DAS ZENTRUM FÜR JÜDISCHE STUDIEN IN ISRAEL
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Betrachtungen zum Wochenabschnitt
"Be'Ahawa ube'Emuna"
PARSCHAT NOACH
Nr. 690
3. Marcheschwan 5769

Redaktion und Übersetzung der deutschen Ausgabe: R. Plaut
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AUSSERDEM AUF DEUTSCH:
Was ist TOLERANZ wirklich?
Über die Lebensnotwendigkeit unserer Verbindung zum Lande Israel
Das Gebot der Einwanderung nach Israel
Der Holocaust
DAS VOLK ISRAEL
Politik und Judentum
Die Tora und der Mensch
    oder "Wie wird ein Jude mit all den Geboten fertig?"
Die Konvertierung (Gijur) und das Tora-Judentum
Invasion "2000"- Israel und das Christentum
                          - Briefe der ehemaligen Oberrabbiner Israels
                          - Israelfreundliche Christen?
"Ich bin ein Palästinenser"
Die Sudeten von Palästina
König Sweeney, Bin Laden und der Friedensprozeß
Der Kampf um Israel
Wie man sein Haus in einem halben Tag für Pessach vorbereitet
Wenn Erew Pessach auf Schabbat fällt

"Jerusalem Reclamation Project"
Jüdische Besiedlung ehemals jüdischen Eigentums
in Jerusalem - Ateret Kohanim

AUF HEBRÄISCH:
"Schall und Ru'ach"
Kurze Vorträge von Rabbiner Schlomo Aviner
zu den verschiedensten Themen,
zum Zuhören online,
desgleichen auf Französich
 

Diese Woche in der Tora (Gen. 6,9-11,32):
Sittenverfall, Bau der Arche, Sintflut 150 Tage, Neubesiedlung der Erde, noachidische Gebote, Noach betrunken, Sünde Chams, Nachkommen Schem, Cham und Jafets, Turmbau zu Babel, Sprachenverwirrung, die Generationen bis Awra(ha)m und Sara(i).
 
 
 
Am Schabbes-Tisch...
 

Schwaches Selbstvertrauen
 
 
 

Rav Eran Tamir
Rabbiner an MACHON MEIR

Der Raschikommentar zu Gen. 7,7 bringt Folgendes: "Da gingen Noach und seine Söhne und seine Frau und die Frauen seiner Söhne mit ihm in die Arche, vor dem Gewässer der Flut - auch Noach gehörte zu denen, die klein an Vertrauen waren, er war nicht ganz davon überzeugt, dass die Sintflut kommen werde und ging erst in die Arche, als das Wasser drängte". Dies bedarf näherer Klärung. Noach fehlte es an G~ttvertrauen?! Legen doch die Tora und G~ttes direkte Rede an ihn Zeugnis ab über seine Gerechtigkeit und sein G~ttvertrauen: "Noach war ein gerechter, untadliger Mann in seinen Zeiten; mit G~tt wandelte Noach" (Gen. 6,9), "Und Noach tat es; alles, wie es ihm G~tt geboten hatte, so tat er" (6,22), "Und der Ewige sprach zu Noach: Gehe du und dein ganzes Haus in die Arche, denn dich habe ich ersehen als gerecht vor mir unter diesem Geschlechte" (7,1) und andere mehr.

Erklärte Rabbi Levi Jizchak aus Berditschew: "Es gibt zwei Arten Gerechte: Der eine dient dem Schöpfer... und glaubt von ihm, er habe die Kraft in den höheren Sphären, die Welten nach seinem Willen zu lenken... Der andere Gerechte dient dem Schöpfer, wobei er sich selbst für ein sehr, sehr niederes Wesen hält und dabei denkt: Wer bin ich denn, dass ich um die Abwendung des schlimmen Urteils bete... und Noach, obwohl er doch ein großer und vollkommener Gerechter war, erschien sehr klein in seinen eigenen Augen und er hatte kein Selbstvertrauen, ein Gerechter zu sein und Herrscher, der das Urteil abwenden kann..." (Keduschat Levi S.8). Noachs Mangel an Vertrauen bezog sich also auf sich selbst, nicht auf G~tt. Er glaubte nicht an seine eigene Kraft und gelangte so zu dem, was unter diesen Umständen zu erwarten war... 

Noach war nicht der Einzige, der diesem Fehler verfiel. Jeder von uns, je nach seinem Rang, muss sich Tag für Tag, Stunde um Stunde selbst fragen: Glaube ich genug an mich selbst, an die Kräfte, die G~tt mir gab? Übernehme ich Verantwortung, ergreife ich die Initiative, übe ich Einfluss aus, ohne aus falscher Bescheidenheit zu sagen: Wer bin ich denn schon, und verharre tatenlos im Verhältnis zu meinem Potential? Setze ich wirklich in die Tat um, was ich jeden Morgen sage: "Ich danke vor dir, lebendiger und beständiger König, dass du in mich meine Seele in Erbarmen zurück gegeben hast, (denn) groß ist dein Glaube". Groß ist dein Glaube, G~tt, in mich - dass ich alles, was in meiner Kraft steht, tue. Ist mir der Ruhezustand angenehm, oder ist G~tt zufrieden mit mir, wenn ich aktiv tätig bin und die mir auferlegte Verantwortung akzeptiere?

