vom Auszug sind nichts anderes als eine Offenlegung des Geheimnisses von der tagtäglichen Erneuerung der Welt. In der Sedernacht muss man den Blick nach innen richten, in die staunenden Augen der Kinder, und wenn wir genau auf die einfache Wahrheit zielen, werden wir vielleicht auch uns selber erkennen, dort, hinter den Pupillen. "Und das ist unser Glück,
dass wir schon der Form unserer Kultur nach mit der Kindererziehung verbunden
sind. Diese Verbindung allein erzeugt in uns schon den Eindruck einer Verbindung
mit der Kindheit, mit ihrer Unschuld, und ein gewisser Fluss von Unschuld
strömt zu uns herüber und verteilt sich in unserem Innern. Glücklich
der Mensch, der von der Essenz der Kindheit auch im Mannesalter kostet,
auch im Greisenalter. Glücklich der, der wie ein einjähriges
Kind ohne Sünde, obwohl bepackt mit der Last vieler Jahre von den
zähligen Tagen seines eitlen Lebens" (Rabbiner A.J.Kuk, "8 Sammlungen",
VII,205).
Kommentare von
Rabbiner
Schlomo Aviner zu aktuellen Themen auf hebräisch im Internet
(audio/online):
Bücher von Rabbiner
Aviner: www.havabooks.co.il
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Wir freuen uns, zusätzlich
zur hebräischen Abteilung die Eröffnung eines spanischsprachigen
und eines russischsprachigen Programmes bekanntgeben zu können.
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