Mögen wir mit G~ttes Hilfe Einfluss ausüben und leiten, und nicht zu den Geleiteten und den Beeinflussten gehören, und die wunderbaren Worte des Rabbi Jizchak aus Woloschin verwirklichen (aus seinem Kommentar zu "Nefesch Hachajim" I,4) über die Mischna aus den "Sprüchen der Väter" 2,1 "Wisse, was über dir ist": Wenn du auch nicht mit deinen Augen siehst, welche ungeheuren Dinge aus deinen Taten resultieren, aber wisse doch mit Sicherheit, dass alles, was in den höheren Welten geschieht, in den höchsten der hohen, (was sogleich auf unsere Welt rückwirkt) - alles ist von dir entsprechend deinen Taten, wohin sie neigen, ihnen entsprechend gehen die Dinge aus und kommen".

Wisse! - was in den höheren Sphären geschieht und die unteren steuert - alles ist von dir. Mit G~ttes Hilfe werden wir uns anstrengen und damit Erfolg haben.
 
 
 
Kinder, Kinder...

Rabe, Taube, Teenager

Rav Asri'el Ari'el
Ortsrabbiner der Siedlung "Ateret"

Zwei Vögel schickte Noach aus der Arche, den Zustand der Außenwelt zu prüfen: den Raben und die Taube. Zwei sehr unterschiedliche Tiere - in ihrem Wesen, in ihrem Verhalten, in ihrer Einstellung zum Leben im allgemeinen und zu ihrer Mission im besonderen. Wollen wir zu Beginn unserer Betrachtung einige Merkwürdigkeiten erwähnen: die Aussendung von Taube und Rabe erfolgte nicht mit dem Worte wajischlach - was eine Schlichut, Gesandtschaft bedeutet hätte, sondern "wajeschalach", von Schiluach - ein milder Ausdruck für Vertreibung. Warum vertrieb sie Noach aus der Arche? Und wenn er sie auf eine Mission schickte, warum wird deren Inhalt nur einmal bei der Taube genannt, und nicht beim Raben? Und woher die unterschiedlichen Reaktionen von Taube und Rabe?

Aus der weiteren Entwicklung wird ersichtlich, dass der Ausdruck "wajeschalach" in der Tat auf eine zusätzliche Absicht Noachs beim Herausgeben des Raben und der Taube aus der Arche hin deutet. Er zeigte ganz unterschiedliches Verhalten den beiden gegenüber. Den Raben schickte Noach einfach so aus (Gen. 8,7), die Taube aber entsandte er "von sich" (8,8), d.h. von einem Orte der Nähe aus. Auch als die Taube in die Arche zurück kehrte, zeigte Noach ein Verhältnis von väterlicher Sorge. "..und er streckte seine Hand aus, und nahm sie und brachte sie zu sich in die Arche" (8,9). Die Aussendung des Raben erfolgte ohne ein ausdrücklich definiertes Ziel, wohingegen die Aussendung der Taube auf eine eindeutige Mission erfolgte, "um zu sehen, ob die Wasser gefallen seien von der Fläche des Erdbodens" (8,8).

In beiden Fällen ist von Schiluach die Rede, nicht von Schlichut (s.o.). Noachs Zielsetzung beschränkte sich nicht auf die Einholung von Informationen über das Vorgehen in der Umgebung. Er wollte außerdem den Raben und die Taube zu selbständigem Leben außerhalb der Arche fort schicken. Dies brachte er aber auf unterschiedliche Weise zum Ausdruck. Das Fortschicken des Raben hatte kein spezielles Ziel, vielmehr wollte Noach ihn aus der Arche raus haben (nach den talmudischen Weisen verhielt er sich dort nicht korrekt...). Das Fortschicken der Taube hingegen diente nicht ihrer Vertreibung aus der Arche, sondern der Entwicklung ihrer eigenen Kräfte durch Übernahme einer Aufgabe in der Außenwelt. Diesen Anspruch enttäuschte der Rabe. Er mühte sich nicht, die Lage in größerer Entfernung zu sichten, doch kehrte er auch nicht in die Arche zurück (nach einer Ansicht ließ ihn Noach nicht in die Arche hinein...). Er flatterte so um die Arche herum. Seine Aussendung nach draußen lehrte gar nichts. Auch die Taube schickte Noach zu eigenständigem Leben hinaus, sie war sich allerdings einer besonderen Aufgabe bewusst. Sie prüfte die Umgebung und kehrte zu Noach mit dem Ergebnis zurück. Mal für Mal schickte er sie aus, und jedes Mal erhielt er ein "update" über den Zustand draußen auf der Erde. Und als sie einmal ausflog und dann nicht wieder kehrte, wusste Noach, dass sie eine Ruhestatt für ihren Fuß gefunden hatte und dass er nunmehr alle Bewohner der Arche auf den gleichen Weg schicken konnte.

Man kann die Geschichte vom Raben und der Taube als Gleichnis für heran wachsende Jugendliche auffassen. Das Elternhaus bietet - wie die Arche Noach - einen gut geschützten Platz. Draußen herrscht die Sintflut: Verwirrung, Verfall und andere üble Dinge. Die Herausforderung ist groß, ebenso die Gefahren. Und drinnen - warm und gemütlich. Und siehe da, es ist die Zeit für den heran wachsenden Sohn gekommen, dass er das heimische Nest verlassen sollte, um sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Da gibt es den einen, der dem Raben ähnelt. Seine Eltern schubsen ihn aus dem Haus, weil sie genug davon haben, ihn sich in der heimischen Arche räkeln zu sehen. Er aber hat kein bestimmtes Ziel im Auge. Er zieht aus, einfach so. Er zieht aus, entfernt sich etwas - und kehrt sofort zurück. Er wahrt den Sichtkontakt mit dem schützenden Heim. Er hütet sich, für sein Leben Verantwortung zu übernehmen. Doch kehrt er nicht zurück an den heimischen Herd, in die Wärme des familiären Rahmens. Dieser bedrückt ihn, bedroht seine Freiheit, oder bedeutet ihm als "Wink mit dem Zaunpfahl", er solle seine Flügel ausbreiten und sich endlich in die weite Welt schwingen. Ihm aber fällt es schwer, Verantwortung zu übernehmen. Er hat kein Ziel, er sieht sich nicht heraus gefordert, er hat keine eigene Aufgabe zu erfüllen. Und so bleibt er stecken - nicht hierhin gehörend und nicht dorthin.

Ein anderer Typus ähnelt der Taube. Er zieht nicht "einfach so" aus, und sicherlich bestehen keine Spannungen zwischen ihm und dem Elternhaus. Und selbst wenn die Zeit für ihn reif ist, das Haus zu verlassen, nimmt er sich ein bestimmtes Ziel vor, wobei ihn elterliche Liebe, Unterstützung und Segen begleiten und ihm Kraft geben. Er ist sich der Gefahren der großen weiten Welt bewusst und geht aus, sie zu prüfen und in ihr aktiv zu werden im Namen der ganzen Familie. Dieses Bewusstsein, eine Aufgabe zu erfüllen, erhält eine warme und tiefe Verbindung zu seinen Eltern aufrecht. Und wenn er doch keine Ruhestatt für seinen Fuß fand, wird er von seiner Familie in Liebe und Herzlichkeit wieder aufgenommen, bis sich der Sturm gelegt hat. Nach einiger Zeit zieht der Sohn wiederum aus. Dieses Mal findet er irgend einen Stützpunkt da draußen, doch das verlangt von ihm Auseinandersetzung. Alleine steht er den Herausforderungen des Lebens gegenüber. Er kehrt nun mit einem "Ölblatt" nach Hause zurück. Dieses Olivenblatt spricht eine deutliche Sprache: "Lieber sei meine Nahrung bitter wie ein Olivenblatt, aber aus G~ttes Hand, als süß wie Honig, aber von der eines Menschen abhängig" (Eruwin 18b). Er versteht die Bedeutung persönlicher Verantwortung. Nicht das Gefühl der Sprengung von Rahmen macht ihn mächtig, sondern das Gefühl der Verantwortung. Als verantwortungsbewusster Mensch steht er direkt vor dem, der sprach und es ward die Welt, ohne die Vermittlung seiner Eltern und Erzieher. Er ist bereit, einen Preis für diese Selbständigkeit zu zahlen, und gerade durch sie findet er seine persönliche Verbindung zu seinem Schöpfer.

In der nächsten Stufe flüchtet das Küken das Nest und kehrt nicht wieder zu ihm zurück. Endlich "fand die Taube eine Ruhestatt (manoach) für ihren Fuß" und baute sich ihr eigenes Nest. Manoach ist nicht nur einfach ein ruhiges Plätzchen, sozusagen als Ersatz für die Arche Noach. Manoach, so wie im Buche Ruth (3,1), bedeutet die Gründung einer eigenen Familie: "soll ich dir nicht suchen eine Ruhestatt, wo es dir wohl gehe"; "dass ihr eine Ruhestätte findet, jegliche das Haus ihres Mannes" (Ruth 1,9), einer Familie, die für ihr Schicksal und die Erfüllung ihrer Bestimmung selbst verantwortlich ist. Der Wert - und auch die Heiligkeit - dieser neuen Schöpfung wird in dem Schabbatlied von Rabbi Jehuda Halevi angedeutet "(Jom schabbaton ejn lischkoach...) Der Ruhetag ist nicht zu vergessen, erinnert er an den Geruch feinen Räucherwerks, an ihm fand die Taube ihre Ruhestatt, an ihm sollen die Erschöpften ruhen".
 
 

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